Wienke Bracht: Kinder mit Autismus in der Kita
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 05.02.2026
Wienke Bracht: Kinder mit Autismus in der Kita. Grundwissen und Hilfen für die Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 168 Seiten. ISBN 978-3-17-044599-4. 29,00 EUR.
Autorin
Wienke Bracht, Heilpädagogin, ist Therapeutin am Hamburger Autismus Institut. Zuvor war sie in der mobilen Frühförderung (bei der die Förderungen auch in verschiedenen Kindergärten durchgeführt wurden) und in einer integrativen Kindertagesstätte tätig.
Thema
Verhaltensweisen von Kindern im Autismus-Spektrum lösen Unsicherheiten und Stress aus und werden von den Fachkräften als überfordernd erlebt. Diesen Fachkräften soll das Buch praxisnah einen Methodenkoffer an die Hand geben. Es soll helfen, autismusspezifische Besonderheiten zu verstehen. Es gibt zahlreiche Anregungen für Unterstützungsmöglichkeiten in der Kita und für Gespräche mit den Eltern.
Aufbau und Inhalt
Das Buch beginnt mit der Frage „Was ist Autismus?“ und gibt eine Einführung in Diagnostik und ICD-Klassifikation. Autismusspezifische Besonderheiten in vielen Bereichen (Wahrnehmung, Kommunikation, soziale Interaktion, Verhalten und Interessen, zentrale Kohärenz, Theory of Mind, exekutive Funktionen) werden dargestellt. Die Autorin verdeutlicht als Schlussfolgerungen, dass es die Aufgabe der Fachkräfte sei, Brücken zu bauen in einer überwiegend nicht-autistisch denkenden und wahrnehmenden Welt.
Im zweiten Kapitel wird an einem Beispiel aus dem Kindergartenalltag veranschaulicht, wie sich Autismus in der Kita zeigt, welche Herausforderungen sich dem Kind stellen. Die Verhaltensweisen des Kindes sind auch herausfordernd für das Fachpersonal. Ein erster Schritt ist es, das Verhalten zu verstehen und zu versuchen, die Funktion oder den Grund zu verstehen, die Ursachen oder Auslöser zu ergründen und Warnsignale zu erkennen. Dazu gehört es, genau zu beobachten und zu dokumentieren und im Team gemeinsam zu reflektieren.
Herausforderndes Verhalten wird oft gezeigt, weil andere Regulierungsstrategien fehlen. Aus diesem Grund sollten Strategien zur Vermittlung von Verhaltensalternativen zur Stressregulation überlegt bzw. ein Notfallplan im Team entwickelt werden.
In diesem Kapitel werden auch Hinweise zu sensiblen Elterngesprächen bei Verdacht auf Autismus, so zu Vorbereitung und Gestaltung gegeben. Es wird berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die Diagnosestellung nur durch Fachleute in entsprechenden Institutionen (z.B. SPZs) erfolgen darf. Es werden der Diagnostikprozess und Möglichkeiten der Elternbegleitung im Prozess besprochen, ebenso der Umgang mit Wartezeiten bis zur Diagnostik. Abschließend werden die Hilfsmöglichkeiten bei gesicherter Diagnose erläutert, so auch die Bereitstellung von mehr Ressourcen für die Kita. Für die Umsetzung ist die Bereitschaft der Einrichtung oft ausschlaggebend.
Im Kapitel 3 gibt es praktische Tipps für den Kita-Alltag. Als längstes Kapitel umfasst es die Hälfte des Buches. Wienke Bracht betont, es sei Grundvoraussetzung, Zugang zum Kind zu finden. Sie arbeitet an einem Fallbeispiel die wechselseitigen Überforderungen aller Beteiligen heraus. Sie geht anschließend auf Situationen ein, in denen Probleme entstehen können, beginnend bei der Eingewöhnung, dann im Tagesverlauf (morgens ankommen, Essenssituation, Freispiel, Kreisgestaltung, Ausflüge, Sauberkeitserziehung, Schlafen). Bedeutsam ist der Wechsel in die Schule. Rückstellung, Wahl der richtigen Schulart, aber auch Unterstützung in der Kita für den Übergang werde thematisiert. Nochmals geht die Autorin auf den Umgang mit alltäglichen Veränderungen und die Bedeutung von Ritualen und Routinen ein. Bedeutsame weitere Themen sind auch die Aufklärung der anderen Kinder und Eltern sowie der Umgang mit unterschiedlichen Haltungen von Kolleg*innen und Fachkräften. In der begleitenden Elternarbeit sollten nicht nur Problemsituationen angesprochen werden, sondern auch die Stärken des Kindes und was klappt. Weiterhin gibt es noch vielfältige Anregungen für die Förderung von verschiedenen Fähigkeitsbereichen, von grundlegenden Schlüsselkompetenzen wie Blickkontakt und Imitieren, von Kommunikation, bei Über- und Unterforderung in den verschiedenen Wahrnehmungsbereichen, von emotionalen und sozialen Fähigkeiten sowie zu Anpassungsmöglichkeiten des Umfelds durch Strukturierung und Visualisierung.
Diskussion
Schon auf den ersten Seiten des Buches stellt Wienke Bracht heraus, dass jeder Mensch mit Autismus anders sei und deshalb auch vom Autismus-Spektrum gesprochen werde. Diese Unterschiedlichkeit wird im ganzen Buch auch sehr deutlich und immer berücksichtigt.
Die Autorin versucht, die pädagogischen Fachkräfte für die Eltern zu sensibilisieren und sich dabei auch der eigenen Ängste und Unsicherheiten bewusst zu werden. Sie gibt viele Anregungen für Elterngespräche, in denen ein Autismusverdacht formuliert werden soll. Es sei auch nicht als Versagen des pädagogischen Personals zu sehen, wenn sich der Verdacht nicht bestätigte. Hilfreich ist es auch, dass die Hilfsmöglichkeiten bei gesicherter Diagnose (z.B. mehr Ressourcen für die Kita) erläutert werden. Bedeutsam und oft ausschlaggebend ist dabei die Bereitschaft der Einrichtung, dies umzusetzen.
Zwar gibt es auch den Hinweis auf Frühförderung, aber eher im Sinne einer pädagogischen Frühförderung. Die eigentlich sinnvollste Möglichkeit, die interdisziplinäre Frühförderung als Komplexleistung mit pädagogischen, psychologischen und medizinisch-therapeutischen Fachrichtungen, wird nur in einer Fußnote im Rahmen regionaler Unterschiede (die es leider von Bundesland zu Bundesland gibt) erwähnt.
Die pädagogischen Hinweise und Ratschläge sind nicht nur für autistische Kinder geeignet und sinnvoll. Als wichtig herausgestellt werden Gelassenheit, die Entwicklung von Notfallplänen im Team sowie die Kommunikation mit den Eltern.
Das Buch kann gut die Arbeit der Fachkräfte in Kindertagesstätten unterstützen, zumal es oft schwierig ist, im Internet seriöse und unseriöse Informationen zu unterscheiden.
Fazit
Wie im Titel des Buches angekündigt, vermittelt das Buch kompetent, einfühlsam und anschaulich Grundwissen (Definition, autismusspezifische Besonderheiten, Diagnostik, Hilfsmöglichkeiten) und praktische Hilfen (im Tagesverlauf, Förderbereiche, im Gesamtteam und für die Interaktion mit den Eltern).
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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