Kathinka Beckmann, Thora Ehlting et al.: Einführung in den Kinderschutz
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 27.08.2025
Kathinka Beckmann, Thora Ehlting, Sophie Klaes: Einführung in den Kinderschutz. Gefährdungslagen erkennen und professionell handeln.
Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH
(Göttingen) 2025.
208 Seiten.
ISBN 978-3-8252-6397-3.
D: 22,00 EUR,
A: 22,70 EUR,
CH: 29,50 sFr.
Reihe: UTB - 6397.
Thema
Inhalte zum Kinderschutz sind bislang weder in der Erzieher:innenausbildung noch im Lehramtsstudium und überraschenderweise auch nicht im Studium der Sozialen Arbeit verbindlich integriert. Das Buch will diese Lücke schließen und (angehenden) Fach- und Lehrkräften Grundlagen zum Kinderschutz an die Hand geben. Einen Schwerpunkt bildet das Erkennen von Gefährdungslagen im pädagogischen Alltag (z.B. in Kita, Jugendhilfe oder Schule). Das Verstehen und Einordnen kindlicher Verhaltensweisen als Alarmsignale für verschiedene Formen von Gewalterleben wird an Beispielen aus der Praxis erläutert. Zudem wird der Schutzauftrag entlang der rechtlich gerahmten Rolle im pädagogischen Berufsfeld vorgestellt, zu der auch die Implementierung eines institutionellen Schutzkonzepts gehört. Daneben skizzieren Kathinka Beckmann, Thora Ehlting und Sophie Klaes die historische Entstehung des Kinderschutzes in Deutschland und liefern Erklärungszugänge für die Umsetzungsschwierigkeiten bei der Unterstützung von Kindern und Familien in der Politik. Die Beteiligung der Kinder ist als Leitperspektive ein zentrales Element.
Autorinnen
Prof. Dr. Kathinka Beckmann ist seit 2010 Professorin an der Hochschule Koblenz, wo sie seit 2015 den Studienschwerpunkt Kinderschutz & Diagnostik im Master Kindheits- und Sozialwissenschaften leitet. 2018 erhielt sie den Gert-Unterberg-Preis für besonderes Engagement im Kinderschutz. Seit 2020 ist sie eine von vier Gastgebenden im Kinderschutz-Podcast (kinderschutz-podcast.de) sowie seit Jahren Sachverständige in mehreren Landtagen zu Kinderschutz-Angelegenheiten. Thora Ehlting, M.A., arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben (Konzepte und Methoden in Sozialen Professionen) an der Hochschule Koblenz und lehrt dort in den Bachelor- und Masterstudiengängen u.a. Kinderschutz. Darüber hinaus promoviert sie zum Thema Kinder als Akteure im Kinderschutz und hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Erzieherin und Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe, der Gewaltschutzberatung sowie in psychosozialer Prozessbegleitung und systemischer Beratung. Sophie Klaes, M.A., arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben (Kinder- und Jugendhilfe) an der Hochschule Koblenz und lehrt dort in den Bachelor- und Masterstudiengängen u.a. Kinderschutz. Darüber hinaus promoviert sie zur Perspektive von Lehrenden auf berufsbegleitende kindheitspädagogische Studiengänge und hat 11 Jahre Berufserfahrung als Erzieherin und Sozialpädagogin.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in fünf Oberthemen. Im ersten Kapitel Kinderschutz hat eine Geschichte erzählen die Autorinnen, wie sich das Thema Kinderschutz überhaupt erst entwickelt und die Bedeutung bekommen hat, die es heute hat. Dabei wird zum Beispiel auch das Geheimnis gelüftet, inwieweit der Tierschutz für den Kinderschutz eine bedeutende Rolle spielte – eine durchaus überraschende Erkenntnis im Übrigen. In diesem Kapitel wird darüber hinaus auch aufgezeigt, wie sich die Jugendhilfe von der reinen Wohlfahrt zum heutigen Unterstützungssystem im Rahmen des Sozialrechts entwickelt hat. Mitten in die Praxis startet das zweite Kapitel unter der Überschrift Gefährdungslagen in Ihrem Alltag erkennen. Was sind überhaupt Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdungen und welche Formen der Gewalt gibt es, die für ein Kind traumatische Erfahrungen nach sich ziehen können. Die hohe Kunst für Fachkräfte ist es, Anzeichen für ein Erleben von Gewalt und/oder Vernachlässigung im Alltag zu erkennen. Denn nicht immer gibt es deutliche ‚Beweise‘, was in diesem Kapitel sehr ausführlich am Beispiel von Versorgungsdefiziten erklärt wird. Denn Kindeswohlgefährdung besteht nicht immer aus aktivem Handeln, sondern häufig auch aus Unterlassen. Ein großer Teil des Kapitels widmet sich der sexualisierten Gewalt und ihren so mannigfachen Erscheinungsweisen – die kommt nämlich nicht nur durch Erwachsene vor, sondern durchaus auch unter Gleichaltrigen. Großen Wert legen die Autorinnen in diesem Kapitel auch auf das Recht auf Mitwirkung und Beteiligung der Minderjährigen.
Kinderschutz rechtlich gerahmt lautet der Titel des dritten Kapitels, in dem – ganz wichtig – auch deutlich herausgestellt wird, wie der Schutzauftrag und die eigene Rolle der Leser:innen zusammenhängen. Wichtig in dem Fall: Es geht nicht darum, eine Gewalthandlung oder ähnliches gegen ein Kind zweifelsfrei zu beweisen, sondern in der Regel um Prognosen. Dafür ist die Gefährdungseinschätzung im Sinne des § 8a SGB VIII ein zentrales Element, das in diesem Kapitel großen Raum einnimmt. Außerdem geben die Autor:innen wichtige Hinweise, wie Kinder und Jugendliche aber auch Eltern in eben jene Gefährdungseinschätzung einbezogen werden können. Dafür ist es wichtig, Kinder gut zu beobachten, aber auch, Gespräche sowohl mit den Minderjährigen als auch den Sorgeberechtigten – in der Regel also den Eltern – zu führen.
Ein wichtiger Baustein im Kinderschutz sind auch Prävention, Intervention und Nachsorge durch institutionelle Schutzkonzepte, so die Überschrift des vierten Kapitels. Denn auch das gehört zu einem gelingenden Kinderschutz, da Gefährdungen nicht nur im privaten Raum der Kinder und Jugendlichen stattfinden. Dass diese dabei sowohl durch andere Klient:innen als auch durch Fachkräfte verursacht werden können, erläutern die Autor:innen zum Einstieg. Um das Risiko für solche Fälle im besten Fall zu minimieren beziehungsweise zu wissen, was im Fall der Fälle getan werden muss, sind Schutzkonzepte erforderlich, deren Erarbeitung anhand wichtiger Bausteine – wie zum Beispiel eine Risikoanalyse – beschrieben wird. Auch hier sollten die Klient:innen mit einbezogen werden.
Das fünfte Kapitel Kinderschutz spart Geld verlässt die konkrete Ebene und wechselt zu einem etwas abstrakteren Inhalt, wobei auch der wieder an Beispielen erläutert wird. So erkennen die Leser:innen, dass Jugendämter als kommunale Behörde von der finanziellen Lage der jeweiligen Stadt abhängig sind, was zumindest theoretisch keinen Einfluss auf die zu gewährende Hilfe haben darf – in der Praxis aber eben doch leider recht häufig. So werden Hilfen viel zu früh beendet oder nicht in dem individuell geeignet und notwendigen Rahmen erbracht, um Kosten zu sparen. Warum das so ist und wie überhaupt ein Jugendamt in die behördliche Struktur eingebunden ist, wird in diesem Kapitel erklärt, das außerdem aufzeigt, warum ein personell und finanziell gut aufgestelltes Jugendamt am Ende höhere Kosten auf die Dauer verhindern kann. Die Not, in denen sich viele Fachkräfte die in den Jugendämtern befinden, weil Stellen nicht besetzt sind und die Arbeit immer mehr wird, findet hier ebenfalls Niederschlag – ein Thema, bei dem Kathinka Beckmann absolute Expertin ist.
Diskussion
Kinderschutz ist nicht mal ‚eben so‘ zu lernen und umzusetzen. Umso erschreckender ist es, dass es in der Berufsausbildung und den Studiengängen für all jene Menschen, die direkt mit Kindern arbeiten, keine Verpflichtung ist, entsprechende Kurse zu belegen – was eh gar nicht ginge, weil es nur in wenigen Studiengängen in Deutschland überhaupt entsprechende Angebote gibt. Nun lässt sich Kinderschutz im Prinzip gut in einer Gruppe durch gemeinsames Diskutieren und Einordnen lernen und nicht bloß durch ein Buch – zumindest im Prinzip. Denn dieses Buch bietet mit all der Erfahrung und Kompetenz der Autorinnen einen optimalen Einstieg in diesen anspruchsvollen und verantwortungsvollen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen werden nachvollziehbar erklärt und auf praktische Fälle angesetzt, auch die Visualisierung ist hervorragend. Transferfragen tragen dazu bei, das zuvor Gelesene auf den eigenen beruflichen Erfahrungshorizont anzuwenden. Dieser Titel, dann auch noch zu einem erschwinglichen Preis, ist ein perfekter Einstieg, um ein Grundlagenwissen für das Thema Kinderschutz zu generieren. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Leser:innen von den Inhalten profitieren, was am Ende im Fall der Fälle auch eventuell gefährdeten Kindern zugute kommen würde. Der öffentlichen Diskussion um die (finanzielle) Ausstattung der Jugendämter kommt auf jeden Fall zugute, dass die Autorinnen im letzten Kapitel sehr klar und direkt den Finger in die Wunde legen und zeigen, was häufig schief läuft.
Fazit
Eine finanziell erschwingliche und trotzdem fachlich hoch ansprechende Einführung in den Kinderschutz – für alle Studierenden und Berufseinsteiger:innen, die mit Kinderschutz in Berührung kommen, ein absolutes Muss!
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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