Kira Gedik: Widerstand, Kernkonflikte und Ambivalenzen im Kinderschutz
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 22.12.2025
Kira Gedik: Widerstand, Kernkonflikte und Ambivalenzen im Kinderschutz. Erkenntnisse aus einem konfliktreichen Hilfeprozess.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
640 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3440-3.
D: 69,90 EUR,
A: 71,90 EUR.
Reihe: Forschung psychosozial.
Thema
Kira Gedik betrachtet die Komplexität, Herausforderungen und Chancen professioneller Hilfepraxis im Kinderschutz. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung steht ein hochkonfliktreicher Kinderschutzfallprozess, der sich über einen Zeitraum von sechs Jahren erstreckte. Dabei wirft sie einen empirischen Blick auf unterschiedliche Widerstände, Konflikte und Ambivalenzen der beteiligten Akteur:innen, die zu großer Not, Sackgassen und Hilfeprozessstagnation führen. Sie greift sozialpädagogische, familienstrukturelle, (inter-)organisationale, fachöffentliche, gesellschaftliche sowie psychoanalytische Perspektiven auf. Zugleich erschließt sie neue Wege der Hilfen und Perspektiven der Qualitätsentwicklung zur Förderung demokratischer Kinderschutzarbeit.
Autor:innen
Kira Gedik ist diplomierte Sozialpädagogin, Praxisforscherin in Sozialer Arbeit und Pädagogik (M.A.) und Psychologische Managementtrainerin. Sie ist freiberuflich tätig als Dozentin in der Lehre, Fort- und Weiterbildung, als dialogische Qualitätsentwicklerin in Organisationen, als Evaluations- und Praxisforscherin sowie als Beraterin von Familien und Fachkräften in (hoch-)konfliktreichen Hilfeprozessen und als dialogische Paar- und Familienberaterin.
Aufbau und Inhalt
„Wir wissen allerdings immer noch zu wenig und zu wenig empirisch fundiert über hochkonfliktreiche Kinderschutzprozesse, über die ihnen zugrunde liegenden Konflikte, über die Wege der Konfliktüberwindung und deren Ergebnisse, an denen Kinder, Eltern und ihre wichtigen sozialen Partner*innen und professionelle Fachkräfte beteiligt sind“ (S. 15) – das ist der Leitgedanke hinter diesem Buch, mit dem die Autorin ihre Dissertation vorlegt. Sie folgt der Strukturlogik einer Doktorarbeit, indem zunächst Bezüge zu bisherigen Forschungsergebnissen hergestellt werden. Wenig überraschend für Menschen, die sich mit dem Themengebiet beschäftigen: In Deutschland gibt es so etwas bisher nicht, stattdessen muss auf britische Ergebnisse zurückgegriffen werden. Ebenfalls erläutert die Autorin grundsätzlich das Thema Widerstände. Aus diesen Erkenntnissen entwickelt Kira Gedik konkrete Fragen für die vorliegende Fallkonstellation, von denen hier einige exemplarisch Niederschlag finden:
- Wie entwickelt sich der Fall- und Hilfeprozess? Können bestimmte Hilfeprozessetappen und Wendepunkte im Fallverlauf erschlossen werden? • Wer ist am Widerstand auf welche Weise beteiligt? • Wie wird mit den Widerständen umgegangen? • Welche Schlussfolgerungen können aus den gewonnenen Erkenntnissen für die Aufgabe, die Probleme und Herausforderungen einer humanen und demokratisch orientierten Arbeit am Widerstand im Kinderschutz gezogen werden? Welche weiteren Schritte eröffnen Wege der Qualitätsentwicklung?
Nach der Beschreibung der Methodik wird der Fall eingeführt, dessen Hilfeprozess sich auf rund sechs Jahre erstreckt. Neben der reinen Faktendarstellung geht es dabei vor allem um Etappen und Wendepunkte – von denen der Fall wirklich einige bereithält –, aber auch die Störungen und Konfliktdynamik werden ausführlich betrachtet. Das alles führt dann zur Bewertung positiver als auch negativer Aspekte dieses Falles. Deutlich wird dabei zum Beispiel, dass es oft nicht einfach ist, die Waage zwischen Fallverstehen und vorgegebenen Abläufen zu finden. Ans Eingemachte geht Kira Gedik dann mit der Analyse, wenn sie immer wieder deutlich macht, dass es an manchen Stellen durchaus die Interventionen der Fachkräfte sind, deren Aufgaben manchmal nicht ganz klar im Fallverlauf erscheinen, Konflikte und Widerstände bei der Familie auslösen und umgekehrt auf manche Verhaltensweisen ebenfalls mit Widerstand reagiert wird. Eine lückenlose Aufteilung des Fallverlaufs in Etappen bietet hier viele Erkenntnisse und offenbart Zusammenhänge, die überraschen. Besonders interessant: die Dynamik im jeweiligen Umgang der Beteiligten miteinander. Deutlich wird dabei, dass auf allen Seiten Kränkungen entstehen, die ein Vorankommen des Hilfeprozesses teilweise torpedieren. Eine Verknüpfung des vorliegenden Falls mit dem Tod der kleinen Lea-Sophie, der im Rahmen eines laufenden Kinderschutzfalls passierte, bildet den Einstieg in die Verknüpfung der aus der Fallanalyse gewonnenen Erkenntnisse, die letztlich die vorher gestellten Leitfragen nach und nach beantworten. Der Abschluss des Buches zeigt dann, dass zwar lediglich ein einzelner Fall analysiert wurde, dessen Dynamiken, Themen und Beteiligten individuell sind, sich aber trotzdem Erkenntnisse auf die allgemeine Arbeit im Kinderschutz übertragen lassen.
Diskussion
Wer Kinderschutz als „Wir“ gegen „Die“ – also Fachkräfte gegen Eltern – versteht, der wird in diesem Bereich schnell scheitern. Und deshalb geht es darum, jeden dieser Fälle als Lernmodell zu verstehen und immer wieder zu hinterfragen, warum etwas vielleicht gerade im Kontakt mit den Eltern nicht gut gelaufen ist. Und mal ganz ehrlich: Ist es nicht nachvollziehbar, dass Eltern erst einmal kämpfen in diesen Verfahren? Würden wir das nicht auch tun, wenn wir die Angst haben, dass uns jemand das Kind wegnimmt? Und um diesen Perspektivwechsel zu ermöglichen, ist dieses Buch absolut wertvoll. Es eröffnet durch seine tiefgehende Fallanalyse – mal ganz unabhängig von einem sehr lesenswerten und kompetenten Theorieteil – Blickwinkel auf Konflikte im Kinderschutz und ihre Entstehung. Natürlich ist und bleibt ein Einzelfall ein Einzelfall, aber trotzdem lassen sich daraus ganz grundsätzliche Lehren ziehen, um den eigenen Horizont zu erweitern. Denn – und das muss klar sein – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen ist wirkungsvoller Kinderschutz ohne eine Akzeptanz der elterlichen Widerstände, Ängste und Emotionen nicht umsetzbar. Wer das begreifen möchte, der möge diese hervorragende Arbeit nicht bloß lesen, sondern bitte verinnerlichen. Insofern gebührt Kira Gedik großen Dank für ihre Forschungsarbeit und den Mut, auch unbequeme Dinge in der Fallanalyse aufzuzeigen. Nur so können wir Fachkräfte lernen.
Fazit
Faszinierend an diesem Buch ist die schon fast millimetergenaue Sezierung des zugrunde liegenden Falls: Wer begreifen will, wie Kinderschutz funktioniert und auch Eltern mitnehmen kann, dem sei dieses Buch empfohlen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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