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Ingo Zirks, Markus Angermayr et al. (Hrsg.): Anwendungsgebiete der Existenzanalyse

Rezensiert von Prof. Dr. Konrad Weller, 07.07.2026

Cover Ingo Zirks, Markus Angermayr et al. (Hrsg.): Anwendungsgebiete der Existenzanalyse ISBN 978-3-8379-3415-1

Ingo Zirks, Markus Angermayr, Susanne Pointner (Hrsg.):Anwendungsgebiete der Existenzanalyse. Der humanistisch-existenzielle Ansatz in Sexualtherapie, Paartherapie und Körperpsychotherapie. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 314 Seiten. ISBN 978-3-8379-3415-1.
Reihe: Therapie und Beratung.

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Herausgeber:innen

Die drei Herausgeber:innen sind allesamt Psychotherapeut:innen mit psychologischem bzw. theologisch-philosophischem Hintergrund. Sie praktizieren und lehren in Österreich und Deutschland und engagieren sich in der Gesellschaft für Existenzanalyse und Logotherapie (GLE International) und der DGLE (Deutsche Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse).

Aufbau

Das Buch versammelt 17 Beiträge in vier Kapiteln. Nach einer Einführung in die Existenzanalyse durch deren Begründer Alfried Längle werden im 2. Kapitel Aspekte der existenzanalytischen Paartherapie dargestellt (Pointner), im 3. Kapitel Herangehensweisen einer existenzanalytisch fundierten Sexualtherapie (Zirks) und im 4. Kapitel Grundzüge existenzanalytischer Leibarbeit und Körperpsychotherapie (Angermayr, ein Artikel in Co-Autorenschaft mit Liliane Strassl).

Inhalt

Die Existenzanalyse (EA) nach Victor Frankl und Alfried Längle ist ein psychotherapeutisches Konzept und Verfahren. „Es findet klassischerweise im gesprochenen Dialog statt. Aufgrund ihrer Methodik und des zugrunde liegenden Menschenbildes kann sie definiert werden als eine phänomenologisch-personale Psychotherapie mit dem Ziel, der Person zu einem (geistig und emotional) freien Erleben, zu authentischen Stellungnahmen und zu eigenverantwortlichem Umgang mit ihrem Leben und mit ihrer Welt zu verhelfen.“ (17) Längle geht in seiner Einführung auf das ganzheitliche (die Einheit von Leib, Psyche, Existenz und Person umfassende) Menschenbild der EA ein, beschreibt das Struktur‑ und das Prozessmodell der EA sowie neuere Entwicklungen. Das Strukturmodell (auch Motivationslehre genannt) umfasst vier existenzielle Grundmotivationen: erstens die Grundfrage der Existenz (kann ich da sein, werde ich angenommen?), zweitens die Grundfrage des Lebens (ich lebe, aber mag ich leben – erlebe ich Beziehung und Verbundenheit?), drittens die Grundfrage der Person (darf ich so sein, wie ich bin, erfahre ich Wertschätzung?), viertens die Sinnfrage der Existenz (ich bin hier, aber wofür ist das gut?/20). Das Prozessmodell (PEA) beschreibt die Methodik existenzanalytischen Vorgehens in folgenden vier Schritten:

„1. Arbeit an Wahrnehmung und sachlicher Schilderung 2. Eindruck: Gefühle und subjektives Erleben des Inhalts 3. Integrativ-biografisches Erarbeiten personaler Stellungnahmen 4. Finden des authentischen und situationsbezogenen Ausdrucks und Handelns.“ (21)

In den fünf Aufsätzen im 2. Teil des Buches erläutert Pointner zunächst Für und Wider sowie Voraussetzungen gelingender Paartherapie. In einem weiteren Abschnitt skizziert sie die Auswirkungen des romantischen Beziehungsideals auf partnerschaftliche Erwartungen in der Realität der Beziehungs‑ und Lebensgestaltung. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Wahrnehmung der Beziehung und der jeweils anderen Person entscheidend ist in einer Partnerschaft, formuliert Pointner vier Schritte der Personalen Existenzanalyse als „Übersetzungs‑ und Integrationsarbeit“ (61): 1. Die Erweiterung von Perspektiven, „2. Das Aufgreifen und Verstehen der Lebensthemen, der gemeinsamen Werte und der verstrickten Schutzmuster des Paares“ (61), „3. Das Fördern der Offenheit und der Entschiedenheit in der Begegnung“ (62), „4. Das Erarbeiten von konkreten Schritten zu einer erfüllten Beziehungsgestaltung“ (62). Ein kurzer Aufsatz beinhaltet Pointiers Ansichten zur Rolle der Sexualität im partnerschaftlichen Krisenmanagement. Der Buchteil zur Paartherapie wird abgeschlossen mit Ausführungen zu Besonderheiten des paartherapeutischen Settings: Pointner referiert u.a. zur Notwendigkeit (und zum gelegentlichen Scheitern) einer allparteilichen Haltung und zu Ressourcen und Risiken von einem Mix aus Einzel‑ und Paar-Sitzungen.

Der dritte Buchteil „Intimität, Geschlechtlichkeit und Sexualitäten“ umfasst vier Artikel von Zirks. Bevor er Grundzüge einer existenzanalytisch fundierten Sexualtherapie umreißt, stellt er in knapper Form die historische Entwicklung verschiedener sexualtherapeutischer Konzepte vor, beginnend bei den verhaltenstherapeutischen Ansätzen von Masters&Johnson und Helen Kaplan, dem darauf fußenden Hamburger Modell über die Systemische Sexualtherapie, den syndiastischen Ansatz, das Konzept des Sexocorporel sowie den Cruciable-Ansatz. Zirks formuliert Anforderungen an einen sexualtherapeutischen Ansatz mit existenzanalytischen Perspektiven (Mehrdimensionenperspektive, die eine Symptomatik ernst nimmt, aber den Menschen nicht auf sie reduziert, Einbeziehung biografischer, lerntheoretischer, medizinischer, physiologisch-leiblicher und kontextueller Einflüsse …). Als Ziel der existenzanalytischen Sexualtherapie (EAST) formuliert er u.a., sie „…fördert den Dialog zwischen den Sexual‑ und Intimpartner:innen auf körperleiblicher, psychischer und personaler Ebene“. (122) Zirks erläutert das Strukturmodell der EA (das Modell der vier Grundmotivationen) als anamnestisch-diagnostische Grundlage der EAST. Ein weiterer Aufsatz widmet sich der Herausbildung und Funktion von Scham im Lebenslauf und dem psychotherapeutischen Umgang mit Scham. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Psychotherapeut arbeitet Zirks auch mit Menschen mit pädophiler Neigung sowie mit gegenüber Kindern übergriffig gewordenen Personen. Diesem Thema ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Den Buchabschnitt zur Sexualtherapie beenden Ausführungen zur existenzanalytischen Behandlung der erektilen Dysfunktion.

Im vierten Buchteil werden in fünf Aufsätzen aus den Jahren 2013–2022 von Angermayr theoretische Überlegungen und Praxiserfahrungen eines existenzanalytischen körperorientierten Zugangs dargelegt. Im Mittelpunkt steht der Begriff des „Existenziellen Grounding“. „Grounding“ ist ein Begriff aus der Bioenergetik und kann mit „Erdung“ übersetzt werden. Es geht dabei um eine körperorientierte Erweiterung der EA, um einen embodiment turn (11), um das Nutzbarmachen des körperleiblichen Erlebens als Ausgangspunkt jeglicher existenzieller Erfahrung. Ein Kapitel, verfasst mit der Osteopathin Strassl, widmet sich dem Dialog existenzanalytischer und osteopathischer Prinzipien und deren psychotherapeutischen Implikationen. In vielen Fallvignetten beschreibt der Autor die Arbeit mit körperorientierten Methoden und dem reflektierten Einsatz von Berührungen in der Psychotherapie.

Diskussion

Die Autor:innen setzen mit ihren Texten nicht in erster Linie auf Abgrenzung der EA zu anderen psychotherapeutischen Konzepten, sondern auf Ergänzung und Erweiterung: Wir wollen „nicht alles neu erfinden, beschreiben oder erklären, sondern unsere perspektivische – existenzielle – Sichtweise einbringen in das Miteinander der wertvollen unterschiedlichen beratenden und psychotherapeutischen Zugänge.“ (10) Gleichwohl wäre das explizitere Benennen von unterschiedlichen Sichtweisen hilfreich gewesen. Wenn der Rezensent es richtig sieht, so unterscheidet sich die EA von z.B. tiefenpsychologischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen vor allem dadurch, dass sie phänomenologisch dialogisch, wert‑ und sinnorientiert arbeitet und den Menschen als freiheits‑ und beziehungsfähiges Wesen in den Mittelpunkt stellt – nicht primär als Verwalter von Konflikten oder erlernten Verhaltensmustern. Und während systemische Ansätze den Menschen als Teil eines Kommunikations‑ und Beziehungssystems betrachten, fokussiert sich die EA auf die Person mit ihrer Verantwortung, ihren Werten, ihrem Streben nach einem sinnerfüllten Leben.

Zirks formuliert die Besonderheit der EAST wie folgt: „Es macht auch Sinn, eine existenzanalystische Sexualtherapie zu formulieren, da sie die Lücke zwischen einer reinen Sexualtherapie und einer allgemeinen Psychotherapie zu schließen sucht …“ (114). Aus seinen Texten erschließt sich, dass er als niedergelassener Psychotherapeut dem Thema Sexualität in all seinen Therapien Beachtung widmet, also sexualtherapeutisches Vorgehen (wo angezeigt) in die Behandlung von Patient:innen mit depressiven Lebenskrisen oder anderen Symptomatiken integriert. Das sollte allerdings für Psychotherapeut:innen aller Schulen gelten. Und andererseits sollte „reine“ Sexualtherapie immer klientzentriert angemessen erfolgen, so kurz und symptomorientiert wie möglich, so lang, komplex und analytisch wie nötig. Existenzanalytische Sichtweisen können hier wie da hilfreich sein.

Sowohl die paar‑ wie die sexualtherapeutischen Ausführungen, insbesondere aber die leibphänomenologischen Überlegungen, unterstreichen das Prozesshafte, die Lebendigkeit, das Innovative der vergleichsweise jungen existenzanalytischen Theoriebildung und psychotherapeutischen Praxis.

Fazit

Das Buch enthält vielfältige theoretische und praktisch-methodische Anregungen für Psychotherapeut:innen und paar‑ und sexualberaterisch/​-therapeutisch Tätige. Es verschränkt in moderner Weise klassisches (Gesprächs-)psychotherapeutisches Vorgehen und Ansätze der Körpertherapie.

Rezension von
Prof. Dr. Konrad Weller
Professor i.R. für Psychologie und Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg, Diplom-Psychologe (Universität Jena), Analytischer Paar- und Sexualberater (pro familia)
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Es gibt 19 Rezensionen von Konrad Weller.

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ISSN 2190-9245