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Heidi Graf, Michael Martinz (Hrsg.): Über Suizidalität sprechen

Rezensiert von Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 24.11.2025

Cover Heidi Graf, Michael Martinz (Hrsg.): Über Suizidalität sprechen ISBN 978-3-86739-374-4

Heidi Graf, Michael Martinz (Hrsg.): Über Suizidalität sprechen. Erfahrungen aus der Angehörigenberatung. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2025. 156 Seiten. ISBN 978-3-86739-374-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: BALANCE ratgeber. .

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Entstehungshintergrund und Thema

Den Verein Die ARCHE – Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e.V. (kurz: ARCHE) gibt es seit 1969, seit 2001 trägt er diesen Namen. Die Ziele des Vereins bestehen in der direkten Hilfe für Menschen in akuten Lebenskrisen, der Begleitung von Angehörigen und Freunden, der Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit und der Qualifizierung von Fachkräften. Der Erfahrungsschatz der Angehörigenberatung untermauerte die Idee, die Expertise dieser Kriseneinrichtung, die für den Großraum München und Oberbayern zuständig ist, zu bündeln und verfügbar zu machen. Die Publikation wurde von der Anni-Gruber-Stiftung gefördert.

Herausgeber

Das Buch wird von ARCHE herausgegeben. Laut einleitenden Angaben haben sich alle Mitarbeitenden des multidisziplinären Teams (Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen, Mediziner:innen) am Buchprojekt beteiligt. Als verantwortliche Autor:innen werden Heidi Graf, Systemische Therapeutin und Geschäftsführerin, sowie Dipl.-Psych. Michael Martinz, Psychologischer Psychotherapeut, genannt. Prof. Dr. Peter Brieger, der ärztliche Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums, und Dipl.-Psych. Susanne Menzel, Referentin der Klinik, haben das Kapitel „Was die Wissenschaft über Suizidalität weiß – und was nicht“ beigesteuert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, beginnt mit einem Vorwort (S. 9–10) von Karl Heinz Möhrmann, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e.V., und endet mit einem Anhang (S. 189–205) aus zehn Hinweisen für den Umgang mit Menschen, die suizidgefährdet sind, mit einer Liste von Anlaufstellen, Hilfeangeboten im deutschsprachigen Raum, weiterführenden Informationen und verwendeter Literatur.

Das erste Kapitel Angehörige sind immer mitbetroffen (S. 11–17) präsentiert Angaben zur Anzahl von Menschen aus dem Umfeld von Personen, die suizidgefährdet sind oder sich suizidiert haben (schätzungsweise pro Suizid sechs bis 30 Personen bei 10.000 pro Jahr ohne Dunkelziffer der Suizidversuche). An- und Zugehörige suizidal gefährdeter Personen werden durch das Bekanntwerden der Intention aus dem Alltag und dem Gleichgewicht gerissen und spielen zugleich als sogenannte Gatekeeper in der Suizidprävention eine wichtige Rolle. Ziel des Buches ist es, den Angehörigen Anregungen zu geben, „wie sie sich hilfreich für die betroffene Person verhalten können“ (S. 13).

Das zweite Kapitel Voneinander lernen: Über Suizidalität sprechen. Ein trialogisches Gespräch (S. 18–31) beinhaltet einen im Mai 2025 aufgezeichneten Austausch zwischen sechs Personen, die jeweils die Perspektive auf ihr Erleben von Suizidalität darlegen. Zwei Personen sprechen aus der Perspektive einer Mutter, zwei sind Mitarbeitende bei ARCHE, eine Person ist von Suizidalität betroffen und eine Person nimmt die Perspektive einer Beratungsstelle an einer Hochschule ein. Im Mittelpunkt stehen das Erleben und die Wirkung der suizidalen Krise auf die Beteiligten und der Blick darauf, was ihnen jeweils hilft.

Das dritte Kapitel Warnsignale erkennen: Wie ernst muss ich das nehmen? (S. 32–57) demonstriert anhand von zwei Beratungsbeispielen, wie Ratsuchende – eine besorgte Mutter, die bei ihrer Tochter Anzeichen von Suizidalität erkennt, sowie ein Chef mit einem Kollegen eines Mitarbeiters, der am Lebenswillen zweifelnde Äußerungen tätigt – begleitet werden, um herauszufinden, wie ernst die beobachteten und geäußerten Hinweise zu nehmen sind. Es wird dargestellt, wie gemeinsam Vorgehensweisen und Strategien entwickelt werden, um Betroffene zu erreichen, sie in einen Prozess des Hilfesuchens einzubeziehen und Beratungsverläufe aussehen können. Passive und aktive Suizidgedanken, Warnzeichen, Stadien der Suizidalität und die Rolle sozialer Medien werden beschrieben. Hinweise auf Suizidalität sind in jedem Kontext ernst zu nehmen.

Auch in Kapitel 4 Ansprechen: Wie kann ich in Kontakt kommen? (S. 58–74) werden ausgehend von zwei Fällen – a) einer Mutter, die mit Selbstverletzungen und Suizidgedanken des Sohnes konfrontiert ist, und b) drei Studierenden, die sich Sorgen um einen Kommilitonen machen – Anregungen zur Kontaktaufnahme gegeben. Empfohlen wird ein dreischrittiges Vorgehen: 1) Nach Suizidgedanken fragen, 2) zuhören ohne Bewertung oder Bagatellisierung, 3) Hoffnung vermitteln und Unterstützung zusagen.

Kapitel 5 Hilfreich sein: Was kann ich konkret tun? (S. 75–96) zeigt exemplarisch konkrete Beratungsschritte, um Ängste, Hilflosigkeit und Ohnmacht von Angehörigen zu reduzieren. Ein zentrales Element ist das Signal der Gesprächsbereitschaft. Je nach Rolle und Beziehung werden Möglichkeiten erläutert, etwa Suizidmittel zu entfernen, Krisenpläne zu erstellen oder eine Hope-Box zu entwickeln.

Kapitel 6 Akute Suizidalität: Wie mit der Angst umgehen? (S. 97–135) beginnt mit zwei Beratungsfällen, in denen starke suizidale Handlungsimpulse bestehen. Es wird erklärt, was bei akuter Gefahr zu tun ist, wie die Verhinderungs- und Rettungspflicht zu verstehen ist und in welchen Fällen Unterbringung gegen den Willen der Betroffenen möglich ist. Weitere Abschnitte betreffen Minderjährige, die Kommunikation mit Kliniken, die Phase nach Entlassung und die Belastungen der Angehörigen.

Kapitel 7 Selbstsorge und Grenzen setzen: Was kann ich für mich tun? (S. 136–173) thematisiert anhand von Fällen Rollenklärung, Grenzen, Selbstfürsorge, Verantwortung, Umgang mit Suiziddrohungen und besondere Belastungen von Angehörigen. Es zeigt Wege auf, wie Angehörige sich informieren, entlasten und schützen können.

In Kapitel 8 Was die Wissenschaft über Suizidalität weiß – und was nicht (S. 174–188) fassen Peter Brieger und Susanne Menzel wissenschaftliche Erkenntnisse zu Zahlen, Risikofaktoren, Phasen der Suizidalität, Suiziden in Kliniken, assistiertem Suizid und Prävention zusammen und verweisen auf die in Arbeit befindliche S3-Leitlinie „Suizid und Umgang mit Suizidalität“.

Diskussion

Mit dem Satz „Suizidprävention ist möglich“ schließt das Vorwort und greift eine Aussage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) auf. Es wird erwartet, dass die im Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) definierten Maßnahmen fortgesetzt werden, bis das geplante Suizidpräventionsgesetz 2026 verabschiedet wird. Die Autor:innen zeigen verständlich, wie Anliegen von Angehörigen aufgegriffen und Lösungswege entwickelt werden können. Das Buch verdeutlicht, wie vielfältig Unsicherheiten, Ängste, Ohnmacht, Schuldgefühle oder Wut bei Angehörigen sein können und wie Beratung hilft, handlungsfähig zu werden. Besonders betont wird die Notwendigkeit, Netzwerke der Unterstützung zu schaffen und Geheimhaltungsstrategien zu vermeiden. Die Fälle zeigen vielfältige Kontexte – Familie, Studium, Arbeit –, was die Breite der Relevanz unterstreicht. Die Orientierung ist klar, die Texte sind verständlich, auch der wissenschaftliche Beitrag konzentriert sich auf Wesentliches.

Fazit

Ein BALANCE-Ratgeber, der die Fachexpertise eines Beratungsteams nutzt, mit viel Fingerspitzengefühl arbeitet und keine „Man-nehme-Mentalität“ vermittelt. Eine empfehlenswerte Lektüre.

Rezension von
Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 87 Rezensionen von Irmgard Schroll-Decker.

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ISSN 2190-9245