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Felix Bode, Harald Kania et al. (Hrsg.): Zweieiige Zwillinge?

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 18.12.2025

Cover Felix Bode, Harald Kania et al. (Hrsg.): Zweieiige Zwillinge? ISBN 978-3-86676-946-5

Felix Bode, Harald Kania, Stefan Kersting (Hrsg.): Zweieiige Zwillinge? Zur gegenseitigen Beeinflussung von Kriminalität und Kriminalistik. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2025. 310 Seiten. ISBN 978-3-86676-946-5. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

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Thema

Kriminalität und deren Bekämpfung unterliegen seit jeher permanenten Veränderungen. Durch den gesellschaftlichen Wandel und die damit einhergehende Wei­terent­wicklung von technischen Möglichkeiten werden fortlaufend neue Modi Operandi ermöglicht, auf welche die Polizei mit teilweise ebenfalls neuen kriminalistischen Mitteln reagiert. Entwicklungen in der Kriminalität und der Kriminalistik können somit als sich gegen­seitig beeinflussende Prozesse angesehen werden. Allerdings findet dieser Wandel nicht kontinuierlich statt, sondern tritt in Schüben auf, die in der Regel auf besondere kriminalitäts­relevante Ereignisse zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang verändert sich die Polizei, sowohl in ihrer Organisation als auch in ihren Analysen zur Entwicklung der Kriminalität und in ihren Methoden zu deren Bekämpfung teilweise grundlegend.

Herausgeber

Felix Bode ist Professor für Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, Abteilung Köln. Seine Forschungs- und Publikationsfelder liegen im Bereich Kriminalgeografie und Predictive Policing. Harald Kania ist Professor für Psychologie am zentralen Lehrbereich der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl. In seiner Forschungs- und Beratungstätigkeit beschäftigt er sich mit den Bereichen Neues Arbeiten/​Arbeit 4.0, Personalentwicklung, Kriminologie und Polizeipsychologie. Dr. Stefan Kersting ist Professor für Kriminalistik und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW). Seine Forschungsinteressen liegen derzeit im Bereich der Polizeiforschung.

Aufbau und Inhalt

Zunächst stehen konzeptionelle Aspekte anhand von ausgewählten Kriminalitätsformen und den damit verbundenen Ermittlungspraktiken im Vordergrund, um einen Überblick der gegenseitigen Beeinflussung von Kriminalität und Kriminalistik zu erhalten. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil anhand der Implementierung von Predic­tive-Policing-Systemen in die Polizeiarbeit diskutiert, wie versucht wird, ‚vor die Lage‘, wie Polizist:innen es gerne nennen, zu kommen. Denn darin zeigen sich nahezu ideal­typisch die gegenseitige Beeinflussung von Kriminalität und Kriminalistik, wie auch der digitale Wan­del und damit verbundene Gefahren. Polizeiarbeit scheint sich im Ergebnis die­ser Verän­derungs­­pro­zesse von einer ursprünglich eher auf den Einzelfall bezogenen, subjekti­ven Sicht­weise auf Kriminalität und deren Verfolgung (zum Beispiel durch kriminalistische Taktik und List in der Vernehmung) auf eine nunmehr eher allgemeine, abstraktere Betrach­tung zu verschieben (,Abstract Police‘). Aber was heißt das ganz konkret?

Marcus Papadopoulos untersucht in seinem Beitrag Evil Twins: Digitaler Hass & terroristische Gewalt ein hochaktuelles Thema, das viele Menschen in der Gesellschaft umtreibt. Gerade ‚Lone-Actor‘, also Einzeltäter, die sich ohne einen Bezug zu einer Gruppe, zu radikalen Schritten entschließen und Anschläge oder Attentate verüben, bleiben logischerweise vor ihren Taten häufig unter dem Radar der Sicherheitsbehörden. Aber wie soll es auch gelingen, jemanden zu identifizieren, wenn diese Person mit niemandem über ihre Pläne kommuniziert? Umso klarer ist daher die „Notwendigkeit innovationsgestützter (Neu-)Ausrichtung sicherheitsbehördlichen Vorgehens“ (S. 99). Ideen dazu werden in diesem Kapitel beschrieben, nachdem Grundlagenwissen zu dieser Tattypologie vermittelt wurde. In den vergangenen rund 15 Jahren hat die Polizei vor allem mit der Schaffung sogenannter Zentralstellen auf das Phänomen reagiert, wo Kompetenzen zentral gebündelt werden. Doch alleine organisationale Veränderungen reichen nicht aus. So wurden Risikobewertungsbögen, eingeführt, die es ermöglichen sollen, präventiv auf auffällige Verhaltensweisen reagieren zu können. Dazu beitragen sollen auch sozialräumliche Analysen und kriminalprognostische Interventionen. Auf technologischer Ebene erhält die Nutzung von Künstlicher Intelligenz zur frühzeitigen Identifikation möglicher Gefährder:innen immer größere Bedeutung. Grundsätzlich wird das ethische Problem zwischen dem Wahren der grundgesetzlich zugesicherten Grundrechte der Bürger:innen und dem allgemeinen Sicherheitsinteresse diskutiert.

Clemens Lorai und Kerstin Kocan stellen Überlegungen zur kommunikativen Beziehung in alltäglichen polizeilichen Konfliktsituationen vor. Diese fußen auf dem Deeskalationsmodell Kodiak, was ein Akronym für Kommunikative Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen ist. Die grundlegende Idee dahinter ist, Gewalt zu vermeiden oder zumindest deren Intensität zu verhindern. Deeskalation kann und muss im polizeilichen Handeln immer unter dem Aspekt der Eigensicherung betrachtet werden, worunter auch das im Rahmen von KODIAK entwickelte Stufenmodell zu betrachten ist. Nach dem Kontakt geht es dabei zunächst um die Herstellung von Sicherheit, wozu im schlimmsten Fall auch Kommunikation aus einer sicheren Deckung gehört, zumindest aber eine gute Distanz und ein Überblick über die Gesamtsituation. In einem zweiten Schritt soll durch Respekt, aktives Zuhören, aber auch Wertschätzung und Geduld eine Beziehung hergestellt werden. Geduld ist auch wichtig, um als dritte Stufe Beruhigung zu schaffen. Das Ausstrahlen von Ruhe, Entschleunigung der Situation, aber auch das Redenlassen des polizeilichen Gegenübers sind hier von Bedeutung. Um das weitere Handeln vorzubereiten, ist es wichtig, die Lage zu klären: Worum geht es eigentlich in der jeweiligen Situation für die Beteiligten? Erst dann kann durch Fragen und viel Transparenz die Lösungssuche beginnen, wobei es darum geht, für die Betroffenen möglichst gesichtswahrend vorzugehen und diese einzubinden. Nur dann kann in einem letzten Schritt die Umsetzung der gefundenen Lösung beginnen, ohne dass es im besten Fall zu (massiven) Eskalationen kommt.

Diskussion

In der Sozialen Arbeit macht es immer Sinn, über den fachlichen Tellerrand hinauszuschauen. Und das ist gerade spannend, wenn es sich um Fachgebiete handelt, mit denen die Soziale Arbeit zwar Berührung hat, aber das Miteinander – sagen wir mal – nicht immer unproblematisch erscheint. Dass das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Polizei – und das beruht wohl auf Gegenseitigkeit – nicht unbelastet ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Gerade im Bereich ‚Abstract Police‘, der hier prägnant eingeführt wird, dürfte außerhalb des Polizeiapparates verwundert und vielleicht auch mit Befürchtungen zur Kenntnis genommen werden. Dabei bietet das Konzept auch Chancen, die in diesem interessanten Band ebenso wie Risiken näher beleuchtet werden. Der Blick über den Tellerrand imponiert bei diesem Buch durch vielfältige Perspektiven, klare Worte und Einblicke, die den eigenen fachlichen Horizont erweitern und ein breiteres Wissen über polizeiliche Herausforderungen ermöglichen. 

Fazit

Ein interessanter Blick über den fachlichen Tellerrand der Sozialen Arbeit hinaus!

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 208 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245