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Noëmi Seewer, Tobias Krieger: Ratgeber Einsamkeit

Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 23.01.2026

Cover Noëmi Seewer, Tobias Krieger: Ratgeber Einsamkeit ISBN 978-3-8017-3249-3

Noëmi Seewer, Tobias Krieger: Ratgeber Einsamkeit. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2025. 89 Seiten. ISBN 978-3-8017-3249-3. D: 9,95 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,15 sFr.
Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie - 61.

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Thema und Entstehenshintergrund

Einsamkeit ist ein Thema, das seit einigen Jahren zunehmend diskutiert wird und jede*n treffen kann. Gleichzeitig ist es nach wie vor mit Scham behaftet, sich selbst und anderen gegenüber die eigene Einsamkeit einzugestehen. Doch was genau ist Einsamkeit? Wie entsteht sie? Und was kann man selbst dagegen tun? Der „Ratgeber Einsamkeit“ von Noëmi Seewer und Tobias Rieger gibt darauf fundierte und zugleich gut verständliche Antworten. Er ist nicht nur eine informative Lektüre, sondern auch ein praxisnahes Arbeitsheft für Betroffene, da er zahlreiche Übungen und Anregungen zur Selbsthilfe enthält. Der Band erscheint in der Reihe „Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie“ und ist bei Hogrefe veröffentlicht.

Autor*innen

Dr. Noemi Seewer (geb. 1993) ist Postdoc und klinische Mitarbeiterin an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. PD Dr. Tobias Krieger (geb. 1981) ist leitender Psychologe an der Psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Bern.

Aufbau und Inhalt

Der Ratgeber gliedert sich in vier Kapitel. Nach grundlegenden Erläuterungen dazu, was Einsamkeit ist, wie viele Menschen betroffen sind, wie sie sich äußert und wie sie entsteht, richten die Autor*innen in Kapitel 3 den Fokus auf konkrete Maßnahmen, die gegen Einsamkeit ergriffen werden können. Ein kurzes abschließendes Kapitel greift häufig gestellte Fragen zum Thema Einsamkeit auf. Mit knapp 90 Seiten ist der Ratgeber bewusst kurz, klar strukturiert und sehr übersichtlich gestaltet.

Einsamkeit – Was ist das?

Bindung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ein Mangel an Bindung kann Einsamkeitsgefühle hervorrufen. Dabei handelt es sich um ein subjektives Erleben, das häufig mit Scham verbunden ist. Einsamkeit ist klar zu unterscheiden von sozialer Isolation und vom bloßen Alleinsein. Laut Befragungen fühlen sich 30–40 % der Menschen in Deutschland zumindest manchmal einsam, wobei von einer deutlich höheren Dunkelziffer auszugehen ist. Einsamkeit ist dabei keineswegs auf das hohe Alter beschränkt, sondern kann in allen Lebensphasen auftreten. Die Autor*innen geben einen gut verständlichen Einblick, wie Einsamkeit erhoben wird, und gehen der Frage nach, welche Faktoren ihre Entstehung begünstigen. Besonders eindrücklich ist ihre Betonung der Bedeutung von Einsamkeit als Signal: Ähnlich wie Hunger oder Durst macht sie darauf aufmerksam, dass ein Mangel bestehen könnte – und dass es möglich und sinnvoll ist, aktiv etwas dagegen zu tun.

Wie entsteht chronische Einsamkeit?

Seewer und Krieger zeigen in diesem kurzen Kapitel auf, warum Einsamkeit, wenn sie chronisch geworden ist, oft nur schwer zu durchbrechen ist und nicht selten einem „Teufelskreis“ gleicht. Dies hängt vor allem mit der zunehmenden Angst vor Zurückweisung und (erneuten) Verletzungen zusammen. „Bei Menschen, die sich chronisch einsam fühlen, überwiegt die Angst vor (erneuten) Verletzungen und begünstigt, dass uneindeutige soziale Situationen als potenziell bedrohlich eingeschätzt werden. Man könnte sagen, dass der dumpfe Schmerz, mit dem chronische Einsamkeit oft beschrieben wird, dem intensiven stechenden Schmerz aufgrund von Angst vor Ablehnung, Geringschätzung oder gar Erniedrigung ›vorgezogen‹ wird“ (S. 25). Damit wird sehr nachvollziehbar, wie Einsamkeit nicht nur Ergebnis belastender Erfahrungen ist, sondern sich zugleich selbst stabilisiert und vertieft.

Was kann man selbst gegen (chronische) Einsamkeit tun?

In diesem Kapitel zeigen die Autor*innen sehr praxisnah, wie der „Teufelskreis der Einsamkeit“ durchbrochen werden kann. Zunächst werden die Lesenden dazu eingeladen, ihr eigenes „soziales Netz“ bewusst zu betrachten und zu differenzieren, welche Art von Beziehungen sie führen (Bekannte, erweiterte Freundschaften, engste Vertraute). So wird sichtbar: Wo bestehen bereits tragfähige Kontakte? Welche Ebene ist noch wenig gefüllt? Und wo könnte ich mir vorstellen, Beziehungen zu vertiefen?

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf möglichen Auslösern von Einsamkeit im Zusammenhang mit Beziehungen. In Übungen reflektieren die Lesenden, welche Situationen in der Vergangenheit zu einer Verschlechterung von Beziehungen und damit zu Einsamkeit beigetragen haben könnten. Ein Beispiel ist etwa ein Umzug, der langfristig die Partnerschaft belastet hat, zu einer Trennung führte und schließlich Einsamkeit verstärkte.

Besonders wertvoll ist der angeregte Perspektivwechsel: Welche „Funktionen“ oder auch Vorteile kann Einsamkeit haben? Schützt sie möglicherweise vor neuen Verletzungen? Bewahrt sie ein Gefühl von Sicherheit oder Stabilität? Gleichzeitig laden die Autor*innen dazu ein, das Alleinsein neu zu bewerten, etwa durch Gedanken wie: „Ich habe Zeit für mich“, „Ich kann mich meinen Interessen widmen“ oder „Ich lerne mich selbst besser kennen.“ Ergänzend bieten sie Achtsamkeits- und Atemübungen an, um Einsamkeit annehmen zu können und sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen, statt die Gefühle zu verdrängen.

Seewer und Krieger erarbeiten mit den Lesenden zudem, welche „Gruppenzugehörigkeiten“ bereits bestehen und wie sogenannte hinderliche automatische Gedanken entstehen. Sie machen auf typische Interpretationsverzerrungen aufmerksam und fördern mehr gedankliche Flexibilität. So bedeutet es etwa nicht zwangsläufig Ablehnung, wenn sich jemand im Bus nicht neben einen setzt – es kann viele andere Gründe geben. Sehr hilfreich ist auch die Anregung, positive soziale Interaktionen bewusst festzuhalten, selbst wenn sie noch so klein erscheinen, wie etwa der Hinweis einer fremden Person, dass der Rucksack offensteht.

Darüber hinaus geben die Autor*innen ganz konkrete und alltagstaugliche Hinweise, wie Kontakte in der Nachbarschaft aktiviert, Beziehungen vertieft oder neue Kontakte aufgebaut werden können. Sie listen zahlreiche Möglichkeiten auf, wie Menschen in Kontakt kommen können, und bieten Übungen zum Gesprächseinstieg, zu Small Talk und zum Sprechen mit Fremden an.

Das Kapitel verbindet damit Reflexion, Selbstmitgefühl und praktische Handlungsmöglichkeiten auf eine ermutigende und realistische Weise.

Häufige Fragen und Antworten

Es werden auf einigen Seiten die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit Einsamkeit beantwortet, zum Beispiel, ab wann bei Einsamkeit professionelle Hilfe notwendig erscheint, weshalb sich Menschen einsam fühlen, obwohl sie viele soziale Kontakte in ihrem Umfeld haben und was man tun kann, um nahestehenden Personen, die sich einsam fühlen, zu helfen.

Diskussion

Da in den letzten Jahren bereits zahlreiche Ratgeber zum Thema Einsamkeit erschienen sind, habe ich zunächst nicht viel Neues erwartet. Umso mehr wurde ich positiv überrascht: Der Ratgeber greift zwar bekannte Definitionen und grundlegende Fakten auf, überzeugt aber vor allem durch seinen stark praxisorientierten Zugang zur Auseinandersetzung mit den eigenen Einsamkeitsgefühlen. Er verzichtet weitgehend auf belehrende „Du musst …“-Ratschläge und eröffnet stattdessen einen Raum für Selbstreflexion und ein behutsames Annähern an die eigenen Gefühle. Arbeitsblätter, informative Kurztexte und vielfältige Übungen unterstützen diesen Prozess auf sehr zugängliche Weise. Das kompakte Ratgeberformat wird durch Merkkästen, Tabellen und anschauliche Beispiele sinnvoll ergänzt. So entsteht ein Arbeitsbuch, das nicht nur informiert, sondern zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit einlädt.

Fazit

Der „Ratgeber Einsamkeit“ stärkt Leser*innen darin, Einsamkeit nicht als persönliches Versagen, sondern als ein Signal zu begreifen und ermutigt zu einem achtsamen, selbstmitfühlenden Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Damit ist er ein ebenso fundiertes wie ermutigendes Arbeitsbuch für alle, die Einsamkeit besser verstehen und aktiv verändern möchten.

Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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Es gibt 17 Rezensionen von Franziska Sophie Proskawetz.

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ISSN 2190-9245