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Ismael Wetzky: Psychedelische Begegnungen

Rezensiert von Dr. Hans-Günter Wagner, 02.10.2025

Cover Ismael Wetzky: Psychedelische Begegnungen ISBN 978-3-03788-694-6

Ismael Wetzky: Psychedelische Begegnungen. Zugang zu multidimensionalem Bewusstsein. Nachtschatten Verlag (Solothurn) 2025. 244 Seiten. ISBN 978-3-03788-694-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 27,00 sFr.

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Thema

Wie die Einnahme psychedelischer Substanzen und die Begegnung mit Astralwesen unser Weltbild und die Gesellschaft verändern wird.

Inhalt und Aufbau

Nach Jahrzehnten des Verbots der Forschung mit psychedelischen Substanzen wie DMT, Psilocybin oder LSD findet in Wissenschaft und Gesellschaft mittlerweile eine schrittweise Enttabuisierung statt. Davon zeugt die sprunghaft gestiegene Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen auf diesem Gebiet ebenso wie die vielen populären Bücher und Artikel, die aus verschiedenen Perspektiven von Erfahrungen mit diesen Stoffen berichten und dabei neben den therapeutischen auch die gesellschaftlichen Dimensionen in den Blick nehmen.

„Psychedelische Begegnungen“ ist nach den recht ähnlichen „DMT-Begegnungen“ (Solothurn 2021) ein weiteres Werk des Psychologen und Autors Ismael Wetzky, das auf der Grundlage von Tausenden psychedelischen Erfahrungsberichten über erweiterte Realitätswahrnehmungen (einschließlich solchen des Autors) das „transformative Potenzial psychedelischer Substanzen“ (S. 13) ausleuchtet. Jenseits einer bestimmten religiösen Tradition soll das Buch eine „Brücke zwischen Wissenschaft, Spiritualität und persönlicher Transformation“ bauen (S. 14). Das durch diese Stoffe ermöglichte Eintauchen in „tiefere Schichten des Seins“ (ebd.) integriere die Weisheit der alten Mysterien und führe zu „prophetischen Visionen“ (S. 17). Wetzky umreißt eine neue „Kartografie des Kosmos“ (S. 12), in der materielle und energetische Phänomene zusammen mit dem psychischen Geschehen einen „Hyperraum“ (S. 24) bilden, jenseits des dreidimensionalen Raumbegriffs. Im Hyperraum sei die sinnlich wahrnehmbare Welt nur ein Aspekt materiell verdichteter Wirklichkeit, neben weiteren spirituell höheren und transzendenten Dimensionen bis hin zur Aufhebung aller Dualität im großen kosmischen Einssein. Das ähnelt in vielem den Lehren alter Mystiker und moderner Esoteriker, mit dem Unterschied, dass in diesem Fall Erfahrungsberichte von psychedelischen Reisen die Grundlage bilden, verbunden mit kosmologischen Deutungen der Teilnehmer*innen und des Autors, also auf eine irgendwie nachvollziehbare Form empirischen Erlebens Bezug nehmen. Auf den Seiten 117–122 stehen lange Zitate aus esoterischen Quellen über das wunderbare Leben in den Astralwelten, zu denen Stoffe wie DMT, Psilocybin oder LSD-Zugang gewährten. Dazu treten Spekulationen über den „freien Willen“ zwischen den beiden Polen „ein Geschenk“ und „der Ursprung all meines Leidens“. Erlösung finde man, wenn das „kleine Selbst“, der „persönliche freie Wille“ mit dem „Willen des Göttlichen“ verschmelze (S. 138–140).

Immer wieder sticht das Moment der Prophetie hervor. Gleich zweimal, auf S. 24 u. 40 zitiert der Autor den gleichen Satz, den eine Stimme während einer DMT-Erfahrung zu ihm gesprochen habe: „Du musst ein Feuer sein, ein Apostel, der das Feuer in die Welt bringt. Ohne dich bleibt die Schöpfung leer, bedeutungslos.“ Voraussagen von Katastrophen und Weltuntergangsszenarien, ausgelöst durch den Abfall des Menschen vom Göttlichen, durchziehen das gesamte Werk und spannen einen weiten Bogen von den Kali-Yuga-Lehren über unser heutiges Zeitalter des Streits und Verfalls bis hin zu den Garabandal-Visionen der Jungfrau Maria, von denen jungen Mädchen im Spanien der sechziger Jahre berichteten, Prophezeiungen der Maya und anderer indigener Kulturen bis hin zur ganz persönlichen Vision des Autor, vor der er ausführlich erzählt: „Ich löste mich in Gott auf und wurde zu seinem Willen, zu seinem Ausdruck. Und was tat Gott? – Er machte mich zu seinem Zorn. […] In meiner Offenbarung erlebte ich, wie der göttliche Zorn über die Menschen hereinbrach, die mit ihren Herzen aus Stein und ihren Zungen voll Lüge dem göttlichen Willen trotzten“ (S. 144). Diese persönliche Offenbarung bildet das Herzstück des Buches. Die Hingabe an Liebe und Gott soll die große Transformation bewirken und Menschheit und Welt retten. Aber es ist auch von einem „göttlichen Urteil“ (ebd.) die Rede, das wie ein Sturm über die Welt hereinbrechen wird.

Diskussion

Das Buch ist lesenswert und wer sich auf Sprache und Weltbild des Autors einlässt, wird in eine Art transzendentale Trance versetzt, die die Fantasie anregt und viele neue Einsichten über das Leben und die Welt vermitteln kann. Ein Manifest bewusstseinserweiternden Denkens und der Versuch zur Etablierung einer psychedelischen Sakralsemantik.

Allerdings kann man das ganze Werk auch ziemlich gegen den Strich lesen. Bei einer solchen Lesart fällt zunächst auf, dass der eingangs formulierte Anspruch, eine Brücke zur Wissenschaft zu schlagen, gar nicht eingelöst wird. So erklärt Wetzky nicht, mit welchen hermeneutischen Methoden oder Verfahren der qualitativen Sozialforschung er die Tausenden von Erfahrungsberichten, die seinem Buch zugrunde liegen, ausgewertet, strukturiert und auf ihre Kerninhalte kondensiert hat. Im Literaturverzeichnis sind vor allem esoterische, religiöse und drogenbezogene Titel aufgeführt. Auf die wenigen wissenschaftlichen Werke, wie beispielsweise Benny Shannons phänomenale Kartierung der DMT-Erfahrung, wird nur gelegentlich Bezug genommen. Fachwissenschaftliche Arbeiten aus Medizin und pharmakologischer Forschung finden eben so wenig Beachtung wie solche zur Quantenphysik (S. 52 f.), die gleichwohl als Referenzgröße für ein Perpetuum mobile unerschöpflicher und sich beständig selbst erzeugender kosmologischer Spekulationen herhalten muss. In Wetzkys wunderbarer Welt vollendeter kosmischer Harmonie fehlen die Härte von Stahl und Beton ebenso wie Phänomene der gesellschaftlichen Macht und Herrschaft, an denen die Weltverbesserung oft scheitert, und die sich nicht so ohne weiteres in regenbogenschillernde Emanationen auflösen lassen. Die außergewöhnliche Vertrautheit des Autors mit den höheren Regionen des Kosmos korrespondiert mit einer merklichen Ferne gegenüber der hiesigen Welt mit all ihren Problemen und Widrigkeiten. Er denkt vornehmlich in Kategorien des „entweder … oder“ (S. 155) – Entweder verharren in alten Mustern und Untergang oder kosmischer Weckruf und große Transformation. Aber das wirkliche Leben findet zumeist 1.000 und mehr Wege dazwischen.

Bedenklich ist weiterhin das Motiv der psychedelischen Selbstvergottung. Wo der Suchende zum Seher wird, tritt verkündende Gewissheit an die Stelle fragenden Zweifels. Die göttliche Ermächtigung des Suchenden verscheucht alle Wissenschaft und verhindert jeden herrschaftsfreien Diskurs über den Sinngehalt und noch mehr die gesellschaftlichen Konsequenzen seiner erhabenen Schau. Solche Ermächtigung ist das Baumaterial für Dogmen aller Art und die Errichtung totalitärer Formen politischer Herrschaft. Die einst von Ludwig Feuerbach vollzogene Verwandlung der göttlichen in das menschliche Wesen wird zurückgenommen und die alte Dualität unerschütterlicher und nicht hinterfragbarer Offenbarungsmacht wiederhergestellt. Sind die Auserwählten des Herrn oder via psychedelischer Erkenntnisprivilegien Erleuchteten wirklich so große Helden? Wo in der Geschichte die Seher nicht selbst kraft ihrer extramundanen Kompetenz unbedingte Geltung reklamierten, wurden sie oft für Zwecke der Macht instrumentalisiert, wenn sie sie nicht gar selbst missbrauchten. Mehrfach verweist der Autor höchst respektvoll auf Propheten und Gurus wie Rudolf Steiner oder den Tibeter Sogyal Rinpoche. Ersterer wurde auch für rassistische Äußerungen, letzterer für umfänglichen sexuellen Missbrauch und das Verprügeln seiner devoten Anhänger*innen bekannt. Es war wohl nicht selten ein Segen für Menschheit, wenn man an den „großen Sehern“ achtlos vorbeizog wie an einem Stand der Zeugen Jehovas in der Fußgängerzone oder sie sich selbst zum Objekt unfreiwilligen Humors machten. Zudem beruht der Glaube an Prophezeiung auf einem Weltbild der Prädestination, in dem es nur wenig Raum für echte Reflexion und einen Diskurs über Handlungsoptionen gibt. Menschen sind verantwortlich für Phänomene wie den CO2-Anstieg in der Atmosphäre und den Plastikmüll in den Meeren, wer aber beispielsweise – wie gläubige Menschen in früheren Zeiten – in Erdbeben und Meteriodeneinschlägen Zornsignale Gottes und Mahnungen zu innerer Einkehr sieht, fällt zurück in atavistische und zurecht überwundene Weltbilder. Die genannten Substanzen besitzen das Potenzial an tiefere Schichten des Wirklichkeitserlebens heranzuführen, doch bergen sie ebenso die Gefahr, Phantasmagorien jenseits aller empirischen Wirklichkeiten zu erzeugen. Erfüllt von einem bodenlosen kosmologischen Optimismus und getrieben von einem bebenden Verheißungswillen, ist es gerade die Erwägung dieser Differenz, die in Wetzkys Buch fehlt.

Fazit

Ein fantastisches und faszinierendes Buch über ein Thema von wachsendem gesellschaftlichem Interesse. Leider hat der Autor die Grenzen zwischen mystischer Begeisterung und solider empirische Forschung ziemlich ineinander aufgehen lassen, besessen vom Glauben an die absolute Wahrheit „des Sehers“ und seiner Prophezeiungen.

Rezension von
Dr. Hans-Günter Wagner
Autor und Übersetzer. Verfasser von zwei Standardwerken zum chinesischen Buddhismus und zum Daoismus. Übersetzer von altchinesischer Lyrik sowie von buddhistischen Sutren und Prosa-Werken aus dem Chinesischen.
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Es gibt 1 Rezension von Hans-Günter Wagner.

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ISSN 2190-9245