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Stephan Maykus, Heinz Müller et al.: Kinder- und Jugendhilfe

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 07.04.2026

Cover Stephan Maykus, Heinz Müller et al.: Kinder- und Jugendhilfe ISBN 978-3-7799-7642-4

Stephan Maykus, Heinz Müller, Eva C. Stuckstätte: Kinder- und Jugendhilfe. Einführung in Geschichte und Handlungsfelder, Organisationsformen und gesellschaftliche Problemlagen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 5. Auflage. 400 Seiten. ISBN 978-3-7799-7642-4. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Grundlagentexte Pädagogik.

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Thema

Was ist Kinder‑ und Jugendhilfe? Diese Leitfrage bildet den Ausgangspunkt dieses Buches, das als Einführung in ein Handlungsfeld gedacht ist, das alle jungen Menschen und Familien erreicht. Entlang der sozialpädagogischen Leitthemen Prävention, Schutz und gesellschaftliche Ermächtigung werden Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kinder‑ und Jugendhilfe in ihren theoretischen Grundlagen, rechtlichen Rahmungen und praktischen Handlungsvollzügen vorgestellt und diskutiert. Die lebensweltlichen Bezüge von Kindern und Jugendlichen bilden hierbei das zentrale Korrektiv. Der Band ist ein Grundlagentext für Ausbildung und Praxis in der Kinder‑ und Jugendhilfe. Das Buch ist eine vollständige Neuauflage des erstmals 1977 erschienen Titels und auch im Vergleich zur etwa zehn Jahre alten Vorauflage ausführlich verändert worden.

Autor:innen

Stephan Maykus, Dr. phil. habil., war Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Osnabrück sowie Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Heinz Müller ist Geschäftsführer des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ism) gGmbH. Dr. phil. Eva Christina Stuckstätte wirkt als Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster.

Aufbau und Inhalt

Die Kinder‑ und Jugendhilfe gestern, heute und morgen. Historische Entwicklungslinien, gesellschaftliche Rahmungen, Aufgaben und Strukturen ist der erste Teil überschrieben, in dem es um zeitliche Perspektiven im Hinblick auf die Kinder‑ und Jugendhilfe gehen. Neben einer aktuellen Standortbestimmung werden wichtige Meilensteile beginnend mit der privaten Fürsorge für Kinder während der Industrialisierung über kirchliche und bürgerliche Initiativen bis zu Weimarer Republik und Nationalsozialismus vorgestellt. Anschließend wird der Weg von der Jugendwohlfahrt bis zum Paradigmenwechsel durch das Kinder‑ und Jugendhilfegesetz skizziert. Es folgt ein Blick in eine (mögliche) Zukunft: Wie kann eine inklusive und teilhabeorientierte Kinder‑ und Jugendhilfe aussehen? Dabei stehen auch der Fachkräftemangel als Herausforderung sowie die Digitalisierung als Chance im Blickfeld. Dabei schwingt immer mit, wie wichtig historische Kenntnisse sind, um die Idee einer an Demokratie, Partizipation und Inklusion ausgerichteten Kinder‑ und Jugendhilfe zu verstehen und wie sich diese Entwicklung aus politischen und pädagogischen Zuständen vergangener Zeiten ableiten lässt.

Teil II Kinder‑ und Jugendhilfe in der Gesellschaft: lebensweltliche Bezüge, sozialpädagogische Paradigmen und Leitthemen beschreibt einen Zugang zu Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien, wobei es zum Beispiel darum geht, dass in diesen unruhigen Zeiten vor allem die Jugend als eine Phase großer Sorge erlebt wird ein und formulieren eine Auswahl lebensweltlicher Schlüsselthemen junger Menschen, die uns durch das Buch begleiten wird. Daraus leiten die Autor:innen ihre Zielvorstellungen einer zeitgemäßen Kinder‑ und Jugendhilfe, wofür die Leitthemen wie Partizipation und Ermächtigung, Prävention, Hilfe und Schutz aber auch Bildung, Betreuung und Erziehung formulieren. Daraus ergeben sich Themen für die Organisationen der Kinder‑ und Jugendhilfe, die zum einen eine fachlich regulierte Effizienz entwickeln müssen und zum anderen die Fähigkeit zur Vernetzung und Kooperation brauchen. Für die Profession der Sozialen Arbeit bedeutet das, dass sie für eine zukunftsfähige Kinder‑ und Jugendhilfe in drei Clustern denken muss: Sozialräumlichkeit, Methodisches Handeln und Diversität.

Inwiefern Angebote der Kinder‑ und Jugendhilfe Teil familialer, kindlicher und jugendlicher Lebenswelten sind, zeigt sich in Teil III mit dem Titel Lebensweltliche Perspektiven junger Menschen und ihrer Familien als Anlass für Kinder‑ und Jugendhilfe. Ausgehend von einem einführenden Kapitel zum Thema Familie werden Grundlagen der Lebensphasen Kindheit und Jugend sowie mögliche Berührungspunkte mit der Kinder‑ und Jugendhilfe, die sich auf den Ebenen Prävention, Schutz und gesellschaftliche Ermächtigung ergeben können. Dazu verwenden die Autor:innen wiederkehrende Praxisbeispiele, wie zum Beispiel die Fallgeschichte von Jule im Kapitel Kindheit. Die vorgestellten Unterstützungsangebote der Kinder‑ und Jugendhilfe sind dabei nicht trennscharf den einzelnen Lebensphasen zuzuordnen. Deshalb finden sich in den jeweiligen Unterkapiteln Übersichten, welche Angebote der Kinder‑ und Jugendhilfe in welchem Kapitel vorgestellt werden. Die Kapitel schließen jeweils mit zusammenführenden Perspektiven auf die in Teil II eingeführten lebensweltlichen Schlüsselthemen von Kindern und Jugendlichen und den daraus resultierenden Anforderungen an Profession, Organisationen und an die Gestaltungsperspektiven einer familien-, kind‑ bzw. jugendbezogenen Sozialen Arbeit im Rahmen der Kinder‑ und Jugendhilfe ab.

Forschung, Qualifikation und Entwicklung in der Kinder‑ und Jugendhilfe ist Teil IV betitelt, in dem die Kinder‑ und Jugendhilfe als Forschungsfeld vorgestellt wird, die sich als lernfähiges System hinsichtlich eines permanenten Bedarfs an Personal‑ und Konzeptentwicklung, Entwicklung interprofessioneller Kooperationen in den Sozialraum hinein, Organisationsgestaltung und Qualitätsentwicklung versteht. Das Kapitel endet mit einem Blick auf die (akademische) Ausbildung von Fachkräften und damit verbundener aktueller Entwicklungsbedarfe im Hochschulkontext.

Den Abschluss des Buches bildet Teil V Perspektiven: Kinder‑ und Jugendhilfe in Deutschland – zwischen Innovation, Strukturwandel und fachpolitischer Kontinuität. Dabei geht es um die Inklusive Lösung als Endstufe des Bundesteilhabegesetzes, also die Kinder‑ und Jugendhilfe als einheitliche Zuständigkeitsträgerin für alle jungen Menschen – unabhängig von Behinderungen welcher Form. Wie sich dieser Weg gesetzlich weiter entwickeln wird, ist unklar. Trotzdem geben die Autor:innen dem Thema Raum: „Da die Reform unseres Erachtens die Chance bietet, grundsätzliche Fragen der Kinder‑ und Jugendhilfe von morgen zu diskutieren, leiten wir von diesem Diskurs über zu unserem abschließenden Appell für ein Um‑ bzw. Weiterdenken in der Kinder‑ und Jugendhilfe - ein Appell für eine stärker auf gesellschaftliche Vergemeinschaftung setzende Kinder‑ und Jugendhilfe, die die unmittelbaren Lebensräume von Familien, Kindern und Jugendlichen mit ihnen gestaltet und somit ihren gesellschaftlichen Beitrag zum Erhalt von Demokratie leistet, Vielfalt wertschätzt und fördert sowie Teilhabe ermöglicht“ (S. 16). Doch das wird nur möglich sein, wenn alle Beteiligten Mut an den Tag legen: Mut, sich bewusst und stark gegen aufkommende antidemokratische politische Kräfte zu stellen; Mut, sich von tradierten Systemlogiken zu trennen, „um die Welt (auch) aus den Augen von Kindern und Jugendlichen zu betrachten und zu gestalten und aus dieser Perspektive bestehende Angebotsstrukturen ggf. auch grundsätzlich in Frage zu stellen“ (S. 17). Dass das kein einfacher Weg sein wird, machen die Autor:innen in der Folge deutlich.

Diskussion

Es hätte schief gehen können: Die Kinder‑ und Jugendhilfe in einem Buch systematisch und umfassend darzustellen und auch noch einen Blick in die (ungewisse) Zukunft einer Inklusiven Kinder‑ und Jugendhilfe zu werfen, ist ein mutiges Unterfangen gewesen. Denn viel zu hoch ist das Risiko, etwas zu vergessen oder arg verkürzt darzustellen. Deshalb ein großes Kompliment an die drei Autor:innen, denn genau das ist nicht passiert. Mit diesem Buch legen sie eine umfangreiche, überraschend detaillierte Beschreibung eines der wichtigsten Handlungsfelder der Sozialen Arbeit vor und schaffen es, neben viel Wissen und Informationen auch noch eine ganze Menge Haltung zu vermitteln. Fast 600 Seiten Umfang sind ein Beleg für dieses Füllhorn an Themen, wobei es – Klagen auf hohem Niveau – an manchen Stellen lesefreundlicher gewesen wäre, etwas mehr auf grafische Elemente zu setzen. Wer sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kinder‑ und Jugendhilfe auseinandersetzen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt.

Fazit

Fast schon unglaublich: Gerade einmal 30 Euro ruft der Verlag für dieses an die 600 Seiten starke Buch auf, das viel Wissenswertes über die Kinder‑ und Jugendhilfe vermittelt. Bei diesem Preis für einen solch umfassenden und kompetenten Inhalt sollte niemand zögern und zugreifen!

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 218 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245