Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Chiara Lorenzoni, Marco (Illustrator) Somà: Jetzt und für immer wir drei

Rezensiert von Prof. Dr. Michael Domes, 06.01.2026

Cover Chiara Lorenzoni, Marco (Illustrator) Somà: Jetzt und für immer wir drei ISBN 978-3-96843-064-5

Chiara Lorenzoni, Marco (Illustrator) Somà: Jetzt und für immer wir drei. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. ISBN 978-3-96843-064-5. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Entstehungshintergrund

Das Bilderbuch thematisiert Verlust, Trauer, Erinnern, Verarbeitung und Weiterleben. Oder lt. Verlagsangaben: „Olivo und sein Vater sind plötzlich allein, ohne das, was ihnen am wichtigsten ist: Mama. All die Struktur und Schönheit ihres Lebens sind zerbrochen. Nur die beiden sind übrig geblieben. Sie müssen sich einen neuen Ort aufbauen, um neue Worte zu finden. Und das Gefühl zu haben, trotzdem zu dritt zu sein. Jetzt und für immer“. Es ist für Kinder ab 6 Jahren empfohlen.

Der Band ist Teil der Reihe Carl-Auer Kids. Die Bücher der Reihe hinterfragen lt. Verlagsangaben „Sichtweisen, machen Gefühle zugänglich, entwickeln neue Perspektiven und motivieren, die eigenen besonderen Fähigkeiten zu entdecken. Die außergewöhnlichen Illustrationen der Bücher zeigen nicht nur fantastische Traumwelten, sondern auch diverse Gesellschaftsformen“.

Autor:innen

Chiara Lorenzoni ist als Anwältin in Lecce tätig. Sie ist Kinder- und Jugendbuchautorin und hat bereits Bücher bei verschiedenen italienischen Verlagen veröffentlicht; zum Teil wurden diese auch in andere Sprachen übersetzt. Zudem ist sie Mitbegründerin des Picturebook Festival in Lecce, einem Kunst- und Literaturfestival für Kinder.

Marco Somà ist freier Illustrator für Kinder- und Jugendbücher. Außerdem unterrichtete er an einer italienischen Kunsthochschule. Seine Werke werden regelmäßig für die Kinderbuchmesse Bologna und das Jahrbuch der Associazione Italiana Illustratori ausgewählt. Er erhielt für seine Illustrationen bereits mehrere Preise.

Aufbau und Inhalt

Die Geschichte beginnt mit einer Doppelseite, der Illustration einer großen, dunklen Wolke am Himmel. Olivo lebt mit seinem Vater in einem Haus, ohne seine Mutter. Früher war dies anders. So lief im Früher alles reibungslos, wie zum Beispiel, dass Lieder gesungen und Geschichten vor dem Schlafengehen gelesen wurden oder das Omelett nie anbrannte. Im Jetzt ist dies anders, nur die Umarmungen sind geblieben, sogar mehr geworden. Im Folgenden wird die Reaktion von Olivo auf den Verlust der Mutter beschrieben – die Leser:in erfährt übrigens nichts über die näheren Umstände der Abwesenheit der Mutter. Olivo ist wütend und traurig, traurig, wie auch sein Vater. An dieser Stelle wird das Bild, die Metapher „eine Wolke trauriger Worte“ eingeführt, die sich durch die weitere Geschichte zieht. Als Olivo wieder einmal wütend ist und „gegen eine weitere Wolke trauriger und wütender Worte“ ankämpft, gibt ihm sein Vater eine Säge und ein Stück Holz, und Olivo beginnt zu sägen. Diese Verarbeitung (im doppelten Sinn des Wortes) setzen die beiden am nächsten Tag fort und beginnen gemeinsam, ein Baumhaus zu bauen, „bis sie auch die ganz dunklen Worte aufgebraucht hatten“. Dieses Baumhaus symbolisiert den neuen Umgang mit dem Verlust und der Trauer um die Mutter im Jetzt: „Das wird unser Ort der neuen Wörter“. Olivo lernt, bestimmte Wörter freizulassen. Er versteht, auch wenn er und sein Vater jetzt zu zweit sind, dass sie zugleich „im Jetzt und im Immer stets zu dritt sein würden“. Die Geschichte endet wieder mit einer Doppelseite ohne Text, auf der nur noch der Himmel zu sehen ist und keine Wolke mehr.

Diskussion

Ein Bilderbuch lässt sich, wie ich finde, nicht in der gleichen Weise wie ein wissenschaftliches Fachbuch besprechen. Deshalb wird meine Diskussion vielleicht etwas assoziativer, sprunghafter und fragmentarischer ausfallen.

Was mich sehr angesprochen, berührt hat, sind die Illustrationen der Geschichte. Die Bilder, durchgängig in warmen Blau-, Grau-, Beige- und Brauntönen gehalten, schaffen es, mich in die Geschichte von Olivo und seinem Vater hineinzunehmen und durch diese zu begleiten. Beim Lesen hatte ich den Gedanken, dass sie ohne den Text auch „funktionieren“ würden, eben eine Geschichte erzählen. Die Illustrationen zeigen eine große Liebe für Details, lenken den Blick auch auf scheinbar auf den ersten Blick unscheinbare Dinge. Jedes Bild lädt ein, zu verweilen, immer wieder neu(e) Dinge zu entdecken, das Bild weiterzulesen und darüber mit mir selbst wie auch mit anderen in den Dialog zu gehen – herausragend. Spannend ist es zum Beispiel, auf die Suche nach der Mutter zu gehen: Nahezu in jedem Bild taucht sie, in welcher Form auch immer, auf.

Beim ersten Lesen war ich sehr angetan von der Geschichte, nicht nur, weil sie ein Themenfeld – Trauer, Verlust und den Umgang damit – in den Mittelpunkt rückt, das immer noch tabuisiert ist/wird, das oft nicht oder nur schwer besprechbar ist und verstummen lässt. Dem Buch gelingt es, einladend und auch feinfühlig, Gesprächsräume zu eröffnen. Dazu haben auch maßgeblich die gewählten Sprachbilder beigetragen, wie zum Beispiel: „die Geschichten schlafen vor Olivo ein“, „Bis sie alle Nägel und auch die ganz dunklen Worte aufgebraucht hatten“ oder „Das wird unser Ort der neuen Wörter“. Diese Sprachbilder haben mich sofort angesprochen, haben etwas in mir berührt – vielleicht, weil ich auch eine große Leidenschaft für Lyrik habe.

Beim zweiten Lesen und mit Blick auf die Zielgruppe (Kinder ab 6 Jahren) habe ich mich gefragt, ob diese Sprache anschlussfähig an die Denk- und Erlebniswelten von Kindern ist, die noch sehr nahe an den sechs Jahren sind. Oder ob das Buch nicht vielmehr für ältere Kinder/​Jugendliche (und Erwachsene!) (besser) geeignet ist – was prinzipiell nicht schlecht sein muss. Auch, dass in der Geschichte nicht deutlich wird, warum die Mutter abwesend ist (Tod durch Unfall, Krankheit, Suizid oder Trennung), kann durchaus kritisch gesehen werden. Je nach Ursache fallen Reaktionen und damit verbundene Gefühle anders aus, unterscheiden sich Wut, Trauer, Verzweiflung, Schuldempfinden etc. und erfordern andere (fachliche) Thematisierungen. Mit dieser Herausforderung umzugehen, bleibt durch die Offenheit so allein Aufgabe der (Vor-)Leser:in.

Ein weiterer Punkt, der mich ins Fragen gebracht hat, sind die zum Teil schablonenartigen und stereotypen Darstellungen und Gegenüberstellungen: Auf der einen Seite die heile Welt der Vergangenheit („Im Früher lief immer alles reibungslos“.); auf der anderen Seite das trübe Jetzt. Auf der einen Seite die Darstellung der Mutter, die singt, Geschichten vorliest und bei der das Omelett nie anbrennt; auf der anderen Seite der Vater, bei dem das Omelett ständig anbrennt und für den das Handwerkliche, das Bauen wichtig ist. Und vielleicht bin ich hier aber auch etwas zu kritisch: Hätte man das Baumhaus nicht auch so bauen können, ohne unzählige Nägel in den Baum zu schlagen: „Ein Nagel, ein Stück Holz, ein dunkles Wort, ein Nagel, ein Stück Holz, ein weiteres dunkles Wort“? Über diese Punkte sollte vor dem ersten Vorlesen nachgedacht werden, um dann gegebenenfalls auch adäquat und vorbereitet darauf eingehen zu können – wie es sich aber eigentlich immer empfiehlt, ein Buch mehrmals vorher zu lesen, bevor dann das gemeinsame Lesen mit Kindern oder Jugendlichen passiert. Vorlesen ist immer mehr als einfach nur Vorlesen.

Fazit

Ein Bilderbuch, durchaus mit (inhaltlichen) ambivalenten Ecken und Kanten, feinsinnig und mit Liebe fürs Detail illustriert, das zur Auseinandersetzung mit Verlust und Trauer einlädt – aus meiner Sicht eher für Jugendliche und Erwachsene als für Kinder.

Rezension von
Prof. Dr. Michael Domes
Diplom-Sozialpädagoge, Professor für Theorien und Handlungslehre in der Sozialen Arbeit, TH Nürnberg Georg Simon Ohm
Website
Mailformular

Es gibt 21 Rezensionen von Michael Domes.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245