Christian Kerber: Erlebnispädagogisches Wandern
Rezensiert von Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer, 10.03.2026
Christian Kerber: Erlebnispädagogisches Wandern. Erfahrungsorientiertes Lernen im Unterwegssein. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 142 Seiten. ISBN 978-3-497-03322-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Thema
Erlebnispädagogisches Wandern – Erfahrungsorientiertes Lernen im Unterwegssein
Autor
Christian Kerber ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) mit Zusatzausbildung personenzentrierte Beratung, Gesprächspsychotherapie und systemisch-personenzentriertes Coaching (GWG), sowie Erlebnispädagoge be® und staatlich geprüfter Berg‑ und Skiführer
Entstehungshintergrund
Der Autor hat viel praktische Erfahrung in der Begleitung von Menschen beim Wandern und dem daraus resultierenden gemeinsamen Unterwegssein in verschiedenen Kontexten und Zielgruppen.
Aufbau
Das Werk umfasst rund 130 Seiten, die in sieben Kapiteln unterteilt sind und in deduktiver Weise sich von einer allgemeinen, teils philosophischen Abhandlung über das Wandern, der Vorbereitung und Planung und den verschiedenen Formen des Unterwegsseins zur ganz praktischen Umsetzung und möglichen (erlebnis-)pädagogischen Interventionen fortsetzt.
Inhalt
Zu Beginn nähert sich der Autor allgemein dem Ursprung und den Anfängen des Wanderns und schreibt „vom Sinn des Unterwegsseins“, bezieht sich dabei auf Thoreau und den skandinavischen Zugang des „Friluftsliv“ als aktives Erleben in der der Natur, das im Idealfall möglichst oft auch in den Alltag zum Beispiel ohne großen Aufwand im Gehen integriert werden kann und damit auch Vorbereitung sein kann für größere Wandertouren. Im nächsten Schritt geht es um die Vorbereitung und Planung einer Unternehmung. Dabei kann bereits sehr gut auf die jeweiligen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Teilnehmer*innen eingegangen werden, um ein Anforderungsprofil zu schaffen in dem Entwicklung passieren kann.
Anhand von Kurt Hahns sieben Salemer Gesetze werden mögliche Abenteuerpotenziale eruiert, die durch das erlebnispädagogische Wandern erreicht werden können. Mithilfe einer Risikomatrix wird auch der Risikoaspekt gut beleuchtet und mittels resilienzfördernder Faktoren durch das Medium Wandern bereits in der Grobplanung auf eventuelle Entwicklungspotenziale hingewiesen.
Im Anschluss werden verschiedene Formen des Unterwegsseins, wie zum Beispiel Meditatives Wandern, Tagestouren oder Mehrtagestouren näher beschrieben und keineswegs irgendeine Form bewusst präferiert, sondern vielmehr die jeweiligen Potenziale hervorgehoben. Dezidierte Routenvorschläge gibt es für die jeweiligen Formen nicht, was damit begründet wird, dass schon die persönliche Auswahl der Unternehmung, der Dauer und des Ortes Teil des Auseinandersetzungsprozesses in der Grobplanung ist und dadurch bereits im Vorfeld viel an Eigenverantwortung aller Teilnehmenden passieren kann/muss. Kerber bezeichnet dieses Vorgehen bereits als Teil des Abenteuers.
Weiters werden konkrete Aspekte beschrieben, die relevant sind während des Unterwegsseins, wobei nochmals näher auf die Lernchancen eingegangen wird und auch auf den Umgang mit der Ungewissheit, die das Wandern in all seinen Facetten mit sich bringen kann und welche Möglichkeiten es gibt alleine oder gemeinsam in der Gruppe auf diese Herausforderungen zu reagieren. Darüber hinaus wird sehr gut auf den Reflexionsprozess mittels praktischer Übungen eingegangen, damit das Erlebte auch seinen Transfer in den Alltag finden kann.
In weiterer Folge wird versucht, die im Vorfeld beschriebenen Aspekte und Potenziale des erlebnispädagogischen Wanderns anhand verschiedener Fallbeispiele zu konkretisieren. Es geht um Fragen der Motivationsförderung, wieviel Führung die Gruppe durch die Leitung braucht oder wie sehr sie sich selber steuern kann oder wie mit Situationen umgegangen werden kann, wenn es anders als geplant kommt, zum Beispiel ein Gewitter aufzieht, das Essen zu wenig ist oder die Tourenplanung zu überfordernd ist. Dabei werden verschiedene Interventionsmöglichkeiten skizziert und mögliche pädagogische Intentionen dahinter thematisiert und in einer kurzen Zusammenfassung am Ende der Unterkapitel die wichtigsten Aussagen nochmals zusammengeführt.
In den beiden Schlusskapiteln werden ergänzend noch verschiedene Aspekte wie das Thema Orientierung, Umgang mit offenem Feuer, Gehen in weglosem Gelände und Biwakieren in unseren Breiten kurz angesprochen und das Thema Qualifikation, Haftung und mögliche Ausbildungsmöglichkeiten angeführt.
Diskussion
Aufgrund seiner vielseitigen Wissensstände und Praxiserfahrungen kann der Autor einen sehr guten Überblick über die Potenziale des Wanderns in seinen vielen Facetten als ein klassisches Medium in der Erlebnispädagogik geben. Der Autor geht dabei nicht allzu viel ins Detail, was sich für eine erste Annäherung an die Thematik sehr gut anbietet und ohne allzu großen Zeitaufwand durchgearbeitet werden kann. Will jemand zu den einzelnen Aspekten mehr wissen, gibt es dazu reichlich weiterführende Fachliteratur. Am Schluss des Buches hätte ein dezidiertes Fazit den inhaltlichen Bogen noch besser schließen können.
Es geht in vielen Teilen um das (Lern-)Potenzial des Wanderns und noch mehr des Unterwegsseins mit all seinen Facetten und Entwicklungsmöglichkeiten. Das kann natürlich nicht nur mit dem Medium Wandern passieren, sondern könnte auch mit dem Rad oder dem Kanu gemacht werden. In der Umsetzung des Wanderns ergibt sich allerdings eine wohl noch reduziertere Form und einfachere Anwendung auch im Alltag und bei Tagestouren. Es braucht nicht immer der wochenlange Trail sein, das Unterwegsseins in Form des Wanderns kann und soll auch in den Alltag integriert werden und hat auf jeden Fall viel Potenzial für erfahrungsorientiertes Lernen.
Fazit
Das Buch schafft somit einen sehr guten Überblick über das Potenzial des Wanderns in Hinblick auf eine Anwendung im Rahmen der Erlebnispädagogik. Neben allgemeinen Überlegungen zum Unterwegssein sind es vor allem die fundierten praktischen Hinweise, die das Buch sowohl für erfahrene Professionist*innen als auch für Einsteiger*innen in die Materie sehr empfehlenswert machen.
Rezension von
Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer
Diplomsozialarbeiter und Diplomsozialwirt, Supervisor und Erlebnispädagoge, Lehrender am Lehrgang „Elebnispädagogik/Elebnistherapie“ FH -Linz/Alpenverein Akademie
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