Sabine Seichter (Hrsg.): Maria Montessori - die Unantastbare?
Rezensiert von Sascha Omidi, 12.06.2026
Sabine Seichter (Hrsg.):Maria Montessori - die Unantastbare? Warum der Mythos Montessori zerbröckelt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2025. 125 Seiten. ISBN 978-3-407-25941-7. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Thema
Im Vorwort macht Sabine Seichter deutlich, dass der Sammelband nicht darauf abzielt, bestehende Montessori-Mythen zu reproduzieren, sondern diese kritisch zu hinterfragen. Dabei wird Maria Montessori weder als überzeugte Faschistin dargestellt noch pauschal verurteilt. Vielmehr untersuchen die Autor:innen die Frage, inwieweit zentrale Elemente ihres Denkens mit biopolitischen, eugenischen und autoritären Vorstellungen ihrer Zeit verbunden waren und weshalb ihre Pädagogik Anschlussmöglichkeiten an entsprechende gesellschaftliche Strömungen bot.
Herausgeberin
Sabine Seichter ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Geschichte und Theorie von Erziehung und Bildung, pädagogische Anthropologie sowie die Geschichte und Anthropologie der Kindheit.
Entstehungshintergrund
Der Sammelband erscheint vor dem Hintergrund einer in den vergangenen Jahren intensiv geführten Debatte über die Person Maria Montessori und die Grundlagen ihrer Pädagogik. Einen wichtigen Impuls für diese Diskussion lieferte Sabine Seichter bereits mit ihrer 2024 veröffentlichten Monografie „Der lange Schatten Maria Montessoris“, in der sie sich kritisch mit den ideengeschichtlichen, anthropologischen und politischen Voraussetzungen der Montessori-Pädagogik auseinandersetzte. Die Veröffentlichung löste teils kontroverse Reaktionen innerhalb der Erziehungswissenschaft und der Montessori-Bewegung aus. Der vorliegende Sammelband kann als wissenschaftliche Vertiefung dieser Debatte verstanden werden. Er versammelt unterschiedliche Perspektiven auf Montessori und erweitert die Diskussion um weitere historische und erziehungswissenschaftliche Analysen.
Aufbau
Der Sammelband umfasst eine Einleitung der Herausgeberin sowie sieben Fachbeiträge. Die Beiträge gliedern sich wie folgt:
- Sabine Seichter: Maria Montessori – die Unantastbare?
- Winfried Böhm: Maria Montessori: Die bekannte Unbekannte. Über Grundannahmen ihres Denkens
- Marc Fabian Buck: Kindzentrierung und Natürlichkeit. Zu zwei zentralen Mythen der Montessori-Pädagogik
- Malte Brinkmann: Normalisierung, Disziplin und Hygiene. Das biopolitische Programm der Pädagogik Maria Montessoris
- Simon Kunert: ›Hilf mir, es selbst zu tun‹ Zur Ausstrahlungskraft des Freiheitsbegriffs Maria Montessoris
- Sabine Seichter: Maria Montessoris Traum vom perfekten Kind
- Hélène Leenders: Normalität, Gesundheit und Freiheit. Die Montessori-Pädagogik im faschistischen Italien
- Jürgen Oelkers: Montessoris Strategien der Vermarktung
Abgeschlossen wird der Band durch Literaturverzeichnis, Endnoten sowie ein Autor:innenverzeichnis.
Inhalt
Der Sammelband versammelt mehrere Beiträge, die zentrale Annahmen der Montessori-Pädagogik aus historischer, erziehungswissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Perspektive untersuchen. Besonders hervorzuheben sind die Beiträge von Winfried Böhm, Malte Brinkmann, Simon Kunert und Hélène Leenders, die unterschiedliche Aspekte des Montessori'schen Denkens beleuchten.
Winfried Böhm rekonstruiert die theoretischen Grundlagen der Montessori-Pädagogik und ordnet diese in die wissenschaftlichen Diskurse ihrer Entstehungszeit ein. Er zeigt, dass Maria Montessori ihre pädagogischen Grundannahmen bereits vor der Arbeit im „Casa dei Bambini“ entwickelt hatte. Nach Böhm stehen ihre Überlegungen in engem Zusammenhang mit bevölkerungswissenschaftlichen, anthropologischen und hygienischen Denkfiguren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Montessori erscheint damit weniger als Praktikerin, die ihre Methode aus konkreter pädagogischer Erfahrung entwickelte, sondern vielmehr als Theoretikerin, die bereits über ein weitgehend ausgearbeitetes Konzept verfügte.
Malte Brinkmann untersucht in seinem Beitrag „Normalisierung, Disziplin und Hygiene. Das biopolitische Programm der Pädagogik Maria Montessoris“ die pädagogischen Übungen Montessoris am Beispiel der bekannten Einsatzzylinder. Diese Übungen dienen nach seiner Darstellung nicht in erster Linie dem Erwerb einzelner Fertigkeiten, sondern der Ausbildung bestimmter Haltungen und Verhaltensweisen. Die Materialien ermöglichen eine unmittelbare Fehlerkontrolle und sollen Konzentration, Selbstdisziplin und Selbststeuerung fördern. Brinkmann beschreibt die vorbereitete Umgebung als zentrales Element der Montessori-Pädagogik. Die Materialien sind so gestaltet, dass sie bestimmte Formen des Handelns nahelegen und andere ausschließen. Die Entwicklung des Kindes wird dabei als Entfaltung eines bereits angelegten inneren Bauplans verstanden. Ein weiterer Schwerpunkt des Beitrags liegt auf den Begriffen Normalisierung und Hygiene. Brinkmann zeigt, dass Montessori Erziehung als einen Prozess verstand, der auf die Ausbildung von Disziplin, Ordnung, Gesundheit und sozialer Anpassung abzielt. Dabei rekonstruiert er die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Einflüsse, auf die sich Montessori bezog und arbeitet heraus, wie eng ihre Pädagogik mit zeitgenössischen Vorstellungen von Normalität, Abweichung und sozialer Hygiene verbunden war. Unter Rückgriff auf Michel Foucault interpretiert er die Montessori-Pädagogik als eine Form indirekter Steuerung, bei der Freiheit und Disziplin nicht als Gegensätze erscheinen, sondern miteinander verbunden werden.
Simon Kunert widmet sich in seinem Beitrag „Hilf mir, es selbst zu tun. Zur Ausstrahlungskraft des Freiheitsbegriffs Maria Montessoris“ dem bis heute wirkmächtigen Freiheitsverständnis Montessoris. Er untersucht, welche Bedeutung Begriffe wie Freiheit, Selbstständigkeit und Entwicklung innerhalb der Montessori-Pädagogik besitzen und wie sie zu ihrer anhaltenden Popularität beitragen. Kunert zeigt, dass der Freiheitsbegriff Montessoris eng an die Vorstellung eines inneren Bauplans und festgelegter Entwicklungsphasen gebunden ist. Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die Wahl zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten, sondern die ungestörte Entfaltung einer bereits angelegten Natur. Darüber hinaus arbeitet Kunert heraus, dass viele zentrale Begriffe der Montessori-Pädagogik eher programmatischen Charakter besitzen und häufig weder theoretisch noch empirisch begründet werden. Die vorbereitete Umgebung erhält auch bei ihm eine zentrale Bedeutung: Sie soll die Entwicklung des Kindes ermöglichen, zugleich aber den Umgang mit den Materialien in klaren Bahnen halten. Kunert beschreibt die Montessori-Pädagogik deshalb als ein Konzept, das Selbststeuerung und pädagogische Lenkung miteinander verbindet. Abschließend diskutiert er die Anschlussfähigkeit dieses Ansatzes an moderne Formen der Selbstführung und Leistungsorientierung.
Hélène Leenders untersucht die Entwicklung und Rezeption der Montessori-Pädagogik im faschistischen Italien. Sie arbeitet heraus, welche Rolle Vorstellungen von Normalität, Gesundheit und Freiheit in diesem Kontext spielten und zeigt, weshalb sich bestimmte Elemente der Montessori-Pädagogik mit den politischen und gesellschaftlichen Zielsetzungen des italienischen Faschismus verbinden ließen. Dabei versteht sie diese Anschlussfähigkeit jedoch nicht als ein der Montessori-Pädagogik immanentes faschistisches Phänomen. Vielmehr wird deutlich, dass die Montessori-Pädagogik aufgrund ihres Fokus auf die individuelle Entwicklung des Kindes, die Entfaltung eines angenommenen inneren Bauplans sowie die Arbeit an den eigenen Fähigkeiten eine hohe Anschlussfähigkeit an unterschiedliche weltanschauliche und politische Strömungen besitzt.
Auch Sabine Seichter verweist darauf, dass sich Montessori'sche Konzepte historisch nicht nur mit faschistischen, sondern ebenso mit katholischen, reformpädagogischen oder anderen politischen und gesellschaftlichen Strömungen verbinden ließen. Die besondere Anschlussfähigkeit der Montessori-Pädagogik erscheint damit selbst als ein zentrales Ergebnis der im Sammelband versammelten Analysen.
Diskussion
Der Sammelband verfolgt ausdrücklich das Ziel, etablierte Deutungen der Montessori-Pädagogik kritisch zu hinterfragen. Bereits die Einleitung macht deutlich, dass die Autorinnen und Autoren nicht an einer weiteren Würdigung Maria Montessoris interessiert sind, sondern an einer Rekonstruktion der ideengeschichtlichen, wissenschaftlichen und politischen Voraussetzungen ihres Denkens.
Eine besondere Stärke des Bandes liegt in der konsequenten Arbeit mit historischen Quellen. Die Beiträge zeigen nachvollziehbar auf, dass zentrale Elemente der Montessori-Pädagogik nicht losgelöst von den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen ihrer Entstehungszeit betrachtet werden können. Insbesondere die Bezüge zu Eugenik, Sozialhygiene, biologischem Determinismus und zeitgenössischen Vorstellungen von Normalität und Abweichung eröffnen Perspektiven, die in der populären Montessori-Rezeption häufig ausgeblendet werden.
Hervorzuheben sind insbesondere die Beiträge von Malte Brinkmann, Hélène Leenders und Simon Kunert. Ihnen gelingt es, verbreitete Begriffe wie Freiheit, Selbstständigkeit oder Kindzentrierung einer kritischen Analyse zu unterziehen und auf innere Widersprüche sowie problematische Voraussetzungen hinzuweisen. Dadurch wird deutlich, dass viele heute positiv besetzte Montessori-Begriffe kritisch auf ihre Vereinbarkeit mit demokratischen und pluralistischen Bildungsverständnissen hin befragt werden müssen.
Zugleich liegt hierin auch eine mögliche Schwäche des Sammelbandes. Die Beiträge konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf kritische Rekonstruktionen und problematische Aspekte. Leserinnen und Leser, die nach einer ausgewogenen Gesamtbewertung der Montessori-Pädagogik suchen, könnten die Darstellung daher als einseitig wahrnehmen. Der Band versteht sich jedoch erkennbar nicht als Einführung in die Montessori-Pädagogik, sondern als kritische Intervention in eine Debatte, die Montessori häufig nahezu ausschließlich positiv bewertet.
Gerade deshalb stellt die Veröffentlichung einen wichtigen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Diskussion dar. Sie erinnert daran, dass pädagogische Konzepte nicht allein anhand ihrer gegenwärtigen Popularität oder ihrer praktischen Attraktivität beurteilt werden sollten, sondern auch hinsichtlich ihrer theoretischen Voraussetzungen, ihrer historischen Entstehungskontexte und ihrer gesellschaftlichen Anschlussfähigkeiten kritisch zu reflektieren sind.
Fazit
Der Sammelband bietet eine fundierte und quellenreiche Auseinandersetzung mit den historischen, wissenschaftlichen und politischen Grundlagen der Montessori-Pädagogik. Die Beiträge stellen verbreitete Montessori-Mythen infrage und eröffnen neue Perspektiven auf Begriffe wie Freiheit, Kindzentrierung und Selbstständigkeit. Für Leser:innen mit Interesse an erziehungswissenschaftlicher Theorie und Ideengeschichte stellt das Buch eine anregende und diskussionswürdige Lektüre dar.
Rezension von
Sascha Omidi
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