Werner Creutziger: Ein langes Leben in Deutschland
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.02.2026
Werner Creutziger: Ein langes Leben in Deutschland. Frank & Timme (Berlin) 2025. 144 Seiten. ISBN 978-3-7329-1116-5. D: 28,00 EUR, A: 28,00 EUR, CH: 42,00 sFr.
Thema
Die im biblischen Psalm 90, Vers 10, vorhergesagte Weissagung – „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre …“ ist längst überholt. Menschliches Leben, wenn es gelingt, ist zwar immer noch endlich; doch der „Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“, ist keine Seltenheit; und das „Greisenalter“ keine Sensation mehr (Carolin Kollewe/Elmar Schenkel, Hrsg., Alter: unbekannt. Über die Vielfalt des Älterwerdens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​11409.php).
Entstehungshintergrund und Autor
Autobiografisches Erzählen und Schreiben ist Anspruch und Abenteuer. Die literarische Rubrik ist Bestandteil des Erinnerns und Wissens. Berühmtheiten und Alltagsmenschen haben Biografien geschrieben und hinterlassen. Sie sind (inter)kultureller Bestandteil des individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Fragens: „Wer bin ich?“, und der Nachschau darüber: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“ (Immanuel Kant). Der 1929 geborene Germanist, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Mitglied des PEN-Zentrums, Werner Creutziger, legt eine Autobiografie vor, in der er sein berufliches und privates, einfaches Leben spiegelt in den traditionellen Zeiten „des ist, wie es ist“, ohne Wolkenkuckucksheime und unrealistische Fantasien. Die Erfahrungen der Eltern, Verwandten und Nachbarn über die Schrecken des Ersten Weltkriegs und die eigenen über den Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg in seiner Kindheit und Jugend verliefen mit der „Macht der Gewohnheiten“ und der kindlichen Lust und Empfänglichkeit für große Gesten und Zurschaustellungen. Im nationalsozialistischen „Jungvolk“, der Vorstufe der 10- bis 14-Jährigen bis zum Eintritt in die „Hitlerjugend“ (dem Creutziger deshalb entging, weil er im „Jungvolk“ zum Hilfssanitäter ausgebildet wurde). Als „kv“ – „kriegsverwendungsfähig“ – leistete er Wehrübungen, die in Thüringen jedoch zur Kapitulation aufgelöst wurden. Die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen bewirkte, dass Thüringen und Sachsen zur sowjetischen Besatzungszone kamen. Als „Arbeiterkind“ erhielt er in der DDR die Gelegenheit, in der „Arbeiter- und Bauern-Fakultät“ zu studieren. Er wählte Germanistik, Russisch und Französisch.
Aufbau und Inhalt
Mehr und mehr, je deutlicher und bestimmter die DDR-Politik sich weg von freiheitlichen und demokratischen Strukturen hin zur ideologischen, kommunistischen und diktatorischen Politik entwickelte, und in der DDR jegliches Andersdenken – und gar -handeln – als staatsfeindlich geahndet wurde, andererseits sich die „Angepassten“ und „Ja-Sager“ zu geförderten politischen Eliten aufstiegen, entstand bei Creutziger die Einstellung: „Bevormundung verträgt sich nicht mit Befreiung“. Das antifaschistische Gedankengut ging im Kampf gegen die demokratischen Parteien unter. „Wir verloren Schritt für Schritt die Freiheit des Geistes“. Der Wechsel von Ost nach West war ab dem 13. August 1961 durch den Mauerbau abgeriegelt, die familiären und Verwandtschaftsbeziehungen verhinderten dies zudem. Die zur Wiedervereinigung 1989/90 skandierte Parole – „Wir sind das Volk“ – mündete dann doch eher in die willfährige Entwicklung, ab Herbst 1952 als Lektor im Leipziger Reclam-Verlag und ein Jahr später beim (Ost-)Berliner Aufbau-Verlag zu arbeiten.
Creutziger tat sich nicht als öffentlichkeitswirksamer Oppositioneller hervor. Entschieden freilich wendet er sich dagegen, Opportunist gewesen zu sein. Er widerspricht der Auffassung, dass „nicht alles in der DDR schlecht gewesen sei“, vielmehr ist er überzeugt: „Die Demokratie macht den Bürger frei und verantwortlich und gebietet ihm, maßgebend mitzuwirken am Ordnen, am Gestalten der gesellschaftlichen Dinge“.
Diskussion
Es ist das Dilemma, dass allzu viele Menschen der Meinung sind, dass demokratische Freiheit ihnen selbst nichts kostet und ihnen nichts selbst abverlangt. Es sind die Selbstdenker:innen, die zum Selbstdenken aufrufen – junge wie alte (Karl-Heinz Bohrer (+), Selbstdenker und Systemdenker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​12903.php). Für Kommunikation, Sprache und Sprachkultur einzutreten, das ist Denk- und Lebenswerk.
Fazit
Es sind Zeitzeugnisse, die Licht, Bedenkenswertes, Erinnertes in die Gegenwart bringen können und deutlich machen, dass Erlebtes Weg- und Richtungsweiser für Zukünftiges sein können.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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