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Gerhard Hintenberger: Digitale Ansätze in der psychosozialen und psychiatrischen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Christopher Romanowski-Kirchner, 01.07.2026

Cover Gerhard Hintenberger: Digitale Ansätze in der psychosozialen und psychiatrischen Arbeit ISBN 978-3-96605-286-3

Gerhard Hintenberger:Digitale Ansätze in der psychosozialen und psychiatrischen Arbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2025. 160 Seiten. ISBN 978-3-96605-286-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Reihe: Praxiswissen.

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Thema

Der vorliegende Band richtet sich vor allem an Praktiker:innen der psychosozialen Beratung und möchte angesichts der weitgehenden Etablierung digitaler Beratungspraxen in die wesentlichen Möglichkeiten einführen. Als kompakte Einführung adressiert er Angehörige aller Professionen psychosozialer Arbeit.

Autor:in

Gerhard Hintenberger, Mag., Psychotherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut für Integrative Therapie beschäftigt sich in Publikationen und Lehre seit vielen Jahren mit der Thematik. Er ist Herausgeber eines E-Beratungsjournals.

Entstehungshintergrund

Gerhard Hintenberger möchte mit dem Buch angesichts der Skepsis von Fachkräften psychosozialer Beratung auf die Möglichkeiten, Traditionen und Herausforderungen digitaler Beratungsformen als Teil der psychosozialen Versorgung aufmerksam machen und entlang konkreter Beispiele veranschaulichen (vgl. S. 7–9).

Aufbau

Der Band gliedert sich zwischen Einleitung und Schluss in drei Hauptkapitel, die laut Autor auch unabhängig voneinander gelesen werden können. Im ersten Abschnitt werden Aspekte digitaler Settingumgebungen eingeführt, die unterschiedliche digitale Medien ebenso in den Blick nehmen wie besondere Formen des Blended Counseling sowie ethische Fragen digitaler Kontexte. Der zweite Abschnitt geht auf unterschiedliche Medien und ihre jeweiligen Anwendungsmöglichkeiten ein. Im dritten Abschnitt werden ausgewählte Herausforderungen in den Blick genommen, bevor die Schlussbetrachtung das Bändchen abschließt.

Inhalt

Nach der kurzen Darlegung der Motivation des Bandes und der Relevanz des Themas in der Einleitung folgt die Übersicht über Fragen zur Settingumgebung.

Zunächst werden grundlegende Kommunikationszugänge digitaler Medien erläutert. Hier macht Hintenberger in einem Satz auf einen Aspekt aufmerksam, der dem Rezensenten – sicherlich aufgrund seines Hintergrundes – als sehr wichtig erscheint: „Die Wahl eines Kommunikationskanals erfolgt selten zufällig“ (S. 10). Das heißt: Die Breite an Zugängen zu Beratungsangeboten ermöglicht oder verwehrt manch Ratsuchenden die Nutzung von Beratung entlang ihrer jeweiligen Präferenzen, Ängste und Kommunikationsmöglichkeiten. So werden im Folgenden die unterschiedlichen Kommunikationskanäle nicht nur vorgestellt, sondern auch mitsamt ihren Möglichkeiten und Grenzen in aller Kürze andiskutiert. Dabei verdeutlichen immer wieder kurze Praxisbeispiele die Relevanz der angesprochenen Punkte. Etwa, wenn dargelegt wird, dass Beziehungsqualitäten zwar in bestimmten Kommunikationsformen in anderer Qualität erlebt werden können, jedoch z.B. auch textbasierte Kommunikation nicht gänzlich auf Faktoren der Beziehung und die Kommunikation einer beziehungsorientierten Haltung verzichten muss. Neben text‑ und videobasierter Kommunikation werden auch neuere Varianten der Beratung mit KI-generierten Antworten und app-basierten Selbsthilfeangeboten thematisiert. Hintenberger macht anhand eines kurzen Beispiels auch darauf aufmerksam, dass die Wahl des jeweiligen Kommunikationsmittels als Aspekt des Beratungsprozesses gedacht werden kann und ggf. auch muss. Das heißt beispielsweise, dass asynchrone Kommunikationsmittel einen gangbaren Einstieg für Klient:innen darstellen können, der dann im weiteren Prozess der Vertrauensbildung verändert werden kann – z.B. hin zu synchronen Video-Settings (Face-to-Face digital) oder Begegnungen im realen Raum (oder hybrid). Diese Form der Nutzung erscheint besonders interessant, wenn man über die Nutzbarmachung von Beratungsangeboten adressat:innenorientiert (und nicht anbieterorientiert) nachdenkt.

Schließlich werden zentrale ethische Aspekte diskutiert, die spezifisch digitale Zugänge, aber auch allgemeine Beratungskontakte betreffen. Auch hier wird kurz das Thema digitale Ungleichheit angeschnitten, wenn darüber geschrieben wird, dass Zugänge inklusiv sein müssen – was bisweilen ein Problem zu sein scheint (vgl. Initiative D21, 2025). Das folgende Kapitel erhellt in neun Unterkapiteln wesentliche Zugänge digitaler Beratungsformen mitsamt einer Darstellung des grundlegenden Prozesses, wichtiger Kommunikationsmittel und möglicher Herausforderungen. So werden z.B. Aspekte herausgehoben, die Angebote wiederum zugänglich machen, etwa die Anonymität der textbasierten Beratung. Gleichzeitig werden Relevanzen der Prozessorientierung in der Arbeit mit Texten bis hin zum Aufbau einer textbasierten, asynchronen Antwort beschrieben. Auch die Nutzung von Kommunikationsmitteln im Text – bis hin zur Ermöglichung resonanter Textgestaltung in synchronen und asynchronen Formen – wird im späteren Kapitel zu „interaktionsorientiertem Schreiben“ dargestellt. Hier erscheinen die Ausführungen bei aller notwendigen Kürze erstaunlich anschaulich und vergleichsweise ausführlich und insbesondere durch Beispiele keineswegs wie eine bloße Aufzählung relevanter Teilaspekte. Als weitere Differenzierung der Möglichkeiten werden messengerbasierte Zugänge erläutert, bevor videobasierte Beratung thematisiert wird. Beschrieben werden dabei auch zusätzliche Möglichkeiten, z.B. die Nutzung des Screen-Sharings, des Whiteboards bis hin zur Nutzung des Raums über die Kamera bzw. der Raumanordnungen, die ebenfalls eingefangen werden können – Aspekte, die dem Rezensenten seit einiger Zeit selbst z.B. aus Beratungs‑ und Lehrkontexten in der Stuhl‑ bzw. Teilearbeit erfahrbar wurden. Das Kapitel über audiobasierte Beratung enthält neben der seit langem bekannten Form der telefonischen Beratung auch einen Teil über audiobasierte Nachrichten und deren Möglichkeiten, z.B. der längeren Verfügbarkeit (S. 80). Schließlich werden die Erkenntnisse zu Möglichkeiten und Grenzen der app-basierten und der KI-generierten Angebote vorgestellt.

Das letzte Hauptkapitel widmet sich der Frage nach den spezifischen Herausforderungen. Hier geht es zunächst um Fragen der Beziehungsgestaltung in unterschiedlichen Angebotsformen. Weiter werden Möglichkeiten diagnostischer Einordnungen vorgestellt, gleichwohl aber mit ethischen Fragen flankiert – zumal Informationen nur begründet und transparent erhoben werden dürfen. Hier ergeben sich tatsächlich nochmals andere Zugänge, wie Hintenberger am Beispiel der Stimmdiagnostik und der möglichen Diagnostik von Mikroexpressionen darlegt. Daran anschließend werden spezifische digitale Unterstützungsformen für ausgewählte psychische Störungen oder spezifische Situationen – etwa akute Suizidalität – sowie Hilfesettings beispielhaft erläutert. Ein kurzes Schlusskapitel zu aktuellen und zukünftigen Möglichkeiten und Herausforderungen rundet den Übersichtsband ab.

Diskussion

Gerhard Hintenberger gelingt mit diesem – im positivsten Sinne – übersichtlichen, aber dennoch informativen Band, die Möglichkeiten digitaler Kommunikation in Beratung (und Psychotherapie) so darzustellen, dass Praktiker:innen rasch eine grundlegende Idee zu den Stärken, aber auch den Herausforderungen dieser Zugänge erhalten. Mehr ist in dieser Übersicht nicht möglich, aber sicherlich auch nicht die Intention dieser Veröffentlichung.

Für Studierende und Forschende, aber auch Praktiker:innen, die insbesondere mit hard-to-reach-Klientel (vgl. Giertz et al. 2020) zu tun haben, muss zumindest darauf hingewiesen werden, dass nach bisherigem Kenntnisstand gerade Menschen in prekären Lebenslagen in ihrer Erreichbarkeit auch digital mitgedacht werden müssen. So ist zwar einerseits die Erweiterung realer Räume durch virtuelle Umgebungen der Beratung dazu geeignet, spezifische Engpässe der Versorgung zu überwinden und Zugänge zu Gruppen herzustellen, die im realen Raum nicht erreicht werden. Der Autor macht z.B. auf die Versorgungssituation in ländlichen Gebieten aufmerksam. Relevant ist außerdem digitale Kommunikation als häufig sicherer erlebte Kommunikationsdimension in den virtuellen Lebenswelten insbesondere Heranwachsender. Gleichzeitig unterscheiden sich Nutzungsweisen digitaler Räume in sozialen Milieus zuweilen erheblich (Iske/Kutscher 2020). Gerade mit Blick auf Menschen in prekären Lebenslagen ist zu berücksichtigen, dass digitale Ungleichheiten auch in Nutzungsweisen, digitalen Kompetenzen, Suchstrategien und der Passung zwischen Angebotsstruktur und lebensweltlich vertrauten Kommunikationsräumen. Aktuelle Befunde zur digitalen Teilhabe zeigen weiterhin deutliche Unterschiede nach Lebenslagen, etwa nach Einkommen, Wohnsituation und beruflicher Stellung (Initiative D21, 2025). Damit bleibt für Onlineberatung die Frage relevant, ob Angebote nur online verfügbar sind oder tatsächlich adressat:innenorientiert auffindbar und anschlussfähig werden. Dies gilt insbesondere, wenn die Nutzung nicht über bekannte digitale Räume der Adressierten möglich wird (vgl. Weinhardt 2021). Lebensweltorientierung ist damit gerade auch in virtuellen Lebenswelten weiterzudenken im Hinblick auf die Frage: Wie und wo erreiche ich belastete Menschen auch digital – was ist hier „aufsuchend“ möglich? Und zugleich: Was bedeutet dies für beraterische Zugänge, die andererseits ja nicht in eine „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (klassisch bei Habermas; bei Thiersch in Anlehnung an Habermas) führen sollen? Etwas kurz müssen auch die Probleme statistischer und algorithmischer Diagnostik bleiben, die z.B. im Kontext der Risikodiagnostik in der Jugendhilfe diskutiert werden. Schrödter et al. (2020) machten hier – mit Verweis auf reale Erfahrungen bei Versicherungen und risikoorientiertem Policing – auf die nicht zu unterschätzende Gefahr des Verlassens auf wahrscheinlichkeitstheoretische Risikoabschätzungen statt professioneller Situationsorientierung aufmerksam. Der Satz (S. 103), dass KI-Tools „nur“ unterstützen können (ohne professionelle, situationsadäquate und kontextsensible Urteilskraft ad acta zu legen), muss insofern unterstrichen werden. Für diesen erweiterten Blick auf wichtige Aspekte des Fachdiskurses und die Erkenntnisse zu Möglichkeiten und Schwierigkeiten digitaler Zugänge in der Beratung müssen weitere Publikationen hinzugezogen werden.

Fazit

Gerhard Hintenberger schafft den Spagat einer praxistauglichen Übersicht über das Feld, die hinreichend kurz, aber dennoch ausreichend ausführlich Möglichkeiten und zentrale Herausforderungen digitaler Ansätze in der psychosozialen und psychiatrischen Arbeit beschreibt. Als guter Überblick und Ausgangspunkt zur weiteren Vertiefung ist dieser Band sicherlich sowohl für Praktiker:innen der beratenden Berufe als auch für Studierende geeignet.

Literatur

Giertz, K.; Große, L.; Gahleitner, S.B. (2020) (Hrsg.): Hard to reach: schwer erreichbare Klientel unterstützen. Köln: Psychiatrie Verlag.

Initiative D21 (2021): Digital Skills Gap 2025. Digitale Spaltung neu vermessen: Kompetenzen im Lebenslagenvergleich. Verfügbar unter: https://initiatived21.de/uploads/​03_Studien-Publikationen/​Digital-Skills-Gap-2025/​D21_DigitalSkillsGap_2025_final.pdf, (02.03.2026).

Iske, S. & Kutscher, N. (2020): Digitale Ungleichheit im Kontext Sozialer Arbeit. In: KutscherN.; Ley, T.; Seelmeyer, U.; Siller, F.; Tillmann, A.; Zorn, I. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung (S. 115–128). Weinheim & Basel: Beltz Juventa.

Schrödter, M., Bastian, P.; Taylor, B. (2020): Risikodiagnostik und Big Data Analytics in der Sozialen Arbeit. In: Kutscher, N.; Ley, T.; Seelmeyer, U.; Siller, F.; Tillmann, A.; Zorn, I. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung (S. 255–264). Weinheim & Basel: Beltz Juventa.

Weinhardt, M. (2021): Digitalität und Digitalisierung in der psychosozialen Beratung. Überlegungen zum digitalen Wandel in der Beratungskultur. Sozialmagazin, 5. Sonderband, S. 76–86.

Rezension von
Prof. Dr. Christopher Romanowski-Kirchner
Professur für „Kasuistik und Methoden der Sozialen Arbeit“ an der Hochschule Coburg (Fakultät Soziale Arbeit)
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Es gibt 3 Rezensionen von Christopher Romanowski-Kirchner.

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ISSN 2190-9245