Johannes Drerup, Thomas Goll et al. (Hrsg.): Mündigkeit
Rezensiert von Dr. Axel Bernd Kunze, 02.09.2026
Johannes Drerup, Thomas Goll, Miguel Zulaica y Mugica (Hrsg.): Mündigkeit. Zur Debatte über ein unverzichtbares Bildungsideal. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 185 Seiten. ISBN 978-3-7344-1733-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.
Thema
Mündigkeit ist seit der Aufklärung das Ideal einer auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zielenden Bildung, zugleich aber auch eine zentrale normative Leitkategorie der liberalen Demokratie. Zwischen beiden Verständnissen besteht eine wechselseitige Beziehung: Bildung ermöglicht es, Alternativen zu denken, zwischen ihnen zu wählen und entscheidungsfähig zu werden. Demokratie wiederum ist nur denkbar mit einem großen Vertrauen in Bildung: in die Mündigkeit der Wähler und Wählerinnen, ihre politische und ethische Urteilsfähigkeit.
Herausgeber
Johannes Drerup ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungstheorie an der Technischen Universität Dortmund sowie Gastprofessor an der Freien Universität Amsterdam.
Thomas Goll ist Professor für integrative Fachdidaktik Sachunterricht und Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund und Sprecher des dortigen Initiativzentrums für politische Bildung und kommunale Demokratie (IZBD).
Miguel Zulaica y Mugica ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Berufspädagogik an der Technischen Universität Dortmund.
Entstehungshintergrund
Der vorliegende Band, veröffentlicht in der Reihe „Dortmunder Schriften zur politischen Bildung“ und damit im Kontext der Demokratiepädagogik verankert, verfolgt das Ziel, den Begriff der Mündigkeit in dreifacher Hinsicht näher zu bestimmen. Es geht den drei Herausgebern um eine theoretische Klärung, um Fragen der praktischen Realisierung und um eine Rechtfertigung dieses Ideals, das nicht selten Gefahr läuft, zu einer „Pathosformel“ zu verkommen. Dabei wird vorausgesetzt, dass von Mündigkeit in unterschiedlichen Kontexten gesprochen wird; so ist neben pädagogischer Mündigkeit auch von personaler, politischer oder moralischer Mündigkeit die Rede.
Aufbau
Der Band gliedert sich – nach einer Einleitung aus der Feder der Herausgeber – in drei Teile. Diese widmen sich den Ausgangspunkten und Problemvorgaben, die mit dem Begriff Mündigkeit verbunden sind, der Kritik an diesem Begriff, wie sie in der allgemeinpädagogischen und Postmodernedebatte geführt wird, sowie der Bedeutung von Mündigkeit in verschiedenen Kontexten, von der Debatte um das Wahlalter über die Debatte um den konfessionellen Religionsunterricht bis zur Praxis stadtkultureller Bildung in Dortmund.
Inhalt
Mündigkeit; Ausgangspunkte und Problemvorgaben
Roland Reichenbach widmet sich dem mündigen Urteil. Nicht die „eigene“ Meinung sei schon ein Gütekriterium. Wichtiger sei es, wie differenziert die eigene Meinung begründet werde und wie sich diese im Meinungsstreit bewähre. Elementare Kompetenz, wenn jemand mündig sein wolle, bleibe die Urteilskompetenz. Dabei, so verdeutlicht Reichenbach, gehe es nicht vorrangig um die Fähigkeit, eine Meinung äußern zu können. Urteilsfähigkeit zeige sich nicht zuletzt darin, auch das eigene Nichtwissen, Nichtverstehen oder Nichtkönnen selbst reflektieren zu können.
Georg Weisseno widmet sich der Frage, inwiefern politische Mündigkeit selbst politikdidaktisch beurteilt und gemessen werden könne. Dabei rekurriert er auf das Modell der Politikkompetenz, das Joachim Detjen vor rund fünfzehn Jahren entwickelt hat: „Ziel des kompetenzorientierten Politikunterrichts ist es demnach, das in der Schule zu vermittelnde Fachgebiet Politik problem‑ und anwendungsorientiert zu beherrschen. Dieses Ziel ist sehr viel bescheidener und fokussierter als eine allumfassende politische Mündigkeit“ (S. 46). Politikkompetenz, so Weisseno, zeige sich nicht allein im Wissen über Politik, sondern nicht zuletzt in der Motivation, sich mit den Fragen des Faches auseinanderzusetzen. Die empirischen Zugänge zur Politikkompetenz könnten die am Mündigkeitsideal orientierte normative Politikdidaktik sinnvoll ergänzen.
Thomas Goll widmet sich der Rolle, welche Mündigkeit für die politische Bildung spielt – und dies in Auseinandersetzung mit Immanuel Kant und Theodor W. Adorno. Die Auseinandersetzung läuft darauf hinaus, Mündigkeit und Bürgerlichkeit miteinander zu korrelieren. Bürgerlichkeit zeige sich in unterschiedlichen Ausprägungen: vom politisch Desinteressierten über den reflektierten Zuschauer und interventionsfähigen Bürger bis zum Aktivbürger. Mündigkeit könne nur angeregt, aber nicht „anerzogen“ werden und könne letztlich nur außerhalb der Schule real werden. Dennoch habe der Politikunterricht verschiedene Möglichkeiten, die Lernenden in ihrer Mündigkeit zu fördern: über Methoden, die den Sinn von Institutionen vermittelten (z.B. Simulationsspiele), die politische Urteilsfähigkeit förderten (z.B. Pro‑ und Kontradebatten), die politische Handlungsfähigkeit einübten (z.B. „Youth Leadership Training“) und das Bewusstsein über die Bedeutung des Rechtsstaates förderten (z.B. Fallstudien).
Zur Kritik von Mündigkeitskritiken
Johannes Drerup setzt sich kritisch mit der Verwendung des Mündigkeitsideals in der allgemeinpädagogischen Debatte auseinander. Diese mutiere leicht zur Illusions‑ oder Pathosformel. Aber auch neuere postmoderne oder poststrukturalistische Theorien führten beim Sprechen über Mündigkeit letztlich nicht weiter und endeten in „Theoriesackgassen“. Drerups Forderung: Über Mündigkeit müsse anders und besser als bisher gedacht werden. Er benennt drei Forderungen: Zum einen müssten die verschiedenen Theoriedebatten füreinander offener und durchlässiger werden und sich so stärker befruchten. Zum anderen müssten normative und empirische Debatten über Mündigkeit stärker als bisher verknüpft werden. Und schließlich dürfe über eine Erziehung zur Mündigkeit nicht harmonisierend gesprochen werden; es gelte ernst zu nehmen, dass in liberalen Demokratien ganz unterschiedliche Konzepte des Guten nebeneinanderstünden – entsprechend sei auch Mündigkeit aus Perspektive unterschiedlicher Traditionen zu denken.
Julian Culp widmet sich in seinem Beitrag der postmodernen Kritik an einer Erziehung zur Mündigkeit. Ein Kritikpunkt laute, dass Vertreter eines „klassischen“ Verständnisses von Mündigkeit zu wenig ihre eigene Rolle und ihre Ausübung von Macht im Kontext einer Erziehung zur Mündigkeit reflektierten. Der Beitrag formuliert deutliche Zweifel an der Tragfähigkeit postmoderner Kritik. Die Anliegen einer Normalisierungskritik auf der einen und einer Ideologiekritik auf der anderen Seite seien bis heute nicht abgegolten und behielten ihren aufklärerischen und emanzipatorischen Wert.
Mündigkeit im Kontext
Dorothee Gronostay und Lukas Brandt widmen sich der Debatte um eine Absenkung des Wahlalters auf sechzehn Jahre, indem sie Schülerurteile aus dem Politikunterricht auswerten. Auch wenn sich der Unterricht auf die politische Bedeutung von Wahlen konzentrierte, thematisierten die schriftlichen Schüleraussagen immer wieder die Frage der politischen Reife im Hinblick auf ein abgesenktes Wahlalter.
Der konfessionelle Religionsunterricht sieht sich zunehmend unter Druck, seine Plausibilität rechtfertigen und einen Indoktrinationsverdacht abwehren zu müssen. Jan-Hendrik Herbst trägt zahlreiche Argumente für einen konfessionellen Religionsunterricht zusammen, z.B. rechtlich, ethisch, politisch, anthropologisch, kulturgeschichtlich, theologisch, bildungstheoretisch, gesellschaftlich oder fachspezifisch. Der Beitrag formuliert eine deutliche Warnung: Politische und religiöse Bildung ließen sich nur sehr begrenzt im Sinne einer Analogiebildung miteinander vergleichen. Soll der konfessionelle Religionsunterricht weiterhin überzeugend begründet werden, müsste es dabei vor allem um Argumente gehen, welche „nicht analog für einen parteipolitischen Politikunterricht verwenden werden“ (S. 154 ) werden könnten – etwa in Form des bildungstheoretischen Arguments: Religion stelle eine unhintergehbare und nicht durch andere Wirklichkeitszugänge ablösbare Form der Rationalität dar, die durch Bildung allgemein zugänglich zu machen sei – aufgrund der religiösen Wirklichkeit könne dies aber nur über einen konfessionellen Zugang adäquat erfolgen. Der Verteidigung des konfessionellen Religionsunterrichts widerspreche es aber nicht, für die zunehmende Zahl konfessionsloser Schüler und Schülerinnen auch religionskundliche Zugänge offenzuhalten.
Barbara Welzel stellt abschließend sehr anschaulich das kulturelle Bildungsprojekt „Geguckt in Dortmund: Fenster/​schau“ vor. Das Projekt aus der Lehrerbildung vermittelt eine wichtige demokratische Erfahrung: Es interessiert andere, wie junge Menschen ihre Stadt sehen, für die sie künftig einmal als mündige Bürger Verantwortung übernehmen müssen.
Diskussion
Leider fehlt dem Band abschließend noch einmal ein Fazit oder Ausblick, der die doch recht unterschiedlichen Zugänge zum Thema noch einmal auswertet und zusammenbindet.
Der Band macht deutlich: Wer von politischer Urteilsfähigkeit sprechen will, wird auf den Begriff der Mündigkeit auch künftig nicht verzichten können – sonst wäre möglicherweise am Ende alle Katzen grau. Servilität und blinder Gehorsam müssen auch künftig benannt und begründet vom Mündigkeitsideal abgegrenzt werden können. Zu prüfen ist allerdings, wie in der politischen Bildung über Mündigkeit gesprochen wird. Eine Mündigkeitskritik, die mehr oder weniger radikal den Wert dieses Ideals zeitdiagnostisch verneint und als überholte große Erzählung verabschieden will, führt in die Sackgasse. Umgekehrt muss die Rede von Mündigkeit aber nachweisen, inwiefern sie dazu verhilft, die gegenwärtigen Fragen, Herausforderungen und Probleme konstruktiv zu bearbeiten. Hierfür gibt der Band diverse Anregungen.
Fazit
Das Ideal der Mündigkeit hat sich auch in postmodernen oder poststrukturalistischen Zeiten nicht erledigt, aber es bedarf der zeitgemäßen Reformulierung – und kann dann auch eine wertvolle Hilfe dabei leisten, die politische Bildung zu zentrieren. Bildung, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung, zeigt sich politisch im Bürger, der nicht von anderen Meinungen abhängig bleibt, sondern politisch urteils-, interventions‑ und handlungsfähig ist.
Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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