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Christine Bauriedl-Schmidt (Hrsg.): Kunst und Künstlichkeit - was ist noch echt, bedeutngsvoll und real?

Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 11.05.2026

Cover Christine Bauriedl-Schmidt (Hrsg.): Kunst und Künstlichkeit - was ist noch echt, bedeutngsvoll und real? ISBN 978-3-95558-391-0

Christine Bauriedl-Schmidt (Hrsg.): Kunst und Künstlichkeit - was ist noch echt, bedeutngsvoll und real? Phantasie, Abwehr und Realitätsbewältigung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2025. 298 Seiten. ISBN 978-3-95558-391-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Jahrbuch für klinische und interdisziplinäre Psychoanalyse - Band 3.

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Herausgeber:in und Entstehungshintergrund

Das Herausgeberteam veranlasste den 3. Band des Jahrbuches für klinische und interdisziplinäre Psychoanalyse. Zielsetzung der Vereinigung ist eine Verbindung der therapeutischen Praxis mit gesellschaftlichen Anforderungen bzw. aktuellen Krisen herzustellen, z.B. in der Umwelt und Politik. Der klinische Schwerpunkt liegt aber m. W. in der Feldtheorie, primär auf Anwendungsmöglichkeiten in der Einzel-, Paar‑ und Familientherapie. In diesem Kontext ist das Jahrbuch für klinische und interdisziplinäre Psychoanalyse eine zentrale Quelle für praktizierende Therapeuten. Federführend für die Jahrbücher wird m.E. Dr. Christine Bauriedl‑ Schmidt genannt. Sie arbeitet als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin (DGPT) in eigener Praxis. Zudem ist sie als Supervisorin und Dozentin der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse (MAP) tätig, von Ihr liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor.

Dr. Markus Fellner arbeitet als Psychotherapeut (DGPT) für Kinder und Jugendliche, zudem als Lehranalytiker, Supervisor, Dozent und Leiter des Fachbereiches Wissenschaft der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse (MAP).

Sebastian Kudritzki, Sozialpädagoge und Psychologe, ist ebenfalls als Psychotherapeut für Kinder‑ und Jugendliche tätig und leitet eine eigene Praxis in München. Weiterhin arbeitet er als Dozent und Supervisor der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse.

Autoren

Für Beiträge aus der psychoanalytischen Forschung und Praxis konnte das Herausgeberteam renommierte Wissenschaftler:innen und praktizierende Therapeut:innen gewinnen. Sie erstellten auch ein einleitendes Vorwort mit einer Rahmenbeschreibung der zentralen Fragestellung „Kunst und Künstlichkeit – Was ist noch echt, bedeutungsvoll und real?“ Sie beziehen sich auf Formen der Realitätsbewältigung, des Bearbeitens von Möglichkeitsräumen, Verstehensprozessen und versuchen, eine alternative Realität zu gestalten. Dabei stellen sie Bezüge zur psychoanalytischen Kunsttheorie dar, zur Kulturindustrie, Populärkunst und Künstlichkeit sowie zur Digitalisierung und zur künstlichen Intelligenz. In Kurzform werden folgend die Beiträge der einzelnen Autorinnen/​Autoren thematisiert.

Prof. Dr. phil. David Chalmers, Tätigkeit als Professor für Philosophie und Neurowissenschaft an der New York University und der Australian National University. Er war Präsident der American Philosophical Association mit den Forschungsschwerpunkten: Bewusstseins-philosophie, Physik, Technologie, Metaphysik und Epistemiologie u.a. Wissenschafts-bereichen.

Prof. Dr. med./Dr. phil. Thomas Fuchs ist tätig als Psychiater und Philosoph. Er lehrt philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Leiter der Sektion Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie. Forschungsschwerpunkte: Phänomenologische Psychologie, Psychopathologie und Anthropologie, Neurowissenschaften.

Diplom Psychologin Bettina Halm, nach Abschluss eines Kunsterzieherstudiums und der Psychologie arbeitete sie als Kunsttherapeutin in Ochsenzoll und in der Eppendorfer Klinik.

Dr. Ester Hutfless ist tätig als freie Wissenschaftlerin und Psychoanalytikerin in Wien. Ihre Tätigkeit als Dozentin übt sie an der Universität Wien, der Sigmund Freud Privatuniversität Linz und der Wiener Psychoanalytischen Akademie aus. Forschungsschwerpunkte: Poststrukturalismus, Dekonstruktion, feministische Philosophie, Psychoanalyse, Queer Theorie und psychoanalytische Gesellschaftstheorien.

Diplom Psychologin Ursula Mayr arbeitet als Psychoanalytikerin in eigener Praxis. Zudem ist aktiv als Dozentin in mehreren analytischen Aus‑ und Weiterbildungsinstituten. Aktuelle Forschungsarbeiten im Bereich Film und Psychoanalyse.

Dr. med. Johannes Picht ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie/​Psychoanalyse. Er ist Facharzt für Innere Medizin. Weitere Tätigkeitschwerpunkte als Dozent und Lehranalytiker am Psychoanalytischen Seminar Freiburg sowie am Aus‑ und Weiterbildungsinstitut der Universitätsklinik Freiburg. Herausgeber der Zeitschrift „Jahrbuch der Psychoanalyse“.

Prof. Dr. Luca M. Possati lehrt an der Universität Twente in den Niederlanden mit dem Schwerpunkt: Interaktion zwischen Menschen und Technik. Zuvor war er als Forscher und Dozent aktiv an der Technischen Universität Delft, der Universität Porto in Portugal und dem Institut Catholique in Frankreich. Seine Forschungsschwerpunkte: Philosophie der Technik, Postphänomenologie und der Psychologie der Technik.

Prof. Dr. phil. Timo Storck ist Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor. Berufen als Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Forschungsschwerpunkte: Konzeptuelle Kompetenz in der Psychotherapie, psychoanalytische Konzeptforschung und Methodologie, Filmpsychoanalyse und Kulturpsychoanalyse. Therapeutische Arbeit mit Joshua Taubner.

Dr. phil. Alfred Walter ist aktiv als Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie als Paar‑ und Familientherapeut und Supervisor. Langjährige Dozententätigkeit im In‑ und Ausland, u.a. in Danzig, Warschau und Augsburg. Arbeitsschwerpunkte: Trauma, Migration, Transsexualität, Psychoanalyse.

Dr. med. Herbert Will ist Facharzt für psychotherapeutische Medizin sowie Psychoanalytik. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Klinische Psychoanalyse und Feldtheorie. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über Depression und psychoanalytische Kompetenzen.

Ljiljana Winkler arbeitet als Musiktherapeutin mit dem Schwerpunkt Trauma. Zudem ist sie als Dozentin für Gesang und für lokale Musiktherapie an der Universität Augsburg tätig. Sie erforscht Verbindungen zwischen tiefenpsychologischen Theorien und zeitgenössischer Musik.

Thema

Das Jahrbuch „Kunst und Künstlichkeit. Phantasie, Abwehr und Realitätsbewältigung: Was ist noch echt, bedeutungsvoll und real?“ geht der Fragestellung in unserer technologisierten Gesellschaft nach, was noch „echt“ ist und was „künstlich“. Nach Aussagen der Autorinnen/​Autoren kann können sowohl Kunst und auch Künstlichkeit als grundlegende menschliche Kulturleistungen verstanden werden, um mit deren Hilfe Natur zu bearbeiten, Realität zu gestalten und innerpsychische Prozesse auszudrücken. Durch den Diskurs um die Künstliche Intelligenz ist die in der Publikation breit gefächerte Thematik immens wichtig geworden. KI wird eine schöpferische Wirkmächtigkeit zugeschrieben, von der schon heute teilweise unsere Realität geprägt wird. Die Herausgeber stellen insbesondere folgende Aspekte heraus:

  • Was ist überhaupt Künstlichkeit?
  • Kann sich daraus eigenes Leben entwickeln?
  • Kommt ihr eine Form des Bewusstseins zu?
  • Wie können wir mit künstlicher Intelligenz in Verbindung treten und was bedeutet das für uns als Subjekte?

In den einzelnen Beiträgen werden diese Fragen mehr oder weniger abstrakt beantwortet, Voraussetzung zum Verständnis der Texte ist ein Einlassen auf die psychoanalytische Terminologie. Interdisziplinäre Psychoanalyse erweitert gleichwohl den klinischen Fokus um kulturelle und soziale Dynamiken, um gesellschaftliche Krisen, Kunst und zwischenmenschliche Interaktionen besser verstehen zu können. Somit kann das Jahrbuch im weiteren Sinne als Sammelband gesehen werden, es werden Beziehungen zwischen Mensch, Kunst und moderner Technologie analysiert und es werden psychische und philosophische Folgenwirkungen von Künstlicher Intelligenz untersucht. Das Phänomen „Künstlichkeit“ wird in einigen Beiträgen deutlich, beruht nicht nur auf eine besondere Technik, sondern verrät auch etwas über den Menschen. Künstlichkeit sei damit kein Gegensatz zur Kunst, sondern Teil des Menschseins und die Psychoanalyse könne helfen, den Umgang mit moderner Technik zu verstehen, so die Argumente der Autorinnen/​Autoren.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation gliedert sich in vier Hauptkapitel und einem einleitenden Vorwort, verfasst vom Herausgeberteam, siehe weiter oben. Die Hautkapitel konstituieren sich wie folgt:

  1. Philosophie des Bewusstseins
  2. Psychoanalytische Kulturtheorie
  3. Psychoanalytische Theorie der Kreativität und Ästhetik
  4. Kunst und Psychoanalyse als Intersubjektive Begegnung

Das 1. Kapitel der Publikation erfasst die Fragestellung, was als real verstanden werden kann und welche Bedeutungshorizonte dabei (Inter-)Subjektivität, Natur, Technik und KI zugeordnet werden können. Theoretisch orientierte Erklärungsansätze liefert David Calmers mit seinem Artikel „Das Virtuelle und das Reale“. Calmers postuliert, dass virtuelle Realität eine Art echte Realität sein könne. Er plädiert für einen virtuellen Digitalismus, bei dem virtuelle Objekte reale digitale Objekte sein können. Die Wahrnehmung in der virtuellen Realität sei nach Calmers auch nicht unbedingt illusorisch, das Leben in virtuellen Welten könne den gleichen Stellenwert haben, wie das Leben in nicht-virtuellen Welten.

Luca M. Possati bringt in seinem Beitrag „Algorithmisches Unbewusstes: Warum die Psychoanalyse zum Verständnis von KI beiträgt“ technikphilosophische Überlegungen unter Bezugnahme der Psychoanalyse ins Spiel. Hypothese seines Beitrages: Konzepte und Methoden der Psychoanalyse lassen sich auf das Studium der KI und der Mensch KI‑ Interaktion anwenden. Er verbindet damit drei Forschungsfelder: den Ansatz des maschinellen Verhaltens, die Psychoanalyse und die Anthropologie der Wissenschaft. KI stelle eine neue Stufe im menschlichen Identifikationsprozess dar, eine neue Entwicklung der unbewussten Identifikation. Er beschreibt damit das Zusammenspiel dreier gegensätzlicher Kräfte: dem menschlichen Wunsch nach Identifikation, der Logik und der Maschine.

Diese Ansätze, die besagen, dass es möglich sei, in einer Fiktion zu leben, weist Thomas Fuchs in seinem Beitrag „Was wird aus dem Körper? Digitalisierung und Verkörperung in der Psychotherapie und Kultur“ entschieden zurück. Seine phänomenologisch orientierte Argumentation hebt hervor, dass das Leben nicht simulierbar sei. Er hebt die prinzipielle Bedeutung des Körpers, des Leibes und deren intersubjektive Dimension hervor. Die Ausbreitung der digitalen Zeichenwelten trete immer mehr an die Stelle der körperlich erfahrenen Realität und fördere damit eine „Entkörperung“. Fuchs untersucht die Grundlagen unserer Realitätserfahrung ebenso wie entgleitende Wirklichkeiten in der digitalen Kultur.

Das 2. Kapitel der Publikation greift ebenfalls die kulturtheoretische Ebene der Thematik auf. Ausgangsthese ist, dass unser Körper mittlerweile fast permanent mit verschiedenen Technologien verschaltet ist und mittels künstlicher Substanzen reguliert wird.

Esther Hutfless vertritt die These, dass unser Begehren und unsere Affekte von Algorithmen mithervorgebracht und zugleich befriedigt werden. In ihrem Beitrag „You’re not human until you’re posthuman. Von Cyborgs, Technikkörpern und Prothesengöttern und der Psychoanalyse als Cyborg – Technologie“ setzt sie sich mit den Begriffen von Technikkörpern und Prothesengöttern auseinander und entwirft eine Psychoanalyse als Cyborg-Technologie. Sie bezieht sich dabei auf Freuds Ausführungen vom Prothesengott (Cyborg), um der versagenden Natur zu trotzen. Diese Figuren dienen der Anpassung an eine versagende Realität und kann helfen, mit schmerzhaften Realitäten besser umgehen zu können. Die Vorstellung der Verschmelzung mit der Technologie wird oft verknüpft mit Größenphantasien und der Begrenztheit des eigenen Verstandes und der eigenen Verletzlichkeit, so Hutfless.

Timo Storck und sein Sohn Joshua beschäftigen sich ebenfalls mit den gesellschaftlichen Dimensionen der Subjektivierung. In ihrem Aufsatz „Für immer Pink…? Vergänglichkeit in Barbie“ beschreiben sie die pinke, künstliche Welt der Barbies. Sie stellen sich die Frage, ob Greta Gerwigs Barbie Film von 2023 ein feministischer Film sein könne, Storck legt den Fokus bei der Analyse aber primär auf den Aspekt der Vergänglichkeit und Entwicklung.

Das 3. Kapitel der Publikation beschäftigt sich mit der Psychoanalytischen Theorie der Kreativität und Ästhetik. Johannes Picht, Facharzt für psychosomatische Medizin, sieht in der Musik und dessen Rezeption ein neues Erlebnis generiert. Er arbeitet die Eigenart der Musik heraus und sieht eine Sprachähnlichkeit, die in der Wiederholungsstruktur für Zeichen Erleben eröffnen kann. Seine Forschungsergebnisse bezieht er auf seine therapeutische Tätigkeit mit Klienten. Alfred Walter und Ljiljana Winkler beschreiben in ihrem Beitrag die Entstehung der Mono-Oper Nichts hab’ ich gesucht als Dich. Die Autoren haben Kunst und Künstlichkeit aktiv eingesetzt und geben dem Leser/​Leserin eine spannende Innenansicht der Thematik und des kreativen Arbeitens. Ursula Mayrs Beitrag „Schrödingers Android – Was hat das Künstliche mit der Quantenphysik zu tun“ verdeutlicht die Betrachtung dreier Dichotomien, durch die sich die Künstlichkeit fassen lässt: belebt-unbelebt, natürlich gewachsen-künstlich geschaffen, fremd-vertraut. Vor diesen Hintergrund würden sich die Wirkungen von künstlich geschaffenen Wesen in der Kunst und aktueller Realität auf den Menschen bezogen, verstanden werden können, so Mayrs. Das verdeutlicht den hohen Stellenwert für Mayrs mit dem Spiel und der Gestaltung in Bezug auf die kindliche Entwicklung. Sebastian Kudritzki schreibt als Mitherausgeber des Jahrbuches die schöpferische Auseinandersetzung mit Bildern und Zeichnungen von Kindern in seiner klinischen Praxis. Kudritzki beschreibt in diesem Rahmen entwicklungspsychologische Stadien, auch ChatGPT, für die symbolhafte Funktion bestimmter Inhalte und sieht einen Bedeutungshorizont für die Psychotherapie gegeben.

Das 4. Kapitel „Kunst und Psychoanalyse als Intersubjektive Begegnung“ beginnt mit einem Beitrag von Bettina Hahm, die ihr Erkenntnisinteresse primär auf die Künste Malerei, Zeichnen, Bildhauen konzentriert. Ihre Interviews mit der Zielgruppe „Künstler/Künstlerin mit psychoanalytischer Qualifikation.“ Sie versucht Antworten zu finden auf ihre Forschungsfrage „Was kann die Psychoanalyse von der Kunst lernen“. Herbert Will vertritt in seinem Artikel „Ausgedachte Deutungen oder emotional errungene Deutungen? Künstlichkeit und Kunst in der klinischen Psychoanalyse“ die These, dass in der klinischen Psychoanalyse erst eine Idee von der Kunst psychoanalytischer Behandlung und Technik vorhanden sein muss, bevor man von Künstlichkeit sprechen kann. Er benennt als wichtige Unterscheidungskriterien von Kunst und Künstlichkeit die Tiefe der emotionalen Erfahrung und die Qualität von Kontakt und Kommunikation des „analytischen Paares“, die auf dem Erlebnismoment beruht, so Will.

Zielgruppe

Die Veröffentlichung des Jahrbuches richtet sich primär an Psychotherapeut:innen in der klinischen Praxis, die nach theoretischen Hintergründen und Praxiserfahrungen des Künstlichen im Rahmen ihres Arbeitsgebietes suchen. Dafür ist das Jahrbuch ja auch herausgegeben worden, quasi als Weiterbildungsangebot für ihre psychoanalytische Arbeit mit ihren Klient:innen. Gleichwohl zeigt es den theoretisch orientierten Wissenschaftler:innen, die im Rahmen der Psychoanalyse ihren Denkansatz sehen, den Diskussionstand ihrer Berufsgruppe.

Für die Ausbildung der Psychologiestudierenden und der Studierenden der Sozialen Arbeit kann die Publikation Denkansätze bieten, wenn sie sich darauf einlassen, dem psychoanalytischen Theoriegerüst zu folgen. Insbesondere von Bedeutung ist hierbei die Thematisierung der Künstlichen Intelligenz in der therapeutischen Arbeit. Dafür gibt die Publikation hilfreiche Handlungsempfehlungen.

Diskussion

Als Zielsetzung des Jahrbuches hat das Herausgeberteam die Verbindung der therapeutischen Praxis mit gesellschaftlichen Anforderungen formuliert, z.B. auch in der Umwelt und Politik. Wie weiter oben beschrieben, ist es dem Team wichtig, Anwendungsmöglichkeiten in der Einzel-, Paar‑ und Familientherapie zu beschreiben. Die Publikation hat damit für die klinische und interdisziplinäre Psychoanalyse eine zentrale Bedeutung. Es ist den Autor:innen wichtig zu betonen, dass sie sich nicht „orthodox“ auf Freud berufen, sie sehen durchaus Formen der einseitigen Interpretationen in seinen Schriften, was aber durchaus dem damaligen „Zeitgeist“ entsprach. Die aktuelle psychoanalytisch orientierte Interpretation möglicher „virulenter“ Sachverhalte (z.B. Realitätsverlust) in der klinischen Arbeit wird mit Bezug auf Jacques Lacan und Bruno Latour beschrieben. Lacon war ein französischer Psychoanalytiker, der sich mit einer Neuinterpretation der Freud’schen Schriften befasst hat (1901-1981). Lacans Verdienst ist eine strukturalistische Weiterentwicklung der Freud’schen Lehre, die den Menschen primär über Sprache, Zeichen und symbolische Strukturen definiert. Latour (1947-2022) entwickelte keine klassische Psychoanalytische Theorie, bietet aber wichtige Ansätze zur Kritik und Neuinterpretation psychologischer Konzepte, z.B. thematisierte er eine Aufhebung der Trennung zwischen Mensch und Technik.

Zentrale Fragen sind das Verhältnis zwischen Kunst und Künstlichkeit. Kunst (Ausdruck menschlicher Kreativität) unterscheidet sich von Künstlichkeit (vom Menschen geschaffene Systeme). Die einzelnen Beiträge verdeutlichen, wie Menschen Wirklichkeit formen und interpretieren können, wobei KI eine neue Form von Künstlichkeit mit einer eigenen Dynamik darstellt.

Die einzelnen Beiträge greifen in dem Jahrbuch für klinische und interdisziplinäre Psychoanalyse aktuelle gesellschaftliche Problembereiche auf (z.B. die KI – Problematik), die möglicherweise ein psychoanalytisch orientiertes Handeln erforderlich machen. Ein zentrales Thema der Publikation ist jedoch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Künstlichkeit. Der KI wird eine schöpferische Wirkmöglichkeit zugeschrieben, die in Teilen schon heute unsere Realität prägt, konstatieren die Autor:innen. Diskutiert werden philosophische und psychoanalytische Konsequenzen. Von therapeutischer Bedeutung sind die Bereiche „Phantasie“, „Realitätsbewältigung“ und „Abwehrmechanismen“. Die Autorinnen/​Autoren kommen überwiegend zum Schluss, dass es keine klare Trennung zwischen „natürlich“ und „künstlich“ gibt.

Fazit

Die Publikation bietet somit vielfältige Diskussionsansätze und Handlungsempfehlungen für die psychoanalytisch orientierte Arbeit und gibt kreative Anregungen, wie mit Hilfe der KI therapeutische Ziele erreicht werden können.

Conclusion

The publication thus offers diverse starting points for discussion and recommendations for action in psychoanalytically oriented work and provides creative suggestions on how therapeutic goals can be achieved with the help of AI.

Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
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Es gibt 16 Rezensionen von Johann Bischoff.

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ISSN 2190-9245