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Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch Mobile Methoden in der Sozial- und Raumforschung

Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 26.09.2025

Cover Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch Mobile Methoden in der Sozial- und Raumforschung ISBN 978-3-8252-6513-7

Matthias Naumann, Anke Strüver (Hrsg.):Handbuch Mobile Methoden in der Sozial- und Raumforschung. transcript (Bielefeld) 2025. 320 Seiten. ISBN 978-3-8252-6513-7. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 48,00 sFr.

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Thema

Im Zentrum dieser Publikation von gesammelten Aufsätzen steht die wissenschaftliche Begleitung von Menschen, Objekten und Daten in Bewegung. Die Herausgeber*innen Matthias Naumann und Anke Strüver beleuchten, wie Forschende zu Fuß, per Fahrrad, im Auto oder auf dem Schiff empirische Daten erheben und auswerten können.

Sie konzentrieren sich dabei auf dynamische Forschungsansätze und erläutern Schlüsselkonzepte wie den „Mobility Turn“ (S. 10–13) sowie Methoden der „Go-Alongs“ und „Do-Alongs“ (S. 17–24). Auch historische Methoden wie das urbane Umherschweifen, bekannt als „Dérives“, werden vorgestellt (S. 16).

Das Einführungskapitel beleuchtet die Möglichkeiten und Herausforderungen mobiler Forschung. Die Herausgeber*innen betonen die „wertvollen Einsichten in Mobilitäten und Gesellschafts-Raum-Relationen“ (S. 24). Gleichzeitig weisen sie auf Grenzen hin, die sich aus dem Alter, der körperlichen Fitness oder der Sehkraft der Forschenden ergeben können (S. 24). Zudem werden der hohe Aufwand und die „Frage nach der Aussagekraft“ (S. 26) der gesammelten Daten diskutiert.

Eine Passage aus einem Aufsatz von Heike Marquart (S. 227 – 238), die Christine Wenzl et al. zitiert, fasst das Kernanliegen des Buches treffend zusammen: „Die Flexibilität und die Situation der Personen so mitzuerleben, wie diese sie im Alltag erfahren und wie sie für sie Sinn ergeben, rücken in den Fokus.“ Dieses Zitat verdeutlicht, dass es in der mobilen Forschung darum geht, ein Unterwegssein empathisch mitzuerleben, zu begleiten und zu reflektieren.

Die Herausgeber*innen und die Autor*innen

Herausgegeben wurde die Publikation von Anke Strüver und Matthias Naumann.

Dr. Anke Strüver publizierte in der Vergangenheit u.a. über Smarte Städte, über Gender-Gaps und über das Politische beim Pizza (aus-)liefern. Sie ist als Professorin an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig.

Dr. Matthias Naumann publizierte u.a. über ländliche Utopien, über linke Metropolenpolitik und über unpolitische Umgehungsstraßen. Er ist als Professor an der Universität Würzburg tätig.

Anke Strüver und Matthias Naumann eint die Fähigkeit, die großen Fragen der Gesellschaft im Kleinsten – sei es beim Pizza-Lieferdienst oder in einer Umgehungsstraße – zu finden und in einen geografisch-gesellschaftlichen Gesamtkontext zu stellen. Das Herausgeber*innenteam lässt auf eine interessante, um-die-Ecke-denkende Lektüre hoffen.

Auch die Auswahl der Autor*innen ist interessant. Die Autor*innen sind an Kunsthochschulen ebenso beschäftigt wie im Bereich der Integrations- und Migrationsforschung. Sie sind beschäftigt an Instituten für Geografie und Raumforschung ebenso wie an Instituten für Soziale Arbeit und Sozialpolitik. Ein multiperspektiver Ansatz über die Disziplinen hinweg ist somit gewährleistet.

Entstehungshintergrund

Das Buch schließt eine spürbare Lücke in der deutschsprachigen Fachliteratur. Wie ein Blick in die Literaturverzeichnisse der einzelnen Beiträge zeigt, hat die deutschsprachige Forschung in diesem Bereich Nachholbedarf (man findet in der Publikation fast nur englischsprachige Literaturquellen).

Um die Anwendung mobiler Methoden der Wissenschaftsgemeinschaft zugänglicher zu machen, haben die Herausgeber*innen gezielt Autor*innen versammelt, die jeweils Spannendes aus ihren Fachbereichen zu berichten haben.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile aufgebaut. Alle vier Teile beschreiben mobile Forschungsmethoden. Der erste Teil geht dabei auf die unterschiedlichen Bewegungsformen (Fahrrad, Schiff, Motorradtaxi) ein (S. 43 – 124). Der zweite Teil kombiniert mobile Methoden mit weiteren Zugängen, wie multi-sensorisches Mapping, visuelles und videoethnografisches Vorgehen (S. 127 – 185). Der dritte Teil (S. 189 – 250) kombiniert mobile Methoden mit digitalen Technologien (Instawalking, Virtual Reality und datafizierte Welten). Im letzten und vierten Teil wird auf die Datenauswertung und die Forschungsethik eingegangen (S. 253 – 316).

Inhalt

Es sollen aus der Vielzahl an Artikeln und Aufsätzen die herausgepickt und besprochen werden, die auf ihre ganz eigene Art und Weise ins Auge springen.

Ein Aufsatz aus dem ersten Teil: Motorradtaxis fahren.

Im ersten Teil macht der Aufsatz „Kleine Mobile Räume qualitativ erfassen: Ride Alongs und mobile teilnehmende Beobachtungen bei Motorradtaxifahren“ (S. 77 – 88) neugierig auf mehr. Verfasst hat den Artikel Carsten Müller vom Geografischen Institut der Universität Bayreuth.

Jedem Kapitel, also auch diesem, sind ein paar Schlagworte vorweg gestellt. Die Schlagworte für diesen Artikel lauten: Mobilität, Stadtverkehr, Boda-Bodas, Uganda.

Wer sich also für keines dieser Schlagworte erwärmen kann, sollte den Aufsatz überspringen. Wer sich aber für politische Gespräche jenseits staatlicher und sozialer Kontrolle in Uganda interessiert, lese weiter. Wer sich für die Herausforderungen eines Forschenden auf dem Rücksitz eines Boda-Bodas interessiert, lese ebenfalls weiter.

Man lässt sich hineinziehen in eine Szenerie, hineinziehen in ein Abenteuer. Die Motoren heulen laut auf, es rattert und es knattert. Umgebungsgeräusche geben den Ton an. Ton- und Videoaufnahmen werden durch Geräusche und Bewegungen nahezu unbrauchbar. Die Ko-Präsenz des Forschenden ist ebenfalls eine Herausforderung (Entschuldigen Sie, was machen Sie in meinem Taxi?! Oder anders: Was machen Sie auf meinem Motorradrücksitz?!).

Müller kommt in seinem Artikel auch auf die Begleitung mittels Drohnen zu sprechen. Sollen hier ernsthaft Motorradtaxis mit Drohnen begleitet werden?

In der beschriebenen Fallstudie führt der Forschende im Vorhinein stationäre Interviews mit den Motorradtaxi-Fahrer*innen (in der Realität, so Müller, sind es meist männliche Fahrer).

Müller kombiniert diese Interviews mit Ride-Alongs auf Boda-Bodas, sprich, die Rolle der Passagier*in wird eingenommen. Müller initiiert ein Gespräch mit der Fahrer*in und stimuliert so eine Interaktion.

Aber kann das klappen? Verhält sich die Fahrer*in so, als hätte sie einen handelsüblichen Fahrgast und auf dem Rücksitz und keine/n Forschende/n, die oder der hier die Fragen stellt, die etwas herausfinden und eine These bestätigt haben möchte?

Die Leser*in wird an die Hand und mit auf den Rücksitz auf ein Motorrad in Uganda genommen. Das macht Spaß. Der Aufsatz bietet einen ehrlichen Einblick in die Praxis mobiler Forschung und zeigt, dass die Realität oft komplexer ist als die Theorie. Der Aufsatz verdeutlicht, dass selbst in scheinbar ungeeigneten Situationen wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden können – vorausgesetzt, man ist bereit, sich auf die einzigartigen Herausforderungen des Feldes einzulassen.

Zwei Aufsätze aus der Mitte der Publikation: Instawalking und videoethnografisch eingefangener Ernährungsalltag

Es springt der Aufsatz von Karoline Stöcklmayr ins Auge. Der Aufsatz lautet „Ernährungsalltag videoethnografisch einfangen“ (S. 163- 174). Karoline Stöcklmayr ist tätig am Institut für Geografie und Raumforschung an der Universität Graz.

Der andere Aufsatz, der erwähnt werden soll ist von Victoria Huszka. Er ist überschrieben mit „Instawalking als situativ mobile Methode“ (S. 189 – 204). Victoria Huszka ist tätig am Institut für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn.

Die beiden Aufsätze von Karoline Stöcklmayr und Victoria Huszka haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie verwenden innovative, visuelle und digitale Methoden, um menschliches Verhalten und alltägliche Praktiken zu erforschen.

Beide Ansätze zeigen Möglichkeiten in der modernen Forschung auf: die Integration digitaler Medien in qualitative Studien. Sie bewegen sich weg von rein textbasierten Erhebungen und hin zu (digital-)visuellen Daten, die tiefergehende Einblicke in gelebte Realitäten bieten.

Beide Artikel stechen heraus, weil sie Alltagsphänomene durch unkonventionelle Brillen betrachten. Beide Aufsätze zeigen, wie kreativ und interdisziplinär moderne Sozialforschung sein kann. Sie demonstrieren, dass alltägliche Handlungen und digitale Werkzeuge wertvolle Quellen für wissenschaftliche Erkenntnisse sind.

Ein Aufsatz aus dem vierten und letzten Teil: Obdach- und Wohnungslosigkeit hybrid-mobil erfassen.

Aus dem vierten und letzten Teil der Publikation weckt ein Beitrag über Obdach- und Wohnungslosigkeit das Interesse. Verfasst hat den Artikel Jonas Felder vom geographischen Institut der RWTH Aachen University. Der vollständige Titel des Aufsatzes lautet „Methodische Zugänge zur urbanen Prekarität. Geographien von Obdach- und Wohnungslosigkeit hybrid-mobil erfassen“ (S. 289 – 301). Die angegebenen Schlagworte für diesen Artikel lauten Partizipative Forschung, Empowerment, homeless city und Forschungsethik.

Jonas Felder hat sich zum Ziel gesetzt, die Diversität von Lebensrealitäten obdach- und wohnungsloser Menschen abzubilden. Er arbeitet dabei mit einem Methodenmix, bestehend u.a. aus Smartphone-basierten Methoden, reflexiver Fotografie und Digitalisierung von Go-Alongs.

Die Forschungsethik nimmt allerdings den wesentlichen Teil des Artikels ein. Der Forschungsprozess an sich und die Ergebnisse der Forschung werden weitaus weniger deutlich herausgearbeitet.

Ein Teaser: Von ehemaligen Münzfernsprecher*innen und leer stehenden Internetcafés.

Ein Teaser sei an dieser Stelle noch erlaubt. Der Teaser soll nur einen kleinen Vorgeschmack geben und die Lesenden dazu bringen, sich mit dem vollständigen Inhalt des Aufsatzes „Kritische Infrastrukturspaziergänge in datafizierten Welten“ (S. 239 – 250) zu beschäftigen.

Geschrieben wurde dieser innovative Aufsatz von Pablo Abend (Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle), Finn Dammann (Institut für Geografie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Boris Michel (Institut für Geowissenschaften und Geografie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg).

Es geht in diesem Aufsatz darum, den ausgelegten Spuren zu folgen. Die Spuren von denen hier gesprochen wird, sind Datenströme. Wo beginnen sie, wo enden sie und wo sind ihre technischen Bruchstellen? Verfolgt werden die Wege von Kabeln und die Reichweite von Wi-Fi-Spots im öffentlichen Raum. Überwachungskameras werden aufgespürt und ihrerseits überwacht. Spuren von historischen Elementen, Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, wie der als Bücherbox genutzte ehemalige Münzfernsprecher und das leerstehende Internetcafé, werden ausfindig gemacht, dokumentiert und (zeitgeschichtlich) eingeordnet.

Diskussion

Die Publikation zeigt, wie Forschende durch die Begleitung von Menschen (und Forschungsgegenständen) in Bewegung, wertvolle empirische Daten sammeln können, die in statischen Kontexten unerreichbar wären. Dies gelingt durch eine Auswahl von multiperspektivischen Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen, von der Geografie bis zur Sozialen Arbeit.

Einige Beiträge verdeutlichen, wie visuelle und digitale Methoden den Forschungsprozess unterstützen. Andere Beiträge zeigen auf, dass praktische Herausforderungen die theoretischen (Vor-)Annahmen manchmal auch übersteigen.

Fragen der Forschungsethik werden ebenso diskutiert wie die Machtverhältnisse zwischen Forschenden und Beforschten. Die Publikation verdeutlicht, dass mobile Methoden nicht nur Techniken sind, sondern eine Haltung erfordern, die die dynamischen, oft unvorhersehbaren Realitäten des Feldes anerkennt.

Fazit

Das Handbuch schafft eine Grundlage für die deutschsprachige Forschungslandschaft, indem es die Anwendbarkeit mobiler Methoden praxisnah demonstriert. Die Publikation zeigt, dass mobile Forschung am wirkungsvollsten ist, wenn sie dynamisch, interdisziplinär und verantwortungsbewusst agiert. Die verschiedenen Forschungsansätze beweisen, dass große Erkenntnisse nicht nur in der Bibliothek, nicht nur auf den Schultern von Riesen, sondern manchmal eben auch auf dem Rücksitz des Motorrads, im Getümmel eines Instawalks oder in den technischen Bruchstellen eines Datenkabels zu finden sind.

Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
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Es gibt 7 Rezensionen von Maik Eimertenbrink.

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ISSN 2190-9245