Diana Düring, Nicole Syringa Harth: Soziale Arbeit mit Emotionen
Rezensiert von Prof. Dr. Michael Behnisch, 04.12.2025
Diana Düring, Nicole Syringa Harth: Soziale Arbeit mit Emotionen.
Kohlhammer Verlag
(Stuttgart) 2025.
122 Seiten.
ISBN 978-3-17-040456-4.
25,00 EUR.
Reihe: Grundwissen Soziale Arbeit.
Thema
„Grundsätzlich sind alle Situationen, in denen sich Fachkräfte und AdressatInnen begegnen, von Emotionen und Stimmungslagen geprägt“. Mit diesem Satz aus dem Klappentext ihres Bandes skizzieren Diana Düring und Nicole Harth zurecht die Bedeutung ihres Buches: Das Fallverstehen sowie die Gestaltung von kommunikativen Handlungssituationen sind nur im Rahmen einer „Sozialen Arbeit mit Emotionen“ zu begreifen. Der Band stellt dazu Konzepte und Begriffe vor, nimmt ausgewählte Emotionen in den Blick und skizziert diese im Hinblick auf das sozialpädagogische/​sozialarbeiterische Handeln.
Autorinnen und Entstehungskontext
Die 122 Seiten umfassende Monografie wurde verfasst von Diana Düring und Nicole Harth. Beide Autorinnen sind an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena als Professorinnen tätig: Diana Düring lehrt und forscht dort seit 2014 mit dem Widmungs-Schwerpunkt „Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe“. Nicole Harth ist seit 2015 Professorin für Psychologie, unter anderem mit dem Forschungsschwerpunkt „emotionale Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen“. Das Buch ist – so verrät es die Einleitung – entstanden auf der Grundlage eines gemeinsamen Seminars an der Hochschule: Dort erprobte Inhalte und Reflexionsübungen, aber auch Diskussionen aus dem Seminarkontext, bilden die Grundlage für die Ausarbeitung. Erschienen ist der Band in der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ im Kohlhammer-Verlag.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst zehn Kapitel, wobei sich, mit Blick auf den Inhalt des Textes, vier Schwerpunkte differenzieren lassen: In den Kapiteln eins und zwei werden theoretische Grundlagen dargestellt. Die Autorinnen klären zunächst, was unter dem Begriff der Emotion – auch im Unterschied zu Begriffen wie Gefühl, Stimmung oder Affekt – zu verstehen ist. Zudem wird beschrieben, welche Bedeutung (die Autorinnen sprechen von „Funktionen“) Emotionen im menschlichen Leben haben: Düring/Harth können herausarbeiten, dass die Anpassung an äußere Situationen, die Regulierung sozialer Beziehungen, die Annäherung an Personen oder die Herstellung eines sozialen Status‘ die wichtigsten Funktionen darstellen. Das Kapitel befasst sich darüber hinaus mit dem Zusammenhang zwischen Bewertung und Emotion und erläutert überzeugend, dass die Bewertung nicht einfach nur Auslöser einer Emotion ist, sondern „eine zentrale Rolle bei der weiteren Formung und Regulation der emotionalen Reaktion“ (S. 19) spielt.
Kapitel 2 setzt den Grundlagenteil fort, fokussiert allerdings auf die Emotionsforschung „im Spiegel unterschiedlicher Wissenschaften“ (S. 26), wobei die Autorinnen einen Blick auf soziologische, historische und sozialpsychologische Forschungsaspekte legen. Mit dem soziologischen Blick können Düring/Harth dabei die kulturelle Prägung von Emotionen durch Deutungen, Diskurse und Normen beschreiben. Die sozialpsychologische Perspektive wiederum begründet die Erkenntnis, dass und wie Emotionen immer auch im Gruppenbezug wirken.
Nach diesem Grundlagenteil bildet Kapitel drei einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt: Hier nämlich stellen Düring/Harth Konzepte und Themenfelder vor, „die Emotionen in Arbeitsbeziehungen der Sozialen Arbeit zum Gegenstand haben“ (S. 33). Im Fokus steht dabei das Konzept der Emotionsarbeit von Arlie R. Hochschild (S. 35–38). Dieses eigene sich, so die Einschätzung der Autorinnen, um zu verdeutlichen, wie mit der Emotionsthematik immer auch die Beziehungsgestaltung als zentrales Element der Professionalität Sozialer Arbeit ins Zentrum rücke (S. 34). Dabei, so zeigen Düring/Harth, werden Fachkräfte in ihrem Beziehungshandeln sowohl als Vertreterin einer Organisation als auch als Person wahrgenommen (S. 35). Mit Blick auf „Studien zur Emotionsarbeit in der Sozialen Arbeit“ (S. 38–42), können Düring/Harth bilanzierend festhalten, dass sich Soziale Arbeit in ihren Diskursen seit zehn bis 15 Jahren „(wieder einmal) stärker mit emotionsbezogenen Aspekten professionellen Handelns befasst“ (S. 43).
Einen dritten Schwerpunkt setzen die Autorinnen mit der Darstellung und Betrachtung verschiedener Emotionen (S. 45–96), die in den Kapiteln vier bis neun „unter die Lupe“ genommen werden: Ärger, Schuld und Scham, Ekel, Vertrauen, Dankbarkeit, Empathie.
Die Kapitel folgen einer ähnlichen Grundstruktur: Zunächst wird die jeweilige Emotion begrifflich und in ihrer Bedeutung skizziert, wobei Düring/Harth vorwiegend (sozial-)psychologische oder soziologische Referenzen wählen. Im Weiteren wird die Relevanz der jeweiligen Emotion für das Handlungswissen Sozialer Arbeit aufgegriffen. Dabei beinhalten die einzelnen Kapitel Reflexionsaufgaben und kurze Übungen: Die Autorinnen verzichten also auf weiterführende methodische Ausarbeitungen, sondern versuchen den Leser:innen durch jene Übungen und Reflexionsaufgaben Impulse für die eigene Auseinandersetzung zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang gelangen sie zu der Erkenntnis, dass Emotionen vielfältig und sensibel wahrgenommen werden müssten, um anschließend Lösungsansätze im Umgang mit Emotionen aufzeigen zu können. Interessant ist dabei vor allem der Bezug auf die oftmals wenig beachteten positiven Emotionen, z.B. Dankbarkeit. Die Autorinnen arbeiten heraus, dass solche Emotionen von hoher Bedeutung für Fachkräfte und Klient:innen sein können: Dankbarkeit oder Vertrauen haben positive Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit (z.B. Stressabbau), auf die Gestaltung gelingender sozialer Beziehungen sowie auf die Zusammenarbeit in Organisationen (S. 81) – und somit schließlich auf die Stabilisierung und Reflexion als Fachkraft (S. 85). Düring/Harth deuten darin einen Zusammenhang zu Resilienzkonzepten an, der für eine vertiefende Betrachtung lohnen würde.
Die Überlegungen in Kapitel zehn – „zum Umgang mit Emotionen als professionelle Aufgabe“ – lassen sich trotz ihrer Kürze (S. 97–108) als eigener, vierter Schwerpunkt des Bandes verstehen: Die Autorinnen verdichten ihre Überlegungen hier auf das Konzept der „Emotionsregulation“ nach James J. Gross und nennen davon ausgehend einige Implikationen zur Bedeutung von Organisationen „für die Emotionsregulierung von Fachkräften“ (S. 105). Dabei heben Düring/Harth die Erkenntnis hervor, „dass wir unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert sind“ (S. 98), sondern die Fähigkeit zur Emotionsregulierung nutzen können. Die Autorinnen unterscheiden zwischen individuellen Strategien (z.B. Aufmerksamkeit der Situation gegenüber, Neubewertung der Situation) und sozialen Strategien. Abschließend kann der Text aufzeigen, dass ein relevanter Teil der Psychohygiene im Feld der Sozialen Arbeit darin besteht, „die eigenen Emotionen angemessen regulieren zu können“ (S. 102) – diese Fähigkeit gelte es nutzen, so die Forderung: Als individuelle Strategie, vor allem aber auch – und diese Erkenntnis stärken Düring/Harth zum Abschluss ihrer Überlegungen – mit Blick auf Organisationen, indem dort die „Möglichkeiten einer Auseinandersetzung mit emotionalen Aspekten“ (S. 107) strukturell und als Teil von Fallverstehen und Psychohygiene verankert werden sollte.
Diskussion
Dieser Grundlagenband zeichnet sich durch ein Merkmal aus, das andere Einführungsbände bisweilen versprechen – aber nicht einlösen können: Auf gerade einmal knapp 100 Textseiten führen die Autorinnen übersichtlich in einige zentrale Aspekte des Themas ein. Dies gelingt in einer gut zugänglichen, ‚leichthändigen‘ Sprache, in gut sortierten Kapiteln und versehen mit Beispielen und Übungsaufgaben. Während in Diskursen Sozialer Arbeit häufig nur die Bedeutung von Emotionen, Affekten und Gefühlen benannt – und damit im Grunde vorausgesetzt wird – können auf der Grundlage dieses Bandes Begriff, Entstehung, Ansätze und Funktionen von Emotionen nachvollzogen werden. Mehr noch: Der Text vereinheitlicht nicht ‚die Emotionen‘ oder belässt es bei gelegentlich gesetzten Beispielen. Stattdessen skizzieren Düring/Harth in definitorischer Absicht konkrete Emotionen und beschreiben diese in ihrer Bedeutung für das sozialpädagogische Handeln. Über die Auswahl der Emotionen kann man freilich diskutieren: Dass das Gefühl der Wut nicht explizit aufgenommen wird (vgl. allerdings Kapitel vier über die Emotion des Ärgers), dass Hilflosigkeit und Resignation fehlen, mag überraschen. Interessant wiederum ist die Reflexion der Emotionen Ekel und Dankbarkeit, die in Diskursen der Sozialen Arbeit kaum eine Rolle spielen – für das Erleben in der Praxis sozialpädagogischer Situationen zwischen Klient:innen und Fachkräften gleichwohl sehr bedeutsam sind.
Dem Band ist anzumerken, dass die Autorinnen viele Referenzen finden bei psychologischen Theorien – bereits in der Einleitung wird benannt, dass die Überlegungen „aus der Perspektive verschiedener Disziplinen“ (S. 7) gewonnen werden sollen. Dies hat seinen Reiz, einerseits. Andererseits fallen dabei die Überlegungen zur Emotionsarbeit – ausgehend aus den Denk- und Debattentraditionen der Sozialen Arbeit – etwas knapp aus. Zumal im entsprechenden Kapitel (drei) ein wesentlicher Bezug auf die soziologischen Arbeiten von Hochschild gelegt wird, während zum Beispiel die Perspektiven einer psychoanalytisch orientierten Sozialen Arbeit (etwa Margret Dörr oder Burkhard Müller) – verbunden mit Erkenntnissen zur Bedeutung des Unbewussten in sozialpädagogischen Interaktionen sowie zur Re-Inszenierung von Übertragungsgeschehen – kaum Erwähnung finden (Kapitel drei). Die Kapitel vier bis neun zeichnen sich durch eine Skizzierung der jeweiligen Emotion sowie durch einige Reflexions- und Übungsimpulse aus. Weitere methodische Ausarbeitungen lässt der knapp gehaltene Einführungsband allerdings nicht zu – liefert aber zumindest eine Vorlage für weitere handlungsbezogene Hinweise zum konkreten Umgang mit Emotionen im sozialpädagogischen Handeln. Vielleicht verstehen die Autorinnen das abschließende Kapitel – „Überlegungen zum Umgang mit Emotionen als professionelle Aufgabe“ (S. 97–105) – ja in diesem Sinne nicht nur als Ausblick, sondern als zukünftige Aufgabe an sich selbst? Jedenfalls: Genau hier könnten weitere Überlegungen hervorragend an die Inhalte des Bandes anschließen, und diese als Grundlage für weitere methodische, aber auch für (selbst-)reflexive Leitlinien nutzen.
Fazit
Diana Düring und Nicole Harth legen einen sehr gut lesbaren, vorbildlich strukturierten und somit sehr gut zugänglichen Einführungsband vor. Dieser behauptet die Bedeutung von Emotionen in der Sozialen Arbeit nicht nur, sondern bietet, erstens, begriffliche und theoretische Hintergründe an (Kapitel eins bis drei) und betrachtet, zweitens, einige Emotionen exemplarisch näher (Kapitel vier bis neun). Somit erhalten Leser:innen einen Band, der informativ in das Thema einführt und sich zugleich gut für die Lehre an Fach- und Hochschulen, aber auch als Reflexionshilfe für Fachkräfte eignet. Der Text bietet darüber hinaus eine fundierte Grundlage für weitere Ausarbeitungen zum methodischen Handeln in einer „Sozialen Arbeit mit Emotionen“.
Rezension von
Prof. Dr. Michael Behnisch
Professor für Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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