Stefan G. Hofmann: Soziale Ängste loswerden
Rezensiert von Prof. Dr. Carl Heese, 30.01.2026
Stefan G. Hofmann: Soziale Ängste loswerden. Einfache Strategien, um wieder gern unter Menschen zu sein. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2024. 248 Seiten. ISBN 978-3-407-86816-9. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Autor
Hofmann ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Marburg. Ein Arbeitsschwerpunkt von ihm ist die ‚translationale Psychologie‘.
Entstehungshintergrund
Hofmann lehrte bis 2021 in den USA. Das Buch ist noch für den amerikanischen Buchmarkt geschrieben worden und liegt hier in deutscher Übersetzung vor.
Inhalt
Die Einleitung geht kurz auf die normale Angst im Umgang mit anderen ein. Es ist nicht ungewöhnlich, sich vor einer negativen Beurteilung und Ablehnung durch andere zu fürchten. Die Häufigkeit sozialer Ängste wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass Menschen soziale Tiere sind und die Sicherung des sozialen Rückhalts von größter Bedeutung für uns ist. Soziale Ängste werden aber zum Problem, wenn wir beginnen, Aktivitäten zu vermeiden und uns im Leben einschränken zu lassen, um der Angst aus dem Weg zu gehen. Dann entwickelt sich vielleicht auch eine Soziale Angststörung (SAS). Mit dem Buch will der Autor wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Strategien umsetzten, um den Betroffenen zu helfen. Den Lesern verspricht Hofmann „beträchtliche Fortschritte“ in relativ kurzer Zeit. Dabei verortet er sich in der Kognitiven Verhaltenstherapie.
Einen Überblick gibt der Autor auch selbst auf Seite 13 bis 15.
Kapitel 1 erläutert soziale Ängste genauer und markiert den Übergang zur SAS an drei Fallbeispielen. Das „wesentliche Merkmal [der SAS] ist eine ausgeprägte und übertriebene Furcht oder Angst in einer oder mehreren sozialen Situationen“ (40). Sie kommt in den drei Dimensionen Körper, Verhalten und Gedanken zum Ausdruck.
Kapitel 2 erklärt, wie es dazu kommt, dass eine SAS aufrechterhalten wird und sich nicht einfach wieder verliert. Dazu wird ein Modell mit folgenden Faktoren auf Seiten der Betroffenen detailliert vorgestellt:
- Vermutungen zum Vorherrschen anspruchsvoller sozialer Standards,
- ungenügende Zieldefinitionen für soziale Situationen,
- erhöhte selbstbezogene Aufmerksamkeit,
- negative Selbstwahrnehmung,
- Annahme, dass die Wahrscheinlichkeit und die Kosten eines sozialen Missgeschicks hoch sind,
- Annahme einer gering ausgeprägten emotionalen Kontrolle,
- Annahme von gering ausgeprägten sozialen Kompetenzen,
- Wahrnehmung einer Bedrohung durch eine soziale Situation und ihre Vermeidung,
- nachträgliche Beschäftigung mit dem sozialen Ereignis.
Kapitel 3 erläutert den Teufelskreis von Angst und Vermeidung und zeigt, dass der „Parasit“ Furcht durch die Konfrontation, am besten in vivo, bekämpft werden muss.
Kapitel 4 geht auf die Rolle automatischer Gedanken für die Bewertung von Wahrnehmungen ein und zeigt, wie charakteristische Denkfehler diese Bewertungen verzerren können. Dabei wird das Konzept der Kognitiven Verhaltenstherapie erläutert und vom populären Ansatz des positiven Denkens abgegrenzt. Als häufige Denkfehler werden zum Beispiel die Personalisierung, das Schwarz-Weiß-Denken oder das Katastrophisieren vorgestellt. Es wird eine Anleitung gegeben, wie den automatischen Gedanken auf die Schliche zu kommen ist.
Kapitel 5 macht den Ansatz der Konfrontation konkret. Hier lädt Hofmann dazu ein, sich sozialen Fehlschlägen bewusst auszusetzen. Darin liegt die Lernchance, seine Befürchtungen von der Realität widerlegen zu lassen.
Kapitel 6 erläutert die Rolle von negativen ich-bezogenen Gedanken für die Entstehung einer SAS. Zur Bearbeitung der Gedanken werden Übungen zur Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild und der eigenen Stimme vorgeschlagen und eine ausführliche Anleitung zu einer Achtsamkeitsübung gegeben, um zu mehr Selbstakzeptanz zu finden.
Wenn sich soziale Angst sehr stark in körperlicher Erregung äußert, ist es nötig, diese zu dämpfen, um die vorhandenen sozialen Kompetenzen einsetzen und sich in den gefürchteten sozialen Situationen mit seinen Erwartungen konfrontieren zu können. Kapitel 7 zeigt mehrere Wege dazu auf. Bei der interozeptiven Habitualisierung werden Symptome wie Schwindel und Herzrasen absichtlich hervorgerufen, um eine Gewöhnung an sie zu erreichen. Als weitere Möglichkeit zur Senkung des Erregungsniveaus wird eine ausführliche Anleitung zur Progressiven Muskelentspannung gegeben.
Kapitel 8 geht schließlich auf die vermeintlichen Defizite der sozialen Kompetenz ein, die von den SAS-Betroffenen häufig für sie selbst vermutet werden. Hofmann verweist darauf, dass es keinen Beleg für einen Zusammenhang von SAS und fehlender sozialer Kompetenz gibt. Um dennoch einen Hinweis auf sozial kompetentes Verhalten zu geben, wird die Bedeutung einer flexiblen Anpassung an den jeweiligen Kontext und die jeweilige Situation als Leitlinie herausgestellt. Als problematische soziale Verhaltensweisen werden die Vermeidung von Blickkontakt, ein zu schnelles und zu leises Sprechen und ein aggressives Auftreten benannt. Als positive Verhaltensweisen und Einstellungen werden Carl Rogers Grundhaltungen, der Humor, die Reziprozität von Interaktionen sowie Blickkontakt und gestische Untermalungen erläutert.
Im Anhang geht Hofmann auf die Frage der medikamentösen Behandlung der Sozialen Angststörung ein. Hier erfährt man in Kürze, was die Studienlage dazu hergibt: Betablocker funktionieren bei SAS nicht, bei den Antidepressiva sieht es besser aus. Interessant ist noch, dass der Einsatz eines Antibiotikums namens D-Cycloserin für sich keinen Effekt auf die Angstsymptomatik hat, aber in Kombination mit Kognitiver Verhaltenstherapie dazu führt, dass eine Symptomverbesserung deutlich schneller eintritt.
Diskussion
Hofmanns Buch ist ein gelungenes Beispiel für ein Selbsthilfebuch zur Bewältigung von sozialen Ängsten. Es ist stark motivierend, sehr gut strukturiert, anschaulich und nicht unnötig schwer geschrieben, dabei aber auch ausführlich und vollständig. Und es gewährt auch immer wieder einen Blick auf die Forschungen, die den vorgeschlagenen Strategien zur Bewältigung von sozialer Angst zugrunde liegen. Das recht große Erfolgsversprechen, das Hofmann gibt, ist durchaus realistisch – so viel weiß man aus der Therapieforschung.
Das Buch steht thematisch in einer Reihe ähnlicher Bücher von Harlich Stavemann, Rüdiger Hinsch und Simone Wittmann oder Erika Güroff. Im Unterschied zu diesen setzt es noch deutlicher darauf, eine ausreichende praktische Anleitung für die Leser zu geben und sie in die Lage zu versetzen, ihre sozialen Ängste und sogar ihre sozialen Angststörungen erfolgreich selbstständig zu bearbeiten. Der Schwerpunkt liegt bei Hofmann auf der Selbsthilfe, während die Bücher von Stavemann und Co im Vergleich dazu mehr Therapiebegleitbücher sind. Vielleicht hängt das mit der US-Herkunft des Buches zusammen. Das Krankenversicherungswesen in den USA ist sehr heterogen und sieht zum Teil erhebliche Eigenbeteiligungen für Psychotherapie vor. Der Zugang zur Psychotherapie ist daher trotz Woody Allen für viele US-Amerikaner schwieriger als für Patienten im deutschsprachigen Raum. Vielleicht hat Hofmann aber auch ein größeres Zutrauen in die Selbsthilfepotenziale der Betroffenen.
Man kann die Aufmachung des Buches ein bisschen plakativ finden. Da wird auf dem Cover auf „einfache Strategien“ verwiesen und der Professorentitel des Autors wird auch nicht unterschlagen. Aber das sind die Signale, mit denen Betroffene erreicht werden. Mit ihnen arbeiten auch die vielen Selbsthilfebücher, die nicht über Hofmanns Seriosität verfügen. Ein Beleg für letztere ist auch, dass nicht unterschlagen wird, dass die Strategien, die hier vorgestellt werden, ein ordentliches Stück Arbeit bedeuten und auch eine Portion Mut erfordern.
Das Buch ist auch als Hörbuch zu haben, das erleichtert seine Zugänglichkeit für viele, denen die 250 Seiten schon zu viel Text sind. Aber auch als Hörbuch sind die Anforderungen an das Textverständnis erheblich und als kleinen Kritikpunkt kann man festhalten, dass das Buch sich nur an die akademisch gebildete Hälfte des Publikums richtet. Es fragt sich: Wäre es nicht auch noch etwas einfacher gegangen, ohne auf die Seriosität in der Darstellung zu verzichten?
Spannend ist schließlich noch der Anhang. Hier geht es zunächst um die Frage „Medikation und/oder Psychotherapie“, die sich den Betroffenen selbst stellt. Darüber hinaus wird aber auch ein Beispiel für das gegeben, was ‚translationale Psychologie‘ mit ihrem Programm der Anwendung von Laborforschungsergebnissen in der Praxis sein kann. Und siehe da, schon ist man über die althergebrachte und/oder-Fragestellung hinaus.
Fazit
Ausgezeichnetes Selbsthilfebuch zur Bearbeitung von sozialen Ängsten.
Rezension von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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