Erika Butzmann: Sicherheit im Erziehungshandeln
Rezensiert von Alexandra Großer, 10.02.2026
Erika Butzmann: Sicherheit im Erziehungshandeln. Die kindliche Entwicklung fördern in Zeiten von Unsicherheit und Modernisierungsdruck.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
249 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3418-2.
D: 29,90 EUR,
A: 30,80 EUR.
Reihe: CIP-Medien.
Thema
Die Autorin nimmt die kindliche Entwicklung in den Fokus. Sie zeichnet die Entwicklung und Entwicklungsprozesse der Kinder nach und erklärt, was Kinder zum Aufwachsen brauchen. Das Buch setzt sich kritisch mit der außerfamiliären Betreuung von unter dreijährigen Kindern auseinander und zeigt wie pädagogische Fachkräfte in Krippe und Kindergarten, Kinder in ihrer Entwicklung und ihrem Lernen begleiten und unterstützen können.
Autor:in oder Herausgeber:in
Dr. phil. paed. M.A. Erika Butzmann ist seit 30 Jahren als Dozentin und Seminarleiterin in der Eltern‑ und Familienbildung und der Weiterbildung von ErzieherInnen tätig. Sie lehrte an einer Universität und führt Elternberatungen in einer großen Kinderarztpraxis durch.
Aufbau
Das Buch gliedert sich mit Einleitung, Literatur und Index in insgesamt 10 Kapitel mit Unterkapitel. Das dritte Kapitel ist mit 96 Seiten das umfangreichste Kapitel, welches die Entwicklungsverläufe beim Kind beschreibt.
Inhalt
Einleitung
Bevor die Autorin in die einzelnen Kapitel einführt, kritisiert sie zunächst die „neue Kindheitspädagogik“ (S. 9), die die natürlichen Entwicklungsverläufe der Kinder aus den Blick verloren hat, zugunsten der Bildungsmöglichkeiten, die kleinen Kindern im kognitiven und sozialen Bereich durch die neuere Säuglingsforschung zugesprochen werden. Zugleich spricht sie von einem Modernisierungsdruck, der auf Eltern und pädagogischen Fachkräften lastet. Im Anschluss gibt sie einen Überblick über die einzelnen Kapitel.
Das modernisierte Krippenkind
Zunächst erläutert die Autorin den Entwicklungsverlauf des Kindes bis drei Jahren. Anhand der Entwicklungsmerkmale weist sie nach, weshalb eine zu frühe Krippenbetreuung für Probleme der meisten Kinder verantwortlich ist (vgl. S. 17). Die Autorin führt anschaulich aus, dass die Bindungsentwicklung eng mit der Ausbildung des Vorstellungsgedächtnis verknüpft ist. Dies ist ca. in der Mitte des dritten Lebensjahres der Fall. Ist die Mutter zeitweise nicht anwesend beispielsweise in einem anderen Raum, beim Einkaufen, auf der Toilette reagiert es mit Trennungsangst, welche das Kind durch schreien und weinen ausdrückt. In der Regel können Kinder mit zwei Jahren „Bilder von den Eltern dauerhaft hervorrufen“ (S. 21). Allerdings „verschwinden die inneren Bilder“ (ebd.), wenn Kinder gestresst sind. Der Besuch einer Krippe löst bei Kindern Stress aus. Dafür verantwortlich ist zum einen die Trennung von den Eltern, die im Kind Unruhe auslöst und zum anderen die Reizüberflutung der Kinder in der Krippe ausgesetzt sind. Dazu kommt noch der „stundenlange Aufenthalt“ (S. 31) in der Krippe, der vom Kind eine Anpassungsleistung verlangt, die es überfordert. Die Auswirkungen der Stressbelastung sind, neben der erwähnten Anpassung an die Situation, häufige Erkrankungen, Beißen sowie „stereotype Verhaltensweisen“ (S. 32), wie beispielsweise „extreme[s] Geschrei“ (ebd.) zudem bilden Krippenkinder durch die vielstündige Krippenbetreuung Verhaltensauffälligkeiten aus. In Studien wurde festgestellt, dass es bis zu vier Monaten dauert bis der Stresspegel sich wieder auf dem Level von vorher befand (vgl. S. 35).
Die natürlichen persönlichkeitsbildenden Entwicklungsverläufe beim Kind
Erika Butzmann geht hier nochmals auf die Bindungsentwicklung der Kinder ein. Sie zeigt auf, wie wichtig eine stabile Bindung der Kinder zu ihren Eltern ist. Eine sichere Bindung zu den Eltern ist für die körperliche und seelische Entwicklung der Kinder essenziell. Kindern werden schon sehr früh sozial-emotionale Kompetenzen zugeschrieben, die sich jedoch erst noch entwickeln müssen. Die Autorin erläutert die Entwicklung der Empathiefähigkeit von Kindern, die sich aus Vorläuferfähigkeiten wie „die Gefühlsansteckung, de[m] Antrieb zu helfen und Antrieb zu Nachahmung“ (S. 54) entwickelt. Erst wenn das Kind sich selbst als Selbst erkennt, also zwischen sich und anderen unterscheiden kann, können sie die Gefühle der anderen von den eigenen unterscheiden und entwickeln Empathie. Mit Ende des dritten Lebensjahres entwickeln die Kinder soziales Denken. Ab dem vierten Lebensjahr bis weit in das fünfte Lebensjahr hinein entwickelt sich die Fähigkeit der Theory of Mind. Auch die Entwicklung der Selbstständigkeit von Kindern gehen „biologische Antriebe“ (S. 67), wie beispielsweise „das Erkundungsverhalten, die Wissbegierde, das Spielen, das Nachahmen und das schöpferische Erfinden“ (ebd.), voraus. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres nimmt das Kind sich als eigenständige Person wahr. Dieses Selbstbewusstsein geht gleichzeitig mit einer Abgrenzung zu anderen Menschen einher. Die Kinder brauchen die emotionale Sicherheit der Eltern und zugleich wollen sie vieles alleine machen und selbstständig werden. Dies kann zu Überforderung und Gefühlschaos führen. Denn die Kinder schaffen manches noch nicht allein und werden wütend. Sie brauchen dann Erwachsene, die sie durch die Wut begleiten, indem sie da sind ohne auf sie einzureden, bis sie sich wieder beruhigt haben. Das Kind braucht Zeit und Geduld, für die Dinge, die es selbst tun möchte und gleichzeitig braucht es Zeit zum Spielen. Gerade in Rollenspielen können Kinder all das tun, was Erwachsene auch tun können, dies fördert die Selbstständigkeit der Kinder sowie die Übernahme von Perspektiven anderer. Mit fünf werden dem Kind der Zusammenhang von „Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit“ (S. 75) bewusst. Die Kinder fordern ihre Selbstständigkeit bei Erwachsenen ein. Hier kommt es auch zu Grenzüberschreitungen, auf die Erwachsene reagieren müssen. Sechsjährige werden sich ihrer selbst und ihre Selbstständigkeit immer mehr bewusst und bekommen Einsichten über sich, ihre Gedanken und Gefühle, die sie beschäftigen, die sie jedoch noch nicht kommunizieren können (vgl. S. 77). Die Autorin erläutert im weiteren Verlauf, wie sich das Selbstwertgefühl der Kinder entwickelt und wie dieses mit der sozial-kognitiven Entwicklung zusammenhängt, indem sie Kindersprüche analysiert. Ein Abschnitt ist den entwicklungsbedingten Kinderängsten gewidmet. Die Autorin beschreibt verschiedene Ängste, wie beispielsweise die „Angst vor Naturerscheinungen“ (S. 112), den „Nachtschreck“ (S. 113) oder die „Angst vor Ungeheuern“ (ebd.). Ein weiterer Fokus der Autorin liegt auf der Entwicklung der Geschwisterbeziehungen die abhängig ist vom Altersabstand der Geschwister zueinander ist. Beleuchtet werden dabei die Themen Geschwisterliebe und Geschwisterstreit sowie das Elternverhalten gegenüber den Kindern. In einem weiteren Abschnitt erklärt die Autorin was Kinderzeichnungen über die Entwicklung des Selbsterkennens der Kinder aussagen. Im vorletzten Abschnitt des Kapitels bringt Erika Butzmann die Entwicklung des Selbstbewusstseins mit der Identitätsentwicklung zusammen. Im letzten Abschnitt erklärt die Autorin, dass „durch den hohen gesellschaftlichen Druck, Bildung von Anfang an zu gewährleisten […] die natürlichen Entwicklungsverläufe“ (S. 143) aus dem Fokus der „Erziehenden und der meisten Bildungsexpert*innen“ gerückt sind. Sie zeigt auf, wie die Selbstbildung der Kinder mit Erziehung beziehungsweise Bildung zusammenlaufen. Durch die autoritative Erziehung können Kinder in die Welt der Erwachsenen hineinwachsen. Kinder brauchen Erwachsenen, die sich in ihrem Erziehungsverhalten sicher sind, die Selbstbildung der Kinder beachten und diese begleiten. Es braucht Erwachsene, die Kindern Orientierung geben, sich auf „Beziehung und Erziehung“ (S. 146) konzentrieren.
Überforderungen der Kinder
In diesem Kapitel widmet sich die Autorin der „langanhaltenden Überforderung“ und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS). Zunächst beschreibt die Autorin, wie sich Zeitdruck und Situationswechsel auf Kinder auswirken. Situationswechsel, wie das Bringen in und Abholen der Kinder aus der Kita bereiten Kindern Probleme. Sie möchten nicht in die Kita oder wollen nicht nach Hause gehen, sind unruhig, trödeln, reagieren aggressiv oder mit weinen. Dies liegt daran, dass Kinder in der „augenblicklichen Situation“ (S. 148) festhängen. „Sie leben noch in der aktuellen Situation“ (S. 149) und können sich nicht in die andere Situation, beispielsweise die Abholsituation, hineinversetzen. Durch die Veränderung geraten die Kinder in Stress. Daher ist es hilfreich Abholsituationen kurz zu halten und dem Kind auch beim Anziehen behilflich zu sein. Des Weiteren haben Kinder ein „archaisches Zeitverständnis“ (S. 151), weshalb sie den Zeitdruck der Eltern nicht verstehen können, sondern versuchen dem Zeitdruck durch trödeln zu entgehen. Die Symptome die Kinder bei dauerhaften Überforderung zeigen sind den Symptomen von ADHS sehr ähnlich und schwer zu diagnostizieren. Die Autorin gibt zu bedenken, dass eine Kitaauszeit überforderten Kindern hilft zu entspannen, und dass eine sichere Diagnose von ADHS erst in der Schulzeit möglich ist.
Modernisierungsdruck auf Kita-Fachkräfte
Durch die gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahren gehen viele gesellschaftliche Veränderungen einher, die an Kindertageseinrichtungen und Schulen herangetragen werden. Die Autorin wirft einen kritischen Blick auf die Bildung in den Kindertageseinrichtungen. Im Fokus ihrer Überlegungen stehen:
- die Partizipation in der Kita und die Entwicklung des Demokratieverständnisses (S. 157),
- das Dialogisches Lesen (S. 161),
- die Sexuelle Vielfalt und Entwicklung der Geschlechtsidentität (S. 173),
- die MINT-Bildung (S. 176).
Die Autorin gibt zu bedenken, dass die Kinder „in der Krippe […] weder das Alter noch die Reife zur Partizipation“ (S. 158) haben. „Die Krippe kann deshalb auch nicht die Kinderstube der Demokratie sein“ (ebd.) wie sie „von pädagogischen Expert*innen“ (ebd.) im Zusammenhang mit Partizipation und der Entwicklung eines Demokratieverständnisses von Anfang an, bezeichnet wird. Die Autorin zeigt auf, dass sich bei Kinder zunächst die sozial-kognitiven Entwicklung vollziehen muss, die die „Grundlage für die Entwicklung des Demokratieverständnisses“ (S. 159) ist. Mit dem Ich-Bewusstsein äußert das Kind zunehmend was es will. Diese Willensbekundungen werden, so die Autorin, mit der Selbstbestimmung des Kindes verwechselt, zu der es noch nicht fähig ist, da Selbstbestimmung voraussetzt, dass „das Kind sein Handeln reflektieren und Situationen einschätzen kann“ (S. 160). Die Autorin warnt vor eine frühen Selbstbestimmung, da dies die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann. Die zu frühe Selbstbestimmung kann zu einer Ich-Bezogenheit des Kindes und Verwöhnung der Kinder führen (vgl. S. 161). Auch im Kindergarten sind die Kinder mit der Entscheidungsfindung aufgrund ihrer noch nicht ausgebildeten sozial-kognitiven Fähigkeiten überfordert. Daher sind Beteiligungsformate, wie „ein Kita-Rat, Kinderkonferenzen, Beschwerdeverfahren und eine Kita-Verfassung“ fehl am Platz. Die Autorin erklärt, dass Kinder im freien Spiel und im Tagesablauf viele Möglichkeiten haben, selbstbestimmt zu handeln, wenn pädagogische Fachkräfte dies zulassen.
Modernisierungsdruck durch den Einfluss digitaler Medien
In diesem Kapitel erläutert die Autorin anschaulich, weshalb Smartphone und Tablet nicht in Kinderhände gehören und auch der Gebrauch von diesen Geräten durch die Eltern zu Störungen der Kommunikation mit den Kindern führt. In den ersten Jahren sind Kleinstkinder auf die Interaktionen mit ihren Eltern angewiesen (vgl. S. 181). Erhalten sie auf ihre Kontaktsignale Antworten so „entsteht der sogenannte Engelskreis der Kommunikation, der im Gehirn der Mutter und Kind Oxytocin freisetzt“ (S. 182), welches im Gehirn das Belohnungssystem aktiviert und die soziale Bindung stärkt. Verwenden die Eltern im Kontakt mit dem Kind immer wieder das Smartphone oder Tablet wird die Kommunikation zum Kind unterbrochen, es bekommt keine Antworten mehr auf seine Kontaktsignale. Es empfindet „ein vollkommenes Abgeschnitten-Sein von der Mutter“ (ebd.), was unruhiges Verhalten zur Folge hat und sich negativ auf die Bindungsentwicklung auswirkt. Die Autorin warnt davor kleinen Kindern digitale Medien zum Spielen zu geben, da die schnellen Bilder von Videos von den Kindern nicht verarbeitet werden. Zudem schränken digitale Medien „die biologisch angelegten Lernprozesse […] und die kognitive und soziale Entwicklung“ (ebd.) ein. In diesem Kontext plädiert die Autorin auch dafür digitale Medien aus der Kita zu verbannen, zumindest sie nicht in Kinderhände zu geben. Neben Argumenten der Beeinträchtigung von digitalen Medien auf die Entwicklung von Kindern in Kindergarten und Grundschule, führt sie auch das Verbot skandinavischer Länder von digitalen Medien in Kindergarten und Schule an, die anhand von Erfahrungswerten die schädigende Auswirkung auf Kinder feststellten.
Modernisierungsdruck durch die gesellschaftlichen Erwartungen zur Rollenverteilung in der Familie
Erika Butzmann erklärt anhand von hormonellen Einflüssen, weshalb in den ersten zwei Jahren die Versorgung der Mutter für das Kind wichtig ist, damit eine Primärbindung gelingt. Sie erklärt, dass es möglich ist, dass ein Kind auch zum Vater eine Primärbindung aufbaut, es jedoch sein kann, dass das Kind durch Klammerverhalten anzeigt, dass es die Primärbindung zur Mutter sucht, wenn diese Abends von der Arbeit zurückkommt. Väter bekommen im Leben des Kindes mit eineinhalb bis zwei Jahre eine besondere Rolle (vgl. S. 196). Der Vater wird mit der Entwicklung des Kindes sowie seiner Spiel‑ und Bewegungsfreude zur sicheren Basis für das Kind. Aufgrund ihrer Ausführungen empfiehlt die Autorin eine andere gesellschaftliche Regelung als die bisherige, damit beide Eltern die Chance haben ihre Kinder in den ersten Lebensjahren zu versorgen und zu betreuen. In ihren weiteren Ausführungen geht die Autorin anhand von neurobiologischen Studien zu geschlechtsspezifischen „Unterschieden in der Hirnanatomie“ (S. 202) ein, die sich auf das „Denken, Wahrnehmen und Verhalten“ (S. 203) bei Frauen und Männern auswirken. Anschaulich zeigt sie auf, wie unterschiedlich die Funktionen des Gehirns von Männern und Frauen sind, wie sie die Denk‑ und Verhaltensweisen beeinflussen und weshalb dies zu Spannungen und Konflikten in der Partnerschaft und im Familienleben führt. In diesem Kontext erklärt sie, weshalb Frauen und Männer unterschiedliche Blickwinkel auf Haus‑ und Carearbeit haben. Zudem zeigt sie auf, wie Frauen und Männer miteinander gehirngerecht kommunizieren, um gemeinsam Lösungen zu finden, die Spannungen und Konflikte zu reduzieren. Erika Butzmann führt weiter aus, weshalb es auch gesellschaftspolitisch wünschenswert sei, die geschlechtsspezifischen Blickwinkel zu berücksichtigen. Denn viele gesellschaftspolitische Forderungen an Väter und Mütter müssten unter dem geschlechtsspezifischen Blickwinkel neu gedacht und reformiert werden.
Schlussbetrachtungen
Erika Butzmann fasst nochmals ihre Ausführungen zusammen. Sie prangert den Modernisierungsdruck an, dem Familien und pädagogische Fachkräfte ausgesetzt sind. Eltern und Kitafachkräfte haben durch „die systemimmanente Beschleunigung“ (S. 223) kaum noch „Zeit und Raum für die Erziehung der Kinder“ (ebd.). Neben der Berücksichtigung der natürlichen Entwicklungsverläufe der Kinder als auch die darauf abgestimmte Erziehung, fordert sie ein gesellschaftliches Umdenken, damit Mütter und Väter „wieder mehr Zeit für die Kinder haben“ (ebd.). Zudem braucht es den Schutz der Kinder vor Digitalisierung als auch einen kritischeren und reflektierteren Umgang mit digitalen Medien der Erwachsenen und in der Gesellschaft.
Diskussion
Bereits in der Einleitung kritisiert die Autorin die neueren Forschungen der Kindheitspädagogik, indem sie Eltern und pädagogischen Fachkräften unterstellt die Entwicklungsverläufe der Kleinstkinder nicht zu berücksichtigen. Folgt man ihren Erläuterungen und Argumentation im Buch, wird ihre kritische Betrachtungsweise verständlich und nachvollziehbar. Manche ihrer kritischen Betrachtungsweisen, wie beispielsweise der Argumentation und Forderung digitale Medien aus der Kita zu verbannen, oder die Kritik am dialogischen Lesen kann die Rezensentin nicht folgen.
In ihren Ausführungen und Argumentation, weshalb die außerfamiliäre Betreuung in Krippen in den ersten zwei bis drei Jahren den Kindern schadet, bezieht sie sich auf die Wiener Krippenstudie von Wilfried Datler u. a., sowie auf den „Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung“ (S. 17) von Agathe Israel und Gisela Geist sowie die National Longitudinal Study of Canada Youth, NLSCY. Sie argumentiert, dass in den ersten zwei bis drei Jahren die Kinder am besten von den Eltern betreut werden, um eine stabile Bindung aufzubauen, die für die körperliche und seelische Entwicklung wichtig ist.
Bei ihrer Darstellung der Entwicklungsmerkmale von ein‑ bis dreijährigen Kindern verbindet sie diese mit der psychoanalytischen Sichtweise. Im Fokus ihrer Ausführungen steht die stabile Bindung zur Mutter beziehungsweise zu den Eltern. Verständlich und wissenschaftlich fundiert beschreibt Erika Butzmann den Entwicklungsverlauf von Kindern von 0 bis 6 Jahren. Ihren Ausführungen liegen vor allem die entwicklungspsychologischen Betrachtungen Piaget’s zugrunde, die sie mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung verbindet. Die Autorin fokussiert sich vor allem auf die biologischen Reifungsprozesse der Kinder, die durch erzieherisches Handeln unterstützt werden können. In den ersten drei Jahren ist dies noch sehr an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet.
Anhand ihrer Ausführungen des natürlichen Entwicklungsverlaufs der Kinder, den biologischen Reifungsprozessen und sicheren Bindung zu den Eltern, die das Fundament für Entwicklung und Lernen bildet, kritisiert sie die außerfamiliäre Betreuung und Bildung in den Krippen und Kindergärten. Besondere Kritik erfährt hier die Demokratiebildung, die MINT-Bildung, das dialogische Lesen, die „Vermittlung von sexueller Vielfalt“ (S. 173) und Erziehung zur digitalen Medienkompetenz. Bei ihrer Kritik zur „Kinderstube der Demokratie“ (S. 158), übersieht die Autorin meines Erachtens, dass es sich dabei um ein Fortbildungskonzept für pädagogische Fachkräfte in Kindergärten handelt und damit um eine pädagogische Haltung, die Beteiligung der Kinder im pädagogischen Alltag ermöglicht. Auch spricht sie in ihrer kritischen Auseinandersetzung zu Partizipation als Vorläufer des Demokratieverständnisses von „Programmen zur Demokratieförderung“ (S. 159). Leider bleibt sie schuldig, welche Programme sie konkret meint. In ihrer kritischen Äußerung zur Partizipation im Krippenalltag, erklärt Erika Butzmann, dass es mit dem Ich-Bewusstsein zu „Willensäußerungen“ (S. 160) der Kinder kommt. Und die Wahl, die Kinder treffen, eher spontan geschieht. Doch ist es nicht auch das, was die partizipatorische Haltung pädagogischer Fachkräfte im Alltag ausmacht, den Kindern diese spontanen Willensäußerungen zuzugestehen, mit wem sie spielen möchten, was und wieviel sie Essen möchten, von wem sie gewickelt werden wollen. Gleichzeitig nimmt die Autorin es als selbstverständlich an, das Kinder „bei all diesen Tätigkeiten feinfühlig“ (ebd.) begleitet werden.
In ihrem Buch übt sie immer wieder Kritik an pädagogischen Bildungsprogrammen, die beispielsweise zur Bildung der Gefühlsentwicklung eingesetzt werden, dem sozialen Lernen oder eben auch bei der MINT-Bildung. Besonders im Krippenbereich braucht es noch keine Bildungsprogramme, da Kinder durch Erfahrung lernen und sich erst ab dem dritten Lebensjahr die intellektuelle Bildung durch Wissen aufbaut. Kinder in den ersten drei Jahren brauchen Erwachsene, die ihre Selbstbildung begleiten und unterstützen, ihre Erfolgserlebnisse teilen, ihre Gefühle spiegeln und mit ihnen feinfühlig interagieren. Ihre Kritik an Programmen betrifft auch den Einsatz dieser in Kindergärten, die oft eingesetzt werden, um Kinder zu bestimmten Verhaltensweisen zu bewegen oder die wie Stundenpläne in den Kitas eingesetzt werden, ohne die Themen und Interessen der Kinder zu berücksichtigen, ist durchaus nachvollziehbar. Erika Butzmann nimmt diese zum Anlass sich für den „elementarpädagogischen Ansatz“ einzusetzen, wie ihn Irmgard Burtscher beschreibt. Der die Wissbegierde und ihren Interessen und Themen berücksichtigt, die Kinder beschäftigen. Dazu gehören pädagogische Fachkräfte, die Kinder beobachten, um ihre Themen und Interessen zu erfahren, und diese mit „passenden Angeboten unterstützt“ (S. 179).
Erika Butzmann wirft einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, die viele Forderungen und hohe Ansprüche an die frühe Bildung in Krippen und Kindergärten und damit pädagogischen Fachkräfte stellen. Diese Entwicklungen führen zum Teil dazu, dass die Entwicklung und damit zusammenhängenden Entwicklungsprozesse des Kindes aus dem Fokus geraten. Die Entwicklung des Kindes wieder in den Mittelpunkt pädagogischen Handelns zu stellen ist das Anliegen des Buchs. Kinder brauchen dabei Erwachsene, die sie in ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen, sie feinfühlig begleiten, ihrem Erkundungsdrang Raum geben, die passenden Angebote machen, die die Entwicklung und das Lernen der Kinder unterstützen.
Mit ihrer umfassenden Kritik und ihrer Perspektive auf die neurobiologischen geschlechtsspezifischen Unterschiede von Frauen und Männern wirken ihre Ausführungen durchaus provokant und treffen zunächst auch auf Widerstand. Gleichzeitig jedoch sind ihre Forderungen nach einer entschleunigten Betreuung und Erziehung, nach gesellschaftspolitischen Umdenken und Reformen in der Familienpolitik nicht neu, jedoch unpopulär, da sie nicht in den gesellschaftlichen Zeitgeist passen. Der Modernisierungsdruck lastet nicht nur auf den Eltern und pädagogischen Fachkräften, sondern bereits auf den Kindern. Gestresste Eltern, gestresste Fachkräfte ergeben gestresste Kinder. Ihre Beschreibung der natürlichen Entwicklungsverläufe der Kinder, rückt das Kind und seine Entwicklung wieder in den Fokus und damit ins Bewusstsein von Eltern und pädagogischen Fachkräften. Die Studien und Forderungen, auf die sie sich bezieht, können insgesamt so interpretiert werden, dass gerade in den ersten Jahren eine außerfamiliäre Betreuung Kindern schadet. Sie enthalten jedoch auch viele Hinweise und Forderungen, wie eine außerfamiliäre Betreuung geschaffen sein muss, damit Kinder sich in Krippen wohlfühlen, weniger gestresst sind, sich stabile Bindungen und Beziehungen entwickeln. Zweifelsohne braucht es Reformen in der Familienpolitik wie auch im Krippen‑ und Kitabereich. Dieses Buch fordert ein Umdenken in Gesellschaft und Politik. Schade nur, dass sie die Hinweise, der Krippenstudien kaum erwähnt, sondern sich hauptsächlich auf die Ergebnisse stützt, die aufzeigen, dass die derzeitige außerfamiliäre Betreuung in Krippen den Kindern schadet und Verhaltensauffälligkeiten fördert.
Fazit
Erika Butzmann übt in ihrem Buch Kritik an der außerfamiliären Betreuung von Kindern in den ersten Jahren und fordert mit ihrem Buch ein Umdenken in Gesellschaft und Politik. Sie rückt die natürliche Entwicklung der Kinder wieder in den Fokus der Erziehung und Betreuung. Anschaulich und wissenschaftlich nachvollziehbar zeigt sie auf, weshalb eine außerfamiliäre Betreuung erst ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr sinnvoll ist, und was es braucht, damit Kinder sich gut entwickeln können.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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