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Liana Novelli: Turin – Frankfurt

Rezensiert von Dr. phil. Rita Zellerhoff, 06.03.2026

Cover Liana Novelli: Turin – Frankfurt ISBN 978-3-95558-398-9

Liana Novelli: Turin – Frankfurt. Die vielfältige Identität in der Migration. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2025. 220 Seiten. ISBN 978-3-95558-398-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

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Autorin

Die Autorin wurde 1946 in Turin geboren und studierte dort Geschichte und Philosophie. Sie erhielt 1970 ein Promotionsstipendium des akademischen Austauschdienstes in Frankfurt/M. und unterrichtete anschließend Kinder in sogenannten Vorbereitungsklassen. Sie hatte zwanzig Jahre lang Lehraufträge am dortigen Romanistischen Institut der Universität und forschte als Mitglied der italienischen Historikergesellschaft über die Rolle der Frauen im Judentum, in der Resistenza und über die Situation süditalienischer Frauen in der Migration.

Entstehungshintergrund

An der Geschichte der Familie Herzog wird aufgezeigt, dass ein ständiger Neuanfang zu vielfältigen Wanderbewegungen im Reich der Habsburger Monarchie sie nach Galizien führte. Der Großvater der Autorin war offensichtlich sehr sprachbegabt. Da ihr Wohnort in Istrien lag, sprach er mit seinen Kindern Italienisch, da dies die Sprache ihrer zukünftigen Lehrerinnen war, denn Istrien zählte nach der Annexion zu Italien, und daher war die Unterrichtssprache Italienisch. Daneben lernte die Familie, sich mit den Einheimischen auf Kroatisch zu verständigen. Die polyglotte Bildung steht offensichtlich mit der Ausbildung einer vielfältigen Identität im Zusammenhang.

Aufbau

Das Buch umfasst 220 Seiten. Nach dem Vorwort folgen zwanzig Kapitel, zwei Anhänge und vier Dokumente. Das Cover ist eine beachtenswerte Montage, die aus dem Stock verwertungsfreier Bilddokumente zu Turin und Frankfurt komponiert wurde, wie man unschwer am Römer und dem Turiner Dom erkennen kann. Auf eine Farbangleichung wurde verzichtet, sodass der blaue Himmel über Turin von der verrauchten Frankfurter Messeskyline absticht.

Inhalt

Novelli berichtet sehr nuanciert vom Leben ihrer Familie, wobei ihr Großvater mütterlicherseits eine große Bedeutung hat, denn er hat es trotz widriger Umstände nach einem abgeschlossenen Studium in Loeben zu einer angesehenen Stellung gebracht. Liana Novelli war seine erste Enkelin. Ihr Großvater wurde wegen eines Sehschadens vom Kriegsdienst suspendiert. Ausgestattet mit der stattlichen Position eines Bergbaudirektors gelangte er in Istrien zu einigem Wohlstand. Die Großeltern zogen von dort nach Lovran, damit ihre Kinder ein Gymnasium besuchen konnten.

Ihre Mutter, die eine Jüdin war, berichtete ihr, dass frühere Freund:innen sich nach dem Inkrafttreten der Rassengesetze ostentativ von Ihnen abgewendet hätten. Novelli bemerkt dazu: „Ich denke, es war eine der ersten Episoden, die ihr die Wahrnehmung von Diversität als Faktor der Marginalisierung vermittelten.“ (27)

Die Geschichte Ihres Vaters beschreibt Novelli ebenfalls dezidiert, sie verläuft aber wegen der psychischen Erkrankung seiner Mutter weniger spektakulär. Die folgenden Abschnitte beschreiben das schwierige Zusammenleben mit ihrer ersten Schwester. Als Folge eines Gehirntumors beanspruchte die Autorin in besonderem Maße die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, und sie mutmaßt, dass ihre Schwester deshalb Verhaltensauffälligkeiten entwickelte, was wiederum dazu führte, dass ihr Vater seine zweite Tochter ablehnte. Novelli beschreibt ihren Schulbesuch und ihren politischen Einsatz, bei dem es auch um Geburtenkontrolle, aber vor allem um eine Revision der Lerninhalte ging. Sie beschäftigte sich mit Freud. Bei der Abiturklausur erhielt sie zur Auswahl auch einen Text, den sie bereits kannte: „Warum Krieg? Freuds Antwort auf Einsteins Frage“, und sie war überzeugt, dass ihr Abituraufsatz bestens gelungen war, aber von einem externen Prüfer wurde ihr Aufsatz so abgewertet, dass sie nur mit Mühe die Prüfung bestand.

Sie begann ihr Studium in Turin an der Fakultät für Geschichte und Philosophie, was sie begeisterte. Sie schloss sich aber Studierenden an, die gegen die veralteten Studieninhalte protestierten und die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen forderten. Auf den Rat eines Professors hin nahm sie zunächst an einem Deutschkurs in Berlin teil. Danach erhielt sie eine Anstellung in einem Köllner Kulturinstitut und gab Italienischunterricht an zwei Gymnasien, währenddessen sie in einem Mädchenheim wohnte. Dort inszenierte sie mit den jungen Frauen ein Theaterstück. Danach wurde sie von ihren Professor:innen auf ein Promotionsstipendium in Frankfurt hingewiesen, das sie erhielt. Dort lernte sie Peter, ihren späteren Mann, kennen, mit dem sie sich eine Wohnung teilte. Seine Eltern bestanden aber darauf, dass er sich zunächst verloben müsse. Die Hochzeitsfeier fand anschließend in Deutschland statt, wobei es zunächst bei dem binationalen Paar kritisch war, ob die notwendigen Dokumente noch rechtzeitig ankamen. Novelli arbeitete in unterschiedlichen Jobs und verdiente als Übersetzerin am Gericht gutes Geld, während sie auf eine Daueranstellung hoffte. Nach einem Jahr Lateinunterricht an einer Waldorfschule wechselte sie in den öffentlichen hessischen Schuldienst, wo sie in Vorbereitungsklassen für italienische Kinder eingesetzt wurde. Hier berichtet sie von den strukturellen Problemen, die dazu führten, dass besonders die Schülerinnen durch belastende Haushaltsverpflichtungen überfordert waren, denn ihre Eltern, die oft nur Niedriglöhne bekamen und daher länger arbeiten mussten, hatten deshalb keine Zeit für sie. Außerdem fehlte ihnen häufig die Einsicht, den Empfehlungen der Lehrer zu folgen, da sie die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, negierten, denn viele gingen davon aus, nach Italien zurückzukehren. Dass der Unterricht in der Muttersprache der Kinder stattfand, empfand Novelli bereits als Benachteiligung. Der deutsche Föderalismus und die frühe Separierung der Schüler im gegliederten Schulsystem erachtete sie zu dieser Zeit als abträglich, zumal die Lehrer oft nicht einmal die deutsche Sprache beherrschten. Der Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten begabter Schüler brachte die Autorin in den Zusammenhang mit fehlender Unterstützung beim Wechsel der Schulformen. Selbst die Einrichtung von Gesamtschulen sah sie kritisch, da ein Wechsel selten in die anspruchsvolleren Zweige erfolgte. Da sie überzeugt davon war, dass sie ihre Schüler nicht ohne die Aufwertung ihrer Muttersprache in Richtung sozialer und kultureller Entwicklung fördern konnte, kündigte sie ihren Job und orientierte sich um. Den Grund für das schwache Abschneiden der italienischen Schüler sieht sie im deutschen Schulsystem. Einen weiteren Grund sieht sie in der geringen Schulbildung der überwiegend aus Süditalien stammenden Migranten.

Offensichtlich gelang es der Autorin, sich nach ihrer Hochzeit gut einzuleben. Ihre Kinder wuchsen unproblematisch auf, und sie war glücklich, dass sich diese selbstbestimmt entwickelten. Es war ihr ein Anliegen, mehr für ihre Kinder da zu sein. Gleichzeitig wurde sie ermuntert, ein Buch über den Feminismus in Italien zu schreiben, dessen Veröffentlichung ihr zu einem Lehrauftrag an der Universität verhalf, der über zwanzig Jahre hinweg andauerte. Sie hielt des Weiteren vier Kurse am soziologischen Institut über die Rolle deutscher und italienischer Frauen an der Heimatfront im Zweiten Weltkrieg. Sie hatte hierfür auch ihre Mutter interviewt. Schließlich gelang ihr doch noch ein Gespräch mit einer überzeugten Nationalsozialistin. Denn von ihren Studierenden bekam sie nach ersten Zusagen Rückzieher. Doch sie ließ das Thema fallen, weil es sie zu sehr belastete.

Novelli setzte sich nach einer Tagung in Italien, die das Ziel hatte, die Situation ausgewanderter Italienerinnen zu verbessern, für nach Frankfurt eingewanderte italienische Frauen ein. Sie wurde dabei von einem katholischen Pfarrer unterstützt. Ihre Bemühungen waren erfolgreich, da sich eine Gruppe bildete, die sich gegenseitig unterstützte. Die Gründung des Coordinamento Donne Italiane erfolgte aus der Überzeugung, dass Ihre Erziehung in der Familie und in der Schule sie schon immer zu einem sozialen Engagement angehalten habe und dass Entscheidungen, auch wenn sie nicht von persönlichem Belang wären, sie schon immer zum sozialen Engagement im Rahmen ihrer Fähigkeiten und zur Verfügung stehenden Mittel angeregt hätten. Ihre Abstammung aus einer deutsch-jüdischen Familie habe ihr eine größere Verantwortung als Bürgerin für ihre Mitmenschen auferlegt, denn wenn sie ein Unrecht anprangere, trage sie auch die Verantwortung, etwas dagegen zu unternehmen. „Die Frauen, die im Coordinamento um eine aktuelle Information über Italien gebeten haben, sind sich der Notwendigkeit einer Anbindung an ihre Geschichte bewusst.“ (136) Der Autorin ist es darum gelegen, dass ihr Engagement fortbesteht, und sie sieht sich bestätigt, wenn ihre Arbeit auch ohne ihre Beteiligung weitergeht.

Ein Projekt des Coordinamentos wird vorgestellt, dem aber letztlich Geld zu seiner Verwirklichung fehlte: die Gründung einer Bibliothek mit dem Fokus auf Kinder‑ und Jugendliteratur, bei der aber die versprochene Nutzung eines Gebäudes obsolet wurde. Auf der Suche nach Beweggründen für ihre Auswanderung aus Italien stieß Novelli auf eine Psychotherapeutin, die sie wegen Ängsten ihrer Tochter konsultierte. Sie stellte sich den kritischen Fragen und begann, die Gründe für ihre Auswanderung in einer verzerrten Wahrnehmung ihrer doch wohl nicht so heilen Kinderwelt und der Rolle ihres Gehirntumors zu finden. Sie wusste um die Gräuel der Nazis, denen ihre Mutter und weitere Familienangehörige in letzter Sekunde entweichen konnten, und wollte sich mit der Ideologie der Täter auseinandersetzen.

Die Entwicklung der weiblichen Identität verläuft anders als bei Männern. Novelli sieht als Ursache die traditionelle Aufgabenverteilung, die bei Italienerinnen ausgeprägter sei als in Deutschland. Sie gibt zu bedenken, dass sie im italienischen Wort >uomo< nur dessen ausgeprägte männliche Bedeutung lesen, während sich mit dem deutschen Wort >Mensch< auch Frauen identifizieren können. Novelli schließt ihr Buch mit dem Versuch einer Genealogie des Verhaltens ab, wobei sie Parallelen zwischen dem Verhalten ihres Vaters und ihrem eigenen aufzeigt und ebenso Spuren ihrer Mutter in ihrem Verhalten schildert. Für ihr Buch, mit dem sie die Judenverfolgung in Italien aufdecken wollte, fand sie keinen Verlag und veröffentlichte das Buch in Eigenregie unter der biblioteca italiana. Das war ihr erster Schritt. Ihr Ziel war es, die Menschen zum Nachdenken über die 1938 erlassenen Rassegesetze zu bewegen. Es folgen Anhänge mit Familienfotos und mehreren Dokumenten, die von italienischen Behörden ausgestellt wurden, um die jüdische Abstammung ihrer Familien zu verschleiern. Des Weiteren schildert Novelli das Leben einer emanzipierten Jüdin, Berta Pappenheim, die trotz ihrer psychischen Probleme ihr Vorbild war, weil sie sich im vergangenen Jahrhundert für die Rechte geschundener jüdischer Frauen eingesetzt hat.

Diskussion

Die Identität der Autorin speist sich aus vielen Quellen. Hervorzuheben ist ihre absolute Stringenz, mit der sie ihr Ziel verfolgt, das Leben italienischer Frauen zu erleichtern. Dazu lebt sie engagiert nach den Maximen ihres Großvaters, der sie davon überzeugt, dass sie als privilegierter Mensch eine besondere Verantwortung zu übernehmen hat. Die Tatsache, dass die Kinder der Italiener so große Schwierigkeiten in der Schule haben, analysiert sie korrekt, und sie bringt den Mut auf, aus einer sicheren Anstellung heraus zu kündigen, weil sie das Konzept des muttersprachlichen Unterrichts als ineffektiv erachtet und glaubt, dass er den Lernerfolg der Schüler vereitelt. Diese Konsequenz hilft ihr schließlich zu einer adäquaten Beschäftigung. Ihr Verantwortungsbewusstsein lässt sie Ausschau nach Vorbildern in der Frauenbewegung halten. Dieses Interesse ist Teil ihrer Identität. Das Buch ist lebendig geschrieben und schildert eine große Lebensspanne einer engagierten Frau, die sich aktiv für die Verbesserung der Lebenschancen von italienischen Frauen einsetzt. In Bezug auf die aktuellen schulischen Fördermöglichkeiten mehrsprachiger Schüler hätte ich mir einen Hinweis auf die aktuelle Weiterentwicklung in Deutschland gewünscht (vgl. Rita Zellerhoff).

Fazit

Das Buch von Liana Novelli ist lebendig geschrieben. Die Autorin setzt sich engagiert für italienische Menschen ein. Die Lebensgeschichten ihrer Familien in der Zeit des Nationalsozialismus sind aufschlussreich.

Literatur

Rita Zellerhoff (2009): Didaktik der Mehrsprachigkeit – Didaktische Konzepte zur Förderung der Mehrsprachigkeit bei Kindern und Jugendlichen, Europäische Hochschulschriften, Frankfurt a.M., Peter Lang Verlag

Rezension von
Dr. phil. Rita Zellerhoff
Lehrerin für Sonderpä­dagogik mit den Förderschwerpunkten: Sprache, Lernen, Emotionale und soziale Entwicklung
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Es gibt 12 Rezensionen von Rita Zellerhoff.

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ISSN 2190-9245