Sophie Beecken: Lebensrealitäten von Eltern im Kinderschutz
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 03.09.2025
Sophie Beecken:Lebensrealitäten von Eltern im Kinderschutz - Inferenzrisiken professionell begegnen. Tectum (Baden-Baden) 2025. 204 Seiten. ISBN 978-3-68900-346-3. 44,90 EUR.
Thema
Kinderschutz kann nur gelingen, wenn Eltern und Fachkräfte zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt dieses Buches steht das elterliche Erleben von Kinderschutz und dessen Bedeutung für die professionelle Praxis. Anhand rekonstruktiver Forschung wird aufgezeigt, wie zentral das Zusammenspiel von Verstehen und Verstandenwerden für eine gelingende Zusammenarbeit ist. Die Autorin versteht Kinderschutz als sozial konstruierten Begriff – mit der Chance auf eine demokratische Aushandlung von Mensch zu Mensch. Eltern artikulieren das Bedürfnis nach Autonomie, Partizipation und Anerkennung innerhalb eines als machtvoll erlebten Hilfesystems. Ihre Lebensrealität wird in diesem Buch zum zentralen Untersuchungsgegenstand erhoben.
Autorin
Sophie Beecken ist Absolventin des Masterstudienganges Dialogische Qualitätsentwicklung in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz an der Alice Salomon-Hochschule Berlin absolviert. Weitere Informationen zur Autorin werden im Buch und auch auf der Homepage des Verlages nicht angegeben. Dem Buch lässt sich aber entnehmen, dass Sophie Beecken als Sozialpädagogin im Bereich Hilfen zur Erziehung tätig ist.
Aufbau und Inhalt
Das Buch folgt dem klassischen Aufbau einer Forschungsarbeit und widmet sich neben der theoretischen Fundierung in Sachen Kinderschutz zwei Fällen, die von der Autorin eingehend untersucht und analysiert werden. Dabei wird vor allem deutlich, dass beide befragten Personen den klaren Wunsch haben, beziehungsweise hatten, beteiligt zu werden und vor allem nicht bloß Objekt im Kinderschutzverfahren zu sein. Was sie erlebt haben, ist aber in weiten Teilen, dass Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen wurden und es teilweise intransparent zuging – was natürlich nicht einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Fachkräften zuträglich war. Sie erlebten sich nicht als handelndes Subjekt, gingen teilweise in Vermeidung oder Kampf. Die Schlussfolgerung daraus zieht Sophie Beecken sehr genau: Kinderschutz ohne Einbindung der Eltern von Anfang an kann nicht funktionieren. Und schließlich haben alle Beteiligten dasselbe Anliegen – nämlich Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Die Fachkräfte, weil es ihre Aufgabe ist, die Eltern, weil sie mit Emotionen dabei sind. Das bedeutet aber auch, dass das, was die beiden befragten Elternteile erlebt haben, zum Problem wird: Die (zumindest gefühlte) mangelnde Beteiligung führt am Ende nicht dazu, dass alle Beteiligten gemeinsam auf der Suche nach einer Lösung sind.
Beecken formuliert gerade die Kinderschutzverfahren als gemeinsame Möglichkeit zum Lernen und Wachsen: „Darin liegt auch eine Einladung von Eltern zu gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozessen, um bestehende Muster und Verhaltensweisen einzuordnen, zu durchbrechen und (wiederkehrende) Gefährdungen vorzubeugen“ (S. 182), was gleichbedeutend mit einer engmaschigen Beziehungsarbeit ist. Deutlich wird, dass diese Arbeitsweise eine Frage der Haltung ist. Einer Haltung, die „Eltern anstelle ungewisser Kindeswohlgefährder*innen als gestaltende Subjekte und potenzielle Kinderschützer*innen (an)zu erkennen“ (S: 182). Im weiteren Verlauf kommt die Autorin zu der Erkenntnis, dass sich Eltern als auch Fachkräfte an mancher Stelle gar nicht so unähnlich sind, weil beide ein „Bedürfnis nach Autonomie und Unabhängigkeit“ (S. 183) haben.
Diskussion
„Ein Mensch reagiert in der Not immer anders“ (S. 1) zitiert die Autorin bereits in der Einleitung aus einem ihrer Interviews und setzt damit den Ton. Im Kinderschutz sind Eltern in Not, fühlen sich von Fachkräften bedroht und fahren deshalb bisweilen Verteidigungsstrategien, die alles noch schlimmer machen können. Das ist für die Bearbeitung eines Kinderschutzfalles nicht gut, macht subjektlogisch aber Sinn. Deshalb gebührt den Interviewten für diese Masterarbeit große Anerkennung, dass sie sprechen, sich auf diese Forschung einlassen. Denn nur so kann es gelingen, dass Fachkräfte und Eltern im besten Fall auch im Kinderschutz und sogar bei Herausnahmen von Kindern aus der Familie einen guten Weg miteinander finden. Dafür müssen wir Fachkräfte aber bereit sein, die Eltern und ihre Lebensrealität im Kinderschutz sehen und akzeptieren zu wollen.
Fazit
Auch wenn es oft die Eltern sind, die das Kindeswohl gefährden, dürfen sie im Kinderschutz nie außer Acht gelassen werden. Deshalb ist es gut, dass Sophie Beecken ihnen eine – wissenschaftlich und fachlich eingeordnete – Stimme gibt.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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