Maren Zeller, Lisa Maria Groß et al. (Hrsg.): Adressat:innen der Sozialen Arbeit
Rezensiert von Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 02.02.2026
Maren Zeller, Lisa Maria Groß, Johanna Braschel (Hrsg.): Adressat:innen der Sozialen Arbeit: Von Adressatengruppen und relationalen Adressierungsprozessen.
wbv
(Bielefeld) 2025.
212 Seiten.
ISBN 978-3-7639-7806-9.
30,00 EUR.
Reihe: Einführung in die Soziale Arbeit.
Entstehungshintergrund und Thema
Die Herausgeberinnen sind während ihres Arbeitskontexts an der Universität Trier, der damaligen Abteilung Sozialpädagogik III, übereingekommen ihre Expertise und Erfahrungen in der Lehre in ein Buch über Adressat:innen der Sozialen Arbeit einfließen zu lassen. Ihre akademischen Wege haben sich getrennt, das gemeinsame Ziel ein Buch herauszugeben, ist geblieben. Für das Projekt haben sie Mitwirkende akquiriert, die sich grundlegend zur Thematik äußern. Auf Basis vorliegender Studien werden zudem Adressierungsprozesse in den Handlungsfeldern Frühe Hilfen, Early School Leaver:innen, unbegleitete minderjährige Geflüchtete, Care Leaver:innen, Junge Wohnungslose und straffällig gewordene Menschen analysiert.
Herausgeberinnen
Prof. Dr. Maren Zeller war nach der Trierer Zeit Professorin an der FHS St. Gallen/Ost, Departement Soziale Arbeit, seit August 2025 ist sie Professorin für Sozialpädagogik, insbesondere Diversityforschung an der Leuphana Universität Lüneburg. Dr. Lisa Groß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin mit den Schwerpunkten Kinder- und Jugendhilfe am Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gGmbH. Johanna Braschel, M.A. Erziehungswissenschaft, ist in der Fachberatung für Kindertagesstätten tätig.
Aufbau und Inhalt
Den Aufsätzen des Buches ist das Abkürzungsverzeichnis (S. 7–8) vorangestellt. Der Inhalt gliedert sich in vier Abschnitte. Es folgen Angaben zu den Autorinnen und Autoren (S. 213).
Der Abschnitt Zur Bedeutung von Adressat:innen besteht aus dem Beitrag der Herausgeberinnen Wer sind Adressat:innen der Sozialen Arbeit (S. 11–19). Sie erklären das zugrunde gelegte Modell der Strukturmerkmale von Flösser et al., wonach Soziale Arbeit mit den Elementen Profession, Institution und Adressat:in bestimmt werden kann und widmen sich der Definition von Adressat:in und den Relationierungen auf Mikro-, Meso- und Makroebene. Die Adressatenfigur ist sozial konstruiert und im Bezug zu etwas anderem zu sehen. Dieses In-Bezug-Setzen-Können ist nach Ansicht der Autorinnen eine wichtige Kompetenz für die Sozialpädagog:innen, die u.a. mit dem Buch erworben werden kann. Im Anschluss erläutern sie den inhaltlichen und didaktischen Aufbau des Bandes sowie dessen Entstehungsprozess.
Der Abschnitt Stationen der Diskussion besteht aus dem Aufsatz von Univ.-Prof. Dr. Eberhard Raithelhuber, Privatdozent an der Paris Lodron Universität Salzburg und Professor für soziale Intervention und sozialen Wandel an der Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten: Adressat:innen der Sozialen Arbeit? Ein Ordnungsversuch (S. 23–48).
Dem Ordnungsversuch stellt der Autor den Fachdiskurs in der Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA), in den Grundlagen- und Lehrbüchern sowie den Handbuch- und Überblicksartikeln voraus, der in Disziplin und Profession vorhanden ist. Ziel seines Beitrags ist es, einen „reflexiven Umgang mit dem Adressat:innenbegriff“ (S. 24) zu befördern. Raithelhuber tut dies aus drei Blickachsen: 1) Die Konstruktion in den Theorien der Sozialen Arbeit: Die Debatte fasst er zusammen in der „Kritik an der pathologischen Definition von Klient:innen“ (S. 27), in der Adressierung als „Ausgangspunkt der Alltags- und Lebensweltorientierung“ (S. 28) und den Adressat:innen als „Nutzer:innen im Fokus der Dienstleistungsorientierung“ (S. 29). Besonders weist er auf normative Setzungen zur Adressatenfigur in den Theorien hin. 2) In der Konstruktion durch Bezeichnungen geht der Autor darauf ein, dass in diesen Annahmen inbegriffen ist, „wer das Gegenüber ist und wie es behandelt werden soll“ (S. 32) (Beziehungsverhältnis). Ferner arbeitet er heraus, welche Notwendigkeiten und Fallstricke in den Begriffsverwendungen enthalten sind und bringt Kritikpunkte Betroffener vor, weil sie nicht oder nicht-relational adressiert sind. 3) Die Konstruktion in der rekonstruktiven Forschung widmet sich den Zugängen zu den Adressat:innen und den Adressierungen (wie z.B. die Konstruktion von Adressat:innenschaft, Adressierungspraxen, die Selbstsicht der Adressierten). Der Autor stellt Varianten einer subjekt- und akteursorientierten Adressat:innen- und Nutzer:innenforschung vor. Zuletzt werden die „Potenziale eines relationalen Verständnisses“ (S. 40) abgeleitet. Resümierend bedauert er, dass in der Sozialen Arbeit nach wie vor professions- und institutionsbezogen auf die Adressat:innen geblickt wird, statt deren Wissens- und Handlungsformen einzubeziehen.
Der Abschnitt Ausgewählte Adressatengruppen enthält folgende Einzelbeiträge:
Familien im Kontext Früher Hilfen (Johanna Braschel, Lisa Groß & Maren Zeller)
Im Vergleich zu anderen sozialpädagogischen Hilfen handelt es sich bei der Adressat:innengruppe der Frühen Hilfen um eine relativ neue, die im Kontext des Bundeskinderschutzgesetzes vom Wissenschaftlichen Beirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) 2014 definiert wurde und eine konsequent präventive (primäre und sekundäre) Ausrichtung inklusive des Kinderschutzes enthält. Mit Blick auf die Adressierungsprozesse merken die Autorinnen an, auf der Makroebene Familien durch das Netz an Frühen Hilfen auch auf ungeschützte Art und Weise Teil eines Hilfesystems werden zu lassen, bei dem auch „Kontrolle mitschwingt“ (S. 57). Die Verfasserinnen beschreiben die Heterogenität des Feldes der Frühen Hilfen, die konzeptionelle Ausrichtung (niederschwellig, aufsuchend u.a.m.), die involvierten Fachkräfte sowie die Inanspruchnahme. In einem weiteren Abschnitt verdeutlichen sie Adressierungsprozesse von Familienhebammen (FamHeb) und Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:innen (FGKiKP) vor dem Hintergrund des Doing-Family-Konzepts. Mit Bezug auf die referierten Studienergebnisse stellen die Autorinnen eine „Mütterorientierung“ der Angebote fest. Es ist der jeweiligen Aushandlung überlassen, was als „belastend“ erachtet und wie die Schnittstelle zu Kinderschutzfällen definiert wird.
Early School Leaver:innen (Dr. Ute Karl)
Die Professorin für kulturelle, internationale und politische Dimensionen Sozialer Arbeit an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg analysiert die mit der Lissabon Strategie initiierte Vorgabe, die von der Europäischen Kommission als Strategie Europa 2020 verabschiedet wurde, den Anteil der Schulabgänger:innen von 18 bis 24 Jahren, die einen Schulabschluss der Sekundarstufe 1 haben und nicht in Ausbildung oder Schule sind (Early School Leaver:innen) auf weniger als 10 Prozent zu senken. Sie knüpft an Ergebnisse einer luxemburgischen Teilstudie von 2020 an, in welcher Maßnahmen für dieses als soziales Problem definierten Übergangs von Schule in den Beruf und die impliziten Rationalisierungen untersucht wurden. Die Autorin zeigt die Rationalitäten auf, die in den europäischen und nationalen Programmatiken enthalten sind (z.B. schneller nahtloser Übergang) und diejenigen, die in den luxemburgischen Institutionen (z.B. freiwillige Inanspruchnahme von Beratung) übernommen wurden. Im Anschluss präsentiert sie Rationalisierungsprozesse aus der Perspektive der Fachkräfte, die sich als lenkende Expert:innen verstehen und gibt Rationalisierungen wider (z.B. Trainings für die nicht-wissenden Jugendlichen mit kleinschrittigen Verhaltensanweisungen). Schließlich werden auf der Mikroebene die Rationalisierungspraktiken der Jugendlichen in Selbstaussagen beschrieben, wie sie z.B. institutionell beschriebene Normalisierungen übernehmen und den Übergang als Reifungsprozess auffassen. Im Fazit plädiert Karl dafür, die Mehrebenenanalyse zu nutzen, um die professionellen sozialpädagogischen Fachkräfte zu motivieren, „typische Strukturprobleme“ (S. 85) aufzudecken und sich den Raum des „Anders-Denkens“ zu bewahren.
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete (Dr. Samuel Keller & Maren Zeller)
Keller, am Institut für Kindheit, Jugend und Familie des Departement Soziale Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften tätig, und Zeller rekurrieren auf den Essay „We Refugees“ (1943) von Hannah Arendt, um zu verdeutlichen, dass nach Ankunft in einem Land die Flucht geografisch beendet sein mag, die Adressierungsprozesse in Korrelation zu den politischen Aushandlungsprozessen aber erst beginnen und zwar sowohl als Begrenzung von Handlungsmacht und Stigmatisierung („Flüchtling“) als auch im Sinne der Zuerkennung von Rechten und Privilegien („Weltbürger:in“ mit Sprachkenntnissen). Keller & Zeller konzentrieren sich auf die Adressatenfigur der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, indem sie die internationalen Definitionen der UN (1997) und der EU Rechtsordnung (2022) ausführen und auf die kategorisierenden Abkürzungen (wie UMA, umF) eingehen sowie statistische Eckdaten liefern. Im Anschluss arbeiten sie Formen von Adressierung in Organisationen der Sozialen Arbeit heraus, indem sie zugrundeliegende Diskursstränge aufdecken: Keller & Zeller legen dar, welcher Unterschied sich ergibt, ob junge Menschen auf der Flucht als Schutzsuchende (Kinder oder Jugendliche), die in die Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe fallen, gesehen werden, oder als potenzielles Humankapitel, in das zu investieren ist, oder als Risiko für eine Gesellschaft, die glaubt, sich schützen zu müssen oder als traumatisiertes Flüchtlingskind, das es zu behandeln gilt. Im Fazit stellen der Autor und die Autorin den Umgang mit den Adressierungspraktiken und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit heraus: Sie warnen vor einer „Unter- oder Über-Adressierung“ (S. 104), weil es sich um keinen homogenen Personenkreis handelt und das Hilfesystem stärker auf die „Bedarfslagen und Lebensrealitäten“ (S. 105) abgestimmt sein muss. Zudem plädieren sie dafür, die jungen Menschen nicht in Passivität (Hilfeempfänger:innen) zu drängen, sondern ihre Handlungsmächtigkeit (Agency) zu erkennen.
Care Leaver:innen (Lisa Groß, Angela Rein & Maren Zeller)
Die Herausgeberinnen widmen sich zusammen mit Prof. Dr. Angela Rein vom Institut Kinder -und Jugendhilfe an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) denjenigen jungen Menschen, die in der Statuspassage Übergang ins Erwachsenenalter aus einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe ausscheiden. Internationale Studien weisen nach, dass die Care Leaver:innen aufgrund ihrer Lebenslage eine „vulnerable und unterstützungsbedürftige Zielgruppe“ (S. 113) sind. Diese Thematisierung könne, so die Autorinnen, im Hinblick auf die Relevanz entsprechender Angebote über das 18. Lebensjahr hinaus auf der Makro- und Mesoebene hilfreich sein, zugleich aber auch zu einer Re-Adressierung führen, ohne die Handlungsfähigkeit der Betroffenen mitzubedenken. Die Autorinnen beschreiben vier Aspekte der „institutionellen Rahmung der Statuspassage Leaving Care“ (S. 115): a) die starke Altersnormierung, b) die fehlende Rückkehroption, c) die regionalen Disparitäten und d) die im Vergleich zu den Peers wenigen Ressourcen. In einem zweiten Schritt zeichnen sie drei Adressierungen nach, die Care Leaver:innen erfahren und welche Positionierung daraus entstehen (Mikro-Ebene): im Kontext von Differenzverhältnissen, im Kontext von Normalität und im Kontext von (quasi-)familialen Beziehungen. Die Autorinnen resümieren, dass sich die sozialpolitische Rahmung mit dem Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetz prinzipiell verbessert hat (§ 41), auf institutioneller Ebene jedoch häufig Brüche in der Betreuung verbunden sind und auf individueller Ebene die Agency der Care Leaver:innen zu wenig berücksichtigt wird.
Junge Wohnungslose (Dr. Philipp Annen)
Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Trier verfügt über theoretische und praktische Expertise zu dieser Adressatenfigur. Er beginnt mit den gängigen Vorstellungen von wohnungslosen Menschen und klärt – orientiert an der European Typology of Homelessness (ETHOS) – was Wohnungslosigkeit bedeutet und wie es mit der Berichterstattung bestellt ist. Schätzungsweise sind ca. 370.000 Menschen (Stand 2023) wegen Wohnungslosigkeit untergebracht, davon sind ca. 1/3 jünger als 25 Jahre. Annen fokussiert sich auf die sozialen Strukturen, insbesondere den sozialstaatlichen Rahmen und dessen Adressatenkonstruktion. Nacheinander arbeitet er Adressierungsprozesse 1) in der Jugendhilfe (für die Gruppe der Care Leaver:innen sowie die Konsequenzen für die Betroffenen), 2) im Rahmen des Bürgergeldes (Jobcenter) und der Verfügbarkeit als Arbeitskraft und 3) in der Sozialhilfe (als nachrangig geltende Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten) heraus und führt jeweils Beispiele aus seinem Interviewmaterial an. Bei der Analyse deckt er systemlogische Widersprüche auf, die sich negativ auf die jungen Wohnungslosen auswirken können. Für die Soziale Arbeit generiert er die Perspektive, sich auf einen langen Prozess einer Re-Politisierung einzustellen.
Straffällig gewordene Menschen (Dr. Sabine Schneider)
Die Professorin für Soziale Arbeit an der Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege der Hochschule Esslingen sensibilisiert die Leser:innen mit dem Hinweis, dass 80 bis 90 % der Bevölkerung etwas getan haben, was vom Gesetz unter Strafe gestellt ist, aber nur ein geringer Anteil in die Sanktionsmühle gerät oder verurteilt wird. Sie gibt Einblick in die Anzahl an Straftaten und Tatverdächtigen, die Verurteilungen, die Inhaftierungen und die Lebenslagen vor, im und nach dem Gefängnis und beschreibt die Angebote der Sozialen Arbeit in der Straffälligenhilfe (justizielle, freie und Jugendgerichtshilfe). Im Anschluss skizziert sie Theorieansätze zur Erklärung von deviantem Verhalten: am Individuum ansetzende Erklärungen (Persönlichkeit, Neurobiologie u.a.m.), an der Gesellschaftsstruktur ansetzende (z.B. Anomietheorie), multifaktorielle und biopsychosoziale Ansätze sowie reaktionszentrierte Sichtweisen (z.B. Labeling Approach). Unterstützungsangebote der Sozialen Arbeit für straffällig gewordene Menschen basieren auf sozialstaatlichen, gesellschafts- und kriminalpolitischen Rahmungen und transportieren Adressierungen wie z.B. Vergeltung, Prävention oder Normalisierung. Auch soziale Dienste und Behörden (Polizei, Strafverfolgung, Gerichte, soziale Dienste (in- und außerhalb der Justiz) adressieren (z.B. in Prognosen, racial profiling u.a.m.). Am Beispiel von Deutungen des Tatvorwurfs von Körperverletzungen zwischen rivalisierenden Jugendgruppen durch Fachkräfte der Sozialen Arbeit zeigt Schneider verschiedene Zuschreibungen auf (z.B. Abweichendes Verhalten als Bewältigungsversuch). Schließlich berichtet sie über Selbstadressierungen straffällig gewordener Menschen, wie sie aus Forschungsbefunden bekannt sind (z.B. Neutralisieren von Straftaten, Management von Stigmatisierung usw.). Sie resümiert, dass das Arbeitsfeld von vielen Ambivalenzen geprägt ist und deshalb eine besonders intensive Reflexion der Adressierung verlangt.
Der Abschnitt Perspektiven umfasst zwei Beiträge.
„He, Sie da!“ Subjekt, Subjektivierung und Subjektwissenschaft – Adressierungen in der Sozialen Arbeit (Prof. Dr. Stefan Paulus)
Der Autor lehrt am Departement Soziale Arbeit an der Ostschweizer Fachhochschule. Sein Beitrag greift basierend auf Althussers Konzept der ideologischen Anrufung und dem subjektwissenschaftlichen Zugang von Holzkamp grundsätzliche Aspekte von Adressierungen in der Sozialen Arbeit auf. Schrittweise erläutert Paulus welche Abgleiche beim Prozess der Subjektivierung bei einer Fremdzuschreibung stattfinden und welche Optionen ein Subjekt hat, einer solchen Anrufung zu begegnen. Soziale Arbeit ist gekennzeichnet von Ambivalenzen aus widersprüchlichen Bewertungen von Sichtweisen auf Situationen von Klient:innen/Kund:innen u.a.m. Die Subjektwerdung vollzieht sich innerhalb der gesellschaftlichen Rahmung, in welcher die Anrufung des Subjekts stattfindet und spiegelt deshalb die systembedingten Gegebenheiten (z.B. machttheoretischer Art) wider. Ein Subjekt kann die Anrufung annehmen oder sich individuell entziehen. Für die Soziale Arbeit plädiert der Autor Adressierungen vom Standpunkt der Adressat:innen aus zu denken: Die zwei Möglichkeiten sind 1) die restriktive Handlungsmöglichkeit, d.h. sich abzufinden und 2) erweiterte Handlungsmöglichkeit, sich der Lebensbedingungen bewusst zu werden. Letzteres impliziert eine Adressierung des Problems und nicht „der Individualpsychologie“ (S. 186) des Subjekts sowie die Erweiterung der Handlungsfähigkeit „zum Zweck der kollektiven Selbstermächtigung“ (S. 186).
Von der Adressat:innenorientierung zur Raumorientierung? – Kritische raumtheoretische Einwände (Prof. Dr. Christian Reutlinger)
Der Autor ist Professor für Stadt und Gesundheit an zwei Instituten der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und nimmt aus sozialgeografischer Perspektive die Hinwendung zum Raum („räumeln“, despektierlich gemeint) unter die Lupe. Dazu bedient er sich eines (fiktiven) Strategiepapiers und arbeitet an zwei Erzählsträngen acht Raumkategorien heraus (Gebiet, sozialer Brennpunkt, Heimat, Ort, öffentlicher Raum, Un-Ort, gefährlicher Ort, definierte Zone). Auf der fachlichen und Organisationsebene kommen weitere Kategorien hinzu (z.B. Planungsgebiete, Dezentralisierung, Lebenswelt, (Um-)Feld, Ausstattung eines Gebiets). Deshalb analysiert Reutlinger systematisch und detailliert Raumorientierungen in der Sozialen Arbeit und bindet die ermittelten 13 Raumkategorien ein in (z.B. nur metaphorisch bedeutsame) theoretische Konstrukte von Sozialraumorientierung, um aufzuzeigen, dass sozialpädagogisches Handeln von Raumordnungen geprägt sein kann, jede Veränderung in der Raumordnung aber auch neue Auseinandersetzungen nach sich ziehen müsste. Er stellt die Frage, ob sich Räume durch Soziale Arbeit adressieren lassen und kritisiert die Soziale Arbeit – u.a. auf Fabian Kessl rekurrierend –, wenn sie sich daran beteiligt, durch einen banalen Raumbegriff selbst zur Exklusionsmanagerin zu werden, weil sie die machtförmigen sozialen Praktiken, die am Werk sind, nicht thematisiert. Einen Ausweg sieht er in einer „sozialgeografischen Grundlegung einer Sozialraumarbeit“ (S. 206), da, wie Reutlinger es formuliert, Räume nicht handeln, sondern nur die Menschen, die diese sozial konstruieren, und weil Soziale Arbeit involviert ist, sie auch aufgefordert ist, die Konstruktionsprinzipien zu hinterfragen (z.B. hinsichtlich Macht, Klasse, Ethnie, Milieu u.a.m.).
Diskussion
Der Band macht sehr nachdrücklich bewusst, dass Adressat:innen nicht per se solche sind, sondern über (sozial)politische Rahmungen, in Institutionen und auf der Interaktionsebene zu solchen gemacht werden. Der Buchbeitrag zum Überblick des gegenwärtigen Diskussionsstandes in Theorie, Forschung und Praxis stellt die Ausgangsbasis her, von der aus in den nachfolgenden Beiträgen zur Beschreibung der ausgewählten Adressatengruppen eine genauere Betrachtung erfolgt. Die offengelegten Adressierungsprozesse bei den ausgewählten Gruppen können unterschiedlich legitimiert oder interessengeleitet sein. Die für die Darstellung der Adressatengruppen vorgegebene Unterteilung in Makro-, Meso- und Mikroebene ist dabei höchst hilfreich, um die relationalen Adressierungsprozesse verständlich machen zu können, richtet sich das Buch doch auch an Studierende der Sozialpädagogik. Sie profitieren von der vereinheitlichten Darstellung, von der Bezugnahme auf aktuelle Forschungsliteratur und vom akribischen Nachweis, auf welche Weise sich die Zuschreibungen, zumeist in der wohl gemeinten Unterstützung, für die Klientel etablieren. Die Beiträge sind deshalb sehr gut geeignet, um die Studierenden zur Reflexion ihrer Denke und ihres Tuns anzuregen, aber ebenso die Reflexivität zu fördern, nämlich auch internalisierte Muster von Menschen und Institutionen mindestens aufzudecken und ggf. neu zu rahmen. Sozialpädagog:innen, so wird am Ende der Einzelbetrachtungen jeweils deutlich, bewegen sich nicht außerhalb des gesteckten Rahmens, sondern sind „gefangen“ in diesem. Es bedarf einer aktiven Aufmerksamkeit, die Personen, um die es geht, nicht zu vernachlässigen, sie einzubeziehen, ihnen etwas zuzutrauen, sie nach ihrer Sicht zu fragen u.a.m. Eine die Perspektive erweiternde und oft allzu vereinfachende Adressierung eines Raumes zeigt der letzte Beitrag auf, der die aktuell viel bemühte Sozialraumorientierung bis zu ihrem wahren Kern zerlegt und letztlich dechiffriert, was hinter der Bezeichnung steckt.
Die grau unterlegten Passagen mit Definitionen und theoretischen Hintergründen zur Orientierung und Einordnung für Studierende, sind eine adäquate didaktische Option, um den Lehrbezug des Buches herzustellen, da die Inhalte der Aufsätze doch sehr theoriegeladen sind. Die Abstracts in deutscher und englischer Fassung dienen dem schnellen Einblick.
Fazit
Ein systematisch konzipiertes Fachbuch, das einen anspruchsvollen und gelungenen Mittelweg beschreitet zwischen aktualisiertem Fachdiskurs und grundlegenden Klärungen zum Gebrauch im Studium.
Rezension von
Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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