Russell A. Barkley: Das große ADHS-Handbuch für Eltern
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 16.09.2025
Russell A. Barkley:Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verantwortung übernehmen für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität. Hogrefe AG (Bern) 2025. 5., aktual. Auflage. 504 Seiten. ISBN 978-3-456-86433-4. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 58,90 sFr.
Thema
Kinder sind grundsätzlich aktiver, überschwänglicher, weniger konzentriert und impulsiver als Erwachsene. Schwierigkeiten, die daraus entstehen, werden sich in der Regel «auswachsen». Doch es gibt Ausnahmen, und so selten sind diese nicht: Bei Kindern, deren Unaufmerksamkeit, Bewegungsdrang und Unbeherrschtheit ein gewisses Maß übersteigt, besteht der Verdacht auf eine Entwicklungsstörung. Diese wird als Aufmerksamkeitsdefizit-/​Hyperaktivitäts-Störung oder ADHS bezeichnet. Um diese Störung geht es in diesem Buch „Das große ADHS-Handbuch für Eltern“.
Autor
Russell A. Barkley gilt als einer der renommiertesten ADHS-Experten weltweit und als einer der Pioniere bei der Erforschung dieses Störungsbildes. Er stammt aus den USA und ist klinischer Psychologe. Als Hochschulprofessor hat er an mehreren großen US-Universitäten gelehrt und geforscht.
Aufbau und Inhalt
20 Kapitel in vier Teilen bilden das Gerüst dieses Buches. „ADHS – was ist das?“ ist dabei der Titel des ersten Teils, der eine grundlegende Einführung ins Thema bietet. Dazu gehört zum Beispiel eine Spurensuche nach den Ursachen für das Störungsbild, die sich als gar nicht so einfach darstellt. Fakt ist aber, dass das Thema Selbstbeherrschung und Bedürfnisaufschub für Menschen mit einer ADHS eine große Rolle spielt, sodass es logisch erscheint, der Frage nachzugehen, wie sich der Mangel an Selbstbeherrschung äußert. Dass das Familienleben anspruchsvoll sein kann, wird ebenfalls näher beschrieben.
Der zweite Teil hat die Überschrift „Verantwortung übernehmen: So vertreten Sie mit Erfolg die Interessen Ihres Kindes“ und setzt damit einen sehr praktischen Fokus. Wann macht es eigentlich Sinn, sich an eine:n ADHS-Spezialist:in zu wenden. Sechs Kriterien präsentiert er dafür: greift die praktische Dimension des Themas auf. Barkley geht hier der Frage nach, wann es sinnvoll und notwendig wird, sich an einen Spezialisten zu wenden und legt hierfür eine Liste mit sechs Punkten vor, die Eltern die Entscheidung erleichtern soll. Dazu gehören zum Beispiel die Dauer von mehr Bewegungsdrang, Unaufmerksamkeit und Impulsivität im Vergleich zu Altersgenoss:innen (länger als sechs Monate) oder die subjektiv empfundene Zeit und Energie, die für die Betreuung und Beaufsichtigung des Kindes erforderlich ist. Ein weiterer Aspekt: Gehen andere Kinder dem eigenen Kind aus dem Weg, weil es „übermäßig aktiv, unbeherrscht, emotional oder aggressiv ist“ (S. 201). Nach welchen Kriterien Expert:innen ausgewählt werden sollten, steht ebenfalls im Fokus dieses Teils wie die Vorbereitung auf die Untersuchung sowie die Diagnosestellung und den Umgang damit. In seinen fast 30 Jahren klinischer Tätigkeit hat Barkley neun Grundsätze definiert, die der Erziehung eines Kindes mit ADHS gelten sollten. Dazu gehören:
- Sorgen Sie für mehr unmittelbare Rückmeldungen und Konsequenzen
- Halten Sie dem Kind wichtige Informationen ständig vor Augen
- Arbeiten Sie mit äußeren Motivationsstützen
- Seien Sie konsequent
- Machen Sie Denk- und Problemlöseprozesse physisch greifbar
- Legen Sie sich für schwierige Situationen einen Plan zurecht.
Jeder dieser Grundsätze wird ausführlich eingeführt und beschrieben, sodass es konkrete Handlungsanweisungen gibt. Den Abschluss dieses Teils bildet ein Kapitel zur Selbstfürsorge für Eltern.
Im dritten Teil „Die ADHS bewältigen: Strategien für die Schule und Zuhause“ treffen die Leser:innen auf die im zweiten Teil eingeführten neun Prinzipien, die sich hier in ganz konkreten Strategien sowohl für die Schule aus auch die eigenen vier Wände widerspiegeln. Den Anfang macht das „Acht-Schritte-Programm zur Überwindung von Verhaltensproblemen“, das zum Beispiel Aspekte behandelt wie positive Zuwendung, effektivere Anweisungen geben, Einsatz von Belohnungssystemen oder Umgang mit dem Kind in der Öffentlichkeit. In der Folge stehen besondere Problemlösestrategien auf Seiten der Eltern, auf die Beziehung zu Gleichaltrigen und auf ADHS im Jugendalter gerade auch im Hinblick auf Partnerschaft und Sexualität im Mittelpunkt. Zum Thema Schule hat Russell A. Barkley seit vielen Jahren eine eindeutige Meinung: Der schulische Erfolg eines Kindes mit ADHS hängt direkt von der Erfahrung der Lehrperson mit ADHS und dem sich konkret auf diese Besonderheit einlassen können, ab. Es folgen diverse Hinweise für die Unterrichtsgestaltung und den Umgang mit Kindern mit ADHS in der Schule.
Unter dem Titel „Die medikamentöse Behandlung der ADHS“ folgen zum Schluss wichtige Hinweise auf Antworten, um eine fundierte Entscheidung über den Sinn medikamentöser Behandlung treffen zu können.
Diskussion
Das große ADHS-Handbuch für Eltern informiert die Eltern von ADHS-Kindern umfassend und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft über die Störung, mit wertvollen Hinweisen für Diagnose und Therapie.
Dieses Buch richtet sich an: Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern mit ADHS, Erzieher:innen, Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen sowie Schulpsycholog:innen.
Diese Neuauflage umfasst Erkenntnisse und Ergebnisse aus jahrelanger Forschung sowie der klinischen Praxis. Sowohl Ursachen des Störungsbildes als auch Informationen über effektive Behandlungsmethoden, zu gesundheitlichen Risiken und Empfehlungen, was Eltern zum Schutz ihres Kindes tun können, finden sich in diesem umfassenden Buch. Wünschenswert wäre es gewesen, noch deutlicher zu machen, welche Änderungen in diese fünfte Auflage eingeflossen sind. An manchen Stellen wären Grafiken oder Tabellen zur Auflockerung der Textseiten gewesen, die teilweise etwas erschlagend wirken können.
Fazit
Fachwissen auf einem verständlich formulierten Niveau – auch in dieser aktualisierten Auflage ist dieses Buch ein Gewinn sowohl für Eltern als auch Fachkräfte.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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