Sybille Schmitz, Aida S. de Rodriguez et al.: Fachtag Gewaltfreie Kindheit 2025
Rezensiert von Alexandra Großer, 06.05.2026
Sybille Schmitz, Aida S. de Rodriguez, Lea Wedewardt: Fachtag Gewaltfreie Kindheit 2025.
AV1 Pädagogik-Filme
(Kaufungen) 2025.
25,00 EUR.
46 Minuten.
Thema
Am Fachtag für Gewaltfreie Kindheit in Berlin referierten Sybille Schmitz, Lea Wedewardt und Aida S. de Rodriguez. Sybille Schmitz nimmt in ihrem Vortrag mit dem 360°-Grad-Blick die Kinder, Familien und Kita in ihrer Gesamtheit in den Fokus und zeigt, wie pädagogische Fachkräfte diesen in ihrer pädagogischen Praxis nutzen und etablieren können. Lea Wedewardt erläutert, wie verletzend und machtvoll Sprache ist und wie pädagogische Fachkräfte miteinander von der Sprachgewalt zum Wörterzauber kommen. Aida S. de Rodriguez appelliert an die Teilnehmenden und Zuschauer:innen, sich klar zu positionieren und sich klar für demokratische Werte auszusprechen und in den Kitas zu leben.
Autor:in oder Herausgeber:in
Sybille Schmitz ist Referentin und Beraterin für Kitaleitungen, pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte und Autorin. Sie ist ausgebildete Logopädin und studierte Psycholinguistik an der LMU München. Sie ist systemische Beraterin und Therapeutin. Lea Wedewardt ist Kindheitspädagogin (M.A.), Fortbildnerin, Fachbuchautorin, Evaluatorin für Beziehungsqualität, Mitgründerin der BO-Akademie und betreibt ihren eigenen Podcast „Der Kita Podcast“. Aida S. de Rodriguez ist Gründerin der APEGO Schule und Kita in Berlin. Sie ist diplomierte Regionalwissenschaftlerin, Coach und Trainerin für interkulturelle Kompetenzen, Beraterin für Organisationsentwicklung in Veränderungsprozessen, Trauma‑ und Antipädagogin, Fachkraft für tiergestützte Interventionen (i.A.), Autorin und Vorständin sowie geschäftsführende Schulleiterin. Hinter der Kamera standen Steffi Thon, Sven Veidt und Lena Friesen.
Entstehungshintergrund
Der Fachtag Gewaltfreie Kindheit findet seit 30.04.2023 jedes Jahr am 30.04. zum Tag der gewaltfreien Erziehung statt, mit Fachvorträgen und Workshops. Zu Beginn nur in Berlin. 2026 in Waiblingen, Köln und Berlin. Der Fachtag zur Gewaltfreien Kindheit ist ein Projekt der Bilderkraft gemeinnützige UG. Ziel ist es, neben der Abschaffung jeglicher Form von Gewalt bis 2030, einen Fachtag Gewaltfreie Kindheit in jedem Bundesland am 30.04. zu etablieren.
Aufbau
Der Vortrag von Sybille Schmitz mit 45 Minuten ist einer von drei Vorträgen, die am 30.04.2025 auf dem Fachtag Gewaltfreie Kindheit in Berlin stattfanden. Neben Sybille Schmitz mit ihrem Vortrag Kinder verstehen und Bedürfnisorientiert begleiten. Ein wertschätzender 360°-Grad-Blick der Kinder schützt und Familien stärkt waren Lea Wedewardt mit ihrem Fachvortrag Was ist Sprachgewalt? Worte als wesentlichen Teil psychischer Gewalt verstehen und Aida S. Rodriguez mit ihrem Vortrag Bildung ist politisch vertreten. Beide Vorträge haben jeweils eine Dauer von 46 Minuten. Die Fachvorträge können einzeln oder im Paket über AV1 Pädagogik erworben werden.
Inhalt
Sybille Schmitz hält auf dem Fachtag für Gewaltfreie Kindheit von 2025 einen Vortrag zu Kinder verstehen und Bedürfnisorientiert begleiten. Ein wertschätzender 360°-Grad-Blick der Kinder schützt und Familien stärkt. Dieser ist verbunden mit der Frage, „welche innere Haltung und welche Beobachtungsfragen dabei unterstützen können, Kinder zu verstehen, ihre Rechte zu wahren und gewaltfrei mit ihnen umzugehen“ (00:01:58 – 00:02:13). Der 360°-Grad-Blick ist ein Konzept, welches als innerer Kompass auf verschiedenen Ebenen angewendet wird, wie beispielsweise zur pädagogischen Selbstreflexion, in der Praxisberatung, Beobachtung von Kindern, um Kinder und ihre Verhaltensweisen zu verstehen, zur Einschätzung kindlicher Lernprozesse als auch in der pädagogischen Planung und Umsetzung sowie in der Elternberatung.
Der 360°-Blick besteht aus fünf Perspektiven. Die erste Perspektive, die sie vorstellt, legt den Fokus auf die persönliche Lebenssituation der Kinder. Denn „die Familie und die damit verbundene persönliche Lebenssituation ist der erste und prägendste Bildungsort“ (00:09:06 – 00:09:12) der Kinder. Denn wir können Kinder nur verstehen, wenn wir sie aus ihrer persönlichen Lebensbiografie begreifen. Kinder tragen in ihrem Rucksack, neben der Brotdose, immer auch ihre persönliche Lebenssituation mit in die Einrichtung. Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es, Ansprechpartner:in für die Themen der Kinder zu sein, die die Kinder mit in die Einrichtung bringen. Sybille Schmitz verweist hier besonders auf den Situationsorientierten Ansatz von Armin Krenz, der diesen bereits in den 80er-Jahren in die Welt trug. Ihre wichtigste Botschaft in diesem Zusammenhang ist, die Forderung „weg von der Angebotspädagogik [zu kommen und sich] hin zu den Lebenswelten und Lebensrealitäten der Kinder“ (00:12:48) zu wenden.
Die nächste Brille nimmt die Ressourcen der Kinder und der Familie in den Fokus. Mit einer Definition von Ressourcen, die aus der systemischen Beratung stammt, und diesen Begriff sehr weit fasst, zeigt Sybille Schmitz auf, was darunter alles zu verstehen ist. Denn in der Kita geht es darum, die Kinder mit ihren Familien in ihrer Entwicklung und Wachstum, im Miteinander zu stärken, zu unterstützen und zu begleiten. In ihren weiteren Ausführungen stellt sie insgesamt „12 Arten von Ressourcen“ (00:16:35) vor, die zentral sind für Kinder und deren Familien als auch bei der Begleitung von Kindern und deren Familien. Des Weiteren erklärt sie, wie und wo die Ressourcenorientierung in der pädagogischen Praxis eingesetzt werden kann. Sybille Schmitz ermutigt in diesem Kontext alle pädagogischen Fachkräfte, neben den eigenen Ressourcen auch die Ressourcen der anderen Menschen im Umfeld zu nutzen und sich Hilfe zu holen, wo sie gebraucht wird.
Mit der nächsten Perspektive spricht sie die Bedürfnisorientierung an. Mit dieser Brille liegt die Aufmerksamkeit auf den Bedürfnissen der Kinder. Damit hängen „zwei zentrale Fragen [zusammen]:
- Was brauchen Kinder, um sich im Rahmen ihres individuellen Potenzials entfalten und entwickeln zu können? und
- Was brauchen Kinder, um sich wohl fühlen zu können und Kompetenzen ausbilden zu können?“ (00:21:01 – 00:21:30).
Sie verdeutlicht, dass die Bedürfnisorientierung alle Menschen in der Kita, Kinder, Eltern, Fachkräfte, in den Blick nimmt. Das bedeutet auch, dass pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse im Blick haben und ihre Grenzen spüren, damit sie Kinder gewaltfrei begleiten können. In ihrem Vortrag geht sie auf die vier Grundsätze der Bedürfnisorientierten Pädagogik ein und erläutert, wie Bedürfnisse sich äußern, und weshalb das Erfüllen von Bedürfnissen Lernen ist. Einen weiteren Punkt, den sie aufgreift, ist eines der großen Missverständnisse, der mit der Vorstellung Bedürfnisorientierter Pädagogik einhergeht. Es geht darum, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu würdigen. Sybille Schmitz erläutert zudem, dass Bedürfnisse drei Ebenen ansprechen, die ethische Ebene, die juristische Dimension und die psychologisch-pädagogische Ebene. Im nächsten Schritt zeigt sie, wie diese in der Praxis zu verstehen sind. So hängen Bedürfnisse mit den Rechten der Kinder zusammen, beispielsweise mit dem Recht auf Partizipation.
Die vierte Perspektive, die sie vorstellt, beschäftigt sich mit den Beziehungen, denn „Beziehung ermöglicht Bildung“ (00:34:55). In ihren Ausführungen zeigt sie auf, dass das „menschliche Gehirn […] durch Beziehungserfahrungen geprägt und geformt wird“ (ebd.). Beziehungserfahrungen hängen stark mit dem Selbst‑ und Weltkonzept der Kinder zusammen. Über Beziehungen erfahren sie unter anderem, was andere von ihnen halten und ob sie liebenswert sind. Das wichtigste pädagogische Angebot, dass pädagogische Fachkräfte Kindern machen können, sind die Fachkräfte selbst und ihre Reaktionen auf das Kind und damit die Botschaften, die sie an das Kind vermitteln. Bekommen die Kinder jeden Tag wertschätzende Botschaften als Haltung vermittelt, entwickeln sie ein Selbstkonzept, indem sie sich als selbstwirksam erleben und als Mensch, der so wie er ist, „genau richtig“ (00:39:39) ist.
Die fünfte und letzte Perspektive fokussiert auf die Kompetenzen. Verbunden damit ist der Blick auf die Kompetenzen, die das Kind bereits entwickelt hat, die es situationsübergreifend beherrscht, welche das Kind gerade entwickelt und erwirbt, und welche Unterstützung es dabei braucht (vgl. 00:42:44). Damit schließt sich der Kreis, denn um die Frage nach der Unterstützung beantworten zu können, „braucht es die anderen vier Brillen“ (00:42:50 – 00:42:58). Ohne diese geht es nicht. In diesem Zusammenhang kritisiert sie, dass in Einrichtungen und in Bildungsplänen hauptsächlich auf die Kompetenzen der Kinder fokussiert wird, während die anderen vier Perspektiven kaum bis wenig beachtet werden. Für einen umfassenden Blick auf das Kind braucht es alle fünf Perspektiven, so die Kernbotschaft der Vortragenden.
Diskussion
Sybille Schmitz legt mit ihrem Vortrag den Fokus auf alle Akteur:innen in der Kita, Eltern, pädagogische Fachkräfte und Kinder. Ihr systemischer Blick auf die Kita geht vom Grundsatz aus, was Kinder und Familien als auch pädagogische Fachkräfte bereits mitbringen, was sich noch entwickeln darf. Gezielt weg vom defizitorientierten Blick. Die Kernbotschaft ihres Vortrags heißt Beziehung. In der Kita geht es um Beziehung und um die Beziehungsqualität. Sybille Schmitz kritisiert zurecht den oft einseitigen Blick der pädagogischen Fachkräfte sowie der Bildungspläne, der sich meist auf die Kompetenzen der Kinder beschränkt. In Bildungsplänen werden vielleicht noch ein oder zwei weitere Perspektiven berücksichtigt, doch insgesamt werden die anderen vier Perspektiven noch viel zu wenig beachtet. Die gute Botschaft der Vortragenden, wir sind auf dem Weg zu einem Rundumblick und in vielen Kitas wird dieser auch gelebt. Sybille Schmitz plädiert dafür, den 360°-Grad-Blick auch zur eigenen Reflexion zu nutzen, damit anzufangen und ihn dann auf die pädagogische Praxis zu erweitern.
Anhand vieler Beispiele und Sätze zeigt Lea Wedewardt, welche Macht Worte haben und wie sehr Sprachgewalt noch immer in unserer Gesellschaft und damit im pädagogischen Kontext verankert ist. Denn wir alle kennen diese Sätze und haben sie auch schon mal so oder in ähnlicher Weise bei Kindern oder in der Partnerschaft verwendet. Lea Wedewardt macht durch ihren Vortrag mit den vielen Beispielen deutlich, was unter Sprachgewalt zu verstehen ist. Pädagog:innen bekommen viele Impulse, wie sie gewaltfrei, gleichwürdig und auf Augenhöhe mit den Kindern kommunizieren können.
Aida S. de Rodriguez beginnt ihren Vortrag mit den Worten „alles was wir tun, was wir vorleben, wie wir mit jungen Menschen umgehen, das prägt unsere Gesellschaft, das beeinflusst die Kinder und letztlich gestaltet dass das Klima in diesem Land mit“ (00:02:04 – 00:02:23). Dieser Satz sagt eigentlich schon alles. Eigentlich wäre er auch ein schönes Fazit für die Vorträge dieses Fachtags. Dieser Satz zeigt und erklärt, welchen Auftrag wir Erwachsene haben, wie wichtig es ist, dass wir unsere Haltung neu denken, gerade in Zeiten, in denen so viele Veränderungen und Umbrüche in der Gesellschaft, in der Welt, wahrzunehmen sind. Eine Welt, eine Gesellschaft, dessen politisches Klima sich verändert. In dem wir zurecht sensibel gegenüber Ideologien und deren Nuancen sein müssen, die sich derselben Werte bedient, wie Aida S. de Rodriguez eindrücklich darstellt. Es gilt achtsam und wachsam zu bleiben als auch sich selbst klar zu positionieren. Sich mit der eigenen Lebens‑ und Familiengeschichte auseinanderzusetzen, mit dem eigenen Kriegserbe, welches auch noch die Urenkelgeneration betrifft. Aida S. de Rodriguez legt nicht nur den Finger auf diese Stellen, die unsere Demokratie gefährden, sondern zeigt auch auf, dass wir in den Kitas und Schulen unserer Verfassung verpflichtet sind, und gibt den Teilnehmenden wie Zuschauenden Wege an die Hand, mit denen wir unsere demokratische Verfassung und Grundwerte verteidigen und klar Position beziehen können.
In allen drei Vorträgen geht es um Bedürfnisorientierung, Bindung und Beziehung. Um die Haltung, die hinter den Begriffen stehen und zu oft als methodische Vorgehensweise genutzt werden. Denn erst im Konflikt, in herausfordernden Situationen zeigt sich, wie tragfähig und sicher, die Beziehung ist, in der Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird, darin zeigt sich die Haltung. Im Vortrag von Aida S. de Rodriguez zeigt sich diese Haltung darin, ob Kinder echte Mitbestimmung erleben. Ob sie wirklich in alle Entscheidungen einbezogen werden, die ihr Leben und das der Gemeinschaft betreffen. Sie hinterfragt, kritisiert und appelliert und rüttelt auf. Bildung ist politisch. Wollen wir in einer Demokratie leben, müssen wir Pädagog:innen Stellung beziehen.
Den Filmemacher:innen ist es gelungen, die Stimmung, die Eindrücklichkeit der Vorträge im Film zu transportieren, sich auf die Vortragenden zu konzentrieren sowie die Feinheiten der Vortragenden einzufangen.
Fazit
Jeder Mensch, der sich für eine Gewaltfreie Kindheit einsetzt, sollte diesen Film, diese Vorträge gesehen haben. Auch wenn vieles davon schon von den Autorinnen in ihren Büchern geschrieben und dargestellt wurde, bringen sie ihre Standpunkte in ihren Vorträgen deutlich, klar und lebendig zum Ausdruck. Als Zuschauer:in profitiert man noch einmal mehr von den verschiedenen Vorträgen und Persönlichkeiten der Vortragenden. Es sind die Feinheiten, die die Vortragenden nur persönlich vermitteln können und in den zugehörigen Büchern oft nur zu erahnen sind.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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