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Sebastian Hempel: Normativität und Professionalität Sozialer Arbeit

Rezensiert von Alma Mora, 08.05.2026

Cover Sebastian Hempel: Normativität und Professionalität Sozialer Arbeit ISBN 978-3-8474-3162-6

Sebastian Hempel: Normativität und Professionalität Sozialer Arbeit. Eine arbeitsfeldübergreifende Rekonstruktion. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 235 Seiten. ISBN 978-3-8474-3162-6. D: 54,90 EUR, A: 56,50 EUR.
Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 25.

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Thema

Der Normativitätsdiskurs in der Sozialen Arbeit ist seit vielen Jahren theoretisch verortet. Mit dieser Publikation ergänzt der Autor den Diskurs durch empirische Daten aus der Praxis der Sozialen Arbeit. Dabei stehen die normativen Muster, die Sozialarbeiter*innen in der Praxis (un-)bewusst produzieren im Mittelpunkt. Mithilfe eines rekonstruktiven Forschungsdesigns, werden Daten u.a. in Gruppendiskussionen erhoben, theoretisch eingeordnet und in Modellen, die für Theorie und Praxis gangbar sind, verbunden.

Autor

Prof. Dr. Sebastian Hempel (Sozialarbeiter, M.A) ist Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen. Seine Lehrveranstaltungen beziehen sich vor allem auf Professionalität, Normativität, Theorien und Methoden in der Sozialen Arbeit, die Kinder‑ und Jugendhilfe sowie historische Perspektiven auf die Soziale Arbeit. (https://www.dhbw-vs.de/hochschule/​mitarbeitende/​sebastian-hempel.html)

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung wurde als Dissertation am Hessischen Promotionszentrum Sozialer Arbeit unter dem Titel „Normativität und Professionalität Sozialer Arbeit. Eine rekonstruktive, arbeitsfeldübergreifende Studie zu den normativen Rahmungen professionellen Handelns“ eingereicht und zugelassen. Sie ist im Open Access verfügbar.

Aufbau

Die Monografie gliedert sich in 8 Hauptkapitel, die kleinteilig untergliedert sind. Diese bieten nach einer Einleitung zuerst eine theoretische Einordnung (2 Normativität Sozialer Arbeit, 3 Professionalität Sozialer Arbeit) und beschreiben darauffolgend das methodische Vorgehen der qualitativen Untersuchung (4 Forschungsdesign und Forschungspraxis) und die Forschungsergebnisse (5 Darstellung der Ergebnisse, 6 Einordnung der Ergebnisse). Vorhandene Forschung und Theorien werden im siebten Kapitel mit den neuen Erkenntnissen des Autors in einem Modell professionellen Handelns verbunden (7 Normative Rahmungen Sozialer Arbeit und ihre Dilemmata), um mit einer kritischen Schlussbetrachtung und einem Ausblick zu enden (8).

Inhalt

In der Einleitung zeichnet der Autor eine Soziale Arbeit, die angesichts von Ökonomisierung, globalen Krisen und Fachkräftemangel vor der Herausforderung steht, ihren normativen Kern neu zu bestimmen. Adressat*innen erwarten dabei eine parteiliche, wissenschaftlich fundierte und am Einzelfall orientierte Unterstützung, wodurch Professionalität stets in normative Rahmen eingebunden ist. Die Arbeit setzt sich kritisch damit auseinander, dass bisherige Diskurse zu Normativität und Professionalität überwiegend theoretisch bleiben und die Praxis kaum berücksichtigen. Stattdessen verfolgt sie einen empirischen Zugang und untersucht arbeitsfeldübergreifend, wie sich Normativität konkret im Handeln von Sozialarbeiter*innen manifestiert. Professionalität wird dabei praxeologisch verstanden, also als tatsächliches praktisches Handeln und nicht als bloßes Ideal. Ziel ist es, die impliziten handlungsleitenden Orientierungen zu rekonstruieren und anschließend ihr Verhältnis zur Normativität zu reflektieren.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Normativität der Sozialen Arbeit. Normativität ist ein grundlegender Bestandteil Sozialer Arbeit und historisch sowie gesellschaftlich geprägt. Soziale Arbeit ist nicht per se „gut“, sondern kann auch in Ausgrenzung und problematische Praktiken verstrickt sein. Ihre normative Ausrichtung muss daher kritisch reflektiert werden.

Der Autor arbeitet heraus, dass Normativität eine unvermeidbare Grundlage sozialarbeiterischen Handelns darstellt, da Soziale Arbeit stets in die Aushandlung, Durchsetzung oder Infragestellung gesellschaftlicher Normen eingebunden ist. Eine neutrale Position ist dabei nicht möglich, weil auch Neutralität selbst eine normative Setzung darstellt. Besonders betont wird die Differenz zwischen expliziten normativen Programmatiken, wie etwa Leitbildern oder Ethik-Kodizes, und den impliziten, handlungsleitenden Orientierungen, die das tatsächliche Handeln bestimmen. In Anlehnung an praxeologische Ansätze wird auf eine häufig bestehende Diskrepanz zwischen diesen Ebenen hingewiesen, wodurch deutlich wird, dass normative Vorgaben nicht automatisch handlungswirksam sind. Daraus folgt die zentrale Forderung, Normativität nicht nur theoretisch zu reflektieren, sondern vor allem empirisch zu untersuchen, um die tatsächlichen moralischen Orientierungen in der Praxis sichtbar zu machen.

Des Weiteren beleuchtet dieses Kapitel die normative Dimension Sozialer Arbeit vor dem Hintergrund struktureller Machtasymmetrien und rückt das Paternalismusproblem als zentrale Herausforderung in den Mittelpunkt. Normatives Handeln basiert häufig auf moralischen Letztbegründungen, die selbst nicht weiter begründet werden können und daher sowohl notwendig als auch problematisch sind, da sie Machtwirkungen verschleiern können. Paternalismus wird als Handeln zum vermeintlichen Wohl anderer ohne deren Zustimmung beschrieben und als ambivalent bewertet, da er einerseits dem Ideal der Selbstbestimmung widerspricht, andererseits in bestimmten Situationen moralisch geboten erscheinen kann. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus ein strukturelles Spannungsfeld, da paternalistische Elemente bereits in der Problemdefinition angelegt sein können und durch institutionelle sowie rechtliche Rahmenbedingungen verstärkt werden. Entscheidend ist dabei die Frage, unter welchen Bedingungen Eingriffe in die Autonomie legitim sind, insbesondere im Hinblick auf die Bewertung der Selbstbestimmungsfähigkeit von Adressat*innen. Insgesamt wird das Paternalismusproblem als grundlegende Begründungsfrage Sozialer Arbeit verstanden, die eine kontinuierliche normative Reflexion erfordert.

Als normative Grundlage für Handlungstheorien wird der Capability Approach als einen normativen und zugleich analytischen Bezugsrahmen vorgestellt, der sich besonders durch seine Fokussierung auf reale Handlungsmöglichkeiten von Menschen auszeichnet. Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen capabilities als vorhandenen Möglichkeiten und functionings als deren tatsächlicher Realisierung, wodurch Lebenslagen differenziert analysiert werden können. Die von Nussbaum formulierten zentralen Fähigkeiten dienen dabei als orientierender Rahmen für ein gutes Leben, ohne jedoch als starres Normensystem verstanden zu werden. Der Ansatz wird insofern positiv hervorgehoben, als er keine konkreten Lebensweisen vorgibt und somit paternalistische Tendenzen vermeidet, sondern vielmehr die Erweiterung von Möglichkeitsräumen in den Fokus stellt. Für die Soziale Arbeit ist der Capability Approach insbesondere deshalb anschlussfähig, weil er die Wechselwirkung zwischen individuellen Lebenslagen und gesellschaftlichen Bedingungen betont und somit eine fundierte Grundlage für Problemdefinitionen und Zielbestimmungen bietet. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass der Ansatz keine direkten Handlungsanweisungen liefert, sondern vor allem als analytische und normative Orientierung dient. Am Beispiel von Röhs Konzept der „daseinsmächtigen Lebensführung“(S. 50) wird schließlich gezeigt, wie sich diese Perspektive in eine konkrete sozialarbeiterische Handlungstheorie übersetzen lässt, die auf die Förderung von Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten abzielt.

Abschließend wird die Diskrepanz zwischen einem umfangreichen theoretischen Diskurs über Ethik in der Sozialen Arbeit und einer vergleichsweise schwach ausgeprägten empirischen Forschung zur tatsächlichen Praxis hervorgehoben. In Anlehnung an praxeologische Überlegungen wird zwischen Ethik als reflexiver Auseinandersetzung mit Normen und Moral als implizit handlungsleitender Orientierung unterschieden, wodurch zwei analytische Ebenen sichtbar werden. Während zahlreiche theoretische Konzepte existieren, bleibt weitgehend unklar, wie sich Normativität konkret im Alltag sozialarbeiterischen Handelns manifestiert und welche impliziten moralischen Strukturen dabei wirksam werden. Daraus ergibt sich eine zentrale Forschungslücke, die die Notwendigkeit empirischer Untersuchungen unterstreicht, um die tatsächliche Praxis Sozialer Arbeit besser zu verstehen und die Verbindung zwischen normativen Programmatiken und handlungspraktischer Umsetzung zu klären.

Das dritte Kapitel verschiebt den Fokus von der theoretischen Bestimmung von Normativität hin zur Frage, wie diese in professionelles Handeln übersetzt wird. Dabei werden unterschiedliche Professionalitätsmodelle vorgestellt, die jeweils verschiedene Perspektiven auf professionelles Handeln eröffnen: kompetenzorientierte Ansätze, die auf erlernbare Fähigkeiten und Fertigkeiten abzielen, strukturtheoretische Konzepte, die Professionalität als Habitus begreifen, sowie interaktionistische Modelle, die die Widersprüchlichkeit professionellen Handelns betonen. Insgesamt wird deutlich, dass Professionalität in der Sozialen Arbeit nicht eindimensional verstanden werden kann, sondern sich im Spannungsfeld von Wissen, Können, Haltung und situativer Aushandlung vollzieht.

Davon ausgehend hebt der Autor hervor, dass professionelle Praxis in der Sozialen Arbeit untrennbar mit organisationalen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Da Sozialarbeiter*innen überwiegend in staatlichen oder staatlich finanzierten Organisationen tätig sind, unterliegen sie rechtlichen Vorgaben, administrativen Strukturen und standardisierten Verfahren, die ihr Handeln maßgeblich beeinflussen und teilweise auch einschränken. Diese organisationalen Anforderungen erzeugen konkrete Handlungserwartungen, die nicht ignoriert werden können und häufig in Spannung zu professionellen Ansprüchen stehen. Zudem ist die Soziale Arbeit in interprofessionellen Kontexten oftmals keine Leitprofession, wodurch sie sich stärker an externe normative Vorgaben anpassen muss. Vor diesem Hintergrund wird betont, dass Professionalität stets in Auseinandersetzung mit organisationalen Bedingungen zu analysieren ist und Fragen nach möglicher Deprofessionalisierung nur auf empirischer Grundlage beantwortet werden können.

Der praxeologische Zugang versteht Professionalität als Ergebnis konkreter Handlungspraxis, die sich in der Überlagerung von organisationalen und professionellen Anforderungen vollzieht. Auf Grundlage der praxeologischen Wissenssoziologie wird zwischen kommunikativem (explizitem) und konjunktivem (implizitem) Wissen unterschieden, wobei letzteres für die praktische Handlungsausführung zentral ist. Professionalität entsteht demnach in einem „professionalisierten Milieu“, das durch eine konstituierende Rahmung – etwa institutionelle Vorgaben oder Hilfeplanstrukturen – geprägt ist und in dem sich Fachkräfte und Adressat*innen in einem gemeinsamen Erfahrungsraum bewegen. Entscheidend ist dabei die interaktive Herstellung von Handlungspraxis, in der sich normative Erwartungen, organisationale Bedingungen und situative Anforderungen verschränken. Professionalität zeigt sich somit nicht in abstrakten Idealen, sondern in routinisierten, situationsbezogenen Entscheidungen, die innerhalb dieses komplexen Gefüges getroffen werden und nur empirisch angemessen erfasst werden können.

Kapitel 4 beschreibt das Forschungsdesign und die Forschungspraxis. Beforscht wurden insgesamt sechs Teams (Borneo, Capri, Föhr, Djerba, Eua & Aruba) aus verschiedenen Arbeitsfeldern: zwei Teams der Bewährungshilfe, zwei Teams des Streetwork (einmal in Kombination mit einer Notunterkunft) und zwei Teams der stationären Wohnungslosenhilfe. Das Forschungsdesign ist strukturell an der praxeologischen Wissenssoziologie ausgelegt. Diesen folgend wurden sechs Gruppendiskussionen mit den oben genannten Teams aus drei verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit geführt. Ergänzend wurden die Teams dazu aufgefordert im Vorhinein ein Bild, das ihre berufliche Praxis darstellt, an den Autor zu schicken. Dieses Bild wurde in der Gruppendiskussion wieder aufgegriffen. Nicht nur die Bildinterpretationen und die in den Gruppendiskussionen rekonstruierten Erzählungen über die (gemeinsame) Handlungspraxis spielten somit eine Rolle, sondern auch die Frage der Bildauswahl bzw. des Bildauswahlprozesses. Die Erhebung und Auswertung erfolgten über die dokumentarische Methode nach Bohnsack.

Kapitel 5 beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung der jeweiligen Erfahrungen mit den Teilnehmenden der Gruppendiskussionen und den Teams. Der Autor räumt hier ein, dass der Erhebungsprozess während der Coronapandemie zwar erschwert wurde, er aber das Beibehalten eines persönlichen Gesprächs vor Ort als positiv bewertet. Im Anschluss an die Erhebung wurde den Teilnehmenden ein ausführliches Debriefing angeboten, das dem Autor eine nachträgliche Erklärung seines Forschungsvorhaben ermöglichte. Aus den Gruppendiskussionen kristallisierten sich für den Autor drei Vergleichshorizonte, die sich im Rahmen der Auswertung für alle Gruppen als handlungsrelevant erwiesen:

  1. das Handlungsproblem der organisationalen Tatsache,
  2. das Handlungsproblem der fehlenden Systempassung von Adressat*innen und
  3. das Handlungsproblem der Aufforderung zur Bildkommunikation.

Durch die komparative Analyse (mithilfe der Bildinterpretation und der Vergleichshorizonte) arbeitete der Autor zwei übergeordnete Typen heraus: Den (1) solidarisch-idealisierenden Typus sowie (2) den angepasst-formalisierendenTypus. In der Gegenüberstellung der Typen lassen sich drei Teams jeweils einem Typen zuordnen:

  • Dem solidarisch-idealisierender Typ die Teams Borneo (Streetwork), Capri (Streetwork & Notunterkunft ) und Föhr (Bewährungshilfe). Hier waren u.a. an die Würde des Menschen und die professionelle Autonomie, sowie eine Identifikation mit einem empfundenen professionellen Auftrag Sozialer Arbeit grundlegend.
  • Bei dem angepasst-formalisierender Typ, dem sich Djerba (Stationäre Wohnungslosenhilfe), Eua (Stationäre Wohnungslosenhilfe) und Aruba (Bewährungshilfe) zuordnen lassen, waren u.a. eine Bewältigung im Modus der Anpassung an die Programmatik sowie verschiedenste Modi der Abwertung der Klient*innen grundlegend.

In Kapitel 6 werden die empirischen Befunde in einen größeren Kontext gestellt, abstrahiert und systematisiert. Die o. g. zwei Typen lassen durch eine metatypologische Kontextualisierung in eine übergeordnete Struktur einbetten, was arbeitsfeldübergreifend zu drei Handlungstypen führt:

  1. organisationsmoralisch orientierte Handlungstypen,
  2. professionsmoralisch orientierte Handlungstypen und
  3. selbstbezüglich-denormalisierende Handlungstypen.

Die Arbeit zeigt auf, dass in der Sozialen Arbeit keine homogenisierte Handlungsmoral existiert, die auf ein kohärentes professionsspezifisches Normativitätsgerüst verweist. Das Ergebnis impliziert, dass Adressat*innen Sozialer Arbeit nicht zuverlässig auf eine einheitliche Orientierung an professionellen Normen wie Parteilichkeit vertrauen können. Der Autor stellt die Ergebnisse in Bezug zu bestehenden Modellen professionellen Habitus, insbesondere dem Modell von Becker-Lenz und Müller (2009). Diese Reflexion zeigt, dass professionelles Handeln in der Praxis der Sozialen Arbeit stark von individuellen und situativen Faktoren geprägt ist, was die Annahme eines homogenen professionellen Habitus in Frage stellt.

In Kapitel 7 präsentiert der Autor sein „Modell der idealtypischen normativen Rahmungen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit“. Dieses wird im Folgenden kurz beschrieben: Gesellschaftliche Meta-Normen wirken auf die habituellen Dispositionen der Fachkraft. Die Fallbearbeitung als professionelles Handeln wird von diesen Dispositionen, den gesellschaftlichen Normen und der professionsmoralischen sowie organisationsmoralischen Orientierung der Fachkraft beeinflusst. Die Art dieser Fallbearbeitung hat schlussendlich Auswirkungen handlungspraktischer Normativität auf die Adressat*innen. In der Praxis der Sozialen Arbeit stehen diese Normen oftmals im Widerspruch, was der Autor als fallbezogene Dilemmata und als Konstellationen normativer Rahmungen in dem o. g. Modell einordnet. Drei Konstellationen werden in diesem Kapitel ausführlichen dargestellt: (1) Dilemmata innerhalb des professionsethischen Normenspektrums, (2) Dilemmata zwischen professionsethischen und organisationalen Normen und (3) Dilemmata zwischen professionsethischen und gesellschaftlichen Meta-Normen. Aus diesem Modell heraus entwickelt der Autor die normenbezogene systematische Fallreflexion. In dieser können gesellschaftlichen Meta-Normen, professionsethische Normen, subjektive Normen und organisationale Normen anhand von Leitfragen bewusst gemacht werden. Dieses Bewusstmachen von normativen Verflechtungen ist für den Autor eine Möglichkeit professionelles Handeln positiv zu gestalten.

Mit dem achten Kapitel schließt das Buch. Die vorliegende Studie zeigt, dass organisationsmoralische Orientierungen stärker ausgeprägt sind als professionsmoralische, was die Frage nach einer autonomen Professionen Sozialer Arbeit mit eigenem Normengerüst aufkommen lässt. Die Fachkräfte in diesem Buch zeigen keine homogene Haltung oder einen besonderen Typus an professionellem Habitus. Vielmehr zeigen sich diametral unterschiedliche Orientierungen, die nicht an Arbeitsfeld oder der Organisation festzumachen sind. Mit Blick auf Angriffe und Einflussnahme von rechten und rechtsextremen Bewegungen werden Fachkräfte benötigt, die sich professionell und mit Kompetenz zu wehren wissen. Zu dieser Kompetenz gehört das Wissen um normative Grundlagen und den o. g. Dilemmata. „Dies ist insbesondere mit Blick auf die sich aus ihren eigenen ethischen Grundsätzen ableitende Verantwortung Sozialer Arbeit gegenüber ihren Adressat*innen dringend geboten“ (S. 212).

Diskussion

Die Studie ist – wie der Autor selbst betont – die erste arbeitsfeldübergreifende rekonstruktive Analyse in der Sozialen Arbeit, die sich mit dem Zusammenspiel von Normativität und Professionalität in der Praxis beschäftigt. Der bisher vor allem theoretisch geführte Normativitätsdiskurs wird dadurch um empirische Erkenntnisse ergänzt. Zwar ist die Stichprobe mit sechs Teams aus drei (oder je nach Einordnung vier) Arbeitsfeldern eher klein, dennoch bietet die Studie eine erste wichtige Grundlage. Sie zeigt, wie mit der dokumentarischen Methode arbeitsfeldübergreifend geforscht werden kann. Die theoretischen Einführungskapitel (Kapitel zwei und drei) sind sehr dicht geschrieben und daher teilweise schwer verständlich, was für die Leser*innen anstrengend sein kann. Im weiteren Verlauf des Buches wird der Stil jedoch deutlich zugänglicher: Die Darstellung der Forschungspraxis, die Fotos der Teams sowie die Entwicklung der Ergebnisse bis hin zu den Modellen sind anschaulich und engagiert geschrieben. Obwohl dieser Teil umfangreicher ist, lässt er sich deutlich leichter lesen.

Besonders gewinnbringend ist der Einblick in die Praxis, der durch die Interviewzitate ermöglicht wird. Die Aussagen der Fachkräfte und die Zusammensetzung der Teams hätten dabei noch mehr Raum erhalten können.

Insgesamt eignet sich die Studie weniger als Einführung in das Thema, da sie umfangreiche Vorkenntnisse im Normativitätsdiskurs und in Theorien der Sozialen Arbeit voraussetzt. Als vertiefende Lektüre zur professionstheoretischen Einordnung von Normativität und deren praktischer Umsetzung ist sie jedoch sehr empfehlenswert

Fazit

Sebastian Hempel untersucht in seiner Studie, wie Sozialarbeiter*innen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern normative Orientierungsmuster in ihrem professionellen Handeln hervorbringen. Diese entstehen häufig implizit, haben jedoch weitreichende Auswirkungen auf die Adressat*innen. Auf Grundlage von Gruppendiskussionen und Bildmaterial rekonstruiert er die normativen Rahmungen sozialarbeiterischer Praxis und zeigt, wie diese das professionelle Handeln beeinflussen. Das Buch ist in den Anfängen sehr theorielastig und komplex formuliert, aber in der zweiten Hälfte sehr spannend zu lesen und bietet durch seine fachliche Breite Anknüpfungspunkte für Studierende, Forschende und Fachkräfte in der Praxis.

Literatur

Becker-Lenz, Roland/Müller, Silke (2009): Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals. Bern/Berlin/​Frankfurt a. M./Wien: Lang.

Rezension von
Alma Mora
Studentin im Studiengang "Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession", B.A. Sozialarbeiterin
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Es gibt 1 Rezension von Alma Mora.

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ISSN 2190-9245