Hanno Sauer: Klasse
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 12.11.2025
Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten | Status, Klasse, Prestige: faszinierende Einblicke in unsere Gesellschaft. Piper Verlag GmbH (München) 2025. 2. Auflage. 368 Seiten. ISBN 978-3-492-07141-3. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 34,90 sFr.
Klasse ist alles. Alles ist Klasse.
Gesellschaften sind hierarchisch oder demokratisch organisiert. Die jeweilige Position, Status und Stellung des Individuums und von Kollektiven in den unterschiedlichen Gesellschaften sind menschengemacht. Der grundlegende Unterschied besteht erst einmal darin, ob Individuen und Kollektive frei, gerecht, solidarisch und friedlich zusammenleben, oder unfrei und abhängig in einer Rangfolge existieren. Weil es die absolute Freiheit nicht gibt, kommt es darauf an, die Werte und Normen des Daseins so zu regulieren, dass maximale, menschengerechte Unabhängigkeit möglich ist. Weil jeder Mensch nach einem guten, gelingendem Leben strebt, kommt es darauf an, dass die individuellen und kollektiven, sozialen, ethischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen seines Daseins menschenwürdig sind. Doch der anthrôpos ist ein abhängiges, unvollständiges, verletzliches Lebewesen [1].
Entstehungshintergrund und Autor
Es waren Rousseau und Nietzsche, die 1755 und 1886 Überlegungen anstellten, wie es zur Ungleichheit bei den Menschen kommen konnte, und wie Rassismus, Sexismus, Macht und Ohnmacht die Menschheit bis heute umtreibt. Der Philosoph Hanno Sauer von der Universität Utrecht hat sich 2023 mit dem Buch „Moral“ mit der Erfindung von Gut und Böse auseinandergesetzt. Er verweist darauf, dass die „globale Ethik“, nämlich die Anerkennung der allen menschlichen Familien innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet (Menschenrechtsdeklaration, 1948). Es sind die klassizistischen Diskriminierungen und Benachteiligungen, die es notwendig machen, die vorherrschenden sozialen Status- und Klassenunterschiede in den Blick zu nehmen.
Aufbau und Inhalt
„Eine Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus oder Ableismus ist möglich“. Soziale Klassenhierarchien entstehen durch Statusbehauptungen und -festlegungen. Es sind soziale, emotionale, machtvolle und depressive Signale, die bewusst und unbewusst an den Gegenüber gesendet werden, um den eigenen Status festzulegen und den anderen davon zu überzeugen. „Geschmack ist Klasse“, als direkte und indirekte Bedeutung; als konforme und nonkonforme Haltung; als Unterscheidung von populärer und Hochkultur; als sprachlicher und funktionaler Ausdruck. Es sind die Täuschungen, dass sich die Wohlhabenden „schlau“ und die „Schlauen reich“ fühlen können, die es den privilegierten Klassen erlauben, sich exklusiv zu fühlen. Damit dieses Gefühl stringent und selbstverständlich lebbar werden kann, entstehen Theorien und Meinungen, die sich als „effektiver Utilitarismus“ darstellen [2]. Der Skandal – oder die Konsequenz? – dass die Reichen immer reicher (und mächtiger) und die Habenichtse immer ärmer (und ohnmächtiger) werden, fokussiert auf „Selfmade“ und/oder „Zuwachs“. Das „work hard – play hard“ der Kapitalismuserzählung wird obsolet, fragt man nach der Klassenzugehörigkeit. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty teilt die Zugehörigkeit der Menschen in Klassen ein: In „benachteiligte Klassen“ – „Mittelklassen“ – „Oberklassen“/„Wohlhabende“ – und „Oberklassen“/„Dominante“ [3].Weil es keine Wirklichkeit gibt, sich eine „gleiche“ Gesellschaft vorzustellen, kann es nur darum gehen, human, solidarisch und gerecht mit Ungleichheit zu leben. Die Illusion, eine „klassenlose Gesellschaft“ zu schaffen ist zwar ehrenhaft, jedoch nicht machbar. Es sollte schon genügen, für eine soziale, demokratische Gemeinschaft einzutreten. Es sind immerhin 10 Ideen und Herausforderungen, die Hanno Sauer auflistet: Es darf keine Kasten, keinen Adel und keine Aristokratie als Statushierarchien geben! – Soziale Aufstiegschancen für Alle! – Soziale Sicherheit! – Soziale Ungleichheiten sind sach- und fachbezogen! – Klassismus ist zu verhindern! – Keine Korruption! – Keine Diskriminierung! – Pluralität von Statushierarchen! – Künstliche, menschengemachte Knappheit ist zu verhindern! – Künstlicher, menschengemachter Überfluss ebenfalls!
Diskussion
„Klasse ist sozial konstruierte Knappheit“. Eine Gesellschaft ohne Klassen gibt es nicht. Es gilt, für eine individuelle und kollektive, lokale und globale menschenwürdige Gemeinschaft der Menschheit einzutreten, weil jeder Mensch in seinem Sein die Verantwortung für eine humane Menschheit mit sich trägt.
Fazit
Die umfangreiche Studie „Klasse“, in der die „Entstehung von Oben und Unten“ in Vielfalt thematisiert wird, ist ein notwendiges Unterfangen für Ich- und Weltsicht. Die Frage „Wie wir werden, wer und was wir sind“, ist Intellekt und Geisteskraft [4]. Die auf 37 Seiten ausgewiesene Literatur bietet die Chance, selbst weiter zu denken!
[1] Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25043.php
[2] William MacAskill, Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​20648.php
[3] Thomas Piketty, Eine kurze Geschichte der Gleichheit, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​30029.php
[4] Beatrice Voigt, Hrsg., Entwicklungsdynamik in Natur und Gesellschaft, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​27299.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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