Yannick Liedholz: Nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik
Rezensiert von Mag. Rainald Baig-Schneider, 04.03.2026
Yannick Liedholz: Nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik. Theoretische Grundzüge und Einblicke in die Bildungspraxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 291 Seiten. ISBN 978-3-8474-3170-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Thema
Yannick Liedholz beschäftigt sich mit der theoretischen Fundierung und praktischen Umsetzung einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik. Er verknüpft damit zwei Konzepte, die bisher kaum zusammengedacht wurden: die Erlebnispädagogik und die Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE).
Autor
Yannick Liedholz ist Autor bzw. Mitherausgeber der Bücher „Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel“ (Liedholz 2021, 2. Auflage: 2025) sowie „Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit“ (Liedholz/​Verch 2023). Im Jahr 2025 hat er seine Promotion an der Freien Universität Berlin abgeschlossen. Seit September 2023 ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Klimagerechtigkeit, Nachhaltigkeit und BNE an der Alice Salomon Hochschule Berlin beschäftigt. Als Sozialarbeiter war er u.a. in der Offenen Kinder‑ und Jugendarbeit tätig, mit Schwerpunkt auf nachhaltiger und erlebnispädagogischer Bildungsarbeit.
Inhalt
Yannick Liedholz beschäftigt sich mit der theoretischen Fundierung und praktischen Umsetzung einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt darauf, die Erlebnispädagogik mit der Bildung für Nachhaltige Entwicklung neu zusammenzudenken. Als wesentliche Bezugspunkte dienen dem Autor transformative und (differenz-)ästhetische Bildungstheorien. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei die Bildungspotenziale von Körper und Leib. Das bisherige Naturverständnis der Erlebnispädagogik fordert er mit dem Ansatz einer anthropogenen Natur heraus, der an die Anthropozän-Debatte im Nachhaltigkeitsdiskurs anknüpft.
Mit den theoretischen Grundzügen einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik werden zugleich Grundcharakteristika der allgemeinen Erlebnispädagogik berührt. In der Einleitung zeigt Yannick Liedholz auf, dass es hier wesentliche Lücken gibt, z.B. hinsichtlich einer veralteten Positionierung zu den Begriffen Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsbildung und der fehlenden stringenten, (bildungs-)theoretischen Verortung von Erlebnispädagogik. Dies wird auch im vermeintlichen Kerngebiet der Erlebnispädagogik, nämlich hinsichtlich der Bildungspotenziale von körperlich-leiblichen Erfahrungen im Naturraum, sichtbar.
In dieser Arbeit geht es darum, die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik zu entwerfen – in Bezug auf den aktuellen Stand der Nachhaltigkeitsbildung und unter kritischer Berücksichtigung der Grundcharakteristika der Erlebnispädagogik. Oder wie es der Autor ausführt: Es wird „die Zusammenführung von Erlebnispädagogik, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, transformativen und (differenz-)ästhetischen Bildungstheorien sowie leib‑ und körpersoziologischen Ansätzen“ (Liedholz 2025, S. 15) angestrebt. Da die „im Zentrum stehenden Fragen nach dem Bildungs‑ und Naturverständnis gleichfalls den Kern der Erlebnispädagogik betreffen“ (ebd., S. 12), wird diese Arbeit auch von der Hoffnung getragen, dass er den allgemeinen erlebnispädagogischen Diskurs theoretisch weiterentwickeln kann.
Entstehungshintergrund
Schon in seiner 2021 erschienen und seit 2025 in zweiter Auflage vorliegenden Publikation „Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel. Perspektiven und Handlungsspielräume“ (Liedholz2025) wendet sich Yannick Liedholz dem Umgang mit dem Klimawandel in der Praxis der Sozialen Arbeit zu. Dabei diskutiert er unter anderem gesellschaftspolitische und pädagogische Handlungsspielräume der Sozialen Arbeit. Um die sich verschärfende Klimakrise zu bewältigen, müssten die gesellschaftspolitischen Handlungsspielräume (z.B. Umsetzung von Klimagerechtigkeit, Beteiligung an einer Postwachstumsökonomie, das Austragen von Klimakonflikten) ernst genommen werden, auch wenn dies sehr herausfordernd anmutet (vgl. Valentin 2024). Zweitens sieht er pädagogische Handlungsspielräume der Sozialen Arbeit anhand der Bildungskonzepte Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und ökologisch orientierter Erlebnispädagogik. In diesem Sinne kann man das vorliegende Werk als eine stringente Fortführung dieser Überlegungen betrachten. Es basiert auf der Dissertation von Yannick Liedholz an der Freien Universität Berlin.
Aufbau
Das Buch umfasst insgesamt 7 Kapitel. In diesen werden in Anschluss an die „Grundcharakteristika“ der Erlebnispädagogik die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik bildungstheoretisch entworfen.
Im ersten Kapitel werden sehr detailliert das Ziel und die Vorgehensweise dieser Arbeit vorgestellt. Es werden der Stand des Diskurses von Nachhaltigkeit und Erlebnispädagogik pointiert zusammengefasst und anhand dessen die leitenden Forschungsfragen benannt. Es „soll eine Spur im Diskurs der Erlebnispädagogik hinterlassen werden“ (ebd., S. 13). Gleichzeitig soll mit dieser Arbeit auch das Konzept der Bildung für Nachhaltige Entwicklung punktuell weiterentwickelt werden.
Im zweiten Kapitel erschließt Yannick Liedholz zentrale Elemente der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Dabei zeigt er zugleich Lücken im BNE-Diskurs auf (z.B. bei leiblichen, ästhetischen und naturphilosophischen Fragen), die im Zusammendenken mit der Erlebnispädagogik behoben werden könnten.
Im dritten Kapitel, dem Herzstück der Arbeit, entfaltet der Autor in Bezug auf die Grundcharakteristika der Erlebnispädagogik die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik. Dabei begründet er nacheinander ihr Bildungs-, Natur‑ und Nachhaltigkeitsverständnis, bevor er das Kapitel mit einer Definition abschließt.
Im vierten Kapitel zeigt Yannick Liedholz, orientiert am Whole Institution Approach der BNE, praktische Umsetzungsmöglichkeiten für eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik auf. Er diskutiert die strukturelle Gestaltung von Erlebnispädagogikangeboten nach ökologischen und sozialen Kriterien. Er skizziert beispielhafte Aktivitäten einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik und interpretiert die Umweltbaustellen des erlebnispädagogischen Diskurses als Suffizienz‑ und Subsistenzprojekte neu.
Im fünften Kapitel wird die enge Verbindung von Sozialer Arbeit und Erlebnispädagogik für die nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik fruchtbar gemacht. Sie wird unter anderem in der Kinder‑ und Jugendhilfe verortet.
Im sechsten Kapitel werden die in der Einleitung vorgestellten Forschungsfragen beantwortet und Forschungsdesiderate benannt. Unter anderem wird die empirische Untersuchung von transformativen und (differenz-)ästhetischen Bildungsprozessen im Rahmen einer (nachhaltigkeitsbildenden) Erlebnispädagogik als bedeutsam hervorgehoben.
Das siebte Kapitel beinhaltet das umfangreiche Literaturverzeichnis und beschließt die Arbeit.
Inhalt
Kapitel 1: Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
Zu Beginn wird der Diskurs von Nachhaltigkeit und Erlebnispädagogik entlang folgender Stränge betrachtet:
- Erlebnispädagogik und ökologische Verträglichkeit
- nachhaltigkeitsbezogene Bildungspotenziale von Erlebnispädagogik
- gesellschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten der Erlebnispädagogik.
Dabei werden folgende grundständige Defizite im Diskurs postuliert (ebd., S. 9ff).
- Erstens ist er an vielen Stellen veraltet […]
- Zweitens wird der Nachhaltigkeitsdiskurs fragmentarisch geführt.
- Drittens fällt auf, dass die neueren Veröffentlichungen mit Nachhaltigkeitsbezügen überwiegend aus der Praxis der Erlebnispädagogik stammen.
Dementsprechend will Yannick Liedholz mit seiner Ausarbeitung „einen Entwurf einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik“ liefern, der „ein Grundlagenwerk auf der Höhe der Zeit und des (nachhaltigkeitsbildenden) Diskurses“ (ebd., S. 11) darstellt. Im Vordergrund stehen die Gegenstandsbereiche Bildung, Natur und Nachhaltigkeit.
Daraus ergeben sich für Yannick Liedholz fünf leitende Forschungsfragen:
- Inwiefern kann transformative Bildungstheorie als zentrale Bildungstheorie einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik verstanden werden?
- Wie lässt sich (differenz-)ästhetische Bildungstheorie mit transformativen Bildungsbezügen verbinden?
- Inwiefern kann eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik zur Förderung von Gestaltungskompetenz beitragen?
- Welche Verständnisse von und Perspektiven auf Natur als Bildungsort sind leitend?
- Welches Verständnis von Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltiger Entwicklung bietet sich bevorzugt an?
Der Horizont dieser Arbeit geht allerdings darüber hinaus, denn
- die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik behandeln generelle Grundzüge der Erlebnispädagogik und
- die im Zentrum stehende Fragen nach dem Bildungs‑ und Naturverständnis entsprechen gleichsam den Kern der Erlebnispädagogik.
Damit verbindet der Autor die Hoffnung, dass eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik vielleicht einen breitenwirksamen Impuls auf die Erlebnispädagogik ausüben kann.
Dieser Impuls speist sich aus einem wissenschaftlichen Zugang zur Erlebnispädagogik und wird primär von bildungstheoretischen sowie leib‑ und körpersoziologischen Ansätzen geleitet. (ebd., S. 12). Damit knüpft er an kritische Positionen in der Erlebnispädagogik an (z.B. Becker 2007, Winkler 2007, Schott 2009, Späker 2020, Wahl 2021). So hält Wahl zum Beispiel fest, dass wissenschaftlich noch nicht ausreichend geklärt ist, „was die Erlebnispädagogik als solche charakterisiert“ (Wahl 2021, S. 11). Bei den drei Gegenstandsbereichen Bildung, Natur und Nachhaltigkeit will Yannick Liedholz dazu beitragen, die von Wahl monierte „Theorielosigkeit der Erlebnispädagogik“ (Liedholz 2025, S. 13) anteilig zu beheben
Kapitel 2: BNE-Diskurs als theoretische Grundlage
Yannick Liedholz erschließt in diesem Kapitel zentrale Stränge des BNE-Diskurses, um einen Horizont für die Entwicklung einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik sichtbar zu machen. Hinsichtlich des Bildungsverständnisses behandelt er ausführlich das Gestaltungskompetenzkonzept von Haan (Haan 2008) und transformative Bildungsansätze in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung. In puncto Nachhaltigkeit und Nachhaltiger Entwicklung fokussiert er die Unterscheidung von starker und schwacher Nachhaltigkeit, die im BNE-Diskurs virulent ist. Dabei stützt er sich auf deutschsprachige und internationale Theoretiker*innen. Gleichzeitig identifiziert er Lücken im BNE-Diskurs, besonders bei leiblichen, ästhetischen und naturphilosophischen Fragen. Die Erlebnispädagogik kann somit durch ihre spezifischen Zugänge zur Weiterentwicklung der BNE beitragen.
Kapitel 3: Hauptkapitel – Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik
Dieses von Yannick Liedholz selbst als „Hauptkapitel“ bezeichnete Herzstück zielt auf eine integrale Verflechtung von (transformativer) BNE und Erlebnispädagogik ab. Es entfaltet die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik.
Kapitel 3.1: Bildungsverständnis: Das Bildungsverständnis der Erlebnispädagogik sieht der Autor durch ein ganzheitliches, handlungsorientiertes Lernen, Herausforderungen und Gruppenprozesse charakterisiert. Dies bringt er mit transformativen und differenzästhetischen Bildungstheorien zusammen, wobei er den Bildungspotenzialen von Körper und Leib besondere Beachtung schenkt.
Kapitel 3.1.1: „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“: Trotz der Popularität dieser Metapher erfolgt in der erlebnispädagogischen Literatur selten eine vertiefte Betrachtung von Körper und Leib. Wahl folgt als einer der wenigen einer leibphänomenologischen Perspektive und bereitet damit das Feld für die Auseinandersetzung mit Körper‑ und Leiberfahrungen in der Erlebnispädagogik. Viele Erfahrungsweisen lassen sich zum Beispiel erst mit den Varianten leiblicher Kommunikation nach Hermann Schmitz (vgl. Schmitz 2011) erklären. Yannick Liedholz schärft diese leibphänomenologischen Betrachtungen von Wolfgang Wahl (vgl. Wahl 2024) nach und verbindet sie mit den Theorien eines Körperwissens bzw. eines leiblichen Wissens. Körper und Leib rücken damit als Produzenten und Speicher von Wissen in das Blickfeld.
Kapitel 3.1.2: Transformative Bildung: Yannick Liedholz zeigt Parallelen zwischen transformativen Bildungstheorien und erlebnispädagogischen Ansätzen auf. Deutlich wird das unter anderem beim Lernzonenmodell und beim erlebnispädagogischen Lernzyklus. Bisher kaum theoretisch reflektiert, arbeitet die Erlebnispädagogik oft nach transformativen Bildungsansätzen (z.B. Mezirow 1997; Koller2012). Die Erlebnispädagogik schafft desorientierende Situationen, sie provoziert ein Ungleichgewicht und will über die Reflexion eine Transformation von Welt‑ und Selbstverhältnissen anstoßen.
Kapitel 3.1.3: Differenzästhetische Bildung: Ästhetische Bildungstheorien werden bisher in der Erlebnispädagogik kaum beachtet. Auch im BNE-Diskurs sind sie eine Randerscheinung. Dabei beschreiben sie Bildungsprozesse, in denen sich die sinnliche Wahrnehmung und Erkenntnis gewissermaßen vor das Denken stellt. Anhand der differenzästhetischen Konzeption von Verch (vgl. Verch 2017) und Böhme (vgl. Böhme 2001) macht Yannick Liedholz eine differenzästhetische Bildung für eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik fruchtbar. Es sind vor allem jene ästhetischen Erfahrungen relevant, die vom Gewohnten abweichen und den Habitus (potenziell) irritieren. Stärker als Verch diskutiert der Autor aber zudem ästhetische Erfahrungen, die affirmativ wirken und damit bestehende ästhetische Erkenntnisse bekräftigen.
Kapitel 3.1.4: Gestaltungskompetenz: Das Konzept der Gestaltungskompetenz von Haan (vgl.Haan 2008) beinhaltet zwölf Teilkompetenzen. Die Erlebnispädagogik bietet auf der Basis ihrer Handlungsorientierung, ihres Gruppenbezugs, der Herausforderungen und der Gruppenselbststeuerung günstige Voraussetzungen für den Erwerb dieser. Der Autor veranschaulicht dies anhand von zwei erlebnispädagogischen Projekten. Allerdings entsteht Gestaltungskompetenz nicht automatisch, sondern erfordert die explizite Verbindung mit Nachhaltigkeitsthemen.
Kapitel 3.2: Naturverständnis
3.2.1 Anthropogene Natur: Yannick Liedholz entwickelt ein konstruktivistisches Naturverständnis, das sich von naiven Naturvorstellungen absetzt. Gestützt auf Böhme argumentiert er, dass praktisch keine unberührte Natur mehr existiert. Mehr noch: durch den hochtechnologischen Zugriff gebe es keine prinzipiellen Grenzen mehr der Herstellbarkeit von Natur. Dies habe die Erlebnispädagogik zu reflektieren und zu bearbeiten. Er identifiziert in Bezug auf Baig-Schneider (vgl. Baig-Schneider 2012) vier problematische Naturverständnisse in der Erlebnispädagogik (pädagogische Provinz, Heilmittel, Lehrmeisterin, inhärente Wirkung). Sein Gegenkonzept betont die kulturelle Vermittlung und soziale Konstruiertheit von Natur.
3.2.2: Bildungsmomente: Yannick Liedholz positioniert sich zwischen Naturromantik und reinem Konstruktivismus: Naturerfahrungen sind bedeutsam und wirkmächtig, werden aber erst durch die Reflexion von transformativen und ästhetischen Bildungsmomenten fruchtbar. Naturerfahrungen als leiblich-ästhetische Differenzerfahrungen können – kritisch reflektiert – zu Transformationen von Naturverhältnissen führen. Über naturästhetische Intuitionen kann man zum Beispiel Stand gewinnen gegenüber eher herrschaftlichen Naturzugängen, wie sie in der kapitalistischen Lebens‑ und Wirtschaftsweise dominant werden. Dies erfordert bewusste Gestaltung, Reflexionsräume und die Verbindung zu nachhaltigkeitspolitischen Fragen
3.3: Nachhaltigkeitsverständnis
3.3.1: Starke Nachhaltigkeit als favorisiertes Nachhaltigkeitskonzept: Der Autor positioniert die nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik in Richtung starker Nachhaltigkeit. Wenn die Erlebnispädagogik ästhetischen Naturerfahrungen ein hohes Bildungspotenzial zuschreibt, dann geht sie – wie das Konzept starker Nachhaltigkeit – von einer Nichtsubsituierbarkeit von Naturbeständen aus.
3.3.2: Zum Verhältnis von Nachhaltigkeitsbildung und Nachhaltigkeitspolitik: Um einer Individualisierung der Nachhaltigkeitsverantwortung im Zuge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik nicht das Wort zu reden, betrachtet Yannick Liedholz ausführlich das Spannungsfeld von Nachhaltigkeitsbildung und Nachhaltigkeitspolitik. Dahingehend thematisiert er auch mögliche Grenzen des Bildungsbereichs bei der Bearbeitung von gesellschaftlichen Nachhaltigkeitskrisen.
3.4: Definition
Basierend auf den vorherigen Schritten präsentiert Yannick Liedholz am Ende des Kapitels eine Definition:
„Eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik ist ein Bildungskonzept, das Menschen durch die Inszenierung herausfordernder Situationen – vornehmlich in außeralltäglichen Räumen ‚anthropogener Natur‘ und in Umweltbaustellen – transformative und (differenz-) ästhetische Bildungsprozesse ermöglichen will. Sie setzt besonders auf ein körperlich-leibliches Erleben, eine Handlungsorientierung, eine Gruppenselbststeuerung und eine (nachhaltigkeitsbezogene) Reflexionskultur. Menschen sollen dadurch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert und dazu befähigt werden, gestaltungskompetent an einer Nachhaltigen Entwicklung mitwirken zu können“ (Liedholz 2025, S. 208).
Kapitel 4: Bildungspraxis einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik
Orientiert am Whole Institution Approach zeigt der Autor praktische Umsetzungsmöglichkeiten auf: Strukturgestaltung nach ökologischen und sozialen Kriterien, Bildungsangebote zur Förderung von Gestaltungskompetenz, neue Projektformate mit Fokus auf Suffizienz und Subsistenz sowie kritische Betrachtung klassischer erlebnispädagogischer Aktivitäten aus Nachhaltigkeitsperspektive.
Kapitel 5: Soziale Arbeit und nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik
Die enge Verbindung von Sozialer Arbeit und Erlebnispädagogik wird für die nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik veranschaulicht, insbesondere für die Arbeit mit Jugendlichen und die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit.
Kapitel 6: Fazit
Die Forschungsfragen werden zusammenfassend beantwortet und Forschungsdesiderate benannt. Unter anderem wird die empirische Untersuchung von transformativen und (differenz-)ästhetischen Bildungsprozessen im Rahmen einer (nachhaltigkeitsbildenden) Erlebnispädagogik als bedeutsam hervorgehoben.
Kapitel 7: Literaturverzeichnis
Das umfangreiche Literaturverzeichnis umfasst 479 Werke aus den Disziplinen Erziehungswissenschaft und Bildungswissenschaft, Erlebnispädagogik und Outdoor Education, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Nachhaltigkeitsforschung und Transformationsforschung, Soziologie, Philosophie und Soziale Arbeit.
Diskussion
Dieses Buch kann mit drei unterschiedlichen Perspektiven gelesen werden:
- Als fachlich fundierte Darlegung der Grundlagen der Bildung für Nachhaltige Entwicklung und darauf aufbauend die Grundlegung einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik als transformatives und differenzästhetisches Bildungskonzept.
- Als pointierte, umfangreiche und treffsichere Offenlegung signifikanter Lücken im sehr praxisorientierten erlebnispädagogischen Fachdiskurs bzw. der nicht stringenten Begründungszusammenhänge, um Erlebnispädagogik als wissenschaftlich fundiertes Bildungskonzept zu konstruieren.
- Als inspirierende Quelle für die Entwicklung einer wissenschaftlich-theroretisch fundierten Erlebnispädagogik. Sei es durch die Einführung bzw. konsequente Weiterentwicklung neuer theoretischer und fachlicher Bezugspunkte, wie die Idee einer „differenzästhetischen Bildung“, den Standpunkt einer „anthropogenen Natur“, den Ansatz der Leib‑ und Körpersoziologie bzw. eines differenzierten Verständnisses von Natur oder als wegweisendes Modell, wie eine (bildungs)theoretische Verortung fachlich fundiert methodisch ausgeführt werden kann.
Jede dieser Perspektiven wird sehr ausführlich und stringent in den einzelnen Kapiteln entwickelt und alle haben ein großes Potenzial als neue Impulse in den fachlichen, theoretischen und wissenschaftlichen Diskurs aufgenommen zu werden. Man könnte fast von einer Schatzkiste neuer Impulse sprechen.
Die strukturierte methodische Vorgangsweise zur bildungstheoretischen Begründung einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik kann man als Blaupause für zukünftige bildungstheoretische Begründungen erlebnispädagogischer Ansätze lesen. Oder auch als eine Checkliste, die zeigt, wo es noch Arbeit gibt, um die Erlebnispädagogik als ernstzunehmende wissenschaftliche Disziplin zu verankern.
Das Besondere ist, dass sich die einzelnen Perspektiven gegenseitig nicht ausschließen, sondern einander verstärken: Die kritische Aufdeckung von Defiziten legitimiert die theoretische Neuausrichtung, die innovativen Bezugspunkte geben praktische Antworten auf die identifizierten Lücken und zeigen die Möglichkeiten einer nachhaltigen Erlebnispädagogik auf. Der Autor legt die Grundzüge für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung dar und entwickelt in Anschluss an einer kritischen Reflexion der Grundcharakteristika der Erlebnispädagogik die Grundzüge einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik.
Durch diese methodische Vorgangsweise wird nicht nur eine nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik fachlich begründet, sondern gleichzeitig neue Impulse für den wissenschaftlich-theoretischen Diskurs in der Erlebnispädagogik gesetzt.
Das Werk von Yannick Liedholz ist in seiner Mischung von fachlich fundierter Expertise, inhaltlichem Facettenreichtum und zukunftsweisender Perspektive bei gleichzeitiger kritischer Wertschätzung des bisherigen Diskurses eine der inspirierendsten und innovativsten Publikationen der modernen Erlebnispädagogik.
Exkurs zur wissenschaftlichen Verortung von Erlebnispädagogik
Erlebnispädagogik ist zuallererst als praktisches Verfahren bzw. als Methode etabliert. Ohne die erfolgreiche Praxis – mit ihren Akteur:innen, den methodischen Verfahrensbeschreibungen und den zahlreichen beteiligten Teilnehmenden, Klientinnen und Kund:innen – wäre die Diskussion über eine bildungstheoretische Verortung obsolet. Die erfolgreiche Praxis ist das Fundament der Erlebnispädagogik. Allerdings hat das berechtigte Primat der Praxis auch eine Kehrseite:
„Wer Erfolg hat, braucht sich weder um präzise Begriffe noch um erklärungsstarke Theorien bekümmern. Erlebnispädagogik findet ihren Reiz darin, dass sie verfahrensorientiert arbeitet. Sie ist empirisch etabliert: man weiß was dazu gehört, obwohl nicht klar ist, warum dies der Fall ist […]“ (Winkler 2007, S. 296).
Tatsächlich ist seit diesem Zitat in den letzten zwanzig Jahren viel passiert. Dahingehend ist wohl die Aussage von Werner Michl in seiner Rezension über dieses Buch zu deuten: „Das mehr als 20-jährige Leiden der erlebnispädagogischen Praxis an einer passenden Theorie (S. 95) hat mit zahlreichen Publikationen (z.B.: Abstreiter et al. 2024; Bous et al. 2025; Heckmair & Michl 2013; Michl & Fengler, 2026; Michl & Seidel, 2021; Raith & Lude, 2014; Wahl,2024) fast ein Ende genommen“ (Michl 2025, S. 33–34). Hier ist viel in Bewegung gekommen.
Wie auch Liedholz mit Verweis auf Winkler anmerkt (vgl. Liedholz 2025, S. 93), scheint für eine theoretisch-wissenschaftliche Verortung einer (pädagogischen) Fachdisziplin Erlebnispädagogik noch heute folgende Kritik gerechtfertigt:
„Vielleicht fehlt das distinkte Profil, weil die Herkunft der Erlebnispädagogik so heterogen ist und der zur Legitimation genutzte historische Rückgriff auf mögliche oder nur behauptete Anknüpfungspunkte eher zur Verwirrung beiträgt. Sicher ist jedenfalls, dass er bislang keine klare Vorstellung begründet. Vorläufer oder Klassiker wurden nicht in systematischer Absicht gelesen. So fehlen die Kategorien, ein begriffliches Verständnis oder Theorien, die eine Diskussion der Erlebnispädagogik ermöglichen, ihren Erfolg nachvollziehen oder kritisch kommentieren lassen. Man sucht vergebens nach Beschreibungen, Analysen, oder Bestimmungen von Erlebnispädagogik wie nach Annäherungen an sie, die das Gemeinte identifizieren ließen. Die Ausgangslage reflexiver Vergewisserung gibt sich also ziemlich übersichtlich aber wenig trennscharf“ (Winkler 2007, S. 292–293).
Viele der angeführten erlebnispädagogischen Beiträge zur begrifflichen Klärung (u.a. Becker 2007, Schott 2009, Baig-Schneider 2012, Späker 2020, Wahl 2021, Bous 2023) bleiben oft Einzelimpulse und finden wenig Eingang in den breiteren praxisorientierten Fachdiskurs. Yannick Liedholz knüpft mit vielen Bezügen an die Überlegungen etlicher dieser Autoren an. Damit offeriert er zahlreiche Bezugspunkte für eine theoretisch stringentere wissenschaftliche Fundierung der Erlebnispädagogik. Damit bleibt Yannick Liedholz nicht bei der Kritik stehen, sondern zeigt viele Wege auf, wie dies gelingen kann.
Seine methodische Vorgangsweise zeigt strukturelle Ähnlichkeiten zu der ab 2012 vorgestellten Systematik des Tree of Science der Erlebnispädagogik (Baig-Schneider 2012, Baig-Schneider 2016, Baig-Schneider 2025). Dieser Bezugsrahmen wurde eingeführt, um – wie Winkler (2007) fordert – eine systematische, bildungstheoretische Verortung der heterogenen Erlebnispädagogik zu ermöglichen. Mit der kategorialen Gliederung in Metatheorie, realexplikative Theorie, Handlungsebene, Didaktik und Praxeologie lässt sich die modernen Erlebnispädagogik umfassend beschreiben. Yannick Liedholz wiederum zeigt mit seinem Buch exemplarisch, wie man strukturiert und methodisch auf unterschiedlichen kategorialen Ebenen einen spezifischen erlebnispädagogischen Ansatz bildungstheoretisch stringent begründen kann. Für eine zukünftige stringentere wissenschaftliche Verortung der Erlebnispädagogik könnte ein engeres Zusammendenken beider Perspektiven ein vielversprechender Ansatz sein.
Fazit
Dieses Werk empfiehlt sich als Einstiegslektüre oder weiterführende Lektüre für alle Menschen, die sich für das Thema einer nachhaltigkeitsbildenden Erlebnispädagogik bzw. für die Bildung für nachhaltige Entwicklung interessieren. Es ist eine absolute Empfehlung für Menschen, die sich hinsichtlich einer (bildungs-)theoretischen Verortung von Erlebnispädagogik interessieren.
Literatur
Baig-Schneider, Rainald (2012): Die moderne Erlebnispädagogik. Geschichte, Merkmale und Methodik eines pädagogischen Gegenkonzepts. Augsburg: ZIEL-Verlag.
Baig-Schneider, Rainald (2016): Erfolgreiche Erlebnispädagogik gestalten. Das Füllhorn erlebnispädagogischer Möglichkeiten.-In: erleben&lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen. 5, S. 10–15.
Baig-Schneider, Rainald (2025): Erlebnispädagogik – eine Einführung.-In: Sensible Trauma‑ und Erlebnispädagogik. Hrsg von Ralf Klausfering, Joachim Klein, Ute Thaleikis-Carstensen und Heiner van Mil.-München: Reinhardt, S. 21–32.
Becker, Peter/​Braun, Karl-Heinz/​Schirp, Jochem (Hg.) (2007): Abenteuer, Erlebnisse und die Pädagogik. Kulturkritische und modernisierungstheoretische Blicke auf die Erlebnispädagogik. Opladen, Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
Böhme, Gernot (2001): Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München: Wilhelm Fink Verlag.
Bous, Barbara (2023): Erlebnispädagogik in der Kinder‑ und Jugendhilfe. Grundbedingungen, Anschlussfähigkeit, Potenziale. In: unsere Jugend, 75. Jg., Heft 5, S. 186–195.
Haan, Gerhard de (2008): Gestaltungskompetenz als Kompetenzkonzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: Bormann, Inka/Haan, Gerhard (Hg.): Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 23–43.
Koller, Hans-Christoph (2012): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: W. Kohlhammer.
Liedholz, Yannick (2025): Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel und Handlungsspielräume. 2. Auflage. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.
Liedholz, Yannick/​Verch, Johannes (Hg.) (2023): Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit. Grundlagen, Bildungsverständnisse, Praxisfelder. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 121–134.
Michl, Werner (2025): Rezension vom 15.12.2025 zu: Yannick Liedholz: Nachhaltigkeitsbildende Erlebnispädagogik.-In: erleben&lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen. 6, S. 33–34.
Schmitz, Hermann (2011): Der Leib. Berlin, Boston: Walter de Gruyter.
Schott, Thomas (2009): Kritik der Erlebnispädagogik. 2., ergänzte und überarbeitete Auflage. Würzburg: Ergon Verlag.
Späker, Thorsten (2020): Natur – Entwicklung und Gesundheit. Handbuch für Naturerfahrungen in pädagogischen und therapeutischen Handlungsfeldern. 2. unveränderte Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Verch, Johannes (2017): Ästhetische Perspektiven einer Bildung für nachhaltige Entwicklung in (Sozial-) Pädagogik und Gesellschaft(skultur). In: Brodowski, Michael (Hg.): Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Interdisziplinäre Perspektiven. Berlin: Logos Verlag, S. 131–171.
Valentin, Karin (2024). Rezension vom 13.12.2024 zu: Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel.- In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/​32962.php, Datum des Zugriffs 12.02.2026.
Wahl, Wolfgang (2021): Erlebnispädagogik. Praxis und Theorie einer Sozialpädagogik des Außeralltäglichen. Weinheim, Basel: Beltz Juventa Verlag.
Winkler, Michael (2007): Versuch einer pädagogischen Kritik der Erlebnispädagogik. In: Becker, Peter/​Braun, Karl-Heinz/​Schirp, Jochem (Hg.): Abenteuer, Erlebnisse und die Pädagogik. Kulturkritische und modernisierungstheoretische Blicke auf die Erlebnispädagogik. Opladen, Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 289–311.
Rezension von
Mag. Rainald Baig-Schneider
Mag. phil., Erlebnispädagoge be, Leitung Bereich Bildung&Erlebnispädagogik des Arbeitskreis Noah
Forschungsschwerpunkt: Theorie und Praxis der modernen Erlebnispädagogik
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