Tom Wooldridge: Essstörungen
Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 06.07.2026
Tom Wooldridge:Essstörungen. Eine Einführung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2025. 172 Seiten. ISBN 978-3-95558-406-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Thema
Tom Wooldridge stellt in diesem Buch die Grundlagen seiner psychoanalytischen Arbeit mit Menschen vor, die unter Essstörungen leiden. Dabei bezieht er klassische wie zeitgenössische psychoanalytische Schulen ein und berücksichtigt ein breites Spektrum von Essstörungen.
Autor
Tom Wooldridge ist Dekan des psychologischen Instituts der Golden Gate University in San Francisco. Er ist Psychoanalytiker und forscht und veröffentlicht seit mehr als 13 Jahren zu seinem Schwerpunktthema Essstörungen. Neben seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen bringt er auch spezielle Bücher als Lebenshilfe für betroffene Eltern heraus. Sein neues Elternbuch: „End the Food Fight“ wird im September dieses Jahres erscheinen.
Aufbau
Die einzelnen Kapitel des Buches wollen verschiedene Aspekte des psychoanalytischen Umgangs mit Essstörungen veranschaulichen. Kapitel 1 beschäftigt sich mit Alexithymie, der Schwierigkeit vieler Patient:innen mit Essstörungen, ihre Gefühle in Worte zu fassen und sie so zu reflektieren. Kapitel 2 diskutiert die Bedeutung früher Beziehungen, Objekt-Beziehungen und traumatischer Themen im Licht der Objektbeziehungstheorie und der Theorie kumulativer Traumata. Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Wiederholungszwang bei Essstörungen und der Notwendigkeit, Handlungen zugunsten von Reflexionen aufzuschieben. Kapitel 4 beschreibt Abjektion und körperlichen Ekel in verschiedenen Formen von Ekel und Selbsthass, mit dem essgestörte Patient:innen zu kämpfen haben. Das Kapitel 5 „ Körper – Psyche – Dissoziation oder falscher Körper“ beschreibt, wie der körperliche Zustand rigide kontrolliert wird, um spontane emotionale Erfahrungen vermeiden zu können und beispielhaft, welche Funktionen bei Anorexie der entropische Körper hat. Das Kapitel 6 „Gender, Kultur und Begehren“ stützt sich auf zeitgenössische psychoanalytische Modelle der Geschlechtsentwicklung und untersucht die Beziehung zwischen Geschlechtsidentität und Handlungsspielräumen. Im Kapitel 7 zu Affektregulierung, Dissoziation und Körpervorstellungen stellt Tom Wooldridge den relationalen Ansatz in der Psychoanalyse dar, der das Selbst nicht als geschlossene Einheit, sondern als dezentralisiertes Gebilde aus relativ eigenständigen psychischen Strukturen betrachtet. Auf diesem Hintergrund beschreibt der Autor, wie im Körperbild vergangene Beziehungserfahrungen zum Ausdruck kommen und welche Möglichkeiten die Therapie hier hat. Im Kapitel 8 „ Die Rolle des Vaters und die väterliche Funktion“ geht es vor allem um Patient:innen mit Anorexia nervosa oder Muskeldysmorphie. Wenn der Vater sein Kind nicht bei der Individuation und Loslösung von der Mutter unterstützt (Anorexie) oder wenn der Vater sein eigenes Gleichgewicht aufrechterhält, indem er seinen Sohn schmächtig und klein hält (Muskeldysmorphie), kann dies zu den beschriebenen Essstörungen führen. Im Kapitel 9 „Essstörungen im Cyberspace“ beschäftigt sich Tom Wooldridge mit den positiven und negativen Möglichkeiten von Chatrooms, Nachrichtenforen und Webseiten, die eine Essstörungs-freundliche Haltung vertreten und so den Betroffenen ein Forum bieten können, das zum einen erlaubt, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, zum anderen aber auch durch eine betont positive Haltung die Betroffenen von fälligen Veränderungen abhalten können.
Inhalt
Unter dem Titel „Essstörungen“ – das wird in den verschiedenen Kapiteln deutlich – werden ganz unterschiedliche Phänomene zusammengefasst: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung, Muskeldysmorphie, Orthorexie, um nur die bekanntesten zu nennen. Es handelt sich hier um deskriptive Diagnosen, die beschreiben, welches Verhalten die Patientinnen zeigen und nicht um psychodynamische Diagnosen, die die ganze Persönlichkeit der Patientinnen erfassen wollen. Es geht um eine heterogene Gruppe von Personen, die trotz ihrer grundlegenden Unterschiede eine Gemeinsamkeit haben: sie kämpfen alle mit Schwierigkeiten in Bezug auf Essen, Gewicht und Körperform.
Wie kann psychoanalytische Therapie hier helfen? Kurzfristige Programme und Interventionen, die das Ziel einer schnellen Symptomreduzierung haben, sind aus Tom Wooldridges Sicht nicht wirklich hilfreich, um den Patient*innen einen Weg aus einer Gefühlslandschaft zu ermöglichen, die von Isolation und Einsamkeit sowie von Scham, Schuldgefühlen und Beschämung geprägt ist. Die tiefe Hoffnungslosigkeit der Betroffenen hinsichtlich der Möglichkeiten, emotional bedeutungsvolle Verbindungen einzugehen, kann aus Sicht von Tom Wooldridge nur durch den Aufbau einer bedeutungsvollen emotionalen Verbindung im therapeutischen Prozess verändert werden.
Essstörungen zeigen für den Psychoanalytiker Tom Wooldridge entweder das Ringen um Autonomie oder das Ringen um Versorgung und Zuwendung bei Personen, die ihre Sozialisation als defizitär erfahren haben. Wo die Eltern oder ein Elternteil als übermäßig intrusiv erfahren wurden, bietet die Essstörung Erfahrung von Autarkie und Autonomie. Wo keine Bindung aufgebaut werden konnte und die Versorgung als unzuverlässig erlebt wurde, kann die übermäßige Zufuhr von Nahrung Versorgung und Fülle suggerieren. Wo besonders Jungen unter dem Eindruck eines übermächtigen Vaters sich als klein, schmächtig und machtlos empfinden, kann ein übermäßiger Muskelaufbau Macht und Stärke demonstrieren. Wie immer, wenn zwanghafte Verhaltensweisen oder Drogen fehlende Entwicklungsschritte kompensieren, bleibt der Ersatz schal, muss zwanghaft wiederholt werden und schadet dem Individuum sowohl auf körperlicher Ebene wie auch durch die fehlende Entwicklungs-Dimension.
Hier setzt die psychoanalytische Therapie auf mehreren Ebenen an. Zum einen hält sie viel davon, wenn belastende Ereignisse und Mangel an Bindung in Worte gefasst werden können. Menschen, die unter Essstörungen leiden, sind oft unfähig, belastende Ereignisse oder fehlende liebevolle Bindung in Worten wiedergeben zu können. Wenn die Therapie dies erreichen kann, bewirkt diese Verbalisierung auch eine emotionale Annäherung an die eigene Entwicklung und kann durch Reflexion nächste Schritte der Heilung einleiten. Eine weitere Ebene der Therapie besteht in der exemplarischen Herstellung einer therapeutischen Bindung, die den Weg öffnen kann zu ersten Schritten echter Bindung im Alltag der Betroffenen, die im Gegensatz zur pseudo-zuverlässigen Essstörung immer ein Wagnis bleibt, dem sich die Betroffenen mutig stellen müssen. Dies alles ist ein harter Weg, denn die Alltagsdroge Essen ist überall und leicht verfügbar, ist weder kriminalisiert noch stigmatisiert und bietet schnell Pseudo-Erlebnisse von Autonomie oder Versorgung, die ohne diese Abhängigkeit mühsam erarbeitet werden müssen. Eine solche Veränderung ist steinig und schwierig, aber zeigt auf Dauer Erfolge auf dem Weg zu echter Autonomie und Bindung.
Diskussion
Mit seiner Berücksichtigung klassischer und neuerer Ansätze aus dem psychoanalytischen Spektrum bietet Tom Wooldridge vor allem psychoanalytisch vorgebildeten Leser:innen eine Fülle von Anregungen für die analytische und therapeutische Arbeit. Leserinnen, die wenig psychoanalytischen Hintergrund haben, werden sich zunächst einlesen müssen. Wenn nicht der Anspruch besteht, Tom Wooldridges Ausführungen in jeder Facette folgen zu wollen, gibt es auch für Therapeutinnen anderer Schulen eine Fülle von Anregungen.
Sehr gespannt bin ich auf Tom Wooldridges im September erscheinendes Elternbuch „End the Food Fight“, das Eltern beim Alltag mit Essstörungen ihrer Kinder unterstützen will.
Fazit
Ein spannendes Buch, nicht nur für Therapeutinnen, sondern anregend für alle, die Klientinnen mit dem Thema „Essstörung“ verstehen und unterstützen wollen.
Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf (Ruhestand) und ILBB - Institut für Beratung Brühl
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