Steen Thorsson: Burn Baby burn
Rezensiert von Margit Meßmer, 27.11.2025
Steen Thorsson: Burn Baby burn. Kapitalismus als Ursache der Klimakrise und die Psychopathologien ihrer Leugnung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
122 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3413-7.
Reihe: Forum Psychosozial.
Thema
Dem ‚Kapitalismus als Ursache der Klimakrise‘, so einer der Untertitel, werden – unter Bezugnahme auf psychoanalytische Angst- und Todestriebtheorien – ‚Psychopathologien ihrer Leugnung‘ gegenübergestellt, um die ökologischen und soziokulturellen Auswirkungen der Erderwärmung zu beschreiben und zu erklären.
Autor
Steen Thorsson absolvierte ein Studium der klinischen Psychologie und arbeitet als Radiojournalist und Autor für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk mit den Themenschwerpunkten (Pop-)Kultur und Musik, Autoritarismus, Massenbewegungen und Arbeitskämpfe sowie Klimakrise und psychoanalytische Sozialpsychologie.
Entstehungshintergrund
In der Einleitung stellt der Autor klar, dass er den Titel des Büchleins schon vor Donald Trumps Wahlkampf-Slogan ‚Drill Baby Drill‘ gewählt hat, gegen dessen aggressive Antiklimapolitik eine der Kernaussagen des Buches gerichtet ist: Naturzerstörung, ökologische Krise und destruktive politische Entwicklung sind die Folgen kapitalistischer, gesellschaftlicher Verhältnisse. Der Frage, warum es keine fundamentale Opposition, kein Aufbegehren gegen diese zerstörerischen Verhältnisse gibt, geht er mit marxistischen und psychoanalytischen Theorien auf den Grund.
Aufbau
In 5 Kapiteln werden zunächst aus marxistischer Perspektive die aktuelle Ausbeutung von Mensch und Natur skizziert, die Scheinlösungen des grünen Kapitalismus entlarvt sowie die dystopischen Klimamanipulationen der Techno-Utopien wie dem Geoengineering beschrieben. Die Angst- und Todestriebtheorien von Sigmund Freud und Melanie Klein bilden die Grundlage der Auseinandersetzung mit der Psychopathologie der Klimaleugnung und der Abwehr unbewusster Ängste mittels ‚Schiefheilung‘ durch Verschwörungstheorien.
Inhalt
Die Einleitung umreißt die aktuelle Situation der zunehmenden Erderwärmung, deren immer sichtbarer werdende Folgen, den Bewusstseinsprozess durch globale Schülerstreiks und Klimaaktivisten bei gleichzeitig ausbleibender Gegensteuerung durch wirksame politische Maßnahmen, die Verdrängung der Gefahr und die Dynamik der Verleugnung im rechtsextremen Milieu. Die Zusammenfassung der folgenden Kapitel folgt der Begründung, warum der Autor auf marxistische und psychoanalytische Schriften zurückgreift, um die subjektive Verfassung mit den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen zu erforschen.
Das 1. Kapitel behandelt das dialektische Mensch-Natur-Verhältnis der Freudschen kulturtheoretischen Schriften, deren Weiterentwicklung durch Herbert Marcuse, und erläutert die Analysen der historisch-spezifischen Naturbeherrschung der bürgerlichen Gesellschaft von Marx und Engels sowie der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos.
Im 2. Kapitel wird argumentiert, dass der Zwang der fortschreitenden Akkumulation zur totalen Naturbeherrschung führt und weder klimaneutrale Technologien noch Geoengineering adäquate Mittel zur Vermeidung der Klimakrise sind.
Zum Verständnis der durch den Klimawandel ausgelösten Ängste und deren Abwehrformen rekurriert der Autor auf die Angsttheorien Freuds und Melanie Kleins in Kapitel 3. Die psychoanalytisch fundierte Erklärung der Verdrängung und Verleugnung des Klimawandels dient der Suche nach einem Weg aus der destruktiven Dynamik.
Zerstörerische und gewaltsame Formen der Angstabwehr führen den Verfasser zu Todestriebtheorien der vorgenannten Psychoanalytiker sowie den Schriften Herbert Marcuses und Christine Kirchhoffs in Kapitel 4.
Die Psychopathologie der Klimaleugnung drückt sich in zwei unterschiedlichen, im 5. Kapitel behandelten Reaktionen aus: Bei der omnipotenten Verleugnung, die die wissenschaftliche Faktenlage anerkennt, wird eine rettende technische Entwicklung durch Techno-Utopien erhofft, während bei der anderen der menschengemachte Klimawandel total verleugnet und die sich Bahn brechende Angst in Feindbildprojektionen abgewehrt wird.
Im Schluss und Ausblick fasst der Autor seine Analysen in drei Thesen zusammen und prognostiziert eine weitere Verschärfung der durch den Klimawandel ausgelösten sozialen und politischen Verwerfungen. Zum Schluss beantwortet er seine selbst gestellte Frage, welche Handlungsoptionen jenseits regressiver Angstabwehr und Affirmation des Bestehenden bleiben, mit zwei positiven Beispielen: dem Arbeitskampf der ehemaligen Beschäftigten des Florentiner Autozulieferers GKN Driveline in Italien und der Massenbewegung der Gilets jaunes in Frankreich. In beiden Fällen wurde, so die Meinung des Verfassers, „die ökologische nicht von der sozialen Frage abgespalten oder diese gegeneinander ausgespielt.“
Diskussion
Bei der Abhandlung über den „Kapitalismus als Ursache der Klimakrise“ überwiegen marxistische Kapitalismuskritik, Erkenntnisse der kritischen Theorie und entsprechende Zitate. Zwar greift der Autor auf teilweise jüngere Studien zurück, die diese diskutieren bzw. nachweisen, wie die Entfaltung der Produktivkräfte seit der Entdeckung fossiler Energie – zunächst der Kohle – bei gleichzeitigem technologischem Fortschritt auf Kosten der Arbeitskräfte wie der Natur, doch überwiegen in die Jahre gekommene Theorien. Die aktuelle Situation des maßlosen Ressourcen- und Energieverbrauchs durch überbordende Produktionsformen, digitale Dienstleistungen sowie den massiven Lobbyismus durch Mineralölkonzerne und Big-Tech-Unternehmen finden kaum bis keine Erwähnung.
Während die Kapitalismuskritik nur etwa ein Drittel des Textes ausmacht, nehmen die psychoanalytischen Erklärungen der Psychopathologien ihrer Leugnung durch Zitate von Freud, Melanie Klein, Herbert Marcuse sowie einiger Vertreter der kritischen Theorie wie Horkheimer und Adorno einen weitaus größeren Raum ein und sind ohne gewisse psychoanalytische Vorkenntnisse teilweise schwer verständlich. Die Konzentration auf psychoanalytische Schriften verstellt den Blick auf andersartige Psychopathologien der Verdrängung durch Sachzwänge, Pfadabhängigkeit und Ohnmachtsgefühle.
Lediglich im 5. Kapitel wird auf zeitgenössische Publizisten wie A. Malm, U. Herrmann und den IPCC Bezug genommen. Man fragt sich allerdings, warum der Autor mit keinem Wort die Aktivisten der Psychologists for Future und deren Aufklärungsarbeit erwähnt.
Stattdessen wird, basierend auf Freuds ‚Massenpsychologie und Ich-Analyse‘, vom ‚Klima als massentaugliches Frame des aktuellen Unbehagens‘ gesprochen, mit dem die Angst in Aggression auf kollektive Feindbilder umgewandelt wird. Diese ‚Schiefheilung‘ mag für einen kleinen Teil der Gesellschaft zutreffen, ein ‚regressiver Massenwahn‘, wie in Kapitel 5 beschrieben, scheint aber völlig überbewertet. Er mag sich vielleicht auf bestimmten Social-Media-Kanälen ausbreiten, aber nach einschlägigen Erhebungen sieht eine Mehrheit der Bevölkerung hierzulande die Klimakrise als eine Herausforderung, der mit erneuerbaren Energien und technologischer Transformation begegnet werden muss.
Fazit
Wie im Untertitel des Büchleins angekündigt, sieht der Autor die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und deren Ausbeutung der Natur als Ursache der Klimakrise und belegt diese These mit der Kapitalismuskritik von Marx und Engels sowie der kritischen Theorie. Anhand von Angst- und Todestriebtheorien wird argumentiert, dass Klimawandel und zunehmende ökologische Krise nicht nur Realangst und Verunsicherung der Individuen verursachen, sondern auch unbewusste Ängste und massive Abwehrmechanismen der Verleugnung zu Feindbildprojektion, Verschwörungstheorien und sozialen Verwerfungen führen, die gesellschaftliche Kräfte für ihre politische Agenda nutzen. Bei aller fortdauernder Validität marxistischer und Freudscher Gesellschaftsanalysen klafft eine große zeitliche Lücke, die im vorliegenden Text kaum mit aktuelleren Studien und der Erwähnung aktueller Initiativen wie den ‚for Furture‘ Gruppen und anderen Anti-Klimakrise Aktivisten gefüllt wird.
Rezension von
Margit Meßmer
Mailformular
Es gibt 4 Rezensionen von Margit Meßmer.





