Rainer Orban: Jugendhilfe neu machen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 09.12.2025
Rainer Orban: Jugendhilfe neu machen. Konstruktive Vorschläge für einen radikalen Wandel.
Carl-Auer Verlag GmbH
(Heidelberg) 2025.
ISBN 978-3-8497-0604-3.
D: 24,95 EUR,
A: 25,70 EUR.
Reihe: Systemische Soziale Arbeit.
Thema
Nach dem Vorband „Jugendhilfe neu denken“ geht es jetzt ans Machen: Dieser Band greift die Erkenntnisse und Thesen des Vorgängerbuches auf und formuliert daraus eine so konsequente wie auch radikale Neuausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Dabei werden sowohl große Linien als auch zahlreiche praxiserprobte Konzepte vorgestellt, die neben einer Neuordnung der Organisationsstrukturen auch grundlegende Veränderungen des Ausbildungssystems umfassen. Was es braucht, sind nicht neue Konzepte, sondern ein neues Verständnis, um die vorhandenen und gut evaluierten Konzepte flächendeckend in die Praxis umzusetzen – mit Entschlossenheit, Tatkraft und den nötigen Ressourcen. Orbans Ideen zum Umbau der Kinder- und Jugendhilfe basieren dabei auf einem Konzept der ständigen (R)Evolution bestehender Verhältnisse als lebendige Praxis. Entsprechend konkret sind seine Vorschläge, wie nicht nur auf der strukturellen Ebene, sondern auch im Alltag eine konsequente Neuausrichtung gelingen kann.
Autor
Rainer Orban, Diplom-Psychologe; Systemischer Therapeut (SG, DGSF), Systemischer Supervisor (SG) und Coach sowie Video-Home-Trainer. Er ist als Fort- und Weiterbilder, Unternehmensberater, Supervisor und Therapeut tätig und Leiter des DGSF-Instituts n.i.l. in Osnabrück. Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher und Fachartikel.
Aufbau und Inhalt
Am Anfang steht eine Vision. Eine Vision, wie Jugendhilfe sich verändern könnte, ja müsste. Aus der Vision, der Idee, wird eine Utopie bezüglich des deutschen Jugendhilfesystems im Jahr 2035:
- „Früh geht vor“ lautet das neue Paradigma in den Hilfen zur Erziehung, worunter deutschlandweit zunächst die Neuausrichtung auf aufsuchende Angebote der Frühintervention zu verstehen ist;
- Seit 2028 gelten für die ambulanten Hilfen zur Erziehung unverhandelbare fachliche Standards;
- Berufsbildende Schulen für Erzieher:innen und die Studiengänge der Sozialen Arbeit haben sich einer intensiven Kooperation mit der Praxis geöffnet;
- Entgelte für stationäre Wohnformen sind für zunächst 50 Modellstandorte parallel neu verhandelt worden. Gelingende Rückführungen aus stationären Angeboten in die Familie werden seitdem durch die Jugendämter honoriert;
- Seit zehn Jahren gehen die stationären Hilfen kontinuierlich zurück, weil zielgerichtete aktivierende Familienhilfen immer weiter ausgeweitet werden;
- Alle Beteiligten sind sich einig, dass Stillstand trotz der Erfolge keine Option ist.
Ende! Stimmt, Ende – aber leider bloß des Vorwortes und nicht das Ende einer positiven Geschichte, die die Jugendhilfe auf einen Erfolgsweg gebracht hat. Doch die Realität sieht anders aus. Obwohl Beteiligung gesetzlich verbrieft ist, passiert oft das Gegenteil: Rainer Orban nennt das „kooperiert zu werden“ (S. 17). Statt passgenauer Hilfen durch praxisorientiert ausgebildete Fachkräfte in Kooperation mit den Adressat:innen ausgehandelt, entscheiden Sozialarbeiter:innen oft ohne die Menschen, die ihnen anvertraut sind, was für diese das Richtige ist. Warum eigentlich? Die Antwort auf die Frage nach dem Warum es läuft, wie es läuft, ist in diesem Buch nur Randerscheinung. Im Fokus steht, was sich verändern muss, um die Jugendhilfe auf neue, bessere und auch zeitangemessenere Fundamente zu stellen. Den gerne genommenen Ruf nach mehr Personal und Geld lässt Rainer Orban dabei nicht gelten; denn vor allem Geld sei vorhanden, es müsse eben nur vernünftig im Rahmen der Jugendhilfe eingesetzt werden. Und so entwickelt er acht Schritte der Veränderung, die den Kern des Buches bilden:
- Ideen in Umsetzung bringen: Vom Erfinden ins Handeln: Innovationskraft nutzen
- Ausbildung und Praxis vernetzen
- Menschen wirklich beteiligen: Selbstorganisation fördern – adressat:innenzentriert handeln
- Frühintervention stärken: Früh hilft viel – biopsychosozial verankern
- Ambulant und sozialräumlich agieren
- Stationäre Hilfen neu gestalten: wirkungsvoll, bedarfsorientiert, zeitgemäß
- Von Ämtern zu Agenturen: agiler, kooperativer, ermöglichend
- Systemisch organisieren: Organisationsstrukturen transformieren – gemeinsam bewegen
Diese Schritte sind in der Folge der rote Faden, an dem sich das Buch kapitelmäßig orientiert. Schritt für Schritt werden diese Punkte aus der Einleitung mit Leben gefüllt und so am Ende die Hoffnung entwickelt, dass die eingangs formulierte Utopie durchaus – zumindest in Teilen – Wahrheit werden könnte.
Diskussion
Was soll man dazu sagen? Da kommt einfach einer aus der Mitte der Jugendhilfe, der einen gut verdienenden Träger leitet und wagt es sich, zu kritisieren und neue Vorschläge zu entwickeln sowohl für öffentliche als auch freie Träger? Was eine Unverschämtheit! Es würde nicht überraschen, wenn es Leser:innen dieses beeindruckenden Leser:innen gibt, die genau das denken, Orban quasi als Nestbeschmutzer sehen – womit wahrscheinlich auch schon eines der Kernprobleme der Jugendhilfe an sich erkennbar wird. Es macht den Eindruck, als sei diese in großen Teilen nur wenig reflexiv und offen für Neues und von Angst geprägt? Wie kann es sein, dass die Menschen, für die wir da sein, häufig das Gefühl haben, was auch in diesem Buch benannt wird: dass sie „kooperiert werden“ und nicht aktive Beteiligung erleben? Und genau deshalb ist dieses Buch – und auch der Vorgängerband – so unfassbar wichtig. Es kommt – untermauert mit Fallbeispielen und auch Evaluationsergebnissen – von einem Mann, der weiß, wovon er spricht, der Finger in die Wunde legt und der sich traut, um die Ecke zu denken. Das ist klar formuliert, beeindruckend, erfrischend und mutig: Und die Leser:innen werden sich an mancher Stelle ertappen, dass sie denken: Ja, es könnte eigentlich so einfach sein. Aber das erfordert Mut – und Menschen wie Rainer Orban, die den Finger in die Wunde legen.
Fazit
Wumms, das sitzt! Wer in der Jugendhilfe meint, alles richtig zu machen, dem sei von diesem Büchlein abgeraten. Wer aber Impulse sucht, wie sich etwas – zum Besseren – verändern kann, der sollte sich die Zeit nehmen, sich mit Rainer Orbans Gedanken auseinanderzusetzen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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