Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Alexander Ulfig (Hrsg.): Woke Kulturpolitik

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Uwe Krebs, 23.09.2025

Cover Alexander Ulfig (Hrsg.): Woke Kulturpolitik ISBN 978-3-86888-221-6

Alexander Ulfig (Hrsg.): Woke Kulturpolitik. Ursprünge, Erscheinungsformen, Ausswirkungen. Deutscher Wissenschaftsverlag (Baden-Baden) 2025. 151 Seiten. ISBN 978-3-86888-221-6. D: 19,95 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 24,95 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Der Philosoph Alexander Ulfig hat in einem Sammelband 13 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur zu Wort kommen lassen.

Leserinnen und Lesern wird aufgefallen sein, dass sich in den letzten ca. 30 Jahren in der Bevölkerung die Sichtweise verbreitet hat, ‚man könne nicht mehr alles sagen‘. Diese zutreffende Sicht ist der direkte Ausdruck „woker“ Einflussnahmen auf Wortwahl und Inhalte.

Begriff „woke“

Begriffich sind „woke“, „Wokeness“, „Wokeismus“ aus dem Englischen abgeleitet und bedeuten dort „wach sein“, auch im Sinne von „wachsam“, „aufgewacht“.

Entstehungszusammenhang

In einem Vorwort von 6,5 Seiten erläutert der Herausgeber den Entstehungshintergrund: „Seit den 1990er Jahren gibt eine starke Ideologisierung und Politisierung der Kultur. Sie ist mit Begriffen wie ‚Politische Korrektheit‘, ‚Multikulturalismus‘, ‚Feminismus‘, ‚Gender‘, ‚Queer‘, ‚Antirassismus‘, ‚Postkolonialismus‘ und ‚Identitätspolitik‘ verbunden. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff ‚Wokeness‘ durchgesetzt. Im politischen Zusammenhang bedeutet es Wachsein für Diskriminierungen von Minderheiten. Zu den als diskriminiert aufgefassten Minderheiten werden Frauen (obwohl sie tatsächlich keine Minderheit bilden), Farbige, Homosexuelle, Transpersonen, Menschen mit Behinderungen, Übergewichtige, Migranten, Migrantengruppen wie Muslime usw. gezählt“ (S. 1).

Die 13 Autorinnen und Autoren gehen dann in ihren Bereichen ins Detail und belegen z.T. alarmierende massivste Einwirkungen, die über Bevormundungen bis hin zu Zensur und Ausschluss reichen.

Inhalte

Wegen ihrer sehr unterschiedlichen Themenfelder werden fünf Beiträge exemplarisch kurz angesprochen, doch verdienten es auch alle anderen Beiträge aufgrund ihrer Qualität und Belegdichte erwähnt zu werden. Leider lässt die Umfangsbegrenzung dies nicht zu.

Der Literaturwissenschaftler Till Künzel zeigt die US-amerikanischen Ursprünge von ‚wokeness‘ und ‚poltical correctness‘ und bestimmt sie als „linke Wissenschaftskritik und multikulturalistische Identitätspolitik“.

In seinem Beitrag „Wokeismus und Postmoderne“ nimmt der Philosoph Michael Esfeld kein Blatt vor den Mund. Seine gut belegte Abrechnung ist eine grundsätzliche Kritik und belegt: „Wokeismus: das Gegenteil von Diversität, Gleichheit und Inklusion“. Esfeld zeigt, „wie der Wokeismus sich aus Postmarxismus und Postmoderne speist“.

Der Mediziner und Philosph Adorjan Kovacs betitelt seinen breit angelegten und mit vielen Belegen versehenen Beitrag „Woke Kultur. Facetten eines verordneten und willig befolgten Zeitgeistes“ und bringt Belege aus den Bereichen Film, Literaturbetrieb, Kunstaustellungen und Musik. Danach zeigt der Autor, wie „Wokeness als Karrieregarant“ wirkt und widmet sich dann den Auswirkungen auf die Person der Künstlerin und des Künstlers und sieht nach 200 Jahren künstlerischer Freiheit „eine Rückkehr zum systemkonformen Auftragskünstler“.

Anna Diouf, Journalistin und Autorin, analysiert „Wokes Theater. Wie Ideologie eine Kunstform zerstört“. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt sie die zerstörerische Einflussnahme auf Theaterstücke und bilanziert: „So inszeniert das Theater arrogant an den Menschen vorbei, verkennt seinen Auftrag und verspielt seine Relevanz“.

Ein ernster, bedeutender und auch entlarvender Beitrag der Volkswirtin Sabine Beppler-Spahl trägt den Titel „Die woke Linke und der Antisemitismus“. Er führt zu ‚des Pudels Kern‘ in dem er die weltanschaulich tief in der linken Ideologie verwurzelten Überzeugungen der Wokisten aufdeckt. Israel-Feindlichkeit gehört zu den Selbstverständlichkeiten dieser Linken. Steht Israel doch für sie für „[…] Kolonialismus, Apartheid und sogar Völkermord. Was als Israelkritik deklariert wird, entpuppt sich somit häufig als ein kaum verhüllter Antisemitismus“.

Die Autorin nennt Bespiele (Documenta, Reaktionen bei Filmfestspielen), wie die Kulturscene vom Hass auf Israel durchdrungen ist und spricht von „politisch korrekten Terror-Apologeten“. Die US-amerikanische, alt linke Philosophin und Ikone der Gendertheorie, Judith Butler, und ihre sehr einseitigen israelfeindlichen Thesen werden von der Autorin gewürdigt. Beppler-Spahl geht auch auf die Folgen der Identitätspolitik ein: „Feinheiten wie Klassenunterschiede oder die langjährige Geschichte des Antisemitismus lassen sich nur schwer mit dem woken Weltbild verbinden, weshalb seine Anhänger sie zumeist ignorieren oder sogar bestreiten. Nach dieser Logik wird der israelische Busfahrer aufgrund seiner Herkunft zum systemischen Unterdrücker. Die Hamas-Millionäre dagegen mit ihren Villen in Katar oder die vom Iran finanzierte Hisbollah werden zu Freiheitskämpfern erklärt.“

Beppler-Spahls Fazit: “Während der traditionelle Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung gesellschaftlich weitgehend geächtet ist, etabliert sich in Teilen der Kulturscene eine neue Form antisemitischer Denkmuster […]“.

Angesichts der Vielfalt und Schwere der belegten Eingriffe wäre ein Beitrag aus verfassungsjuristischer Sicht wünschenswert, denn unsere Verfassung stellt in Artikel 5 Absatz 1 Satz 3 fest: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Das gilt für Vorzensur und eingeschränkt für Nachzensur.

Diskussion

Wer könnte dagegen sein, Frauen, dort wo sie individuell wegen ihres Geschlechtes benachteiligt wurden, zu unterstützen?

Es ist auch selbstverständlich, Behinderten bei zu stehen, ihre individuelle Situation so zu gestalten, dass sie nicht auf ihre Behinderung reduziert werden, sondern sich als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft fühlen.

Wie ungebildet muss man sein, um zu glauben, dass die Hautfarbe eines Menschen etwas über ihn aussagt, dass über die Hautfarbe hinausgeht? Intellekt und Persönlichkeit jedenfalls, können nicht über die Hautfarbe ermittelt werden. Nur wenige Gene bestimmen die Hautfarbe, die im Übrigen lediglich eine sehr notwendige Anpassung an die UV-Strahlung der Ursprungsgebiete der menschlichen Populationen ist.

Warum sollte ein informierter Mensch Homosexualität oder Transsexualität diskriminieren? Dafür gibt es keinen Grund. Die zweigeschlechtliche Vermehrung teilt der Mensch mit vielen Lebewesen. Etwa 98 % aller Frauen und Männer sind heterosexuell. Im einstelligen Prozentbereich jedoch treten Abweichungen auf. Das einzelne Individuum hat darauf den geringsten Einfluss und hat Anspruch auf unser Verständnis. Betroffene dürfen selbst verständlich nicht auf ihre sexuelle Orientierung reduziert werden. Sie ist doch stets nur ein Teil der Persönlichkeit.

Können heutige Europäerinnen und Europäer für historische Ereignisse, z.B. der Kolonialzeit, verantwortlich gemacht werden? Zweifellos nicht. Verantwortlich waren auch seinerzeit die Verantwortlichen, nicht die Nation als Ganzes. Zudem ist es in der Geschichtswissenschaft ein schwerer Methodenfehler, ein historisches Ereignis nicht im Kontext seiner Zeit, sondern nur aus heutiger Sicht zu beurteilen. Dieser Fehler wird von Woke-Propagandisten -vielleicht vorsätzlich – begangen.

Der Rezensent passt als „alter weißer, heterosexueller Mann“ hervorragend ins Gruppenfeindbild der Wokisten und Wokistinnen und das gleich zweimal: „ feindliche Gruppe alter, weißer Männer“ und „feindliche Gruppe heterosexueller Männer. Er argumentiert mit den Errungenschaften der Epoche der Aufklärung. Sie hat dem Individuum die Freiheit des Denkens gebracht und in deren Folge das Aufblühen der Naturwissenschaften bewirkt, die ihrerseits – zeitversetzt – die Industriealisierung zur Folge hatten. Diese hat zahlreiche neue Berufe erzeugt und Millionen Menschen Arbeit und Brot verschafft. Dabei muss man die sozialen Missstände der Industriealisierung nicht unter den Teppich kehren, doch hier geht es um die Wurzeln und Ergebnisse freien individuellen Denkens. Bis heute profitiert die gesamte freie Welt von der Befreiung des Individuums von weltlicher und kirchlicher Bevormundung. Was der katholischen Kirche seinerzeit trotz Unfehlbarkeitsedikt des Papstes (1870) und seiner Enzyklika, in der er unter anderem empirische Forschung verdammte, nicht gelang, nämlich das selbstständige Denken des Individuums an die Kette zu legen, wird heute – im Jahr 2025 – von der Woke-Bewegung auf neue Art und Weise durchgeführt. Allerdings geschieht dies nicht mehr von oben, sondern an der Entstehungsbasis kultureller und wissenschaftlicher Leistungen. Das anfangs postulierte und berechtigte Ziel, Frauen und diverse Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen, mutierte zur Zensurinstanz. Die institutionell und finanziell gut abgesicherten Täter und Täterinnen werden dabei getragen von ideologisch untermauerten Überzeugungen. Aber bereits Friedrich Nietzsche stellte fest: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“ (1979, I, S. 693)

Beispiele vermutlich Grundgesetz widriger Übergriffe durch Wortzensur, Beseitigung oder Ausschluss „unpassender“ Beiträge finden sich in diesem Sammelband in allen vorgestellten Bereiche und auf verschiedenen Ebenen.

Fazit

Der Sammelband ist einschränkungslos sehr zu empfehlen. Er ist ein Weckruf und zeigt durch 13 Beiträge aus verschiedenen Feldern der Kultur, die alle reich an Belegen sind, eine dramatische Fehlentwicklung in Medien, Kultur und Kulturpolitik auf: Die Woke-Bewegung mutierte von achtsamer Beobachtung und Förderung von Minderheiten zu einer Zensurinstanz, die die kulturelle Vielfalt massiv einschränkt und folglich verfassungsgerichtlich überprüft werden sollte.

Quellen

Schlechta, K. (1979): Friedrich Nietzsche, Werke I. „Der Mensch mit sich allein“, Nr. 483, S. 693. Frankfurt, Ullstein V.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Uwe Krebs
Mailformular

Es gibt 5 Rezensionen von Uwe Krebs.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245