Kelly Canby: Klein-Lichtstadt
Rezensiert von Prof. Dr. Matilde Heredia, 30.03.2026
Kelly Canby: Klein-Lichtstadt. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-96843-044-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Thema
Die Autorin Kelly Canby erzählt in diesem Buch Klein-Lichtstadt die Geschichte eines kleinen idyllischen Dorfes, umgeben von einer sicheren Mauer, die aus ordentlich aufeinandergesetzten Ziegelsteinen gebaut ist. Als plötzlich immer mehr Ziegelsteine in der Mauer fehlen, wird der Bürgermeister aktiv. Kelly Canby setzt sich in diesem Buch mit den Themen „Fremdsein“ und „Fremdenfeindlichkeit“ auseinander. Durch den bewussten Einsatz von Farben, Bildern, weichen Aquarellstrichen und einer sorgfältig gewählten Sprache zeigt die Autorin die Dynamik der Angst gegenüber Menschen, die aus einer inneren Perspektive als fremd wahrgenommen werden können. Im Buch werden unterschiedliche Perspektiven beleuchtet, die entstehen, wenn Menschen anderen Menschen begegnen. Durch kreative Metaphern und Perspektivwechsel werden aktuelle und komplexe gesellschaftliche Themen behandelt und zum Nachdenken angeregt.
Autorin
Kelly Canby ist eine preisgekrönte Illustratorin und Autorin aus Perth, bekannt für ihre humorvollen, warmherzigen und oft leicht skurrilen Kinderbücher. Seit ihrem Debüt All the Lost Things (2015) wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Western Australian Premier’s Book Award und dem CBCA-Bilderbuchpreis. Neben ihren eigenen Büchern illustriert sie Jaclyn Moriartys Kingdoms and Empires-Reihe und engagiert sich aktiv in der Kinderbuchszene, unter anderem bei SCBWI Australia West.
Aufbau und Inhalt
Der Aufbau des Buches Klein-Lichtstadt ist klar strukturiert und eng an die Erzählweise der Geschichte angelehnt. Auf insgesamt 40 Seiten entfaltet sich eine behutsam erzählte Handlung, die durch kurze, präzise formulierte Textpassagen getragen wird. Diese werden von atmosphärischen, aussagekräftigen Illustrationen begleitet, die nicht nur ergänzen, sondern einen wesentlichen Teil der Erzählung übernehmen. Die ersten Ziegelsteine, die aus der Mauer der Stadt fehlen, bemerkte in Klein-Lichtstadt zunächst niemand. Als jedoch immer mehr Ziegelsteine verschwinden, wird der Bürgermeister skeptisch und vermutet Diebstahl. Die Wut und Besorgnis des Bürgermeisters wachsen und übertragen sich auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Klein-Lichtstadt. Die Bedrohung und die Angst nehmen zu, je mehr Steine fehlen. Die Mauer sollte die Stadt vor den Bewohnern aus dem Süden schützen, die hinter der Mauer lebten, ein wenig anders aussahen und ungewöhnliche Lebensmittel anbauten. Ebenso sollte sie die Menschen aus dem Norden fernhalten, die ebenfalls etwas anders aussahen, ungewöhnliche Lebensmittel anbauten und merkwürdige Wörter benutzten. Auch vor den Bewohnern aus dem Osten sollte die Mauer schützen, die – ähnlich wie die Menschen im Süden und Norden – etwas anders aussahen, merkwürdige Wörter benutzten und zu ausgefallener Musik tanzten. Zuletzt sollte die Mauer auch die Bewohner aus dem Westen fernhalten, die – wie jene aus den übrigen Himmelsrichtungen – etwas anders aussahen, ungewöhnliche Lebensmittel anbauten, merkwürdige Wörter benutzten, zu ausgefallener Musik tanzten und dazu noch unbekannte Bücher lasen. Die Angst und Sorge vor den fremden Menschen hinter der Mauer waren unter den Bewohnerinnen und Bewohnern von Klein-Lichtstadt groß. Entschlossen machten sie sich gemeinsam mit dem Bürgermeister auf die Suche nach dem Dieb – und fanden die Diebin schnell. Doch das Entsetzen der Bewohner verflog, als die Diebin sie an den Duft neuer Speisen, den Klang neuer Wörter, die Töne neuer Musik und die Aussicht auf neue Abenteuer erinnerte, die hinter den Mauern in alle Himmelsrichtungen zu finden sind. Daraufhin wurde die Mauer um Klein-Lichtstadt abgebaut. Die Stadt wurde bunter, und zusammen mit dem Mädchen bauten die Bewohner einen Ort, an dem sich der Bürgermeister sicher und geborgen fühlen konnte, bis er bereit war, mit allem umzugehen, was für ihn anders, ungewöhnlich, seltsam, ausgefallen oder ungewohnt war.
Diskussion
Die Angst vor Fremden ist ein aktuelles Gesellschaftsthema, das in diesem Buch klar und kreativ behandelt wird. Was ist fremd? Wie können Fremdenfeindlichkeit, Stigmatisierung und Diskriminierung entstehen? Diese komplexe Thematik wird in diesem Buch kindgerecht aufgegriffen. Klare Texte werden von aussagekräftigen Illustrationen begleitet, sodass die Entstehung einer Dynamik gegen Fremde gelungen und kreativ dargestellt wird. Das Lesen des Buches Klein-Lichtstadt lädt dazu ein, einen Dialog zu eröffnen. Kinder können für diese Themen sensibilisiert werden, ohne überfordert zu werden. Noch anspruchsvoller ist der Spagat zwischen der Vermittlung eigener Perspektiven und Meinungen einerseits und der Einladung andererseits, selbst eine eigene Haltung zu entwickeln und zu vertreten. Der Autorin Kelly Canby gelingt es, mit dieser auf den ersten Blick schlichten Erzählung einen vertieften Blick auf die Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Vorurteilen sowie Ängsten zu ermöglichen. Anders als vom Bürgermeister vermutet, wurden die Ziegelsteine der Mauer nicht von den Nachbarn aus Norden, Osten, Westen oder Süden entfernt, sondern von einem neugierigen Mädchen aus Klein-Lichtstadt. Die Anschuldigung des Bürgermeisters – „Du hast die Ziegelsteine aus den Mauern gestohlen! Mauern, die uns vor allem beschützen, was anders ist und ungewöhnlich, seltsam, ausgefallen und ungewohnt!“ – verliert an Kraft, als die Bewohner der Einladung folgen, über die Grenzen der Stadt hinauszuschauen und offen für neue Kulturen und Lebensformen zu sein. Auch wenn die Darstellung fremder Kulturen stellenweise etwas einheitlich wirken kann, laden die Illustrationen und die Geschichte zum Verweilen ein und ermöglichen den Leserinnen und Lesern, Stimmungen und Motive intuitiv nachzuempfinden. Durch die reduzierte Textmenge erhält das Visuelle mehr Raum, was den poetischen Charakter des Buches zusätzlich verstärkt.
Fazit
Klein-Lichtstadt überzeugt nicht nur formal, sondern auch erzählerisch: Die klare Gestaltung, die gelungene Balance zwischen Wort und Bild sowie die fein nuancierte Bildsprache machen das Buch zu einem stimmigen und berührenden Gesamterlebnis. Klein-Lichtstadt ist eine Einladung, überall dort, wo wir sind, Mauern zu erkennen und abzubauen, um die eigene Welt zu bereichern und wieder zueinander zu finden.
Rezension von
Prof. Dr. Matilde Heredia
Professur für Kindheitspädagogik
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Es gibt 14 Rezensionen von Matilde Heredia.





