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Daniela Köhler: Freddy Superstar

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 13.03.2026

Cover Daniela Köhler: Freddy Superstar ISBN 978-3-497-03316-4

Daniela Köhler: Freddy Superstar. Kindern bipolare Erkrankungen erklären. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 34 Seiten. ISBN 978-3-497-03316-4. D: 23,90 EUR, A: 24,60 EUR.
Illustration: Yvonne Lautenschläger.

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Thema

Spätestens seit dem großen Erfolg des autofiktionalen Romans „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle (2016) ist das, was früher als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet wurde, einem großen Publikum bekannt geworden. Das Changieren der Affektwelt von einer ausgelassenen Stimmung des „Himmelhochjauchzenden“ hin zu ausgeprägten Gefühlen der Traurigkeit, eines „Zu-Tode-Betrübt-Seins“, ist charakteristisch für das, was seit einigen Jahren mit größtmöglicher Neutralität als bipolare Störung (ICD -10-GM-2026. F31) klassifiziert wird.

Der erste Text, in dem versucht wird, diese Störung Kindern verständlich zu machen, ist „‚Lieber Matz, Dein Papa hat 'ne Meise‘. Ein Vater schreibt über seine Zeit in der Psychiatrie“. In diesem autofiktionalen Briefroman aus dem Jahre 2012, den er primär an seinen achtjährigen Sohn richtet, den aber Menschen jeden Alters mit Gewinn lesen können, erläutert Sebastian Schlösser differenziert und gleichermaßen kindgerecht die Hintergründe seiner Erkrankung.

„Freddy Superstar“, das nun zur bipolaren Störung vorliegende Bilderbuch, ist in erster Linie an drei‑ bis sechsjährige Kinder adressiert.

Autorinnen und Illustratorin

Daniela Köhler „hat Kommunikationswissenschaft studiert und schreibt Werbetexte für erklärungsbedürftige Software. Sie kennt die Rolle als Angehörige seit vielen Jahren“ (S. 34).

Yvonne Lautenschläger „führte der Umweg über ein naturwissenschaftliches Studium zur Malerei. Heute arbeitet sie als Künstlerin und widmet sich in ihren Publikationen häufig der Förderung psychischer Gesundheit“ (ebd.).

Silke Foos „ist klinische Psychologin und war viele Jahre therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen tätig. Bipolare Erkrankungen kennt sie seit ihrer Kindheit auch als Angehörige“ (S. 31).

Entstehungshintergrund

„Freddy Superstar“ ordnet sich ein in das Bilderbuchprogramm des Reinhardt Verlags, in dem Themen aus dem psychologischen und pädagogischen Spektrum, die nicht nur für Kinder herausfordernd sind, behandelt werden.

Aufbau

Auf Freddys Geschichte, die den größten Raum im Buch einnimmt, folgen ein an Eltern, Angehörige und Bezugspersonen gerichtetes Nachwort sowie „Impulsfragen für Kinder“ und „Mutmach-Sätze für Angehörige“. Darüber hinaus stellen Daniela Köhler und Silke Foos themenbezogene Online-Materialien zur Verfügung.

Inhalt

Freddy ist ein Faultier, das mit einer Reihe von anderen Tieren in einem nicht näher bezeichneten Dschungel in der Nähe eines Flusses lebt. Seine beste Freundin ist der Tapir Tabea. Mit ihr, Frosch Felipe und Papagei Paolo amüsiert er sich prächtig beim Floßfahren und Singen. Als die vier Freund:innen eine längere Fahrt auf dem Fluss unternehmen wollen, bleibt Freddy auf seinem Ast hängen. Zwei Wochen hindurch möchte er nicht spielen und nicht essen – solange, bis seine Apathie plötzlich in Hyperaktivität umschlägt. In seiner Wohnung beginnt er ein Großreinemachen. Viele Dinge, die ihm eigentlich lieb und wert sind, wirft er weg. Dabei verkündet er unvermittelt und von niemandem nachvollziehbar, dass er ein Konzert geben wolle. In einem schreiend pinken Anzug inszeniert er sich als Freddy Superstar, „das berühmteste Faultier des Dschungels“. Mit seiner schrägen Stimme und schiefen Gitarrenklängen vertreibt er alle Zuhörer:innen, bis auf den Puma, der klare Machtverhältnisse schaffen möchte, indem er sagt, dass er der Größte und Stärkste des Dschungels sei und nicht Freddy, der das gerade lautstark für sich reklamiert hat.

Freddys euphorische Phase spitzt sich zu, als er behauptet, fliegen zu können. Vor den Augen seiner Freund:innen stürzt er sich in die Tiefe. Tabea, froh darüber, dass Freddy nichts passiert ist, geht mit ihm zum weisen „Onkel Uhu“, der bei ihm die „Gefühlskrankheit“ diagnostiziert. Der Uhu verordnet dem Faultier ein Medikament und trifft sich fortan einmal wöchentlich mit ihm zum Gespräch. Einige Entspannungsübungen, die Tabea jeden Morgen mit Freddy durchführt, tragen ebenfalls zu seinem Wohlbefinden bei. Am Ende sitzen beide unter einem farbenprächtigen Regenbogen und sind glücklich über ihre Freundschaft.

Das Nachwort im Bilderbuch ist als Brief an „Eltern, Angehörige und Bezugspersonen“ konzipiert (S. 30). Es enthält Bemerkungen zu Gesprächen über die Erkrankung und Tipps zur Gestaltung einer Vorlesesituation. „Impulsfragen für Kinder“ (S. 32) und „Mutmach-Sätze für Angehörige“ (S. 33) ergänzen die Geschichte und das Nachwort, bevor auf das 13-seitige Online-Material zum Buch verwiesen wird. In diesem definieren Daniela Köhler und Silke Foos „nach einem Wort vorweg“ auf sehr einfache Art und Weise die Erkrankung. Sie stellen dar, wie Kinder auf die Symptome betroffener Angehörigen reagieren und informieren zum Begriff „bipolare Störung“, der ein Spektrum umfasse, dessen Entstehung auf genetische, biologische und/oder psychosoziale Faktoren zurückzuführen sei. Die Erkrankung verlaufe in Episoden und sei am besten multimodal, mit Medikamenten sowie einer „Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und Psychoedukation“ (S. 7) zu behandeln. Es folgen Anregungen für den Alltag – zum einen für selbst betroffene Eltern, die mit ihren Kindern einen guten Konnex herstellen und aufrechterhalten wollen, zum anderen für pädagogische Fachkräfte, die mit sensitiver Responsivität und gleichzeitig der erforderlichen professionellen Distanz reagieren müssen, wenn sie vermuten, dass Familien der ihnen anvertrauten Kinder betroffen sind.

Ein Serviceteil und ein Quellenverzeichnis runden das Online-Material ab.

Diskussion

Freddys Geschichte ist akzeptabel in dem Sinne, dass man sie als gute bis mittelmäßige kindgerechte bebilderte Erzählung einordnen kann, bei der Anfang an die Frage mitschwingt, ob die Transposition ins Tierreich hätte sein müssen. Das ist zweifelsohne typisch für Bilderbücher, deren Zielgruppe aus Drei‑ bis Sechsjährigen besteht. Berühmte Beispiele für dieses Subgenre, angesiedelt zwischen Fantastik und Märchen, liefern die Werke von Julia Donaldson und Axel Scheffler, allen voran „Der Grüffelo“ oder auch „Wo ist Mami?“. Beide kommen sie ohne menschliches Figureninventar aus und beinhalten deutliche Botschaften, die sie aber nicht zweckorientiert vor sich hertragen, sondern implizit vermitteln.

„Freddy Superstar“ wirft indessen die Frage auf, inwieweit explizit zielorientierte Bücher dem Auge der Betrachter:innen wohlgefällig sein und Geschichten erzählen können, die nicht – wahlweise – wie entweder nebenbei improvisiert oder hölzern im Hinblick auf eine Botschaft konstruiert wirken. Positive Beispiele dafür finden sich im Programm des Reinhardt-Verlags – so etwa „Mila spricht“ und „Mein Freund Balu“. Beide laufen der vorliegenden Geschichte den Rang ab. Auch bei diesen beiden weisen die Untertitel („Ein Bilderbuch zum selektiven Mutismus“ und „Was der Begleithund erlebt“) unzweideutig in Richtung Didaxe, ohne dass jedoch die Geschichte selbst davon beeinträchtigt werden würde.

Einerseits bietet das Dschungel-Habitat mit seinen Bewohner:innen viel Raum für Leichtigkeit und Distanzierung von der Schwere des Themas, andererseits aber ist ein saurer pädagogischer Bodensatz in einigen Passagen des Texts spürbar, insbesondere dann, wenn „Onkel Uhu“ sich anschickt, Freddy und Tabea zu erklären, was man unter einer bipolaren Störung versteht. Warum eigentlich zieht er den Begriff nicht heran? Auch in das vermeintlich Komplizierte können sich Kinder von drei bis sechs Jahren einfinden. Der weise Uhu spricht vielmehr von der „Gefühlskrankheit“ und davon, dass auch Gefühle krank werden können. Immerhin differenziert er diese logisch falsche Aussage dahingehend, dass bei der Gefühlskrankheit die Gefühle „feststeckten“ und sich nicht – so wie bei Gesunden – abwechselten (vgl. S. 22 f.).

Onkel Uhus Therapieempfehlungen, Medikamente und Gespräche, kommen leitliniengerecht daher. Dass sich Freddy zudem mit Yoga und Atemübungen beschäftigen muss, wirkt wenigstens auf den ersten Blick kurios und ist – wie sollte es anders sein – aktuellen Lifestyletrends geschuldet.

Warum stehen eigentlich ein Faultier und ein Tapir im Zentrum der Handlung? Ein Faultier, so heißt es im Text, bewege „sich immer sehr langsam, um Energie zu sparen“ (S. 8). In den depressiven Phasen regt Freddy sich überhaupt nicht mehr und hängt nur noch – im wahrsten Sinne des Wortes – herum, gehalten von seinem Ast. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Autorin und Illustratorin sich bemüht haben, Faultier und Tapir spirituell-esoterische Konnotationen abzugewinnen. Dementsprechende Websites apostrophieren das Faultier als „Krafttier“, das für „Entspannung und die ideale Nutzung der eigenen Energien“ (http://www.schamanen-garten.de [13.01.2026]) stehe; mit dem Tapir gelange man „auf die richtige Fährte“ zum eigenen Selbst und man erhalte Hilfe, „um ein seelisches Ungleichgewicht bewusst werden zu lassen“ (https://www.krafttierlexikon.de [13.01.2026]). Das könnte passen.

Was bei aller Fantastik und bei einer potenziellen esoterischen Botschaft dennoch als sehr bizarr erscheint, ist die Umkehr der realen Größenverhältnisse von Faultier und Tapir: Schabrackentapire so wie Tabea können bis zu 3 m lang werden und bringen um die 350 kg auf die Waage. Im Gegensatz dazu wächst ein Faultier auf einen Körper von gerade einmal 50 bis 80 cm heran und wiegt maximal 11 kg. Sollte sich hier eine Botschaft verbergen, dann dürfte sie Kindern genauso wenig einsichtig sein wie die Tiersymbolik. Allerdings motivieren solche und ähnliche Konstellationen erwachsene Rezipient:innen zum Rätseln und Diskutieren.

Beide sich aus dem Einsatz von Faultier und Tapir ergebenden Aspekte, der spirituell-esoterische und der zoologische, könnten darauf hindeuten, dass Erwachsene nicht nur in ihrer Rolle als Text-Vermittelnde angesprochen werden sollen. Für diese Rolle, d.h. als empirisch festlegbare sekundäre Adressat:innen, hat das Bilderbuch in puncto dialogisches Vorlesen und Heranziehen der Geschichte in der sozialpädagogischen Praxis einiges zu bieten. Die erste Impulsfrage („Was meinst du, wie sich die anderen Tiere gefühlt haben, als Freddy Superstar sein schräges Konzert gegeben hat?“), angesiedelt auf einem mittleren Distanzierungsniveau zur Lektüre, greift den Titel und das Herzstück des Bilderbuchs auf – die narrative Sequenz auch, die nicht zuletzt deshalb am besten gelungen ist, weil sie auf anschauliche Art und Weise vermittelt, wie weit eine Überschätzung der eigenen Kompetenzen gehen kann und welche Konflikte daraus resultieren. Dass Freddy mit seinem Flug am nächsten Morgen streng genommen das Sprichwort von dem Hochmut, der vor dem Fall kommt, illustriert bzw. mit dem Sprung seine Fallhöhe unter Beweis stellt, ist wiederum ein Detail, das nur erwachsene (Vor-)Leser:innen entdecken können.

Die dem Bilderbuch beigegebenen Online-Materialien reichen über den Inhalt des Bilderbuchs hinaus. Vom Ansatz her ist ein solches Procedere hervorragend, aber man hätte sich auch für das anvisierte Laienpublikum eine etwas differenziertere Darstellung des Bipolaren wünschen können.

Mit der Dominanz der Primärfarben Rot und Gelb auf dem vorderen Bilderbuchdeckel hüllt sich „Freddy Superstar“ in ein sehr auffälliges Gewand, das ein ähnlich lautes und buntes Innenleben spiegelt. Obwohl die damit einhergehenden groben Pinselstriche und großflächigen Illustrationen sich auf manchen Doppelseiten wohltuend beruhigen (z.B. S. 6/7) und obgleich die schrille und grelle Farbigkeit – unter anderem bei der Illustration von Freddys Konzert (S. 16/17) und bei der Abbildung des Regenbogens (S. 28/29) – exzellent mit der Geschichte konvergiert, drängt sich der Verdacht auf, dass die Zeichnungen entweder von vornherein allein computergestützt angefertigt worden sind oder dass sie im Publikationsprozess, d.h. bei der Erstellung der Druckfahnen, einem fundamentalen und tendenziell misslungenen digitalen Makeover unterworfen worden sind. Kurzum: den Illustrationen hätten etwas weniger Farbe, ausgeprägtere Nuancierungen und ein geringeres Maß an Plakativität gutgetan.

Worüber sich streiten ließe, sind die unterschiedlichen Schriftarten und ‑größen, die im Bilderbuch und in den Begleittexten verwendet werden. Auch der Wechsel von Flattersatz (Geschichte) zu Blocksatz (Begleittexte) verhindert, dass das Bilderbuch als ästhetische Entität wahrgenommen wird. Wenig professionell ist außerdem die nicht einheitliche Gestaltung des Quellenverzeichnisses im Online-Material, dessen Eintragungen mitunter ungerechtfertigterweise mit den Vornamen der Autor:innen beginnen. Aber: solche Inkohärenzen passen irgendwie schon zum Thema der bipolaren Störung.

Fazit

„Freddy Superstar“ ist ein Bilderbuch, mit dem man drei‑ bis maximal sechsjährigen Kindern, von denen Elternteile, Angehörige oder andere Bezugspersonen an einer bipolaren Störung erkrankt sind, auf niederschwellige Art und Weise eine erste Idee vom Syndrom der Bipolarität vermitteln kann. An die sekundären Adressat:innen, also die erwachsenen (Vor-)Leser:innen, ergeht der indirekte Appell, sich auf mögliche Doppelbödigkeiten der Aussagen einzulassen.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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Es gibt 46 Rezensionen von Anne Amend-Söchting.

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ISSN 2190-9245