Miranda Leontowitsch, Ralf Lottmann et al.: Queeres Altern
Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 02.09.2026
Miranda Leontowitsch, Ralf Lottmann, Christina Dülfer, Smilla Henning: Queeres Altern. Biographische Erzählungen. transcript (Bielefeld) 2025. 172 Seiten. ISBN 978-3-8376-7390-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 47,60 sFr.
Reihe: Alter - Kultur - Gesellschaft - 12.
Thema und Autor:innen
Die Herausgeber der Publikation sind Miranda Leontowitsch ist Alterssoziologin und leitet die Leitstelle Älterwerden im Jugend‑ und Sozialamt der Stadt Frankfurt am Main, Prof. Dr. Ralf Lottmann ist Professor für Gesundheitspolitik an der Hochschule Magdeburg Stendal, Christina Dülfer, studiert Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Smilla Henning studiert im Master Erziehungswissenschaft ebenfalls an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Aufbau und Inhalt
Die Publikation ist neben einer Danksagung und einer Einleitung in zehn Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.
In der „Danksagung“ wird den Interviewten gedankt, dem Verlag und der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
In der „Einleitung“ wird herausgearbeitet, dass der Begriff queer etymologisch sei, es ist ein Adjektiv, was so viel bedeutet wie seltsam, sonderbar oder merkwürdig. Ältere Lesben und Schwule stehen dem Begriff ablehnend gegenüber, obgleich jüngere Generationen diesen wie selbstverständlich zu übernehmen scheinen. Das vorliegende Buch behandelt acht biografisch‑narrative Interviews.
Das Buch wurde von einer heterogenen Autor:innenengruppe verfasst. Die Interviews wurden in den Wohnungen der Betroffenen durchgeführt und dauerten über zwei Stunden. Danach wurden die Daten wissenschaftlich aufbereitet und ausgewertet.
Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Scham, Verfolgung, Freiheit?“: Klaus Schirdewahn reflektiert „Todsünde, Verbrechen“ das sind Begriffe, die er nicht nur von seinen Eltern hörte. Daraufhin baute er eine Scheinwelt um sich um und wurde stumm. Er litt unter Depressionen und körperlichen Schmerzen. Danach erfolgt ein historischer Abriss über die Entwicklung, die sich im Zusammenhang mit Schwulen und Lesben vollzog. Der Nationalsozialismus stellt eine besonders dunkle Zeit für queere Menschen dar. Sie wurden zunehmend verfolgt und viele von ihnen wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Die rechtliche Lage verbesserte sich für queere Menschen in den 1990er Jahren zunehmend.
Es folgen die acht biografisch‑ narrativen Interviews. In Kapitel drei beginnt die Geschichte von „Eike“, die 1938 geboren wurde und die bereits im Kindesalter bemerkt hat, dass sie anders ist. Sie heiratet eine Frau und hat zwei Kinder. Nach einer angleichenden Operation in ihren frühen Fünfzigern. Heute 78-jährig lebt sie in einer Altenwohnanlage.
Die nächste Fallvignette ist von „Charlotte“, die lesbisch war und es selbst nicht wusste.
Die darauffolgende Biografie und damit Kapitel fünf ist von „Sofia“, die sich früh in Frauen verliebt und Beziehungen pflegt. Sie wird 1940 in einem südamerikanischen Dorf geboren. Sie geht zunächst ohne Aufenthaltsgenehmigung nach Deutschland und studiert. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie 75 Jahre alt und stark gehbehindert.
Es geht weiter mit einer Fallvignette von „Friedl“, die in den 1950er Jahren geboren wurde. Bei der Geburt konnte ihr Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden, sodass sie sich in frühen Kinderjahren mehreren Operationen unterziehen musste. Im Geburtsregister als männlich registriert, lässt sie sich als Frau umoperieren und sie sieht sich als dazwischen. Sie ist jetzt 60 Jahre alt und lebt allein.
Der nächste Fall und damit Kapitel sieben handelt von „Christoph“. Er ist 70 Jahre alt und erkrankt im Grundschulalter an Kinderlähmung, wodurch sein Aussehen und seine Gesundheit nachhaltig beeinflusst sind. Über eine Kontaktanzeige lernt er Jahre später seinen zukünftigen Ehemann kennen, mit dem er heute in einer privaten Seniorenresidenz in einer Großstadt lebt.
Der nächste Fall, der vorgestellt wird, ist „Emil“. Er wird 1944 geboren und lebt mit seiner Familie in der ehemaligen DDR. Er ist Apotheker und ist mit seinem Schwulsein immer offen umgegangen. Nach einem Unfall in suizidaler Absicht ist Emil stark körperlich beeinträchtigt. Jetzt ist er 71 Jahre alt und wird von einem Pflegedienst in seiner Wohnung unterstützt.
„Dorothea“ ist der nächste Fall. Sie wurde 1957 geboren, als Kind missbraucht und ist infolgedessen substanzabhängig. Sie schafft es, die Abhängigkeit mithilfe von Therapien zu überwinden. Ihr Lesbischsein erkennt sie erst als Erwachsene und lernt ihre Partnerin bei einer Therapie kennen. Sie wird zunehmend immobil, erlangt aber durch ihren Rollstuhl und Assistenz im Arbeitgebermodell Freiheiten zurück.
Die letzte Fallvignette handelt von „Anton“. Er ist gegenwärtig 75 Jahre alt und lebt seit 15 Jahren in einem Pflegeheim in einer Großstadt in Ostdeutschland. „Anton“ ist halbseitig gelähmt und demenziell beeinträchtigt. Seine Sexualität lebt er im Pflegeheim offen aus.
Kapitel 11 ist dem „Epilog“ vorbehalten. Sowohl Lesben als auch Schwule oder weitere unterschiedliche Lebenslagen werden von der Gesellschaft auf ihre sexuellen Aspekte reduziert. Damit meine ich das gemeinsame Leben, das gemeinsame Träumen und das gemeinsame Tun, den Alltag zu bewältigen. Wie die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Verhältnisse auf der Ebene von individuellen Erfahrungen wirksam werden, welches Leid und welche Handlungsmöglichkeiten sie erzeugen, zeigt sich hier in den vorliegenden biografischen Erzählungen.
Diskussion
Es ist eine wirklich sehr interessante Publikation und das zu einem Thema, das bisher in der wissenschaftlichen Literatur kaum eine Rolle gespielt hat. Das Buch wirkt auch entstigmatisierend, weil es ganz sachlich und real die Geschichte der acht betroffenen Personen schildert. Es zeigt wie unterschiedlich die Menschen ihre Vielfältigkeit begreifen und wie ungezwungen, teils erst spät selbst begriffen, sie damit umgehen.
Fazit
Es lohnt sich wirklich diese Publikation zu lesen, zumal sie auf eine akademische Sprache weitgehend verzichtet und deshalb von jeden gut verständlich ist. Es wäre sehr nützlich, wenn solche Themen mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden würden, weil damit Barrieren und Vorbehalte abgebaut werden könnten.
Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische
Sozialforschung und Gerontologie
Mailformular
Es gibt 212 Rezensionen von Gisela Thiele.





