Richard Riess: Alles ist Anfang
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 16.09.2026
Richard Riess: Alles ist Anfang. Aspekte einer theologischen Kultur. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2025. 438 Seiten. ISBN 978-3-7455-1196-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Thema
Jedem Anfang wohnt ein Ende inne (Manuskriptum)
„Nichts ist, alles wird, auch das Werden. Es ist nicht nur die Welt, die weltet, es ist auch das Werden, das werdet“ [1]. Die Frage nach dem Anfang des Seins kann evolutionär, philosophisch und theologisch beantwortet werden. Es ist die Suche nach einem guten Leben, nach dem Paradies, nach dem Geborenwerden, dem Sterben, nach der Zeit, der Geschichte, dem erdhaften und dem „ewigen“ Leben, nach Licht und Schatten. Wenn Hermann Hesse in seinem Gedicht Stufen“ zum Ausdruck bringt: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, stellt sich menschliches Dasein als Lust und Last dar. Weil alles Leben endlich ist. Der Beherrschung der Zeit steht die Ohnmacht gegenüber. Wenn Michael Ende „Momo“ sagen lässt, dass das Leben im Herzen wohnt, die „grauen Herren“ aber nichts unversucht lassen, dass die „tote Zeit“ mit Egoismus, Übermacht, Gewalt und Krieg einkehrt und Humanität, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit verhindern; dann ist es Zeit, sich auf die Conditio Humana zu besinnen.
Entstehungshintergrund und Autor:in
Lebensleistung, ‑kraft, ‑macht, ‑erfolg und ‑glück sind Werte, die aufs Papier gebracht werden können; vor allem dann, wenn sie wissenschaftlich und intellektuell begründet werden. Es sind Erzählungen, Erinnerungen und Wissen, die sich ein Leben lang individuell und beruflich angesammelt und den Ruf und die öffentliche Aufmerksamkeit bewirkt haben. Es ist die (vermeintliche) Suche nach dem Paradies, die als Treibriemen des Daseins wirken und „das Spannungsfeld zwischen Werden und Vergehen, Anfang und Ende“ bestimmen. Es sind die Herausforderungen des Lebens, immer wieder einen neuen Anfang zu erkunden.
Der 1937 geborene, in vielfältigen Funktionen tätige Theologe und Psychologe Richard Riess legt den Sach‑ und Lebensbericht „Alles ist Anfang“ vor. Er subsumiert damit seine beruflichen Erfahrungen als Professor für Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule in Neudettelsau. Es ist besonders die Verbindung von Theologie, Kultur und seelsorgerischen Erfahrungen, die das Buch zu einem Lebensschatz machen: „Auf den Flügeln des Windes kommen sie geflogen…“.
Aufbau und Inhalt
Es ist der Spruch und Widerspruch, dass im Leben der Menschen, wie alles Lebenden, Anfang und Ende innewohnt. „Menschen, die vergessen, wo sie herkommen, wie sie angefangen haben, was sie haben werden dürfen, heben allzu leicht ab und verlieren schnell den Boden unter den Füßen“. Es sind die religiösen, biblischen Quellen, die die Weisheiten des Anfangs und des Anfangens kundtun. Es sind Zeugnisse von Menschen, wie z.B. Dietrich Bonhoeffer, die Glauben als Lebens‑ und Sterberitual praktizierten.
Riess gliedert das Buch in vier Teile. Im ersten Kapitel geht es um den Umgang mit dem vergänglichen Leben, individuell, biografisch, kollektiv und kosmisch, gegenwärtig und zukünftig; vom Jungsein und Altwerden, vom Leiblichen und Seelischen, monistisch und dualistisch: „Im Anfang – Kommen und Gehen“. Es ist der sisyphussche immerwährende Versuch, ein Ziel zu erreichen; und es ist Hermes, der Götterbote, der die Botschaften von Göttern zu den Sterblichen bringt; es ist aber auch Prometheus, der Haben und Sein miteinander verbindet und abgrenzt. Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die sich im christlichen Glauben manifestiert: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh, 3.8): „Der Weg ist das Ziel“,
Im zweiten Kapitel ist es die Wahrnehmung des Lichts: „Im Anfang – Hören und Sehen“. Es sind die Sprach‑ und Ausdrucksformen des Glaubens: -„ Im Anfang war das Wort“; und es ist die religiöse Symbolik, die als Bild erkennbar wird und sich als Gottvertrauen manifestiert, sich gestisch, sprachlich und musikalisch ausdrückt, Kraft und Trost erfährt. Gottesdienst als therapeutscher Prozess? „Agnus Dei“.
Das dritte Kapitel kündet: „Im Anfang – Empfangen und Weitergeben“. Ist das Eigene mehr als das Fremde? Oder „bin ich, weil du bist“. Es ist die Sozialität des Daseins, und es ist die Religionspädagogik, die Bildung und Erziehung schafft [2]. Die Frage „Unde malum“, woher kommt das Böse und Inhumane? Das Ungerechte und der Hass? Die Suche nach Gewissheiten, Wahrheiten und Wohlbefinden in den Zeiten von Ungewissheiten, Ego-, Ethnozentrismen und Populismen gestaltet sich immer schwieriger. Die Möglichkeiten und Fähigkeiten jedoch gibt es: „Das Gefühl, im eigenen Körper zuhause zu sein“ – „Das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören“ – „Ganzheitserfahrungen“ – „Selbstachtung, Weisheit und Integrität“. Religiöser Glaube vermag Gewissheiten ermöglichen.
Im vierten Kapitel konsultiert Riess den Maler und Bildhauer Helmut Ammann (1907 – 2001), der mit seinem künstlerischen Werk sich als „homo religiosus“ zeigt und mit seinen Bildern, den Altarwänden, Glasfenstern, Kanzelbrüstungen, Heiligenfiguren, Portalen und Kreuzigungsszenen in mehreren Kirchen Zeugnis ablegte und Fragen nach dem Anfang und Ende des Lebens stellte.
Diskussion
Mit der von ihm mitbegründeten Pastoralpsychologie gelingt es Riess, einen Brückenschlag zwischen christlicher Seelsorge, Spiritualität, Kultur, Politik und Wissenschaft zu vollziehen. „Er plädiert für einen Lebensstil, der den säkularen Menschen aus der Atemlosigkeit seiner Welt herauszuholen vermag und ruft den Reichtum an Gesten, Symbolen und Übungen… wieder neu in Erinnerung“.
Fazit
Riess‘ pastoralpsychologisches Denken und Schaffen verbindet sich mit Ammans künstlerischem Schaffen. Es sind die Hoffnungen und Verheißungen, wie sie im Psalm 139 zum Ausdruck kommen – Spräche ich:/Finsternis möge mich decken,/so muss in der Nacht/auch Licht um mich sein“ – die dazu einladen, „das Dasein bewusst wahrzunehmen, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und Chancen für einen Neuanfang zu entdecken“.
[1] Beatrice Voigt, Hrsg., Vom Werden. Entwicklungsdynamik in Natur und Gesellschaft. Perspektiven in einer zukunftsoffenen Wertekultur im Dialog von Wissenschaft, Kunst, Bildung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​27299.php
[2] Nicolas Dierks, Was tue ich hier eigentlich? Philosophisch denken lernen und nebenbei das Leben verstehen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17465.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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