Marta Nowak-Kulpa: Geschichten aus einem anderen Märchen
Rezensiert von Prof. Dr. habil. Ruth Hampe, 26.03.2026
Marta Nowak-Kulpa: Geschichten aus einem anderen Märchen. Nichtalltägliche Psychotherapie.
Carl-Auer Verlag GmbH
(Heidelberg) 2025.
78 Seiten.
ISBN 978-3-8497-0601-2.
D: 17,95 EUR,
A: 18,50 EUR.
Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
Thema
Mit der Thematik des Geschichtenerzählens in psychosomatischen Krisenprozessen wird mit diesem Buch ein anderer Zugang im Verstehen und im Umgang mit Erkrankung geschaffen. Frau Nowak-Kulpa geht als Psychologin von dem Ansatz der Hypnotherapie aus, indem sie mithilfe von Metaphern und therapeutischen Geschichten für Erkrankte in einer onkologischen Klinik einen Perspektivwechsel erzeugt und gewandelte Zugänge im Umgang mit schweren Erkrankungen unterstützt. In dem Zusammenhang stellt sie 13 kurze Fallvignetten vor, an denen sie exemplarisch die Wirksamkeit persönlich abgestimmter Geschichten auf die psychische und physische Verfassung von Erkrankten verdeutlicht.
Autorin
Die Autorin des Buches Marta Nowak-Kulpa ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Sie ist in eigener Praxis und in der Klinik für onkologische Chirurgie und Rekonstruktion in Gliwice/​Polen tätig. Ergänzend gibt sie Workshops zur Therapie nach Milton Erikson.
Aufbau und Inhalt
Mit dem Vorwort von Bogulaw Maciejeweski aus dem Nationalen Institut für Onkologie Marie Sklodowska-Curie in Gliwice/​Polen wird bereits auf die besondere positive Bedeutung dieses Buches in der Arbeit mit onkologischen Patient:innen hingewiesen. Mittels 13 Geschichten zu unterschiedlichen onkologischen Patient:innen schafft es Frau Nowak-Kulpa, eine Spannbreite von möglichen Geschichten vorzustellen. Dabei geht es nicht um Märchenerzählen, sondern um eine Vermittlung von Geschichten, die als altes Wissen ihr zugetragen wurden, selbst erfunden oder erträumt sind etc. Stets sind diese abgestimmt auf die jeweilige Situation der Patient:innen. Die Fallvignetten bilden Ausschnitte des Prozesses ab, in denen den Geschichten eine besondere Bedeutung zugekommen ist, d.h. in der Bewältigung von Trauer, im Erleben von Freude, in der Überwindung von Schwierigkeiten, im Geben von Hoffnung auf die Zukunft usw. Mit dem Einstieg „Es war einmal …“ oder anders formuliert werden Lösungsstrategien erzählerisch angedacht und können eine Inspirationsquelle für die Betroffenen erschaffen. Mit den abschließenden vier Kapiteln geht Frau Nowak-Kulpa nochmals auf ihre eigenen Inspirationsquellen ein, indem sie diese betitelt mit „Hinter den sieben Bergen…“, „Inspiratorium“, „Überraschungsdessert“ und „Aufmachen“ als ergänzende Imaginationsgeschichte. Für sie stellen die Geschichten, Metaphern und Anekdoten Hilfsmittel dar, um in der Therapie ‚Zufriedenheit, Entspannung und Entscheidungsfreiheit über das eigene Leben‘ zu erfahren. Welche Ansätze sie selbst besonders beeinflusst haben, listet sie als Buchverweise alphabetisch auf.
In der Herausstellung der Bedeutung des Geschichtenerzählens in der Psychotherapie geht Frau Nowak-Kulpa von der Hypnotherapie nach Milton Erikson aus. Die Wirkung von Geschichten im inneren Erleben, gerade bezogen auf Erinnerungen aus der Kindheit, ist geprägt durch die Verknüpfung von Soma und Psyche. Auch der Aspekt der Trance im Eintauchen in eine Geschichte macht einen möglichen heilsamen Zugang deutlich. In der Hinsicht endet das Buch mit der Imaginationsgeschichte „Aufmachen“, in der zwölf Türen in einem Schloss Einblick geben in unterschiedliche Bereiche des Selbst. Wie eine meditative Innenschau werden Anstöße zur Selbstwahrnehmung gegeben, wobei das Verlassen des Schlosses einen Neuanfang mobilisieren kann.
Diskussion
Ein grundlegender Zugang zu diesem Buch bildet die Hypnotherapie nach Milton Erikson, indem mit tranceartigen Imaginationen im Erzählen von Geschichten operiert wird. In der Psychotherapie ist das Arbeiten mit Geschichten bekannt. Auch im Rahmen einer Filmtherapie wird mit inneren Bildern bzw. der Resonanz auf Gesehenes und die Mobilisierung eigener Erfahrungen, die womöglich verdrängt oder abgespalten sind, gearbeitet. Die Phantasietätigkeit, die durch Worte, Metaphern und Geschichten angeregt wird, ist hilfreich, um eigene innere Ressourcen zu aktivieren. Gerade im Krankheitsfall vermag eine Anregung innerer Bilder über Erzähltes eine stimulierende Bedeutung für den weiteren Verlauf der Erkrankung zuzukommen und für eine Zusammenarbeit mit der medizinischen Betreuung oder in der Ausrichtung auf eine andere Lebensperspektive hilfreich sein. Es geht um die Anregung auch eines selbstbestimmten Handelns angesichts eines Ohnmachtsgefühls und einer Hoffnungslosigkeit einhergehend mit Ängsten und Verzweiflung bezogen auf den Krankheitsverlauf. In der Hinsicht kann das Buch Anregungen geben, auch in den unterschiedlichen Fallvignetten unter Einbeziehung des Geschichtenerzählens. Im Fall der Erzählung einer Geschichte handelt es sich um eine dialogische Situation im Gegenüber von Patient:in und Therapeutin, d.h. um eine mitmenschliche Beziehung in der Abstimmung auf reale Bedürfnisse. Diese Kommunikationssituation bildet zudem ein Gegenüber im Wahrgenommen-Werden, was zudem hilfreich für den weiteren Krankheitsverlauf sein kann.
Das Buch ist wenig theoretisch ausgerichtet und verweist dagegen auf mögliche Literaturquellen. Es ist mehr auf ein Nacherleben und Sich-Inspirieren-Lassen im Einsatz des Geschichtenerzählens als andere Sichtweise auf Patient:innen ausgerichtet. Dahingehend handelt es sich um ein praxisorientiertes Buch, das sowohl für das klinische Personal, für Verwandte und Freund:innen, aber auch für Betroffene vielschichtige Anregungen zu vermitteln vermag.
Fazit
In einer praxisorientierten Zusammenstellung von Zugangsmöglichkeiten zu Menschen mit schweren Erkrankungen und zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Unterstützung von Resilienz in der Verarbeitung dieser Erkrankung schafft Frau Nowak-Kulpa einen erzählerisch zugänglichen Text. Es kann Betroffene ermuntern, selbst eine andere Sichtweise auf das Leben zu erhalten, aber auch Bezugspersonen wie das medizinische Personal sowie Verwandte und Freund:innen Anregungen geben, mit der Erkrankung und den Betroffenen anders umzugehen. In dem Zusammenhang ist dieser Buchband eine Inspirationsquelle, worüber ein alternativer Zugang im Verstehen des Krankheitsprozesses und mögliche Bewältigung unterstützt werden kann.
Rezension von
Prof. Dr. habil. Ruth Hampe
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