Katharina Autenrieth, Barbara Heil: Vom Suchen und Finden des Gleichgewichts
Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 12.03.2026
Katharina Autenrieth, Barbara Heil: Vom Suchen und Finden des Gleichgewichts. Hengstenberg Spiel- und Bewegungsmaterialien in der Praxis.
verlag das netz GmbH
(Kiliansroda) 2025.
ISBN 978-3-86892-203-5.
29,90 EUR.
160 Seiten, 1. Auflage.
Thema
Das Buch „Vom Suchen und Finden des Gleichgewichts“ von Katharina Autenrieth und Barbara Heil widmet sich der Bewegungspädagogik von Elfriede Hengstenberg und verbindet sie mit Pikler-Prinzipien, um kindliche Entwicklung durch freies Spiel und Gleichgewichtsaufgaben zu fördern. Es betont, wie äußeres Gleichgewicht inneres Vertrauen schafft und Kinder in einer entspannten Atmosphäre zu selbstständigen Entdecker:innen macht.
Autor:innen
Katharina Autenrieth ist ausgebildete Lehrerin für Kinderkrankenpflege (Jahrgang 1961) und hat Weiterbildungen in Pikler-Kleinkindpädagogik absolviert, u.a. bei Anna Tardos am Emmi-Pikler-Institut in Budapest sowie SAFE®-Mentorin nach PD Dr. K.-H. Brisch. Seit 2011 bietet sie gemeinsam mit Barbara Heil in Ulm SpielRaum-Gruppen mit Hengstenberg-Materialien an, die Eigeninitiative und selbstbestimmte Bewegungsentwicklung von Kindern fördern. Barbara Heil ist eine staatlich anerkannte Heilpädagogin, Beziehungstherapeutin (Marte Meo) und Integrationsfachkraft, die eng mit den Hengstenberg-SpielRaum-Angeboten verbunden ist. Sie arbeitet mit Hengstenberg-Materialien für Kindergarten‑ und Schulkinder, bietet Fortbildungen sowie Einzelintegration in Kitas und Krippen an.
Entstehungshintergrund
Die Autorinnen haben über zehn Jahre gemeinsam den Hengstenberg-SpielRaum® Ulm geleitet und dabei den Ansatz von Elfriede Hengstenberg und Emmi Pikler zugrunde gelegt. Dabei hat sie die Frage geleitet, welche Strukturen und welche Begleitung die Kinder brauchen, um die Hengstenberg Spiel‑ und Bewegungsmaterialien® aus eigener Initiative erforschen und besser in ihr Spiel eintauchen zu können. Das vorliegende Buch lebt von ihren praktischen Erfahrungen.
Aufbau
Der Aufbau ist praxisnah gegliedert. Nach einer kurzen Einleitung, in der sich die Autorinnen mit ihrem Werdegang vorstellen, folgt ein Blick auf die Biografie von Elfriede Hengstenberg, die als Gymnastiklehrerin mit Kindern zu arbeiten begann und im Kontakt mit Emmi Pikler neue Ideen für die Förderung von Kindern entwickelte. Ein Kernelement waren dafür die von ihr entwickelten Hengstenberg-Materialien, die im Buch vor allem durch zahlreiche Bilder vorgestellt werden. Es folgen detaillierte Beschreibungen zu Bewegungsanregungen und zum freien Spiel, wobei die Rolle des Erwachsenen als Begleiter mit zahlreichen Beispielen vorgestellt wird. Abschließend gibt es Anregungen zu sozialen Lernräumen sowie methodisch-didaktischen Einblicke, ergänzt durch Fortbildungsbezüge.
Inhalt
Der Kern des Buches beschreibt die Gestaltung von Spiel‑ und Bewegungsgelegenheiten unter der Verwendung von typischen Materialien im Hengstenberg-SpielRaum. Diese bestehen aus naturbelassenem Holz und sind bewusst einfach, kombinierbar und offen gestaltet, um kindliche Eigeninitiative im freien Spiel zu fördern. Sie können von den Kindern selbstständig gehandhabt und zu immer wieder neuen Bewegungslandschaften kombiniert werden. Sowohl bewegungsgeschickte als auch bewegungsunsichere und entwicklungsverzögerte Kinder finden die für sie passenden Anregungen zum Bauen, Kriechen, Krabbeln, Balancieren, Klettern, Rutschen, Hangeln, Springen und Laufen. Die Geräte wecken die Neugierde der Kinder und regen die Bewegungsbedürfnisse an – ohne Eingriffe der Erwachsenen. Kinder entwickeln so Bewegungskompetenz, Sozialkompetenz und Selbstwertgefühl in kleinen Gruppen mit geschulten Leiterinnen.
In den einzelnen Abschnitten des Buches findet die Leser:in detaillierte Beschreibungen und Anregungen zu folgenden Themen: Bewegungsanregung, freies Spiel, sozialer Lernraum, Rolle des Erwachsenen, Ablauf einer SpielRaum-Stunde, Materialauswahl, Regeln, Gegebenheiten in der Einrichtung, Übergänge, herausfordernde Situationen, Schulkinder, traumatisierte Kinder, Elternarbeit, Reflexion, Selbsterfahrung und Angebote für Fortbildungen. Praktische Übungen zum Gleichgewicht im Hengstenberg-SpielRaum basieren auf freiem Experimentieren mit Holzmaterialien, das Kinder zu selbstgesteuerten Balanceversuchen anregt – ohne Anleitung, aber mit achtsamer Beobachtung durch Erwachsene. Beispiele, die durch Fotos vorgestellt und deren Nutzung im Text beschrieben werden, sind:
- Wackelbrett oder Kippelscheibe laden die Kinder ein zum rhythmischen Schaukeln, sie stehen in der Hocke oder auf allen Vieren, hüpfen beidbeinig oder balancieren Objekte wie z.B. Stäbe.
- Balancierstangen und Vierkanthölzer fordern auf zum freien Balancieren, die Hölzer zu Wegen oder Brücken zu stapeln, über die die Kinder krabbeln, klettern oder darüber laufen, um Gleichgewicht zu finden und zu verfeinern.
Im Text wird sehr differenziert beschrieben, wie der Erwachsene auf der Grundlage genauer Beobachtung die Spielsituationen gestaltet und im Spielprozess feinfühlig als Helfer und Begleiter agiert. Vor allem die Auswahl der Materialien muss mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes abgestimmt sein. Dies gilt vor allem bei der Förderung von traumatisierten Kindern. Sehr ausführlich wird die Arbeit mit einer Gruppe von Kindern beschrieben, die mit ihren Müttern in IS-Gefangenschaft waren und dort wirklich traumatisierende Erfahrungen machten. Sie haben in der klaren Struktur des SpielRaums bei gleichzeitig offenem Angebot Lust am Spiel und vielleicht wieder Lust am Leben gewonnen.
Diskussion
Das Buch verdeutlicht aktuelle Herausforderungen in der Kindheit. Zum einen der Bewegungsmangel und zum anderen die häufig zu beobachtende übermäßige Erwachsenenlenkung. Dem wirken die Autorinnen mit ihrem Ansatz entgegen. Sie nehmen die Leser:in erzählend mit in die Gestaltung von Spiel‑ und Bewegungsstunden und sie machen diese Erzählung lebendig durch die zahlreichen sehr eindrucksvollen Bilder, welche die Vielfalt der Hengstenbergmaterialien präsentieren. Ein wenig ist das Buch auch eine Werbung für die Hengstenbergmaterialien, deren Bezugsadresse im Anhang angegeben ist.
Fazit
Ein bilderreiches und erlebnisnahes Praxisbuch für Therapeut:innen und Pädagog:innen in der Frühförderung, das den Ansatz von Hengstenberg lebendig macht und nachhaltig zur Gestaltung von kindzentrierten Bewegungs‑ und Spielräumen inspiriert.
Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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