Dierk Borstel, Jennifer Brückmann et al. (Hrsg.): Handbuch Wohnungs- und Obdachlosigkeit
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 07.11.2025
Dierk Borstel, Jennifer Brückmann, Laura Nübold, Bastian Pütter, Tim Sonnenberg (Hrsg.): Handbuch Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2025. 863 Seiten. ISBN 978-3-658-35266-0. D: 280,36 EUR, A: 308,40 EUR, CH: 330,50 sFr.
Thema
Das Buch präsentiert Wissenswertes über theoretische und empirische Forschung sowie zur Praxis im Umgang mit wohnungs- und obdachlosen Menschen und berücksichtigt dabei unterschiedliche Ansätze, Verständnisweisen und auch konträre Positionen zum Thema. Der Band richtet sich an Wissenschaftle:*innen, Studierende und Praktiker:innen im Themenfeld.
Herausgebr:innen
Dierk Borstel ist im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund tätig. Gleiches gilt für Laura Nübold, Tim Sonnenberg und Jennifer Brückmann. Bastian Pütter von bodo e.V. arbeitet für ‚bodo – das Straßenmagazin‘ in Dortmund. Rund 30 Autor:innen verschiedenster Professionen haben Beiträge geliefert.
Aufbau und Inhalt
56 Kapitel auf weit über 800, fast 900 Seiten – das sind die nackten Zahlen zu diesem Buch, das in neun inhaltlich strukturierte Teile gegliedert ist:
- Wohnungslosigkeit – Lebenswelten und Bewältigungspraktiken
- Quantitative Forschungsansätze
- Wohnungslos in der Gesellschaft
- Sozialwissenschaftliche Perspektiven
- Philosophische Perspektiven
- Geschichtswissenschaftliche Perspektiven
- Soziale Arbeit in der Wohnungslosenhilfe – theoretische Perspektiven
- Wohnungslos in der Wohnungslosenhilfe
- Praxisreflexionen
Um die verschiedenen Perspektiven, mit denen die Autor:innen sich dem Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit nähern, zu beleuchten, seien an dieser Stelle drei Kapitel inhaltlich näher beschrieben. Robert Frietsch, Dirk Holbach und Corinna Leißling von der Hochschule Koblenz widmen sich dem Thema Junge Menschen in der Wohnungslosenhilfe. Symptombeschreibung und Entwicklungsverläufe. In ihrem Beitrag untersuchen sie, warum in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe scheinbar eine große Zahl junger Volljähriger zu finden ist, in der Fachdebatte auch als Careleaver bezeichnet, die nach dem Ende ihrer Zeit in der Jugendhilfe nun ein Fall für die Wohnungslosenhilfe werden. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass „[n]eben traumatischen Erfahrungen im Elternhaus, Erfahrungen sexueller oder anderweitiger Gewalt und negativen Erfahrungen im Zusammenhang mit Schulbesuch [in der] Biografie (…) vielfältige Betreuungsabbrüche im Rahmen von stationären Jugendhilfemaßnahmen“ (S. 119) zu finden sind. Die Frage, warum das so ist und was das vor allem für die Soziale Arbeit an der Grenze zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenleben für Folgen hat, wird eingehend betrachtet. Die Autor:innen beziehen dabei klar Position: Es ist eine strukturelle und fachliche Neukonzeption der Hilfeformen zwingend erforderlich. Dazu gehören zum Beispiel „valide Erhebungsinstrumente zur Früherkennung von Störungsbildern“ (S. 119), aber auch die Aufstellung eines „verbindlichen Gesamthilfeplan[es] gemäß Case-Management (…) und eine professionelle Begleitung der Betroffenen für spezifische weiterführende Hilfen und Behandlungen zu gewährleisten“ (S. 119 f.).
Verlaufsprozesse von Straßenkarrieren im Kontext jugendlicher Wohnungslosigkeit ist der Text von Karina Fernandez überschrieben, die versucht, mit einer österreichischen Studie die Prozesse zu beschreiben, die jugendlicher Wohnungslosigkeit innewohnen. Interessanter Fakt: Während in Deutschland lediglich Schätzungen über die Quantität dieser Zielgruppe vorliegen, gibt es in Österreich eine offizielle Erfassung. Führ ihre Studie hat sie Fernandez intensiv mit einer Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an einem zentralen Platz einer Großstadt beschäftigt. Im Fokus der Forscherin standen dabei die Ursachen von jugendlichen Straßenkarrieren, kritische Ereignisse im Leben der Gruppenangehörigen zu identifizieren, die zu einem erfolgreichen Ausstieg aus der Gruppe führen, und zu untersuchen, welche Prozesse hierbei eine Rolle spielen. „Die untersuchte Gruppe bestand aus etwa 70 bis 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 26 Jahren, wobei zu 40 Personen regelmäßiger Kontakt aufgebaut wurde“ (S. 147). Aus den Ergebnissen hat die Autorin ein Modell entwickelt, das auf den Mustern von Straßenkarrieren von Jugendlichen und jungen Erwachsenen fußt. Dazu beobachtete Karina Fernandez indem die Prozesse, die die Karrieren auslösen, vorantreiben, beeinflussen und beenden. Der Beitrag stellt dieses Modell und die daraus resultierenden Ergebnisse ausführlich vor.
Mit Wolfgang Ayaß ist es den Herausgeber:innen gelungen, den wohl profiliertesten Experten für die Geschichte marginalisierter Randgruppen während des Nationalsozialismus als Autor zu gewinnen, der über ‚Wanderer‘ und ‚Nichtsesshafte, Wohnungslose im Nationalsozialismus schreibt. In seiner historischen Betrachtung wird deutlich, dass sich die Politik gegen die Wohnungslosen entlang der grundsätzlichen NS-Rassepolitik bewegte. Wurden diese Menschen in den ersten Jahren des Regimes vor allem polizeilich drangsaliert, änderte sich das 1938: Viele von ihnen wurden als ‚Asoziale‘ in Konzentrationslagern inhaftiert. Trotz des erlittenen Unrechts verweigerte die Bundesrepublik Deutschland ihnen später Entschädigungszahlungen als Wiedergutmachung. Deutlich wird in diesem Kapitel, dass die Nationalsozialisten die Bekämpfung des Bettlertums zwar auf die Spitze trieben, die Kriminalisierung aber schon weitaus früher begann. Bereits 1871 fand sich mit § 361 ein Paragraf im Strafgesetzbuch, nach dem „Bettelei, Landstreicherei, aber unter Umständen auch bloße Obdachlosigkeit als ‚Übertretungen‘ mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft werden“ (S. 555) konnten. Aber auch die Unterbringung in Arbeitshäuser war möglich. Diese Einrichtungen waren in der Weimarer Republik nie stark belegt, nur wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers aber stark frequentiert. Bis zu 4000 Menschen waren hier untergebracht. Über die Jahre gab es immer wieder Aktionen gegen diese ‚Asozialen‘, um das ‚Schmarotzertum‘ auszumerzen. Die bittere Ironie der Geschichte konstatiert Ayaß am Ende seines Beitrages: „Die Bettler und Landstreicher waren von den Nationalsozialisten beseitigt worden, aber [nach dem Ende der NS-Zeit] hausten Millionen von Ausgebombten, Evakuierten und Flüchtlingen[n] für lange Zeit in Ruinen, Eisenbahnwaggons und Behelfsunterkünften. Aber bald gab es sie wieder: Die ‚Nichtsesshaften, wie man sie jetzt nannte“ (S. 563).
Diskussion
Die Diskussion um Veränderungen des Sozialstaats ist politisch und medial in aller Munde. Eine besonders marginalisierte Gruppe, die häufig bereits aus den Netzen der sozialen Sicherung herausgefallen ist, sind Wohnungs- und Obdachlose. Umso wichtiger ist es, dass mit diesem enorm umfangreichen ’Handbuch‘ (dafür ist es etwas zu dick) eine breite Faktenlage geschaffen wird, die auf vielen verschiedenen theoretischen und empirischen Forschungsarbeiten beruht. Wer sich wissenschaftlich oder praktisch in diesem Feld bewegt, dem sei das Buch trotz seines hohen Preises ans Herz gelegt, denn es generiert ein großes Wissen und spricht zahlreiche Themen rund um Wohnungs- und Obdachlosigkeit an. Es wäre wünschenswert, dass Menschen, die ohne viel Wissen über die ‚Soziale Hängematte‘ Deutschland fabulieren und am liebsten so gut wie alle Sozialleistungen abschaffen würden, dieses Buch kennen. Denn die Fakten, die hier aufgezählt werden, sprechen für sich: Insofern ist diese Veröffentlichung eine absolute Empfehlung, da sie ein breites Wissen vermittelt und dabei noch sehr gut lesbar ist. Da ist auch der hohe Preis ohne Zweifel mehr als gerechtfertigt.
Fazit
Der Preis ist hoch, aber dafür bekommen die Nutzer:innen ein Nachschlagewerk, das wohl ohne Zweifel als umfassend bezeichnet werden kann und einen breit gefächerten Blick auf das Themenfeld Wohnungs- und Obdachlosigkeit zulässt.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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