Wolfgang Kämmerer, Wolfgang Milch (Hrsg.): Chaos und Poesie der Begegnung
Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 23.06.2026
Wolfgang Kämmerer, Wolfgang Milch (Hrsg.):Chaos und Poesie der Begegnung. Intersubjektive Verwicklungen in der psychodynamischen Psychotherapie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2025. 220 Seiten. ISBN 978-3-95558-404-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Thema
In kommentierten Fallstudien wird neben der Symptomatik und der Leidensgeschichte der Patient:innen der emotionale Prozess der Behandler deutlich. Beide Autoren schildern ihre eigenen Behandlungen im Lichte eines jahrelangen zeitlichen Abstands und sie kommentieren sich gegenseitig. Am Ende wird in vier knappen Kapiteln ein Vorschlag entfaltet, die klinische Theorie der psychoanalytischen Selbstpsychologie intersubjektiv weiter zu entwickeln.
Autoren und Entstehungshintergrund
Dr. med. Wolfgang Kämmerer, *1946, Facharzt für Innere Medizin, für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse und Prof. Dr. med. Wolfgang Milch, *1950, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin sowie Psychoanalytiker (DPV, IPA) sind beide Mitglieder der sogenannten Maschseegruppe und Hauptakteure der psychoanalytischen Selbstpsychologie in der BRD. Eine Idee Michael Klöppers aus Hamburg aufgreifend, wählen für die ausgewählten psychodynamischen Behandlungen ein Format, in dem sie neben dem interaktiven Geschehen auch ihre Gegenübertragungsphantasien und alles ihnen Zugängliche des intersubjektiven Prozesses veröffentlichen. Es handelt sich nicht um optimal verlaufende oder geglättete „Modellbehandlungen“, sondern um ausgesprochen schwierige Prozesse, bei denen teilweise jahrelang um ein gutes Ergebnis gerungen wurde. Solche ehrlichen Kasuistiken, die wir uns von Ausbildungskandidat:innen zum Ende der analytischen Weiterbildung erhoffen, werden hier von einem 79 und einem 76 Jahre alten Kollegen vorgestellt. An diese Fallbeschreibungen sind natürlich strenge datenschutzrechtliche Anforderungen zu stellen: Soweit es sich um Patient:innen handelt, ist ihre Identität verschleiert und sie haben die Texte autorisiert; eine ehemalige Selbsterfahrungsteilnehmerin schreibt ihren eigenen Kommentar unter ihrer tatsächlichen Identität und unterstreicht den Anspruch des Werks: Was hier geschieht, ist zutiefst menschlich, dafür stehen wir ein und verstecken uns nicht hinter professionellen Floskeln wie Gegenübertragungsphantasie, sondern füllen sie mit Leben. Dieser Kasuistik schließen sich behandlungstheoretische Reflexionen an.
Aufbau und Inhalt
Einführung 1
I Zum Aufbau des Buches 14
Kontext und Denkstil der Autoren 20
II Von der Selbstpsychologie zur Intersubjektivität 27
Milch
III Therapeutische Begegnungen 40
Drei Begegnungen von Wolfgang Kämmerer 42
Die Begegnung mit Wilhelm
Beschrieben wird eine Begegnung in der Klinik mit einem angstkranken Behördenleiter, der im Zuge einer sehr besonderen, unkonventionell ganz auf ihn zugeschriebenen Form persönlicher Begegnung und Angsexpositionsbehandlung seine Symptomatik aufgeben und wieder ins Berufsleben zurückkehren kann. Zentral benötigte er die Überzeugung, somatisch herzkrank zu sein und nicht etwa psychisch krank, und aus diesem Grund waren ihm lange Zeit Gespräche mit dem Chefarzt ausschließlich in einer Art Auskultationssetting via Stethoskop möglich. Selbstverständlich ist ihm diese Problematik nicht bewusst – er kann sie nur inszenieren.
Die Begegnung mit Henning 51
Henning ist ein 25-jähriger Mann mit einer dysmorphophoben Symptomatik: Schamgefühle, seine Selbstwertproblematik und seine Wut kann er nur über Symptomatiken ausdrücken, die für andere scheinbar nicht vorhanden sind. Die Begegnungen sind kleinteilig und der Therapieverlauf zieht sich mit Unterbrechungen über Jahre; das Wichtigste für den Erfolg ist, dass sein Therapeut ihm geduldig Raum gibt für die detailreichen Beschreibungen seiner imaginierten Krankheitssymptome. Erst durch die Restitution seines Selbst kann er eine Auseinandersetzung mit seinen emotionalen Erschütterungen wagen, die letztlich gelingt.
Die Begegnung mit Anna 65
Auch Annas Behandlung dauert letztlich Jahre. Zunächst lernt sie ihren Therapeuten während einer zehnwöchigen psychosomatischen Krankenhausbehandlung wegen einer dysmorphophoben Störung kennen. Er behandelt sie ambulant weiter, 160 Stunden im Liegen. Vor allem reinszeniert sie ihr quälendes Ohnmachtserleben, indem sie sehr lange an ihrer Symptomatik festhält. Schließlich kann sie eine Anzahl großformatiger Bilder mitbringen, die ihren jahrelangen sexuellen Missbrauch darstellen. Die junge Frau litt zuvor jahrelang unter dem magischen Schweigegelübde ihrer Mutter. Für sie war ein Weg notwendig, bei dem ihr Therapeut jahrelang mitlitt. Nach 414 Stunden gehen die beiden zu vis-a-vis über, und in unmittelbarer Begegnung mit Augenkontakt lässt sich die Problematik weiter bearbeiten. Auch diese Behandlung endet mit einer positiven Entwicklung.
Die Begegnung von Wolfgang Milch mit Karin Rosjat 109
Diese Therapie beginnt mit einer Selbsterfahrungssitzung einer 54-jährigen Kandidatin, die nach einer schweren Grenzverletzung ihres vorhergehenden Lehranalytikers einen Ausweg sucht. Sie ist in sehr schlechtem Zustand und will nur noch die Voraussetzungen erfüllen, um ihre Ausbildung beenden zu können. Ihr neuer Selbsterfahrungsleiter kann ihr zunächst keinen Raum geben; er möchte den Kollegen zur Verantwortung ziehen und benötigt die Aussage der Kandidatin dafür – das ist die Ausgangssituation für eine Scheinbehandlung, wie sie wohl manche Lehrtherapie darstellt. In einem schwierigen und langjährigen Prozess finden sie miteinander aus der Sackgasse, und die ehemalige Ausbildungskandidatin schreibt im Buch über ihre Perspektive.
IV Zwischenleiblichkeit als Sprache zwischen den Körpern 143
V Der verwickelte Leib 174
VI Die Haltung 194
VII Zwischen Chaos und Poesie 212
Die vier wissenschaftlichen Kapitel bilden gewissermaßen eine Brücke zwischen subjektiver Erfahrung und einer Behandlungstheorie. Die Konzepte, die dabei entfaltet werden, sind implizite Beziehungskonzepte, wie sie etwa Michael Klöpper (2023) differenzierter beschreibt. Intersubjektive oder gar interleibliche Erfahrungen liegen außerhalb aller Konzepte der empirischen oder gar evidenzbasierten Medizin in der heute von Politik und Managed Care geforderten Form, streng subjektwissenschaftlich basiert auch jenseits von Esoterik und Wunderheilung. Entgegen den Vorgaben einer unmittelbaren ökonomischen Verwertbarkeit im Sinn der (Wieder-)Herstellung von Arbeitskraft benötigen sie zuweilen eben so viel Zeit, wie es einst dauerte, die Vertrauensbasis des betroffenen Menschen komplett zu zerstören.
VIII Hat uns das Schreiben verändert
Wolfgang Milch 235
Wolfgang Kämmerer 236
IX Literatur 239
Diskussion
Die Vertreter:innen der psychoanalytischen Selbstpsychologie haben in der BRD nur vereinzelt ein institutionelles Eigenleben geführt. Gleichzeitig ist ihre Haltung im psychoanalytischen Mainstream breit aufgenommen worden. Begriffe wie der »Glanz im Auge der Mutter«, »Selbstobjektbeziehung«, der/die Therapeut:in als Selbstobjekt und die Arbeit an narzisstischen Defiziten sind von anderen analytischen Schulen aufgegriffen worden und haben dabei teilweise auch einen Bedeutungswandel erfahren.
Das war anders als in den USA, wo es heftige Auseinandersetzungen beispielsweise zwischen Heinz Kohut und Otto Kernberg gab. In deren Folge entwickelten die Selbstpsycholog:innen eigene Curricula.
Milch und Kämmerer, auch Hans-Peter Hartmann oder Michael Klöpper sind Vertreter einer Gruppe innerhalb der psychoanalytischen Community, die speziell eine selbstpsychologische Identität vertreten hat. In den letzten Jahren erfolgt innerhalb dieser Szene eine Öffnung zur intersubjektiven Perspektive, für die in Deutschland besonders Autoren wie Martin Altmeyer oder Chris Jaenicke stehen. Verwandt sind relationale Ansätze wie etwa die von Ulrich Streeck oder Michael Buchholz.
Das vorliegende Werk bietet mehr als eine spezielle methodologische Perspektive, die über das psychoanalytische Konzept hinausreicht und einen reflektierten ontologischen Ansatz einschließt. Diese radikal subjektzentrierte Position, die die prinzipielle Gleichheit von Patient:in und Therapeut:in einschließt, wird in der Monografie von Kämmerer und Milch sehr anschaulich – auch mit allen Risiken, die in der zwischenmenschlichen Begegnung selbst liegen. Der Gefahr des Scheiterns ist nicht durch technische oder bürokratische Vorkehrungen zu entgehen; stattdessen bedarf es radikaler Aufrichtigkeit, Transparenz und Integrität (die jeglicher gesundheitsökonomischer Ideologie widersteht und sich allein am Wohlergehen der Subjekte orientiert).
Fazit
Dieser berührende Text ist unbedingt lesenswert. Er eignet sich für alle an Psychotherapie Interessierten, sowohl für Ausbildungskandidat:innen als auch für Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung – unter Umständen auch für Leidende, die hier Ermutigung finden können, das Abenteuer einer Begegnung im Therapieraum zu wagen.
1 Narzisstische Persönlichkeiten nach Kernberg und nach Kohut sind schon etwas Verschiedenes, beide Begriffe werden inzwischen aber auch alltagssprachlich benutzt und meinen dann z.B. eine von permanenter öffentlicher Anerkennung abhängige Person.
Literatur
Martin Altmeyer, Helmut Thomä (Hg., 2003): Die vernetzte Seele. Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse, Stuttgart: Klett-Cotta
Stephan Döring, Hans-Peter Hartmann, Otto F. Kernberg (2021): Narzissmus. Grundlagen-Störungsbilder-Therapie, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart: Schattauer
Günter Gödde, Micheal B. Buchholz (Hg. 2012): Der Besen, mit dem die Hexe fliegt. Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten, Bd. 2 Konversation und Resonanz in der Psychotherapie, Gießen: Psychosozial
Chris Jaenicke (2010): Veränderung in der Psychoanalyse. Selbstreflexion des Analytikers in der therapeutischen Beziehung, Stuttgart: Klett-Cotta
Chris Jaenicke (2014): Die Suche nach Bezogenheit. Eine intersubjektiv-systemische Sicht, Frankfurt: Brandes & Apsel
Michael Klöpper (Hg., 2023): Emotional-Reflexiv-Implizit. Wie wir in psychodynamischen Prozessen wirksam werden, Stuttgart: Klett-Cotta
Wolfgang Milch (2022): Lehrbuch der Selbstpsychologie (2. erweiterte und überarbeitete Aufl.), Stuttgart: Kohlhammer
Stephen A. Mitchell (dt. 2003): Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse, Gießen: Psychosozial
Ulrich Streeck (2023): Zu einer Beziehung gehören mindestens zwei. Intersubjektivität in sozialem Alltag und Psychotherapie, Gießen: Psychosozial
Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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