Jo Becker: Psychosen und Spiritualität
Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 14.04.2026
Jo Becker: Psychosen und Spiritualität. Erfahrungen an den Grenzen des Bewusstseins. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2025. 128 Seiten. ISBN 978-3-96605-324-2. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
Thema
Unter dem Aufmacher „Wahn oder Erleuchtung?“ heißt es in der Verlagsinfo: „Was passiert, wenn sich eine Psychose als Erleuchtung zeigt? Jo Becker hat bewegende Berichte von Betroffenen aufgeschrieben, die in psychotischen Zuständen existenzielle Erfahrungen gemacht haben – von der kosmischen Einheit bis hin zu göttlichen Offenbarungen. Bislang ist kaum beachtet worden, dass manche seelisch kranke Menschen Grenzerfahrungen erleben, die die großen Religionen als höchstmöglichen spirituellen Bewusstseinszustand beschreiben. Gleichzeitig nähert der Autor sich aus therapeutischer und philosophischer Perspektive diesen Grenzerfahrungen.“
Autor
Dr. med. Jo Becker ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, war lange klinisch tätig, Geschäftsführer des gemeindepsychiatrischen Trägers Spix und arbeitet heute in einer Ambulanz.
Entstehungshintergrund
„Für Angehörige und Betroffene stellt sich oft die Frage, wie diese Erfahrungen im Grenzbereich zwischen religiösem Wahn, Sinnsuche und Offenbarung einzuordnen sind. Der Autor geht deshalb dieser Frage nach und lotet aus, wie solche einschneidenden Erlebnisse verstanden und in die persönliche Entwicklung integriert werden können. Ein Buch, das Menschen mit Psychoseerfahrung bei der biografischen Arbeit hilft und begleitet“ (Verlagsangaben).
Aufbau
In seiner Einleitung gibt Becker folgenden Überblick: „Der erste Teil des Buches enthält zwölf Erfahrungsberichte, die durch telefonische Interviews gewonnen wurden. Die Teilnehmer:innen haben sich auf einen Aufruf in Fachzeitschriften gemeldet oder auf Empfehlung von Psychose-Erfahrenen, die bereits ein Interview gegeben hatten. Nach Informationen per E-Mail und einem Vorgespräch zur Klärung von Ablauf und weiteren Fragen wurde ein Interviewtermin vereinbart, der bis zu zwei Stunden dauerte. Die Interviewfragen legten den Fokus auf das spirituelle Erleben im Verlauf der Psychose, biografische Ereignisse und Lebensumstände wurden weitgehend ausgelassen. Die Berichte wurden während des Telefongesprächs wörtlich mitgeschrieben und von Zeit zu Zeit vorgelesen. So hatten die interviewten Personen Gelegenheit, ihren Bericht bei Bedarf gleich zu ändern oder zu ergänzen. Später erhielten sie den vollständigen Text per E-Mail zur Korrektur. Sie entschieden auch, ob ihr Bericht unter ihrem Namen veröffentlicht werden soll oder unter einem Pseudonym.
Im zweiten Teil werden Grenzbereiche menschlichen Bewusstseins beschrieben: Schlaf, Trance, Nahtod-Erfahrungen und Rauschzustände, mystisches Erleben in religiöser Praxis und während einer Psychose“ (8).
Inhalt
Die jeweils berichteten individuellen Erinnerungen umfassen das Spektrum
- eines Erleuchtungserlebnisses „als würde ich über mein Scheitel-Chakra ins All austreten“ (12),
- „eine[r] sehr philosophische[n] Psychose, weil Gott mir erklärte, wie die Welt funktioniert“ (18),
- einer Art „Offenbarung durch Gott persönlich“ als „das Beste, was mir je passiert ist“ (20 f.),
- tiefer spiritueller Erfahrung als „ein anhaltendes, wohltuendes Weinen, ein anhaltender lautloser Schrei über die Größe der göttlichen Präsenz“ (28),
- der Begegnung „einer Entität, die […] mich auf die andere Seite ziehen wollte“ (30),
- einer „tiefe[n] Verbindung mit dem Universum“ als „überwältigend schöne, spirituelle Erfahrung“ (34),
- in der Wahrnehmung „faszinierend und nur zeitweise beängstigend […] zwischen der göttlichen und der menschlichen Sphäre“ zu wechseln (36),
- nach „religiöse[m] Spinnen“ mit „Sterbensangst“ und „der festen Überzeugung, […] die Wiedergeburt von Jesus zu sein“, nun in einer Gruppe „gemeinsam den Rosenkranz [zu] beten“ (40 f.),
- persönlicher „Einheitserfahrung“ mit bleibenden „erweiterten, überindividuellen Bewusstseinszustände[n]“ (47),
- eigener Existenz als „ein Engel, der gut ist und zugleich sehr zerbrechlich“, im Kontrast zu einem „als rachsüchtig“ wahrgenommenen Gott (50 f.),
- einer Psychose als „wunderschöner heiliger Zustand“, in dem „ich intensive Glücksgefühle hatte und andere Bewusstseinszustände erlebte“, den den Glauben „auf einer tieferen Ebene bestätigt und verstärkt“ haben (54),
- einer „Hochstimmung“, dabei „mit der Unendlichkeit des Kosmos verbunden“, „im All und in Gott“ aufgegangen (57).
In den nachfolgenden Kapiteln referiert der Autor strategische Optionen der Bewusstseinsveränderung, tranceinduzierender, kontemplativer, meditativer, gebetsritueller Praktiken, mystischen und ekstatischen Erlebens bis hin zu Fragestellungen, ob und wie diese „neurotheologisch“ beforscht werden könnten, unabhängig davon, „ob eine materialistische oder idealistische Deutung ›richtig‹ ist“ (83).
Nachfolgend geht es Becker „nur um jene Psychosen, bei denen mystisches Erleben vorkommen kann: schizophrene Psychosen und manisch geprägte, schizoaffektive Störungen“ (84). Eine Reihe weiterer Psychose-Erfahrener zitierend und Empfehlungen der World Psychiatric Association (WPA) und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) aufgreifend, geht es ihm um Erkennen, Anerkennen und Respekt für das „spirituelle Erleben in der Psychose“ (89). Eine der abschließenden Feststellungen dieses Kapitels lautet: „Nach meiner Überzeugung sind Einheitserfahrungen während einer Psychose die gleichen, die Menschen in religiöser Versenkung machen, wenn sie das erleben, was Christ:innen die ›Einheit mit Gott‹, Hindus und Buddhisten ›Erleuchtung‹ nennen“ (89).
Persönlicher Vermerk
Buchbesprechungen sind immer auch Beurteilungen, Bewertungen, Kritik, dies im Kontext eigener Erfahrungen, Ideen/​Ideologien, Vorurteile. Vor Diskussion und Fazit verortet sich der Rezensent redlicherweise zu den Themen Psychose und Spiritualität: Unstrittig ist für mich, dass als ‚psychotisch‘ etikettierte Erlebnisverarbeitung als „Härte des Realen“ (Kobbé, 2014) nicht nur prekär und elementar ist, sondern zugleich nachhaltig bereichernd sein kann. Was Gott und Spiritualität betrifft, geben die im Annex gelisteten Referenzen Auskunft (Kobbé, 2019; 2023).
Diskussion
Das Buch ist eine exemplarische Sammlung von Selbstberichten mit dem Versuch, diese nicht nur selbst Stellung nehmen zu lassen, sondern zugleich der Pathologisierung mystisch-religiöser Erfahrung entgegenzuwirken. So verdienstvoll dieser Ansatz ist, so kurz greift Becker in seinen einordnenden Textpassagen über die „Grenzen des Bewusstseins“. Es bleibt bei der Offerte, „je nachdem, zu welcher Seite der Leser:innen neigt, […] eine eher materialistische oder idealistische Erklärung der Phänomene“ zu favorisieren (66).
Unhinterfragt wird ‚die Psychose‘ als Zuschreibung, Diagnose, Zustand, Evidenz thematisiert bzw. vorausgesetzt. Dabei hätte das Projekt die Möglichkeit geboten, zu hinterfragen, was diese mystischen Selbsterfahrungen und spirituellen Überzeugungen über das dogmatische Konzept Psychose aussagen. Immerhin formulieren Kadi & Ruhs (2012, 108): „Die unausgesprochene Normalitätsannahme für den Diagnostiker stützt sich nämlich auf ein Modell der Psychose und mit ihr des Wahns, in dem beide als radikal unterschieden und unterscheidbar gegenüber dem Normalen gedacht werden“. Stattdessen gäbe das diagnostische Etikett eine Struktur der Persönlichkeit mit spezifischen Dynamiken und Selbstregulationsmodi an. Jenseits psychiatrischer Konventionen konstatiert Lacan (1959, 485): „Es ist kein Zufall, dass das Begehren – wenngleich in abgeschirmten Bereichen – tatsächlich in der religiösen Struktur verankert ist, zu denen der Zugang für den Normalsterblichen, für die Gläubigen – in Bereichen, die man als Mystik bezeichnet ‑nicht ohne Weiteres offen steht“. Damit aber erhalten Verständnis, Zugang, Begleitung, gewinnen Theorie und Praxis eine andere zwischenmenschliche – ggf. auch therapeutische – Dimension.
Wer sind die Adressat:innen dieses Buches? In der Einleitung legt Becker zwar dar, ihm seien „in über 40 Jahren meiner Tätigkeit als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie […] viele Menschen begegnet, die in ihrer Psychose auch spirituelle Erfahrungen gemacht haben“ und davon „tiefbeeindruckt“ (7) seien. Doch unausgesprochen bleibt, welche dokumentarischen, therapeutischen, wissenschaftlichen, sozialpolitischen Absichten oder Zwecke Becker mit diesem Interview‑ und Publikationsprojekt bei welcher Zielgruppe verbindet. Der Verlag bezieht es im Umschlagtext auf „Menschen mit Psychoseerfahrung“ mit dem Hinweis, dass es „bei der biografischen Arbeit hilft und begleitet“. Für ein ‚Must-have‘ wäre diese Indikation sowohl zu vage wie zu abstrakt. Das Literaturverzeichnis mit 46 Referenzen nährt die Vermutung, dass sich die Dokumentation – als solche ist das 96-Seiten-TB am ehesten zu verstehen – im sozialpsychiatrischen Fachverlag an andere psychiatrisch Tätige richtet.
Insofern fällt auf, dass der Autor darauf verzichtet, darin Daniel Paul Schrebers ‚Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken‘ aus den Jahren 1900–1902 einzubeziehen: Dessen nicht nur ‚klassischen‘, sondern zugleich psychiatrisch-psychoanalytisch ‚ausgeschlachteten‘ Selbstberichte betreffen nicht nur seine konflikthafte Gotteserfahrung. Sie sind auch aufklärerische Beispiele, wie Menschen mit solchen Erlebnissen mehrfach diskriminiert zu werden riskieren. So war Schreber „einem dreifachen ›Mord‹ unterworfen“: dem „Seelenmord“ durch Psychiater:innen und das Anstaltssystem, dem „Justizmord“ durch initiierte Entmündigung, dem „Rufmord“ durch diffamierende Verwertung (Lothane, 2004). Umso mehr ist den – zum Teil unter Pseudonym berichtenden – Interviewten für ihre Offenheit, ihre Einblicke in höchst subjektive Erfahrungsinhalte und sehr persönliche Schicksale zu danken.
Fazit
Die Selbstberichte dokumentieren spirituelle Erfahrungen im Kontext psychotischer Erlebnisverarbeitung. Ein fachliches Statement über die Grenzen des Bewusstseins ordnet diese ein. Im O-Ton, ohne distanzierten Fachjargon, ohne pathologisierende Verobjektivierung, erhalten Interessierte Einblicke in persönliche Facetten spiritueller Selbsterfahrung und deren Wirkung.
Literatur
Kadi, U. & Ruhs, A. 2012. Kein Zurückschrecken vor der Psychose. In: Stompe, Th. (Hrsg.). Wahnanalysen (105–122). Berlin: MWV.
Kobbé, U. 2014. aleph null oder Vor der Härte des Realen. Ein Widerhall des Seins in Zen und Psychoanalyse. Arbeitsjournal 2004–2014. DOI: https://www.doi.org/10.13140/RG.2.2.26803.59689.
Kobbé, U. 2019. Zen-basierte Behandlungsalgorithmen? Autodafé der spirituellen Grundlagen achtsamkeitsbasierter Therapien. P&G, 41 (2), 53–82. Online-Publ.: https://www.researchgate.net/publication/​366867686.
Kobbé, U. 2023. ogottogott… Des gebarrten Anderen Mangel: Lacan exploriert Gott. DOI: https://www.doi.org/10.13140/RG.2.2.31581.69607.
Lacan, J. 1959. La fonction de la fente subjective dans le fantasme pervers. In: Lacan, J. 2013. Le séminaire, livre VI: Le désir et son interprétation (481–498). Paris: Éd. de la Martinère.
Lothane, Z. 2004. Seelenmord und Psychiatrie. Zur Rehabilitation Schrebers. Gießen: Psychosozial.
Schreber, D.P. 1900. Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Open-access: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Schreber,+Daniel+Paul/Denkw%C3 %BCrdigkeiten+eines+Nervenkranken.
Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und
Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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