Ludger Tebartz van Elst (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter
Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer, 26.01.2026
Ludger Tebartz van Elst (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter. In Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2025. 4., aktualisierte und erweiterte Neu Auflage. 550 Seiten. ISBN 978-3-95466-976-9. D: 89,95 EUR, A: 92,65 EUR, CH: 110,00 sFr.
Thema
Das Handbuch befasst sich mit Autismusspektrumstörungen bei Erwachsenen und vermittelt hierzu in fünf Abschnitten Grundlagenwissen, sowie Kenntnisse zur Diagnostik, zu Komorbiditäten und atypischen Präsentationen, zur Therapie und zum sozialen Umfeld.
Herausgeber und Autor:innen
Herausgeber dieses Buches ist Ludger Tebartz van Elst, der als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau tätig ist. Ludger Tebarzt van Elst befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Autismusspektrumstörungen.
Rund 40 Autor:innen sind mit Beiträgen vertreten, viele dieser Autor:innen arbeiten am Universitätsklinikum Freiburg. Bei den meisten Autor:innen handelt es sich um Mediziner:innen und Psycholog:innen, doch darüberhinaus finden sich auch Beiträge von Andersqualifizierten, unter anderem von mehreren Selbstbetroffenen.
Entstehungshintergrund
Es handelt sich um die 4., aktualisierte und erweiterte Auflage des 2012 erstmalig erschienenen Handbuchs zu Autismus im Erwachsenenalter. Damals trug das Handbuch noch den Titel „Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen“. Zielsetzung ist, dass die Publikation – wie schon bisher – ein Standardwerk für den Themenbereich des hochfunktionalen Autismusspektrums darstellt.
Aufbau und Inhalt
Das Handbuch beginnt mit einem Vorwort, in dem Ludger Tebartz van Elst beschreibt, dass die alle drei bis vier Jahre erscheinenden Neuauflagen ihm ermöglichen, „zu reflektieren, was sich getan hat“ (S. IX). Er beschreibt, dass die mediale Popularität von Autismus weiterhin hoch sei. „Klassifikatorisch wurde die Thematik des Autismus und der Entwicklungsstörungen stark aufgewertet, indem sie im DSM-5 und ICD-11 an die erste Stelle der Störungsentitäten gesetzt wurde“ (S. IX). Auch im klinischen Bereich sei das Thema zunehmend stärker etabliert. Dennoch sei es schwer, „in zumutbarer Zeit einen Diagnostiktermin zu bekommen“ (S. IX), und auch hinsichtlich der therapeutischen Versorgung sei es sowohl im ambulanten als auch stationären Bereich beständig herausfordernd, Angebote mit „spezifischer Kompetenz“ (S. IX) zu finden. „Die hohe Prävalenz der ASS (wahrscheinlich im Bereich von 1–2 %) und die Chronizität dieser Strukturdiagnose lassen diese Diskrepanz“ dramatisch erscheinen, fasst er zusammen (S. IX).
Weiter gebe es „Personen aus dem sehr hochfunktionalen ASS-Spektrum, bei denen sich aufgrund der Besonderheiten der autistischen Persönlichkeitsstruktur chronische, musterhafte, zwischenmenschliche Konflikte und Probleme entwickeln. […] Um das Autismusthema in diesem Ausschnitt des Spektrums richtig zu fassen, ist der Störungs- bzw. Krankheitsbegriff oft unangemessen. Hier bieten sich Begriffe wie Strukturdiagnose oder das in der Wissenschaft gebräuchliche Konzept des 'broader autism phenotypes' an“ (S. IX). Diese Personen seien mitunter erfolgreich tätig in Bereichen wie z.B. der Wissenschaft und forderten Teilhabe am klinischen und wissenschaftlichen Diskurs.
All diese Themen würden in der Neuauflage aufgegriffen werden, bei der zehn Kapitel von Selbstbetroffenen verfasst worden seien. Zudem seien als neue Themen „Autismus und Traumatisierung, computer- und webbasierte Übungsmethoden zur sozialen Kompetenz, Gesundheits- und Versorgungsforschung sowie partizipative Forschung“ hinzugekommen (S. X).
Wie schon in den früheren Ausgaben, ist das Handbuch in fünf thematische Schwerpunkte gegliedert:
- Grundlagenwissen
- Diagnostik
- Komorbiditäten und atypische Präsentationen
- Therapie
- Autismus-Spektrum-Störungen im sozialen Umfeld
Hinsichtlich einer ausführlichen Darstellung der Inhalte der einzelnen Schwerpunkte verweise ich auf die Rezension der vorherigen Auflage dieses Handbuch durch Georg Theunissen: Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter
Kurz zusammengefasst geht es im ersten Schwerpunkt Grundlagenwissen darum, wie sich Autismus zeigt, woran man Autismus erkennt, wie häufig Autismus auftritt und was das Vorliegen von Autismus für die medizinische und psychotherapeutische Behandlung bedeutet.
Im zweiten Schwerpunkt Diagnostik wird dargestellt wie Autismus diagnostiziert werden kann und welche Untersuchungen sich hierfür anbieten.
Der dritte Schwerpunkt wendet sich den Komorbiditäten und atypischen Präsentationen zu. Hier werden zahlreiche psychiatrischen Komorbiditäten vorgestellt und diskutiert.
Der vierte Schwerpunkt ist dem Thema Therapie gewidmet und zeichnet sich durch ein breites Therapieverständnis aus. So geht es neben medikamentösen und psychotherapeutischen Optionen auch um Selbsthilfekonzepte, die „Organisation der Nische“ (S. 316), die es Autist:innen ermöglicht, ein zufriedenstellendes Leben zu führen, und in dieser Auflage erstmals auch um computergestützte und webbasierte Trainingsverfahren der sozialen Kompetenz (S. 403 f.).
Der fünfte und letzte Schwerpunkt ist Autismus-Spektrum-Störungen im sozialen Umfeld gewidmet, hierzu zählen Bereiche wie die Arbeitswelt, Partnerschaft und Gesundheitsversorgung.
Diskussion
Im Vorwort schreibt Ludger Tebartz van Elst: „Unverändertes Ziel des Buches ist […], die Position eines Standardwerks in diesem Themenbereich [Autismus] weiter zu erarbeiten und zu behaupten“ (S. X). Aus meiner Sicht wird das Handbuch diesem Anspruch vollumfänglich gerecht.
Hervorzuheben finde ich die Klarheit, die sich aus dem von Ludger Tebartz van Elst (und Kolleg:innen) entwickelten Konzept ergibt, wonach Autismus eine „Struktur“ beschreibt, die weitgehend unveränderlich ist, im Gegensatz zu Zuständen (wie z.B. Komorbiditäten), die behandelt werden sollen und Problemen (wie z.B. Mobbing), die gelöst werden sollten. Hieraus ergibt sich wie ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht, wie Autismus verstanden werden kann, und was es braucht, damit ein Mensch mit Autismus gut leben kann – und seine Umwelt mit ihm.
Doch gerade weil dieses Standardwerk ein so wichtiger Impulsgeber ist, hätte ich mich gefreut, wenn aktuell in der (deutschsprachigen) Öffentlichkeit und Fachwelt kontrovers diskutierte, jedoch international mitunter bereits im Kontext von Autismus anerkannte Konzepte wie Pathological Demand Avoidance (PDA) oder die Essstörung ARFID eine explizite Berücksichtigung bzw. kritische Einordnung gefunden hätten.
Dass Störungen der Intelligenzentwicklung nicht als eigenständiger Beitrag berücksichtigt wurden ist wohl dem Entstehungshintergrund dieses Fachbuchs als Handbuch für das ehemals sogenannte „Asperger-Syndrom“ geschuldet.
Leider fehlt das Thema des Älterwerdens mit Autismus, wie bereits Georg Theunissen in seiner Rezension der letzten Auflage anmerkte. Rasche Abhilfe könnte hier durch einen Abdruck des hervorragenden Aufsatzes zu „Autismus im hohen Alter“ erfolgen, den Ludger Tebartz van Elst bereits 2018 in einem Handbuch für Gerontopsychiatrie veröffentlicht hat. Stärker auf soziale Aspekte bezogen ist der von mir verfasste, in einem Handbuch des Beltz-Verlags zu älteren Menschen in prekären Lebenslagen publizierte Beitrag zu „Autismus und Alter“ (2025, open access).
Als im Sozialdienst einer Psychiatrie tätige Person erlebe ich ein Ungleichgewicht zwischen der Relevanz, die sozialrechtliche Aspekte im Kontext von Autismus in meinem Berufsalltag darstellen und wie diese im Rahmen dieses Handbuchs berücksichtigt werden. Für mich überraschend sind gut zwei Buchseiten des Beitrags zu „Forensischen Aspekten“ dem Sozialrecht gewidmet, jedoch werden lediglich die Punkte (Grad der) Behinderung und Erwerbsminderung erörtert. Aus meiner Sicht wäre es vorteilhaft, das Thema Sozialrecht aus dem Beitrag zu forensischen Aspekten zu extrahieren und in einen eigenständigen, umfangreicheren Beitrag zu überführen.
Fazit
Das Handbuch „Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter in Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“ in seiner 4., aktualisierten und erweiterten Auflage stellt ein wichtiges Standardwerk der deutschsprachigen Fachliteratur zu Autismus dar. Das Werk ist übersichtlich aufgebaut und sowohl für Fachpersonen als auch medizinische Laien gut verständlich. Das Buch begegnet Menschen mit Autismus auf Augenhöhe und zeichnet sich durch seine hohe Anschlussfähigkeit an den deutschsprachigen, aber auch international geführten Diskurs aus.
Literaturhinweise
Günauer, Franziska (2025): Autismus und Alter. In: Middendorf, Tim/Parchow, Alexander (Hrsg.): Ältere Menschen in prekären Lebenslagen. Weinheim: Beltz, S. 225–239.
Tebartz van Elst, Ludger (2018): Autismus im hohen Alter. In: Klöppel, Stefan/​Jessen, Frank (Hrsg.): Praxishandbuch Gerontopsychiatrie und -psychotherapie. Diagnostik und Therapie im höheren Lebensalter. München: Elsevier, S. 277–283.
Theunissen, Georg: Rezension vom 23.01.2023 zu: Ludger Tebartz van Elst (Hrsg.): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2021. 3. Auflage. ISBN 978-3-95466-645-4 [Rezension bei socialnet]. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/​29800.php, Datum des Zugriffs 27.12.2025.
Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Diplom-Sozialpädagogin, Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig als Pädagogin auf der Station für Menschen mit geistiger Behinderung, Autismus und anderen Entwicklungsstörungen des ZfAE des kbo-Isar-Amper-Klinikums, Region München
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Es gibt 16 Rezensionen von Franziska Günauer.





