Laura Behrmann, Stefan Bernhard et al. (Hrsg.): Einführung in die Qualitative Netzwerkforschung
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 27.03.2026
Laura Behrmann, Stefan Bernhard, Inga Truschkat (Hrsg.): Einführung in die Qualitative Netzwerkforschung.
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
(Wiesbaden) 2025.
138 Seiten.
ISBN 978-3-658-48756-0.
D: 27,99 EUR,
A: 28,77 EUR,
CH: 31,00 sFr.
Reihe: Qualitative Sozialforschung.
Thema
Der Band widmet sich der qualitativen Netzwerkforschung als einem Forschungsansatz, der soziale Wirklichkeit aus einer relationalen Perspektive untersucht. Netzwerke werden dabei als Gefüge sozialer Beziehungen verstanden, etwa in Familien, Organisationen, Freundeskreisen oder institutionellen Kontexten. Im Unterschied zur häufig quantitativ ausgerichteten sozialen Netzwerkanalyse verfolgt die qualitative Netzwerkforschung ein interpretatives, theoriegenerierendes Erkenntnisinteresse. Der Band führt systematisch in die theoretischen Grundlagen, die Entwicklung von Forschungsfragen, die Erhebung qualitativer Netzwerkdaten sowie deren Analyse ein. Anhand konkreter Forschungsbeispiele wird zudem gezeigt, wie qualitative Netzwerkforschung praktisch umgesetzt werden kann.
Hintergrund
Die Reihe Qualitative Sozialforschung bietet kompakte Einführungen zu zentralen Methodologien und Methoden der qualitativen und interpretativen Sozialforschung und richtet sich an Studierende sowie Forschende. Der Band erscheint in dieser Reihe und geht aus der Zusammenarbeit im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten wissenschaftlichen Netzwerk „Qualitative Netzwerkforschung“ (QUALNET) hervor. Das Netzwerk (2019–2025) hatte zum Ziel, den bislang nur fragmentarisch diskutierten Stand der qualitativen Netzwerkforschung systematisch zu bündeln und methodologisch weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der theoretischen Fundierung, geeigneten Verfahren der Datenerhebung und ‑analyse sowie dem Verhältnis von Theorie und Methode. Der Band versteht sich daher als Ergebnis dieser gemeinsamen Forschungsarbeit und als systematische Einführung in den aktuellen Diskussionsstand der qualitativen Netzwerkforschung.
Aufbau und Inhalt
Der Band ist in fünf inhaltlich aufeinander aufbauende Kapitel gegliedert, die den Forschungsprozess der qualitativen Netzwerkforschung systematisch nachzeichnen. Zunächst wird der Ansatz konzeptionell verortet und als spezifische Perspektive innerhalb der empirischen Sozialforschung eingeführt. Darauf aufbauend werden theoretische Grundlagen, zentrale Konzepte sowie die Entwicklungslinien der Netzwerkforschung dargestellt. Die folgenden Kapitel widmen sich dem praktischen Forschungsprozess, von der Entwicklung von Fragestellungen und der Datenerhebung bis zur Analyse und Theoriebildung. Zwei ausführlich dargestellte Forschungsbeispiele begleiten dabei den gesamten methodischen Ablauf und veranschaulichen die praktische Umsetzung. Abschließend diskutiert der Band Potenziale, Gütekriterien und zukünftige Entwicklungsperspektiven der qualitativen Netzwerkforschung.
Andreas Herz, Alice Altissimo, Laura Behrmann, Stefan Bernhard, Theresa Manderscheid, Luisa Peters, Lea Thönnes und Inga Truschkat führen im Kapitel „Qualitative Netzwerkforschung – Eine (neue) Perspektive in der empirischen Sozialforschung“ in das Themenfeld ein und skizzieren den konzeptionellen Rahmen des Bandes. Ausgehend von der wachsenden Bedeutung des Netzwerkbegriffs in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen erläutern sie, wie Netzwerkforschung soziale Wirklichkeit als Geflecht von Beziehungen untersucht. Dabei grenzen sie die qualitative Netzwerkforschung von der stärker quantitativ geprägten sozialen Netzwerkanalyse ab und betonen ihren interpretativen, theoriegenerierenden Charakter. Zugleich geben sie einen Überblick über Aufbau und Zielsetzung des Buches und erläutern die Funktion der im Band verwendeten Forschungsbeispiele sowie des Schlagwortregisters.
Laura Behrmann, Andreas Herz, Luisa Peters und Alice Altissimo entfalten im Kapitel „Ausgangspunkte der qualitativen Netzwerkforschung: Theorien, Ansätze und Perspektiven“ die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen des Forschungsansatzes. Sie zeichnen zunächst zentrale Entwicklungslinien der Netzwerkforschung nach und verorten die qualitative Netzwerkforschung innerhalb dieses Feldes. Dabei werden sowohl grundlegende Begriffe und Strukturkonzepte der Netzwerkforschung als auch sensibilisierende Konzepte zu Prozessen und Wirkungen sozialer Beziehungen diskutiert. Zur Veranschaulichung greifen die Autor:innen auf ein alltagsnahes Beispiel einer Freund:innengruppe aus Amina, Martin und Hanna zurück. Anhand dieser Clique zeigen sie, wie Konflikte zwischen einzelnen Akteurinnen das gesamte Beziehungsgefüge verändern können und wie sich Handlungen erst aus der Einbettung in solche relationalen Strukturen erklären lassen. Abschließend reflektieren die Autor:innen die methodologischen Prämissen einer qualitativen Forschungsperspektive auf Netzwerke, die soziale Phänomene konsequent aus der Perspektive von Beziehungen und deren Dynamiken betrachtet.
Theresa Manderscheid, Stefan Bernhard, Inga Truschkat, Andreas Herz und Lea Thönnes widmen sich im Kapitel „Von der Idee zum Material – Fragestellungen und Datenerhebung“ der Entwicklung von Forschungsfragen und den Verfahren der Datenerhebung in der qualitativen Netzwerkforschung. Sie erläutern, wie aus ersten Forschungsideen konkrete Fragestellungen entstehen und welche Rolle theoretische Überlegungen dabei spielen. Exemplarisch wird dies anhand zweier Forschungsprojekte gezeigt: Zum einen wird untersucht, wie nicht-monogame Beziehungsnetzwerke entstehen und wie die beteiligten Akteur:innen ihre parallelen Beziehungen aushandeln und organisieren. Zum anderen wird der Frage nachgegangen, wie sich die sozialen Netzwerke geflüchteter Menschen im Prozess der Arbeitsmarktintegration verändern und welche Rolle biografische Erfahrungen sowie neu entstehende Kontakte dabei spielen. Beide Projekte verdeutlichen, wie relationale Perspektiven mit unterschiedlichen qualitativen Methoden – etwa Interviews, ethnografischen Zugängen und Netzwerkkarten – kombiniert werden können.
Stefan Bernhard, Theresa Manderscheid, Inga Truschkat, Laura Behrmann und Luisa Peters behandeln im Kapitel „Vom Material zu den Ergebnissen – Analyse und Theoriegenerierung“ die Auswertung qualitativer Netzwerkdaten und die Entwicklung empirisch begründeter Theorien. Sie zeigen, wie unterschiedliche Datentypen – etwa Netzwerkkarten und Interviewmaterial – interpretiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Schrittweise werden Verfahren der Feinanalyse sowie Strategien der theoriebildenden Auswertung vorgestellt. Dabei arbeiten die Autor:innen mit drei zentralen Analyseperspektiven der qualitativen Strukturanalyse: einer strukturbezogenen, einer akteursbezogenen und einer relationenbezogenen Perspektive. Entsprechend werden Leitfragen formuliert, etwa nach der Struktur und Segmentierung von Netzwerken, nach Positionen und Eigenschaften einzelner Akteur:innen sowie nach Formen, Richtungen und Eigenschaften von Beziehungen zwischen ihnen. Anhand der zuvor eingeführten Forschungsprojekte wird so nachvollziehbar gezeigt, wie diese Analyseperspektiven im Auswertungsprozess angewendet und miteinander kombiniert werden können.
Luisa Peters, Alice Altissimo, Laura Behrmann, Stefan Bernhard, Theresa Manderscheid, Lea Thönnes und Inga Truschkat diskutieren im abschließenden Kapitel „Potenziale und Perspektiven der qualitativen Netzwerkforschung“ zentrale Gütekriterien, ethische Fragen sowie zukünftige Forschungsanschlüsse. Sie reflektieren die methodischen Möglichkeiten und Grenzen dieses Forschungsansatzes und ordnen ihn im Feld der qualitativen Sozialforschung ein. Darüber hinaus thematisieren sie Anforderungen an Transparenz, Qualität und Forschungsethik bei der Untersuchung sozialer Netzwerke. Abschließend skizzieren sie Perspektiven für zukünftige Forschungsprojekte und Weiterentwicklungen der qualitativen Netzwerkforschung.
Diskussion
In der methodologischen Diskussion zur qualitativen Netzwerkforschung wurde insbesondere von Rainer Diaz-Bone (2007) grundlegende Kritik formuliert. Er bemängelte zum einen, dass Instrumente wie Netzwerkkarten häufig aus der standardisierten quantitativen Netzwerkanalyse übernommen würden und damit die eigentliche Strukturanalyse weiterhin stark an standardisierte Verfahren gebunden bleibe. Zum anderen kritisierte er, dass qualitative Ansätze – etwa durch die starke Nutzung von Interviews – dazu tendierten, subjektive Deutungen der Akteur:innen zu stark zu betonen und damit die strukturierende Wirkung sozialer Beziehungsgefüge aus dem Blick geraten könne. Der Band greift diese methodologische Spannung ausdrücklich auf und versucht, darauf zu reagieren. Anhand von zwei ausführlich dargestellten Forschungsprojekten wird exemplarisch gezeigt, wie qualitative Interpretationsverfahren mit einer strukturalen Netzwerkperspektive verbunden werden können. Gleichzeitig wird deutlich, dass das Verhältnis zwischen interpretativer und strukturaler Analyse weiterhin ein produktives Feld methodologischer und methodischer Weiterentwicklung der qualitativen Netzwerkforschung darstellt.
Fazit
Der Band bietet eine sehr anschauliche und gut strukturierte Einführung in die qualitative Netzwerkforschung und macht deren methodologische Grundlagen sowie praktische Umsetzung nachvollziehbar, besonders überzeugend ist dabei die Verbindung von theoretischer Fundierung und konkreten Forschungsprojekten, anhand derer der gesamte Forschungsprozess exemplarisch durchgespielt wird. Dadurch wird deutlich, wie die qualitative Netzwerkforschung sowohl interpretative Perspektiven als auch strukturelle Analysen sozialer Beziehungen miteinander verbinden kann. Die Darstellung lädt dazu ein, selbst mit der Methode zu arbeiten – insbesondere dann, wenn soziale Phänomene als Beziehungsgefüge untersucht werden sollen, etwa in Familien, Freundschaftsnetzwerken, Organisationen oder Integrationsprozessen. Insgesamt stellt der Band damit eine zugängliche und zugleich methodisch reflektierte Einführung dar, die Studierenden wie Forschenden einen guten Einstieg in die qualitative Netzwerkforschung ermöglicht.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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