Francis Kaiser: Wilmo
Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 16.03.2026
Francis Kaiser: Wilmo. Ein Bilderbuch über Depression in der Familie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 38 Seiten. ISBN 978-3-497-03315-7. D: 23,90 EUR, A: 24,60 EUR.
Thema
Laut der Deutschen Depressionshilfe erkranken 8,2 % der Deutschen im Alter von 18 bis 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer depressiven Störung, d.h. ca. fünf Millionen der erwachsenen Deutschen sind demnach innerhalb eines Jahres davon betroffen (vgl. https://www.depressionshilfe). Die mit einem depressiven Syndrom assoziierten psychischen und somatischen Symptome werden auf einschlägigen Websites, ebenso in wissenschaftlichen Publikationen, aber auch in Erfahrungsberichten sowie in literarischen Texten unterschiedlichster Güte detailliert und ausführlich geschildert. Wie stark die Erkrankung der Eltern Kinder belasten kann, zeigt sich z.B. in den Bilderbüchern von Hannah-Marie Heine („Papas schwarze Löcher“, 2021), Erdmute von Mosch („Mamas Monster“, 7. Aufl. 2024) und seit Kurzem ebenfalls in der Geschichte, die Francis Kaiser unter dem Titel „Wilmo“ erzählt und illustriert.
Autorin
Francis Kaiser „studierte Kunst, Literatur‑ und Erziehungswissenschaften und arbeitete u.a. in Schulen und Kindergärten. Nach einer depressiven Erkrankung widmet sie sich ganz der Illustration und dem Geschichtenerzählen. ‚Wilmo‘ ist ihr zweites Buch und ihr Debüt als Kinderbuchautorin“ (Klappentext).
Entstehungshintergrund
„Wilmo“ ist im Bilderbuchprogramm des Reinhardt Verlags erschienen: es stehen Themen im Mittelpunkt, die für Kinder ab drei Jahren herausfordernd sind und vor allem in familiären Kontexten für sie relevant sein können.
Aufbau
Das Bilderbuch beginnt mit zwei Peritexten, die sich an seine sekundären Adressat:innen richten: auf ein professionell grundiertes Vorwort von Juliane Tausch, Gründerin und Vorsitzende von „A:aufklaren. Expertise und Netzwerk für Kinder psychisch erkrankter Eltern“ folgen sehr persönliche Worte der von Depressionen betroffenen Autorin und Illustratorin. Trotz vieler Schwierigkeiten, die eine akute psychische Symptomatik mit sich bringe, sei sie zuversichtlich und zudem froh, dass die Erkrankung sie zu ihrem „Traumberuf als Illustratorin und Autorin geführt“ habe (S. 5).
Inhalt
Pia, mit vier Jahren die Jüngste von drei Schwestern und als Ich-Erzählerin der Geschichte konstruiert, blickt im Präsens auf den Beginn der Erkrankung ihrer Mutter zurück: Plötzlich sei es Mama egal, ob Marlene, die Älteste, einen Film auf dem Tablet schaue oder Sophie, die Mittlere, Spiele auf dem Handy spielen wolle. Sie, Pia, warte auf das Vorlesen, zumal Mama ohnehin nur auf ihrem Sessel sitze und Löcher in die Luft starre.
Pia bemerkt, dass ihre Mutter schnell schimpft, dass sich ihre Eltern oft streiten und dass ihr Lieblingspullover nicht gewaschen wird. Mama weine oft. Der Vater ist verständnisvoll. Auf Anraten einer Ärztin entscheidet sich die Mutter für die Behandlung in einer Klinik. Während der Zeit ihres Aufenthalts dort sind die drei Schwestern oft bei den Großeltern. Pia kann auch mit einer Erzieherin in ihrem Kindergarten über die psychische Erkrankung der Mutter sprechen.
Nach ihrer Zeit in der Klinik erklärt die Mutter, dass sie ihre Depression wieder mit nach Hause gebracht habe. Wie ein kleines Wesen sei sie, das in ihr wohne und sich nicht verscheuchen lasse. Vielmehr müsse es sich wohlfühlen und es werde aufpassen, dass sie sich um sich selbst kümmere. Pia tauft das kleine Wesen Wilmo und Mama versichert ihr, dass sie für Wilmo ein schönes Zuhause in ihrer Seele bauen werde, wohin er sich zurückziehen könne.
34 Seiten Online-Zusatzmaterial ergänzen die Geschichte und ihre Illustrationen. Es gliedert sich in die jeweils knappen Sektionen „Begleitung von Kindern im Vorschulalter“ (Pia, 4 Jahre), danach „Kinder im Grundschulalter“ (Sophie, 9 Jahre) und „Teenager“ (Marlene, 12 Jahre). Weitere Kurzkapitel richten sich an die erwachsenen Angehörigen, an die erkrankte Person selbst und an pädagogische Fachkräfte bzw. Lehrpersonen. Die Texte sollen ihnen Unterstützung bieten und Hilfsmöglichkeiten aufzeigen.
Diskussion
Mit „Wilmo“ legt Francis Kaiser eine zarte, anrührende und sich vorsichtig an die Problematik Depression herantastende Geschichte vor, deren Handlung Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren nicht überfordert und mit deren Protagonistin und Erzählerin sie sich identifizieren können. Dass es Pias Mutter am Ende besser geht und dass die häusliche Situation der Familie wieder einigermaßen im Lot ist, lässt sich direkt an der leichten Kreisstruktur ablesen: zu Beginn lehnt es die Mutter ab, das Lieblingsbuch ihrer jüngsten Tochter, „Hans und Bramtita auf Reisen“, ein rein fiktiver Titel, also ein nicht real existierendes Buch, vorzulesen. Nachdem sie Wilmo in sich ein Zuhause gegeben hat, ist sie dazu wieder bereit, sodass die kindlichen Adressat:innen nach all den Irrungen und Wirrungen die nahezu idyllische finale Vorlesesituation in bester Erinnerung behalten werden.
Von dort aus erfolgt als eine Art Add-on ein Sprung in die Zukunft, dem Hoffnung für alle, die in einer ähnlichen Situation wie Pia sind, innewohnt: zu Beginn ihres zweiten Schuljahres schreibt sie einen Brief an ihre ehemalige Erzieherin Lara, in dem sie erklärt, dass Wilmo manchmal noch zu Besuch komme, sich ihre Mama aber gut um ihn kümmere. Der gelungene Schlussakkord am Rande der eigentlichen Geschichte lässt sich sehr gut als Gesprächsimpuls im dialogischen Vorlesen mit Vorschulkindern einsetzen.
Abgesehen davon, dass mit dem erfundenen Bilderbuch „Hans und Bramtita auf Reisen“ die Chance verspielt wird, eine explizite intertextuelle Bedeutungsebene zu kreieren und ebenso abgesehen davon, dass die Sprache etwas poetischer und kunstvoller hätte sein können (wobei das eine Kritik auf hohem Niveau ist), greift das Bilderbuch Fragen auf, die Kinder psychisch erkrankter Eltern intensiv beschäftigen – zuallererst die Sorge, dass man sich vielleicht nicht genug angestrengt habe, nicht gut genug sei oder gar schuld an der Erkrankung sein könnte. „Vielleicht muss ich mich nur mehr anstrengen, damit Mama wieder fröhlich ist“ (S. 11) – sinniert Pia, während ihre große Schwester Marlene eher in Abwehrstellung geht und mit dieser Reaktion die Haltung hilfloser Erwachsener spiegelt („Oh Mann, jetzt geht das schon wieder los. Kann Mama sich nicht mal zusammenreißen?“, S. 13). Der Vater betont, dass keine der Schwestern für den Zustand verantwortlich sei. Im wörtlichen und übertragenen Sinne ist er ein „Bilderbuchvater“, der seiner Frau liebevoll begegnet und gleichzeitig seine Töchter adäquat beruhigt.
Ein weiteres Highlight besteht in der Figur der Erzieherin Lara, die auf Pias Frage, was denn die Seele sei, mit vorbildlicher sensitiver Responsivität reagiert und nicht ungeduldig wird, als Pia nachfragt (vgl. S. 24 f.). Schönfärberei nach dem Klinikaufenthalt ist der Geschichte genauso fremd: Die Mutter erklärt, dass ihre Depression nicht verschwinde, sondern vielmehr ein Teil von ihr sei. Mit der Kreation des Wesens Wilmo, der sich meist an einem sicheren intrapsychischen Ort verbirgt und nur selten manifeste Präsenz beweist, können die Schwestern diese Dynamik nachvollziehen. Die Depression wird für sie greifbarer.
Die Illustrationen mit ihren dominierenden, ab und an von pastelligen Akzenten pointierten, Grautönen begleiten die Geschichte hervorragend. Einerseits. Andererseits wirken sie – so ist zu vermuten – nicht nur auf Kinder sehr düster. Sie scheinen darüber hinaus kaum händisch, sondern ausschließlich mit elektronischen Werkzeugen erstellt zu sein, wobei der ausgeprägte digitale Effekt möglicherweise dem Druckprozess zu schulden ist. Bedauerlicherweise wirkt das Cover so, als ob es auf äußerst preiswerte Art und Weise hätte produziert werden müssen. Im Online-Material geben sich die Illustrationen insgesamt freundlicher, weil sie in helleren Farben und mit geringeren KI-Vibes daherkommen. Den Illustrationen im Buch ist indessen rundum zugute zu halten, dass sie die Mimik der skizzierten Figuren fokussieren. Wenngleich mitunter etwas überzeichnet, spiegelt sie die Affektwelten der Beteiligten hervorragend.
So passend und gut die Geschichte, so unpassend die beiden Vorworte – in erster Linie das zweite, in dem sich Francis Kaiser ihrem Publikum vorstellt. Sicher ist all das gut gemeint, bestimmt fühlen sich manche Adressat:innen von den emotional verbrämten Worten und der hier transportierten Partikularität angesprochen und „mitgenommen“, aber: Die Geschichte spricht für sich selbst und trägt ihre unverkennbare Botschaft in sich. Sie benötigt keine Rahmung qua eigener Erfahrung der Autorin und Illustratorin.
Betroffene, Angehörige und/oder pädagogische Fachkräfte, die sich ein Bilderbuch über das Thema Depression in der Familie besorgen, tun gut daran, sich über die Erkrankung mittels Fachbücher und einschlägiger Websites qualifiziert zu informieren. Vorworte und Online-Material im Umkreis einer (Auto-)Fiktion können Rezipient:innen auf einer sehr seichten, emotionalen Ebene niederschwellig ansprechen, sind aber in keiner Weise hilfreich, insbesondere dann nicht, wenn ein generisches Du eingesetzt wird. „Ich möchte dir und deiner Familie zeigen, dass ihr nicht allein seid mit euren Sorgen, und euch gleichzeitig Hoffnung machen.“ (S. 5), oder: „Ich wünsche dir und euch viel Kraft auf eurem ganz eigenen Weg.“ (ebd.). Diese und ähnliche Sätze sind dazu angetan, jegliche gebotene Distanz zu destruieren. Ein Bilderbuch ist keine Selbsthilfegruppe.
Fazit
„Wilmo“ ist eine sehr gut gelungene Erzählung mit im Großen und Ganzen passenden Illustrationen. In ihrer Eigenwertigkeit kann sie jüngeren Kindern einen guten Zugang zur Problematik seelischer Erkrankungen im Allgemeinen und Depressionen im Besonderen bieten. Sowohl die Peritexte als auch das Online-Material hingegen hätten auf ein Quellenverzeichnis und weiterführende Literaturhinweise im Buch selbst reduziert werden können.
Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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