Daniela Pörtl: Fernweh
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.03.2026
Daniela Pörtl: Fernweh. Die Psychologik des Reisens.
Schattauer
(Stuttgart) 2025.
288 Seiten.
ISBN 978-3-608-40196-7.
D: 25,00 EUR,
A: 25,70 EUR.
Reihe: Wissen & Leben. .
Thema
Unterwegs sein ist Grenzen überschreiten
Der Homo touristicus, der aus Interesse, Neugier und Freude Fremdes und Fremde kennenlernen und erleben will, sucht Neues und Unbekanntes, vergleicht und konfrontiert es mit dem Bekannten und Gewohnten. Dadurch weitet sich sein Blick und sein Bewusstsein. Es kann die Suche nach Glück und Erfüllung, aber auch Rastlosigkeit und Abenteuer sein. Und zwar dann, wenn Reisen als individuelles Unternehmen und nicht als allumsorgte, organisierte Pauschalreise erfolgt; hier nämlich kommt ins Spiel und Bedürfnis, was Reisen ausmacht: psychologische, anthropologische, soziologische, ethische und haptische Erfahrungen. Es braucht Mensch‑ und Weltwachheit, Offenheit, Selbst-, Fremdgewissheit, Nah‑ und Weitblick, um Reisen zu einem Erlebnis und keinem Albtraum werden zu lassen.
Entstehungshintergrund und Autorin
„Fernweh“ als Zustand bedeutet, dem Alltagstrott zu entfliehen und in der Ferne „unsere eigene Begrenztheit ein Stück aufbrechen“. Wichtig ist dabei, offen zu sein für Fremdes und einen Perspektivenwechsel hin zu einem menschenwürdigen, gelingenden Leben treffen zu können, wie dies bereits 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Reisen ist immer auch Fragen nach dem „Wer bin ich?“ – „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“ (Kant). Die Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, Daniela Pört, legt eine Studie über die Psychologik des Reisens vor. Es sind keine Reisetipps zu den besten und günstigsten Reisezielen, auch nicht Hinweise über Ausstattung und Notwendigkeiten; vielmehr geht es um die Frage: „Warum reisen wir?“.
Aufbau und Inhalt
Die Autorin plädiert für einen „weltwachen Geist“. Sie erzählt von ihren Reise-Erlebnissen, ihren Freuden, Ängsten und Gefährdungen. Und sie reflektiert ihre Erfahrungen, die sie als junge Ärztin in einem Krankenhaus auf Mikronesien erlebte. Wer reist, hat Heimat. Er verlässt sie und flieht vor Verfolgung, Krieg oder Not. Doch sie bleibt in Erinnerung. Eine neue Heimat gelingt, wenn Gastfreundschaft herrscht. Die Reiseziele sind unterschiedlich: Natur‑ und Sexerlebnisse, Wissbegierde und Neugier, Forschen, Entdecken, Erobern und Pilgern. In wissenschaftlichen Forschungen wurde herausgefunden, dass 20 % der Menschheit das „Wanderlust-Gen“ DRD4-7R besitzen. Sie schließen daraus, dass diese Menschen in besonderer Weise fähig waren und sind, Neuland zu entdecken. Diese Kompetenz freilich erfordert von den Reisenden auch eine besondere Verantwortung: Darf der Mensch alles machen, was er kennt oder zu können meint? „Reisen ist nachhaltig“. Neben beruflichen und privaten Reisen sind Forschungsreisen Unternehmungen, die Vor‑ und Nachteile bringen; Bildungsreisen bieten die Chance zur Aufklärung. Es sind Kulturdenkmäler, Bauten und Landschaften, die von der UNESCO als Weltkulturerbestätten als schützenswerte Güter ausgewiesen werden. Dort, wo Reisen durch politische, staatliche und diktatorische Machtverhältnisse eingeschränkt oder verboten ist, fehlt die humane Eigenschaft der Freiheit und die der Humanität.
Diskussion
„Sollten wir jetzt aufhören zu reisen?“. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir reisen wollen, sondern wie wir unser Reiseverhalten einrichten und verändern müssen. Es kommt darauf an, „weltwach“ zu sein, was bedeutet, zu wissen, woher ich komme und wohin ich gehen will. Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896–1971) hat in einem Essay zum Ausdruck gebracht: „Der Anfang ist unsere Heimat“. Er wies darauf hin, dass menschliches Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Wie der Mensch seine Lebenszeit verbringt, dafür ist er selbst verantwortlich. Ein gutes, gelingendes Leben anzustreben, das ist Lebensziel (Arish Kothari, u.a., Hrsg., Pluriversum. Ein Lexikon des Guten Lebens für alle, 2024, www.socialnet.de/rezensionnen/​31359.php).
Fazit
Reisen, Daheim‑ und Unterwegssein sind menschliche Bedürfnisse. Sie human und verantwortungsvoll zu gestalten, sind alltägliche Herausforderungen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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