Mina Baumgarten, Johannes Danckert (Hrsg.): Stadt und Gesundheit 2040
Rezensiert von Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers, 19.12.2025
Mina Baumgarten, Johannes Danckert (Hrsg.): Stadt und Gesundheit 2040. Nachhaltig gesund leben im urbanen Raum. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2025. 285 Seiten. ISBN 978-3-95466-959-2. D: 64,95 EUR, A: 66,90 EUR, CH: 80,00 sFr.
Thema
Das Werk befasst sich nach einem Vorwort der Berliner Wissenschaftssenatorin mit verschiedenen Themen, die im weitesten Sinne mit Gesundheit und Stadtentwicklung in Zusammenhang gebracht werden können. Das erklärte Ziel ist, Zukunftsperspektiven für die vor allem gesundheitsbezogene Stadtentwicklung aufzuzeigen.
Herausgeber:in und Autor:innen
Johannes Danckert und Mina Baumgarten gehören zur Leitung von Vivantes, dem kommunalen Krankenhausträger Berlins. Die Mehrzahl der Autoren stammt aus dem Netzwerk von Vivantes, dessen an- sowie ausgegliederten Institutionen und verbundenen Berliner Akteuren aus verschiedenen Branchen. Beiträge von Gastautoren sind eingestreut.
Aufbau
Das Buch besteht aus 48 Einzelbeiträgen verschiedenster Autorinnen und Autoren von unterschiedlichster Fachlichkeit: Medizingeschichte, Arbeitsmedizin, Stadtplanung, Unternehmensberatung. Die Einzelbeiträge sind teils plausibel, teils eher bemüht in die generalistischen Oberkapitel „Gesund leben in der Stadt 2040“, „Gesundheitsversorgung 2040“, „Forschung und Entwicklung“ und „Leben 2050“ eingeordnet.
Inhalt
Der Band deckt ein weites Themenspektrum ab. Beiträge mit nicht unbedingt gesundheitlichem, aber zumindest klarem Lokalbezug wie „Die BVG als Schlüsselakteurin für eine nachhaltige und vernetzte Zukunft“ „Quartiersentwicklung des ehemaligen Flughafens Tegel in Berlin“ und „Museen im Wandel“ stehen neben ortsunabhängigen Beiträgen wie „Essen in Gesundheitseinrichtungen mit Augenmerk auf das Jahr 2040“, „Wie lernen wir in Zukunft? Lernen als Enabler von Transformation und Kulturwandel im Gesundheitswesen” oder „A Spatial Justice Approach to Urban Health Inequalities“.
Zum Lokalen sei der Beitrag zur Quartiersentwicklung des ehemaligen Flughafens Tegel angesprochen. Die Autorin, die Geschäftsführerin der Tegel Projekt GmbH, beschreibt in teils in Superlativisten schwelgender Sprache, welche ökologischen (Umgang mit der Ressource Wasser, Holzbauweise), energiewirtschaftlichen (u.a. Tiefengeothermie) und siedlungsstrukturellen Besonderheiten („komfortable, robuste Grundrisse mit grünen Außenräumen, Alt und Jung in Gemeinschaftshäusern in solidarischen Wohngemeinschaften“) bei der Neuplanung des Geländes eine Rolle gespielt haben sollen und schließt mit dem Allgemeinplatz „Gesundes Wohnen und Arbeiten bedeutet für jeden von uns ein Umdenken… Das erfordert viel Optimismus und Mut, aber es lohnt sich!“. Dieser Einzelfall eines entwidmeten Flughafengeländes, das mit nahezu unbegrenzten Ressourcen in ein Vorzeigequartier umgewandelt werden konnte, ist per se nicht uninteressant; allgemeine Schlussfolgerungen erlaubt er aber nicht.
Als Beispiel für die theoretischen Abschnitte soll „A Spatial Justice Approach to Urban Health Inequalities“ vorgestellt werden: Michael Woods, Geograph aus Wales, greift bedeutsame vor allem angloamerikanische Konzepte zur innerstädtischen Segregation auf. So beobachtet man in krisenhaften städtischen Ballungsräumen parallel zum Wegzug finanzkräftiger Einwohnergruppen einen Rückzug von Gesundheitseinrichtungen, was zu einer Abwärtsspirale in Versorgungs- und Lebensqualität und letztlich zu einer Beschleunigung negativer Entwicklungen führt. Los Angeles und die Pariser Banlieue werden als illustrative Beispiele erwähnt. Woods plädiert hier für ein engagiertes und partizipatives Gegensteuern der kommunalen Seite. Dem ist unter Gerechtigkeitsaspekten nichts hinzuzufügen; diese Szenarien sind aber auf die deutsche Situation, die durch landesrechtliche Krankenhausplanung und ambulante Kapazitätszuweisung durch die kassenärztlichen Vereinigungen gekennzeichnet ist, kaum anwendbar und wirkt wie andere Beiträge willkürlich eingefügt.
Diskussion
Einige Beiträge wirken unfreiwillig komisch: Der Autor des Schlusskapitels entwickelt die Vision, Berlin werde im Jahre 2050 „global führend beim Thema Lebensqualität sein“. Die Stadt solle dazu, erkennbar an das chinesische Sozialkreditsystem angelehnt, Bürger per App überwachen und Fußgänger, Rad- und Busfahrer für ihr Wohlverhalten mit „Punkten“ belohnen, die in den städtischen Kultureinrichtungen einzulösen sind. Senioren sollen mit Sturzsensoren überwacht und deren „Gesundheitsdaten direkt an Ärzt:innen gesendet“ werden. Angesichts der bekannt dysfunktionalen Berliner Verwaltung ist die angenommene Spitzenposition per se absurd; ob die an eine orwellsche Gesundheitsdiktatur gemahnende Vision darüber hinaus ethisch und politisch wünschenswert ist, möge jeder selbst entscheiden.
Die einleitenden und rahmenden Beiträge sind in schwer erträglicher, inhaltsfreier Unternehmensberatungs-Phraseologie verfasst: „Ausgehend von der Evidenz im Hier und Heute entsteht so über alle Abschnitte hinweg im Zusammenspiel der Beiträge das Zukunftsbild des Anzustrebenden und Erreichbaren, sofern es gemeinsam gelingt, die Möglichkeiten von Translation, Innovation, Digitalisierung, neuer Business- und Servicemodelle und menschlicher Kreativität auszuschöpfen“. Die eher fachlichen Einzelbeiträge variieren stark in sprachlicher Qualität und Dichte der Aussagen.
Der Anspruch des Werks, ein stimmiges Konzept für die gesundheitliche Entwicklung einer Metropole am Beispiel Berlins vorzulegen, wird verfehlt. Es enthält einzelne durchaus fachlich fundierte Beiträge, die Zusammenstellung wirkt aber beliebig. Jegliche kritische Betrachtung an der Berliner Realität oder gar Selbstkritik der mehrheitlich kommunalen Akteure fehlt; stattdesssen ist das Werk von Schlagworten wie „Berlin kann Gesundheit“ und „Hier wird Zukunft gedacht und gemacht“ durchzogen.
Fazit
Das Buch ist ein Hochglanz-PR-Produkt zur fachlich verbrämten Eigendarstellung des kommunalen Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes. Offensichtlich wurde alles irgendwie Publikationsfähige im Konzern unter der wohlklingenden, aber nichtssagenden Überschrift „Gesund leben in der Stadt 2040“ zusammengefasst. Insgesamt handelt es sich um eine verzichtbare Publikation.
Rezension von
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
Politikwissenschaftler (M.A.) und Mediziner (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen, Umweltmedizin), Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft und Sozialmedizin, Leiter des Masterstudiengangs Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework) – Psychosoziale Hilfen für gesundheitlich gefährdete, erkrankte und behinderte Menschen, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Münster.
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