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Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 27.11.2025

Cover Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben ISBN 978-3-518-30061-9

Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2025. 314 Seiten. ISBN 978-3-518-30061-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2461.

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Thema

Thema des vorliegenden Titels sind die Gründe für Ressentiment, Bitterkeit und Unzufriedenheit und deren Gefahren für die Demokratie.

Autorin

Cynthia Fleury ist Philosophin und Psychoanalytikerin, Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris, Professorin für Philosophie am Hospital Sainte-Anne der GHU Paris für Psychiatrie und Neurowissenschaften und Mitglied der französischen Nationalen Beratungskommission für Ethikfragen.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund für den vorliegenden Titel ist die wachsende Unzufriedenheit und Verbitterung der Bevölkerung in demokratischen Gesellschaften, ihre individuellen und kollektiven Ursachen und Überlegungen zu konstruktiven Handlungsmöglichkeiten.

Aufbau

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert:

  1. Das Bittere. Was der Mensch des Ressentiments erlebt, 
  2. Faschismus. Zu den psychischen Quellen des kollektiven Ressentiments, 
  3. Das Meer. Eine offene Welt für den Menschen.

Inhalt

Das Bittere. Was der Mensch des Ressentiments erlebt

Ressentiments haben mit Benachteiligungen und Verletzungen zu tun, die nicht ungeschehen gemacht werden können und Spuren hinterlassen haben. Wenn sie nicht konstruktiv verarbeitet werden, entfalten sie eine destruktive individuelle und soziale Dynamik von Groll und Rache, die eine Aussöhnung mit dem Leben in einer Welt voller äußerer und innerer Verletzungen und Gefahren verhindern. Ressentiment verbittert, schließt aus und kann durch einen überbordenden Individualismus, ein Nährboden für Vorurteile und Hass, verstärkt werden.

Groll ist nicht selten die Waffe der Schwachen, seine Dekonstruktion setzt eine Bereitschaft zu einer kritischen Selbstprüfung voraus. Stattdessen findet nicht selten eine Flucht in Vergnügungen statt, um die innere Leere zu vermeiden und die eigene Verantwortung beim Umgang mit traumatischen Erfahrungen zu verleugnen (z.B. der Rachsucht zu widerstehen). Der Mensch des Ressentiments ist weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selbst ehrlich; er liebt ‚Schlupfwinkel‘ und ‚Schleichwege‘. Das Ziel einer Behandlung, ist nicht Wiedergutmachung, sondern neben der Traumatisierung die eigenen Verzerrungen wahrzunehmen und kreative Lösungen zu finden gegen das Gift des Ressentiments, das Dummheit für Intelligenz hält und reflexhaft ohne Moral handelt. Wer sich nur als Opfer sieht, unterschlägt seine Handlungsfähigkeit.

Heilung ist eine ‚Schöpfung‘, ein Neubeginn, eine ‚kapazitive (aufnahmefähige) Wahrheit‘ für die eigenen destruktiven Anteile (S. Freud) ohne Selbstlüge zu entwickeln und das Vertrauen in sich selbst wieder herzustellen.

Faschismus. Zu den psychischen Quellen des Kollektiven Ressentiments

Thema ist das kollektive Ressentiment am Beispiel Faschismus und Adornos Erfahrungen und Überlegungen im Exil. Individuation hat im Faschismus keinen Platz, auch wenn die Führer das Gegenteil behaupten. Generalisierter Hass bewirkt ein grausames Handeln. Ist dieses Grauen untrennbar mit dem Leben verbunden? Gibt es Erlebnisse, die man nicht mehr in Erfahrung umwandeln kann? Oder lassen sich auch diese sublimierend verarbeiten? Ressentiment verleugnet die äußere und innere Wahrheit und ist fokussiert auf falsche Objekte (z.B. beim Antisemitismus). Unaufrichtigkeit und zwanghaftes Festhalten am Opferstatus verfestigen das Ressentiment. Der Hass auf den Anderen ist dialektisch mit dem Selbsthass verbunden und damit destruktiv. Er findet sich nicht nur bei Ressentimentgeladenen, sondern auch bei in ihre Überlegenheit verliebten Halbgebildeten, die der Ansteckung durch das Ressentiment nicht widerstehen.

Es folgt ein Exkurs über Wilhelm Reich und den ‚Faschismus als emotionale Pest‘, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Aufgabe der nachrückenden Generationen ist, sich von der ‚Übertragung des Ressentiments abzukoppeln‘. Wachsende Ängste vor dem Nichts werden heute mit Technik oder Religion bekämpft. Aber der alltägliche Kampf um die freiheitliche Gestaltung des Lebens ist von Geburt an die Aufgabe der Erziehung. Die destruktiven Triebe (S. Freud) müssen anerkannt, überwunden und nicht durch Rauschmittel und Phantasien verleugnet werden.

Eine Vorstellung vom Individuum ist im Faschismus unerträglich; Massenzeremonien dienen der Affirmation der Konformität. Zum Unterschied vom Populismus (Ausplünderung und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung) ist der Faschismus durch ein militärisches Ideal geprägt.

In der analytischen Arbeit geht es um die Wahrheit des Subjekts, was Offenheit und gesunden Selbstzweifel voraussetzt, denn die Verführung zu Lüge und Selbstentfremdung ist groß, insbesondere wenn sie sozial gefördert wird.

Das Meer. Eine offene Welt für den Menschen.

Es geht um Gegenmittel gegen Ressentiments. Eines davon ist nach Fanon – im Gegensatz zum Kolonialismus – ein Rechtsstaat für alle Bürger, und dass historische Wahrheiten nicht verleugnet werden. Hasserfüllte Besessenheit von Vergangenheit ist frustrierend und ‘lähmt den Lebenstrieb‘. Hilfreich sind bei der emotionalen und affektiven Bewältigung die Arbeiten der Dichter und Schriftsteller.

Das kollektive Unbewusste ist nicht mit dem persönlichen gleichzusetzen, das in Behandlungen wieder kreativ und lebendig werden sollte. Eine negative ‚Kolonisierung‘ beraubt das Subjekt seiner Freiheit. Lust auf Gewalt führt individuell und kollektiv nur zu einer gemeinsamen Erniedrigung. Politisch kann auch eine globalisierte Solidarität kreativ wieder geweckt werden. Ein besonderes Kapitel ist deshalb der ‚Therapie der Dekolonisierung‘ gewidmet, wenn das Bittere (l’amer) in das Offene, das Meer (la mer) transformiert wird und eine Trennung vom Ursprünglichen, der Mutter (la mère) vollzogen wird. Das ist eine Strategie der Ent-Entfremdung, i.S. von Sich-neu-erfinden, vergleichbar einem Geburtsvorgang.

Denn der Ressentiment geladene Mensch leidet an einer narzisstischen Pathologie, die schwer rückgängig gemacht werden kann und der deshalb vor allem in der Erziehung vorgebeugt werden sollte, indem Ängsten, Bindungs- und Verschmelzungswünschen Rechnung getragen wird. Individuelle Gesundheit ist auch eine Stütze der Demokratie.

‚Hater‘ benutzen Sprache um andere zu beschmutzen, zu diffamieren und sozial durch Mythen Hass und Ressentiment zu verbreiten.

‚Nicht der Hass der Lüge, sondern das Lügen über den Hass‘ diente ursprünglich der Selbsterhaltung (S. Freud) und muss verstanden und sublimiert werden. Das führt zu einer Ich-Erweiterung und Trennung von den Eltern, wenn diese ein Wertesystem (z.B. Sekten) haben, von dem man sich nicht emanzipieren kann. Denn das Bittere (l’amer) und die Herkunft (la mère) und das Offene (la mer) sind untrennbar dynamisch miteinander verbunden. Gegen Ressentiments schützt eine Struktur, die wenig Angst auslöst.

Liebe und Freundschaft bieten eine Möglichkeit, den inneren Tod durch Sublimierung und Symbolisierung zu heilen, oder es gar nicht erst dazu kommen zu lassen. Wenn die Entwicklung eines Kindes liebe- und fürsorglich begleitet wird, gelingt auch die ‚Reise ins offene Meer‘, an deren Ende zwar der Tod steht, aber nicht bereits zu Lebzeiten der innere Tod durch Verbitterung und Ressentiments.

Diskussion

Ein sehr wichtiges, lesenswertes und kritisches Buch über die Entstehung von Ressentiments, deren individuelle und soziale Destruktivität (innerer Tod bereits zu Lebzeiten). Es werden sowohl Wege zu dieser ‚narzisstischen Krankheit‘ aufgezeigt als auch zu deren Verhinderung (Prävention) und möglicher Heilung. Das Buch greift ein aktuell wichtiges Thema auf, ist aber nicht leicht zu lesen, da die Autorin (belesen nicht nur in der psychoanalytischen, soziologischen und politisch-historischen Fachliteratur, sondern auch in Belletristik und Poetik) für mich als Leserin zwar einerseits interessant und anregend zu eigener Lektüre (wenn man die Zeit dazu hat) war, andererseits aber auch schwierig zu lesen ist, weil die mit zahlreichen Zitaten belegten und weit ausholenden Gedankengänge dazu verleiten, den Überblick für das Wesentliche zu verlieren, abzuschweifen und das Ziel – ‚Über Ressentiments und ihre Heilung‘ – aus dem Auge zu verlieren. Die hier sehr verkürzten und zusammengefassten Inhaltsangaben geben davon nur einen Bruchteil wieder.

Dennoch hoffe ich, den Kern vorgestellt zu haben: Wie Ressentiments und Hass entsteht, wie sein Gift eine lebendige und offene innere und dann auch äußere Welt verändert, die erstere bereits schon zu Lebzeiten tötet; wie man verhindern kann, dass dieses Gift von Generation zu Generation weitergegeben wird und als narzisstische Krankheit auch sozial ansteckend wirkt.

Der Titel ist allerdings irreführend: Denn der Groll und der Hass sind leider nicht tot und begraben, sondern sie treiben in jeder Generation neu – bewusst und unbewusst – ihr destruktives, mitunter sogar tödliches Spiel weiter. Das Ziel von Behandlungen ist, dass sie begraben werden können oder präventiv nicht prägend und dauerhaft entstehen.

Ein nicht nur für Pädagogen, Psychologen und Psychoanalytiker lesenswertes Buch, sondern eins das, wenn auch nicht immer leicht zu lesen, zu empfehlen ist allen, die politisch und sozial dem Gift von Vorurteilen, Hass, Ressentiment und Vergeltung in ihrer alltäglichen Arbeit begegnen. Es gibt Anregungen zum Umgang mit Menschen, die sowohl Täter als auch Opfer ihrer narzisstischen Krankheit sind.

Fazit

Sehr lesenswert, da – auch selbstkritisch – hilfreich auf der Suche nach den Wurzeln von Ressentiment und Groll, wenn auch – nach meiner Meinung – nicht leicht zu lesen.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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Es gibt 133 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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ISSN 2190-9245