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Elke Schilling: »Die meisten wollen einfach mal reden«

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 16.04.2026

Cover Elke Schilling: »Die meisten wollen einfach mal reden« ISBN 978-3-86489-432-9

Elke Schilling: »Die meisten wollen einfach mal reden«. Strategien gegen Einsamkeit im Alter. Westend Verlag GmbH (Neu-Isenburg) 2024. 204 Seiten. ISBN 978-3-86489-432-9. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

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Thema

Einsamkeit drückt einen Mangel aus. Es fehlt den Betroffenen das ständige Eingebundensein in ein vertrautes soziales Gefüge. Einsamkeit bedeutet somit, dass ein Grundbedürfnis keine ausreichende Befriedigung finden kann. Der Mensch als ein familiengebundenes Gemeinschaftswesen benötigt für sein psychosoziales Gleichgewicht Verwandte im Nahbereich. Der rasche soziale Wandel führt jedoch kontinuierlich seit mehreren Jahrzehnten zu einem stetigen Schwinden erweiterter Familienbande, verursacht vor allem durch Mobilität, Flexibilität und damit auch Individualisierung der Menschen. Die vorliegende Publikation setzt sich in diesem Zusammenhang mit dem Thema Vereinsamung auseinander, wobei der Schwerpunkt auf die Einsamkeit im Alter gelegt wird.

Autorin

Elke Schilling ist Diplom-Mathematikerin, die 22 Jahren in verschiedenen Rechenzentren der DDR tätig war. Von 1994 bis 1998 war sie Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt. Des Weiteren war sie u.a. als ehrenamtliche Seniorenvertreterin von 2011 – 2018 in Berlin-Mitte tätig. Im Jahr 2016 gründete sie „Silbernetz e.V.“, ein bundesweites Telefonangebot für ältere einsame Menschen.

Aufbau

Das Buch ist in sechszehn Abschnitte mit den folgenden Themenbereichen gegliedert:

  • Nachtfenster
  • Wie das Thema zu mir kam
  • Einsamkeit
  • Unsichtbar
  • Vorurteile
  • Der Generationenkonflikt
  • Informationsarmut
  • Ängste
  • Lebenszeit
  • Entscheidungen
  • Hohes Alter
  • Sterben
  • Jahre mit Leben füllen – was geht?
  • Da ist immer noch viel Luft nach oben
  • Vom Luxus des Alleinseins
  • Schlusslicht

Eingefügt sind in den Ausführungen anonymisierte mehrzeilige Telefonmitschnitte aus dem Tätigkeitsfeld von Silbernetz zur Belegung und Verdeutlichung der angeführten Sachverhalte.

Inhalt

Zu Beginn berichtet die Autorin über ihre Erfahrungen mit dem englischen Telefondienst für Ältere (“Silverline Helpline“), der von ehrenamtlichen Helfern getragen wird. Die Helfer verpflichten sich, einmal pro Woche ein einstündiges Telefonat mit Personen zu führen, die ihnen von der Vermittlungszentrale zugewiesen werden. 2018 wurde Silbernetz in Anlehnung an das englische Vorbild zuerst in Berlin und später auch bundesweit geschaffen. Eine kostenlose Rufnummer konnte eingerichtet werden, die rund um die Uhr aus dem Berliner Festnetz erreichbar war. Später wurde dieses Telefonangebot auch für Mobiltelefone zugänglich. Kurze Zeit später wurde das Leistungsspektrum von Silbernetz um die Vermittlung von Kontakten („Silbernetz-Freundschaft“) und einen Informationsdienst über Unterstützungsangebote im Nahbereich („Silber-Info“) erweitert.

Es folgen Ausführungen u.a. über die soziokulturellen Gründe der zunehmenden Vereinsamung in der modernen Welt: die Flexibilität und Mobilität der Erwerbstätigen „führt zur Auflösung familiärer Verbindungen und Unterstützungsstrukturen zwischen den Generationen. Großeltern und Enkelkinder sind nicht mehr verfügbar füreinander“ (Seite 33). In ländlichen Bereichen sind in den letzten Jahrzehnten zunehmend Geschäfte, Gaststätten, Postämter und Schulen als Orte der Begegnung verloren gegangen. Doch auch in den Alten‑ und Pflegeheimen ist der Anteil alter einsamer Menschen recht hoch, So hat zum Beispiel eine Studie ergeben, dass das Einsamkeitsempfinden Betagter und Hochbetagter in den Heimen dreimal höher liegt als bei den Alten im häuslichen Bereich.

Des Weiteren setzt sich die Autorin mit den aus ihrer Sicht ungerechten sozialpolitischen und sozialrechtlichen Gegebenheiten alter Frauen in Deutschland auseinander, wobei sie die „Unsichtbarkeit“ als Metapher verwendet. So wird zum Beispiel die „unentgeltliche Sorgearbeit für Enkel … oft nicht einmal als Ehrenamt oder zivilgesellschaftliches Engagement wahrgenommen, ist als solche weitgehend unsichtbar“ (Seite 53). Auch die erhöhte Altersarmut der Frauen wird diesbezüglich als eine Form der Frauendiskriminierung angeführt.

Das Thema Altersdiskriminierung wird im Zusammenhang des globalen Berichtes der WHO hinsichtlich des „Ageimus“ erörtert. Die Autorin fordert diesbezüglich eine stärkere Orientierung an der neuen UN-Konvention zu den Menschenrechten der älterer Menschen. Hierbei wird u.a. auf die negativen Stereotypen über alte Menschen als multimorbid, technikfern und alterseinsam verwiesen. Auch die Betonung der Alten als ökonomische und damit gesellschaftliche Bürde wirkt sich negativ auf das Selbstbild älterer Menschen aus, die von sich aus auf vieles verzichten, nur um nicht den anderen zur Last zu fallen.

Weitere Themen ihrer Darstellung und Reflexionen sind der Generationenkonflikt und die Informationsarmut älterer Menschen u.a. über Angebote an Veranstaltungen, Treffen und Kontaktmöglichkeiten im Nahbereich. Bemängelt wird auch, dass die Altenhilfe als öffentliche Aufgabe (§ 71 SGB XII) nur eine Sollaufgabe der Kommunen und Kreise ist und damit keinen verpflichtenden Charakter besitzt. Des Weiteren werden die Lebensumstände der Hochaltrigen (älter als 85 Jahre) thematisiert, die überwiegend allein leben und der Gefahr der Vereinsamung stärker ausgesetzt sind, denn die sozialen Netzwerke bestehend aus Angehörigen und auch Freunden und Nachbarn schrumpfen von Jahr zu Jahr. In den letzten Abschnitten beschäftigt sich die Autorin u.a. mit dem Sterben, der Hospizarbeit und den Palliativstationen, wobei sie auch die Sterbehilfe thematisiert. Darüber hinaus fordert sie u.a. auf, selbst aktiv zu werden: „Wenn Sie sich einsam fühlen und es Ihnen damit nicht gut geht, warten Sie nicht darauf, dass irgendjemand kommt und nett zu ihnen ist. Reden Sie darüber und ergreifen Sie die Initiative, solange Sie das noch können!“ (Seite 173). Als einen Ausblick am Ende des Buches offeriert die Autorin u.a. den „Luxus des Alleinseins“ als eine Perspektive angesichts eingeschränkter sozialer Lebensumstände.

Diskussion

Die vorliegende Publikation lässt sich inhaltlich schwer einordnen. Aus der Sicht des Rezensenten handelt es sich hierbei um ein Konglomerat aus Tatsachen (u.a. demographische Daten), Stellungnahmen zu sozialpolitischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten und Wunschvorstellungen und damit zugleich um mögliche Perspektiven. So haben die Ausführungen dann manchmal den Charakter eines Positionspapiers oder gar einer Streitschrift, wenn die Autorin zum Beispiel ausführt: „Steuergelder wandern in die Taschen von Betrügern in Nadelstreifen, Milliarden, die fehlen, wenn es um die Sanierung von Schulen oder Krankenhäusern, um den Bau bezahlbaren Wohnraumes oder die Aufrechterhaltung notwendiger sozialer Dienstleistungen, eines Gesundheitswesens, das dem Wohlergehen von Menschen und nicht dem Profit von Konzernen dient.“ (Seite 184).

Die Kernthematik des Buches „Einsamkeit im Alter“ wird in seiner Komplexität und virulenten Leidensgegebenheit nicht angemessen dargestellt. Es fehlt u.a. die Aufarbeitung des fachwissenschaftlichen Standes der Forschung über die Auswirkungen der Einsamkeit und des Alleinseins auf die psychosoziale Befindlichkeit der Betroffenen. Einsamkeit hat viele Gesichter, auch die Bewältigungsformen sind je nach Persönlichkeit und sozialem Umfeld verschieden. Es gilt jedoch das Faktum, dass das ungewollte Alleinsein als Mangel empfunden wird, als bewusstes und auch unbewusstes Stresserleben (siehe Krieger et al. 2022 und Spitzer 2018).

Fazit

In der vorliegenden Publikation werden viele Aspekte und Problembereiche einer alternden Gesellschaft aufgearbeitet und kritisch analysiert. Darüber hinaus werden sozialpolitische Forderungen und Erwartungen für ein gutes Leben im Alter postuliert. Das zentrale Thema des Buches, die Einsamkeit im Alter, konnte hingegen in ihrer Komplexität und Tiefe nicht angemessen erfasst werden.

Literatur

Krieger, T. et al. (2022) Einsamkeit. Göttingen: Hogrefe Verlag. https://www.socialnet.de/rezensionen/​29555.php

Spitzer, M. (2018) Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. München: Droemer Knaur. (www.socialnet.de/rezensionen/​24081.php

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 235 Rezensionen von Sven Lind.

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ISSN 2190-9245