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Matthias Hornschuh: Wir geben uns auf

Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 03.02.2026

Cover Matthias Hornschuh: Wir geben uns auf ISBN 978-3-8497-0613-5

Matthias Hornschuh: Wir geben uns auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. 96 Seiten. ISBN 978-3-8497-0613-5. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.
Reihe: update gesellschaft.

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Thema

Mögliche Vorteile durch den Einsatz von sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) werden derzeit von Politiker:innen, Medien und Unternehmen propagiert und beworben. Es gibt jedoch auch Stimmen, die in KI die Gefahr der Entwertung der Wissensarbeit und der Verflachung von Kultur und Gesellschaft sehen. Der Autor ist eine dieser Stimmen.

Autor

Matthias Hornschuh (*1968) ist ein freischaffender deutscher Filmkomponist, der im Jahr 2000 ein Magister-Studium der Musikwissenschaft an der Universität Köln abgeschlossen hat. Seit 2018 ist er Mitglied des Aufsichtsrats der GEMA. Im Sommer 2021 wurde er zum Sprecher der Kreativen in der Initiative Urheberrecht berufen. Seit dem Frühjahrssemester 2023 nimmt Hornschuh einen Lehrauftrag am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Basel wahr. Seit Jahren setzt er sich intensiv für die Rechte der schöpferisch Tätigen ein. Er selbst bezeichnet sich auf seiner Webseite ironisch als „Musikvollzugsbeamter“ in Abgrenzung zu bezahlten Lobbyist:innen der Big-Tech-Konzerne.

Aufbau

Das Buch ist ein 84 Seiten langes, mit leichter Hand geschriebenes Essay über generative KI, gegliedert in 13 kleine Kapitel.

Inhalt

Die Grundannahme des Essays ist: Die Produkte der (Kunst-)Arbeit legen nicht offen, wie die Kunst entsteht, was dafür nötig ist und welcher Aufwand von wem an welcher Stelle zu treiben ist. „Mancher Song, der dreieinhalb Minuten dauert, braucht ein ganzes Leben, um zu entstehen.“ (Seite 19) Es geht dem Autor um kulturelle Arbeit und den Kulturbetrieb als kulturelle Teilhabe, auch in Abgrenzung zur ‚Verscheißigung‘ (Enshittification, Cory Doctorow 2022) der großen Onlinedienste und -plattformen sowie dem Verlust von Weltwissen durch ChatGPT-generierte Ergebnisse.

Eine der zentralen Aussagen des Essays ist: „Die KI kennt, weiß und versteht nichts von dem, was sie sagt.“ (Seite 11) Und weiter: „Es gibt keine künstliche Intelligenz ohne menschliche Intelligenz.“ (Seite 75) Der Autor plädiert für erkenntnistheoretische Schleifen in der Bewertung und Beurteilung von KI. Er sieht jedoch auch, dass diejenigen, die in der ‚Fear of Missing Out‘ verstrickt sind, nicht auf Philosoph:innen hören. Für ihn ist es im gesamtgesellschaftlichen Interesse, Wissensarbeiter:innen Anerkennung und Schutz zuzugestehen, weil Denken nicht automatisierbar und Kreativität nicht skalierbar sind. Hornschuh sieht die Gefahr, dass die Gesellschaften sich auf eine Oberflächenwelt hinbewegen, „in der die kulturellen, künstlerischen, medialen Gegenstände nur noch ‚gut genug‘ sein müssen, aber nicht mehr gut.“ (Seite 24)

Von kultureller Arbeit wirtschaftlich zu leben, war für die meisten Akteur:innen schon immer problematisch. Künstlerisch tätige Menschen müssen daher über ein hohes Maß an „Unsicherheitskompensationskompetenz“ verfügen. Hornschuh referiert eine Reihe von Studien, die die gnadenlose finanzielle Asymmetrie zwischen Kulturschaffenden und dem Kulturmarkt belegen (EU-Studie 2025, BKM-Studie 2025, Musikwirtschaftsstudie 2024).

Bislang gab es eine kollektive Übereinkunft zur Unverzichtbarkeit der Kulturarbeit für die Gesellschaft – bis hinein in die Kinderbücher (siehe Frederick, Leo Lionni 1967). Kulturarbeit ist mehr als nice to have.

Digitale Entwicklungen sprengen nun dieses Selbstverständnis. Die Profiteure der Wertschöpfung durch KI, fast ausnahmslos nicht innerhalb der europäischen Volkswirtschaft, arbeiten an hemmungsloser Entgrenzung der KI. Um dem Einhalt zu gebieten, plädiert der Autor für Regelungssysteme, für eine KI-Verkehrsordnung. Die Köpfe vor und hinter der Hard- und Software, die unentgeltlich mit ihren Daten die KI-Systeme fütternde Bevölkerung, müssen geschützt werden. Dem Autor geht es jedoch nicht nur um den Schutz, sondern gleichermaßen um die Teilhabemöglichkeiten der Menschen. „Wir müssen als Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass Menschen Zeit, Raum und Budget zur Verfügung gestellt bekommen, um kreativ schöpferisch tätig werden zu können.“ (Seite 80)

„Keinesfalls sollten wir auch nur in Betracht ziehen, KI-Systemen Menschen- oder Grundrechte zuzugestehen.“ (Seite 88)

Unter dem Stichwort „Digitale Souveränität“ schlägt Hornschuh konkrete Maßnahmen für die individuelle Ebene (Informiertheit), für die kulturelle Arbeit (Licensing, Litigation, Regulation) und für KI-Regulierung vor. Bei letzterem stehen Vergütungspflicht, Mindestvergütung, soziale Absicherungsmaßnahmen, Best-Practice-Verpflichtungen, aber auch die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN im Vordergrund.

Der Autor schließt seinen Text mit der Aufforderung, sich zu besinnen und zu orientieren, um handlungsfähig zu bleiben und sich somit nicht aufzugeben.

Diskussion

Der Autor liefert einen kenntnisreichen Einblick in die Verschärfung der sozialen und finanziellen Lage von Kulturschaffenden durch die zunehmende Anwendung und unzureichende Regulierung von KI. Die Warnungen vor einer ungehemmten Ausweitung und Ausbreitung von KI sind gerechtfertigt und stehen im Einklang mit anderen Publikationen (Vatikan, Antiqua et Nova, 2025; Naomi Klein 2023; Shoshana Zuboff 2019). Seine Hinweise auf die Oberflächenfixierung von KI, die fehlende Berücksichtigung sinnstiftender Kontexte, den Stellenwert des Urheberrechts, die größere Bedeutung des Schaffensprozesses gegenüber dem Endprodukt – der Weg ist das Ziel – ermöglichen neue Einsichten.

Fazit

Es ist ein Essay über KI, die Anwendungsformen, die Ausbreitung, den Lobbyismus zur Deregulierung, die Folgen für Kultur- und Wissenschaffende einerseits und über Menschen und Gesellschaften und die Kultur, die sie verbindet, andererseits. Das Essay ist keineswegs pessimistisch oder dystopisch, wie der Buchtitel nahelegen könnte. Die KI hat die inhärente Tendenz, das menschliche Selbstbewusstsein zu schmälern. Dieses Essay ist Therapie und stärkt das Menschsein. Seine Lektüre wird ausdrücklich empfohlen.

Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Präsident des European Consumer Debt Network, Mitglied der Financial Services User Group der Europäischen Union
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Es gibt 26 Rezensionen von Dieter Korczak.

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ISSN 2190-9245