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Manuela Stärk: Einflüsse beruflicher Sozialisation

Rezensiert von HS-Prof. Dr. Doris Lindner, 23.07.2026

Cover Manuela Stärk: Einflüsse beruflicher Sozialisation ISBN 978-3-96665-101-1

Manuela Stärk: Einflüsse beruflicher Sozialisation auf die erfolgreiche Studienbewältigung. Normative Orientierungen, psychosoziale Aspekte und Kompetenzen. Barbara Budrich Academic Press GmbH (Leverkusen) 2025. 292 Seiten. ISBN 978-3-96665-101-1. D: 72,00 EUR, A: 74,10 EUR.

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Thema

Der vorliegende Band widmet sich der Frage, wie berufliche Vorbildung und Sozialisation die Bewältigung eines Hochschulstudiums bei Studierenden ohne allgemeine Hochschulzugangsberechtigung prägen. Als Untersuchungsgruppe dienen formal erfolgreiche Studierende der Berufs‑ und Wirtschaftspädagogik an der Universität Kassel. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf jene individuellen Merkmale, die aus beruflicher Sozialisation hervorgehen. Gefragt wird, auf welche Weise normative Orientierungen, psychosoziale Eigenschaften und Kompetenzbestände die Wahrnehmung von Studienanforderungen, das Studienhandeln und die Erwartungen an den Studienerfolg beeinflussen.

Seit der KMK-Rahmenvereinbarung von 2009 steht beruflich Gebildeten in Deutschland ein erweiterter Hochschulzugang offen, was zu einer wachsenden Heterogenität der Studierendenschaft geführt hat. Insbesondere Studiengänge des beruflichen Lehramts weisen einen hohen Anteil beruflich vorgebildeter Studierender auf; gleichzeitig bleiben Abbruchquoten in diesen Studiengängen vergleichsweise hoch. Der Band positioniert sich als eine der wenigen qualitativ angelegten Studien, die gezielt das Gelingen und nicht das Scheitern dieser Studierendengruppe in den Blick nimmt.

Autorin

Manuela Stärk ist als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Erziehungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig, Professur Berufspädagogik. Der Band stellt die überarbeitete Fassung einer Dissertation dar, die 2024 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Kassel angenommen wurde und im Rahmen der Drittmittelprojekte PRONET und PRONET² entstanden ist. Die Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Heterogenität und Übergänge in beruflicher und hochschulischer Bildung sowie Hochschuldidaktik für die Studieneingangsphase.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel. Nach Einleitung und Problemstellung entfaltet Kapitel 2 die sogenannte untersuchungsleitende Synthesetheorie, ein heuristisches Rahmenkonzept, das die vier Facetten Studienerfolg, Studienanforderungen, Studienhandeln und individuelle Grundlagen und Ressourcen miteinander in Beziehung setzt und den gesamten Forschungsprozess strukturiert. Das theoretische Fundament (Kap. 3) erarbeitet zunächst berufliche Sozialisation über Lemperts (2009) interaktionistische Rahmenkonzeption sowie Bourdieus Habitus-Feld-Theorie (1983, 1987) und den Deutschen Qualifikationsrahmen; hochschulische Sozialisation wird sodann über das Modell von Weidman und DeAngelo (2020) sowie über Portele und Huber (1983) erschlossen. Aus beiden Strängen wird eine eigene theoretische Rahmung entwickelt, die Einflüsse beruflicher Vorbildung auf den hochschulischen Sozialisationsprozess abbildet. Kapitel 4 arbeitet den Forschungsstand zu Studienwahlmotivation, Bildungsorientierungen, psychosozialen Eigenschaften, Kompetenzen, Studienerfolg und Studienhandeln beruflich gebildeter Studierender auf.

Das methodische Kapitel (Kap. 5) begründet die Wahl der Grounded-Theory-Methodologie nach Strauss und Corbin (1996) und legt die abduktive Forschungslogik dar, die theoretisches Vorwissen produktiv in den Auswertungsprozess integriert. Als Erhebungsinstrument dienen episodische Interviews, die zwischen Mai 2020 und Juli 2021, pandemiebeding telefonisch und videobasiert, geführt wurden. Das Sample umfasst neun ausgewertete Interviews mit Masterstudierenden der Berufs‑ und Wirtschaftspädagogik an der Universität Kassel, die über keine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung verfügen und das Bachelorstudium formal erfolgreich abgeschlossen hatten oder kurz vor dem Abschluss standen. Die Auswertung folgte dem offenen, axialen und selektiven Kodierungsschritt; Interpretationsgruppen dienten der intersubjektiven Absicherung.

Die Ergebnisse (Kap. 6) werden in drei Schritten entfaltet: als Fallporträts exemplarischer Teilnehmender, als fallübergreifende Analyse anhand dreier selektiver Kodierungen und schließlich als verdichtete Theorieskizze zur Beantwortung der Forschungsfragen. Die drei Kompartimente bilden das Kernstück des Bandes. Das normative Kompartiment umfasst drei Typen im Bildungsverständnis, ein aufstiegsorientiertes, ein funktional-anwendungsorientiertes und ein interessengeleitet-intellektuelles, ergänzt durch eine übergreifende Orientierung nach Kompetenzerleben, die aus biographisch verarbeiteten Erfahrungen des Scheiterns oder der Unterforderung im beruflichen Vorfeld resultiert. Das psychosoziale Kompartiment bündelt Umsetzungskompetenz, operationalisiert als proaktives, ausdauerndes und verlässliches Studienhandeln, sowie Bewältigungskompetenz, als Resilienz und Umdeutung negativ wahrgenommener Anforderungen; beides schreiben die Befragten überwiegend ihrer beruflichen Sozialisation zu. Das kompetenzbezogene Kompartiment erfasst fachliche und personale Ressourcen aus der Berufsausbildung, die im Studium instrumentell genutzt werden, aber auch zu negativ konnotierten Anforderungswahrnehmungen führen können, insbesondere dort, wo mathematische Grundlagen oder wissenschaftliches Arbeiten als defizitär erlebt werden. Kapitel 7 reflektiert den Forschungsprozess kritisch; Kapitel 8 leitet Handlungsempfehlungen für beide Bildungssektoren ab.

Diskussion

Die Synthesetheorie wird vom Interviewleitfaden über die Kodierarbeit bis zur Ergebnisdarstellung konsequent durchgeführt, was dem Werk eine gewisse Verlässlichkeit gibt, die qualitative Studien in diesem Feld nicht selbstverständlich aufweisen. Gewichtiger noch ist die forschungspolitische Entscheidung, formal erfolgreiche Studierende als Erkenntnisgegenstand zu wählen. In einem Bereich, in dem beruflich gebildete Hochschulstudierende überwiegend über Risikolagen und Abbruchquoten diskutiert werden, rückt der Band deren normative Orientierungen, psychosoziale Kompetenzbestände und fachliche Ressourcen als genuine Kapitalien in den Vordergrund; die Produktivität dieser Ressourcen im hochschulischen Feld wird dabei empirisch rekonstruiert. Der Befund, dass Resilienz, proaktives Studienhandeln und die Umdeutungsfähigkeit gegenüber schwierigen Studienanforderungen aus beruflicher Sozialisation hervorgehen und als tragfähige Bewältigungsressourcen fungieren, ist von konzeptuellem Gewicht für die Debatte um Studienerfolg in berufsbildenden Lehramtsstudiengängen.

Gleichwohl sind konzeptuelle Engführungen zu benennen. Die Synthesetheorie fungiert weniger als eigenständige theoretische Leistung denn als strukturierendes Ordnungsraster; sie systematisiert den Gegenstand, erklärt ihn aber noch nicht. Auf diesen Status eines heuristischen Rahmens wird in Kapitel 3.6 ausdrücklich hingewiesen; dennoch erzeugt die extensive Selbstreferenz auf dieses Konstrukt im weiteren Textverlauf eine Begriffsrekursivität, die der Lesbarkeit nicht durchgehend zugutekommt. Ähnliches gilt für die Kompartiment-Struktur, deren analytische Trennung in drei Bereiche zwar didaktisch hilfreich, inhaltlich aber durchlässig ist; die im Text eingeräumten Überschneidungen zwischen normativen Orientierungen, psychosozialen Eigenschaften und Kompetenzausprägungen bleiben in der Theorieskizze strukturell ungelöst.

Die methodologische Positionierung verdient ebenfalls Aufmerksamkeit. Die Wahl der Grounded Theory bei gleichzeitigem Vorhandensein umfangreichen theoretischen Vorwissens aus vorangegangenen Drittmittelprojekten ist ambivalent. Der Begriff Abduktion wird herangezogen, um die Integration dieses Vorwissens zu legitimieren; ob die drei Kompartimente vorrangig aus dem Material emergiert oder aus dem theoretischen Rahmen projiziert sind, lässt sich aus der Darstellung nicht immer sicher rekonstruieren. Dass die Kategorien plausibel und empirisch verankert wirken, mildert dieses Problem, löst es aber nicht auf.

Zu diskutieren bleibt ferner die Reichweite des Samples. Neun Interviews an einem einzigen Standort, ohne Vergleichsperspektive auf Studierende mit allgemeiner Hochschulreife oder auf formal nicht erfolgreiche beruflich gebildete Studierende, bilden eine erkenntnisreiche, aber enge Materialbasis. Die pandemiebedingten Bedingungen der Datenerhebung mindern zudem die Tiefe episodischer Narration, was transparent ausgewiesen wird. Kapitel 8 zieht aus den Ergebnissen dennoch institutionelle Konsequenzen, die für Studienberatung, Hochschuldidaktik und die Gestaltung von Orientierungsangeboten in der Studieneingangsphase anschlussfähig sind.

Fazit

Insgesamt leistet der Band einen wichtigen bildungswissenschaftlichen Forschungsbeitrag zur heterogenen Studierendenschaft in der Lehrkräfteausbildung. Das theoretische Fundament ist breit und sorgfältig erarbeitet; die qualitativen Befunde bieten differenzierte Einblicke in Bewältigungspraktiken einer bislang wenig systematisch untersuchten Studierendengruppe. Für Hochschulen und Pädagogische Hochschulen mit berufspädagogischen Lehramtsstudiengängen, in denen Fragen der Durchlässigkeit und heterogener Vorbildung zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist der Band lesenswert. Eine kritische Lektüre setzt Vertrautheit mit qualitativer Sozialforschung und berufspädagogischen Diskursen voraus; als einführender Studientext ist er aufgrund seiner Terminologiedichte weniger geeignet.

Rezension von
HS-Prof. Dr. Doris Lindner
Institut Qualitätsmanagement und Hochschulentwicklung
Private Pädagogische Hochschule Wien/Niederösterreich
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Es gibt 37 Rezensionen von Doris Lindner.

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ISSN 2190-9245